Revision der allgemeinen Bauordnung in Bezug der „in manchem Betracht stark veränderten Verhältnisse der Städte" anzuregen. Eine gleiche, aber noch viel radikalere Revision der allgemeinen Bauordnung thäte not für die ländlichen Bezirke. Denn der Widerwille gegen die vielen unsinnigen und den Betrieb der Landwirtschaft hindernden Brandmauern, die schablonenhafte und unzweckmäßige, mitunter zwangsweise auf Grund der Kreisordnung erfolgende Anordnung der Baufluchtlinien auf den Dörfern ist seit Einführung der allgemeinen Bauordnung nicht schwächer, vielfach aber heftiger geworden. Die schädliche Wirkung der allgemeinen Bauordnung liegt eben darin, daß sie eine allgemeine Bauordnung ist. Solange nicht Stadt und Land in der staatlichen Bauordnung getrennt und jedes für sich behandelt werden, so lange wird keines der beiden Befriedigung finden. Wir fragen hiernach an, ob Großh. Regierung gewillt sei, bei Revision der Bauordnung Stadt und Land getrennt und jedes für sich, entsprechend seinen eigensten Verhältnissen zu behandeln?
2. eine Anfrage des Abg. Köhler-Langsdorf, betr. die genossenschaftlicheOrganisation des Bauernstandes im Großherzogtum Hessen: Am 7. Juli 1899 i ifjte die zweite Kammer, fußend auf meinem die selbige Sache betreffenden Anträge folgenden vom vierten Ausschuß beantragten einstimmigen Beschluß:
„Die Großherzogliche Regierung zu ersuchen, den Lmdständen nach baldigst ins Werk zu setzender Prüfung der Frage und unter thunlichster Berücksichtigung der in dem Ausschußbericht vorgetragenen Wünsche, eine Gesetzesvorlage zugehen zu lasten, nach welcher im Großherzogtum eine berufsständische Organisation der Landwirte in der für das Großherzogtum entsprechenden Weise zur Einführung zu gelangen hat." — Nachdem seit Fassung dieses Beschluffes bereits mehr als ein Jahr vergangen ist, nirgends aber etwas über eine einschlägige Thätigkeit Großh. Regierung weder, offiziell noch inoffiziell verlautbar wurde, die Landwirtschaft betreibend'en Bevölkerungsklaffen aber, angesichts der kommenden Verhandlungen über die Handelsverträge des Reichs mit dem Ausland, mehr als je der staatlich anerkannten obligatorischen Organisation bedürfen, frage ich bei Großherzoglicher Regierung hierdurch ergebenst an, ob noch während des laufenden Etatsjahres eine bezügliche Regierungsvorlage zu erwarten steht?
** Das Regierungsblatt Nr. 73 vom 3. November enthält: 1. die Bekanntmachung, die Ausführung des Gesetzes über die Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten vom 30. Juni 1900 betreffend. — 2. die Bekanntmachung, die Verleihung der Rechtsfähigkeit an den Viktoria-Melita-Verein, Heil- ftättenverein für das Großherzogtum Hessen, in Darmstadt betreffend. — 3. die Bekanntlichung, den Bau und Betrieb eines normalspurigen Anschlußgleises in den Gemarkungen Mittel^Gründau und Hain-Gründau betreffend.
** Schenkungen und Vermächtnisse. In den ersten dreiviertel Jahren 1900 wurden eine Reihe Schenkungen nnd Dermächtniffe von dem Großherzog bestätigt und damit die betreffenden Behörden und Korporationen zu deren Annahme ermächtigt; es seien daraus erwähnt: Schenkung der Stadt Gießen an den Allgemeinen Verein für Armen- und Krankenpflege daselbst, im Betrage von 10000 Mk.; Schenkung des Leopold Zimmermann in New Jork an die israelitische Religionsgemeinde in Ober-Seemen zu den Kosten der Erbauung einer neuen Synagoge im Betrage von 10000 Mk.; Schenkungen an das Barmherzige Schwesternhaus in Darmstadt, und zwar: a) einer uri- genannten Dame, bestehend aus Wertpapieren im Nominalbeträge von 10140 Mk., b) der Freifrau Schenck zu Schweinsberg, geb. v. d. Capellen, zu Darmstadt im Namen ihrer Geschwister zu Gunsten der ..Krippe", im Betrage von 10000 Mk.; Vermächtnis der Karl Joseph Leineweber Eheleute in Friedberg au die katholische Pfarrei daselbst, im Betrage von ca. 6884 Mk.
** Uniformierung der Eifenbahubeavtten. Der preußische Eisenbahnminister hat nunmehr genehmigt, daß die mittleren und unteren Beamten im äußeren Dienst Joppen mit Umlegkragen tragen dürfen. Die mittleren Beamten tragen dieselben nach dem Schnitt der Offizierslitewka aus blauem
rechten Worten verschleiert werden. Man könnte hier freilich die Franc dagegen aufwerfen, ob nidjt am Ende der Grund des Anfloßes an unserer mißleiteten Erziehung! läge, allein das ist ein Gegenstand, der weit über den Rahmen einer Tageskritik hinausgreifen würde. Die Menschen, die uns der Dichter vorstellt, sehen wir in voller Leiblichkeit: es sind Menschen von „Fleisch und Blut" — eine Redensart, die allerdings auf die ausgehungerten Weber nicht ganz passen will. Man sieht sie nicht nur, sondern man handelt und leidet mit ihnen, man wird ergriffen und gepackt, sei man nun Konservativer oder Sozialdemokrat. In ihrem bescheidenen Heim ist jeder Nagel eine durchwachte Nacht, jeder Balken ein Jahr des Hungers. Gerhart Hauptmann ist der sicherste und kühnste Genremaler des deutschen Dramas; aus sämtlichen fünf uften dieses Schauspiels ersehen wir das. Freilich manche nur allzu modern klingende Tiraden wären im Interesse des Kunstwerks und des Theaters besser fortgeblieben. Immerhin aber bleiben „Die Weber" eine der machtvollsten Leistungen, die die dramatische Kunst der letzten a” -herv^gbbracht hat, wenn sich auch, entgegen E^.?^bn Regeln der dramatischen Kunst im sganzen Ä kein Charakter entwickelt, wenn auch
nn« fertl9 ^0^6^ Das gerade bedeutet eine
von der Literaturgeschichte sehr bemerkenswerte Erweiter- ung der Grenzen der dramatischen Kunst.
c J?enr? irgendwo- so spielt bei den „Webern" die Hauptrolle der Regiffeur. Herr Direktor Helm hat sie gestern mit unerwartetem Erfolge gespielt. Was will es heißen, wenn der eine oder der andere der gegen 40 Aornf hm«t. ö. - ___ - greift ober ins Stocken
gerat, wenn er ich etwas zu ehr an den fiilfreirfien Mann im Kasten wendet, wenn dieser und jener all/u sehr ins Publikum spricht,. - gegeiiüber der plast?Kn Ausarbeitung des ungemeinschwierigen Ganzen Freilich hatte man nicht das Zeitkostüm gewählt, freilich mangelte es an.szenischer Treue namentlich im Dreißiqerfchen Hause Daffir aber gab es andere äußere Details,' die in ihrer Gesamtheit das Milieu des Elends und des Hungers treffend und ohne Uebertreibung zeichneten. Packend und dramatisch bewegt waren die Massenszenen, und wenn sich auch nicht jeder Teil vom Ganzen ohne Mühe löste so vereinigte sich doch in imposanter Größe alles zu der solidarischen Gesamtheit: Die Weber.
Bei der Beurteilung der einzelnen Leistungen ist
Tuch ohne Goldstickerei, aber mit Achselstücken, die unteren Beamten in Litewkaform, Kragen mit orangefarbenem Vorstoß.
** Der „Deutsche Verein Gießen" wird im Laufe des Winters für seine Mitglieder folgende Vorträge veranstalten: 1. Freihandel oder Schutzzoll. 2. Bodenreform und Wohnungsnot. 3. Cäsar Wollheim und die Kohlenteuerung. 4. Sozialdemokratie und Judenfrage. 5. Gemeinde- und StaatSsozialismus. 6. Von Weitling bis Bernstein und darüber hinaus. 7. Der Freisinn und deutschvölkische Forderungen. 8. Warenhäuser und Konsumvereine. 9. Bedürfnisfrage im Gastwirtsgewerbe und Befähigungsnachweis. 10. Koalitionsrecht im Lichte der Thatsachen. 11. Produktivgenossenschaften. 12 Das „Märchen" von Xanten; Könitz,; Polna; Tisza-Efflar und die Orientalisten. Ferner werden durch den Verein voraussichtlich einige Volks-Versammlungen abgehalten, in der namhafte Abgeordnete sprechen werden.
Ä Aus dem Kreise Schotte», 6. November. Einen namhaften Zuschuß haben 26 Gemeinden unseres Kreises, besonders Orte im höheren Vogelsberg, zur Bestreitung der Fortbildungsschulkosten aus der Staatskaffe erhalten. Die Verteilung geschah auf Grund des Steuerkovfficienten in jeder dieser Gemeinden. Die Gesamtsumme soll etwa 1800 Mk. betragen.
X Darmstadt, 6. November. Auch in diesem Herbste wird hier wieder ein Turnkursus für Volksschullehrer abgehalten, an dem aus jedem Kreise unseres Hessenlandes zwei oder drei Lehrer teilnehmen. Der diesjährige Turnkursus dauert vier Wochen und zwar vom 5. November bis 2. Dezember. Gestern hat er in An- Offenheit des Ministerialrats Dr. Eis en Hut und deS Landesturninspektors Schmuck seinen Anfang genommen. Der TurnkursuS steht unter der persönlichen Leitung des Herrn Schmuck und bezweckt hauptsächlich Ausbildung der Teilnehmer in turnerischer Geschicklichkeit und im Erteilen des Turnunterrichts. In seinen Vorlesungen wird Herr Schmuck außerdem die Lehrer mit der geschichtlichen Entwicklung und mit der gegenwärtigen Spieß-Marx'scheu Methode des Turnens eingehend bekannt machen. Ferner wird der Assistenzarzt des hiesigen Kreisgesundheitsamts wöchentlich zwei Vorträge halten über Anatomie des menschlichen Körpers und Gesundheitslehre und praktische Unterweisungen geben über die erste Hilfe bei Unglücksfällen. Diese Turnkurse sind für eine gedeihliche Weiterentwicklung des Turnunterrichts in den Volksschulen von größter Bedeutung. Am Schluffe des TurnkursuS findet dann noch ein Abturnen der Teilnehmer im Beisein mehrerer Vertreter der obersten Schulbehörde statt.
Mainz, 5. November. Zur Entlastung der Bahnlinie Mainz—Bingen ist nunmehr beschlossen, im Anschluß an die projektierte strategische Linie Gau-AlgeSheim— Münster a. S. eine zweigleisige Schienenanlage auf der linksrheinischen Strecke zwischen Mainz und Bingerbrück herzustellen. Bis die Entscheidung darüber getroffen ist, in welcher Weise die rechtsrheinische Anschlußlinie Bischofsheim— Kostheim—Kastel—Curve in den Mainzer Bahnhof eingeleitet werden soll, soll zunächst die neue linksrheinische Strecke nur von Gau-Algesheim bis Budenheim geleitet werden, damit während dem Bau der rechtsrheinischen Einleitungs- linie nicht Verkehrsstockungen an der Ueberbrückungsstelle unterhalb Mainz eintreten. Die Fortführung der neuen Linie von Gau-Algesheim rheinabwärts wird erst nach Vollendung des Anschlusses nach Münster a. S. erfolgen. — In Mannheim wurde in der verflossenen Nacht ein Einbruch verübt und dabei einer der Einbrecher, ein gewisser
es schwer, allen Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Sta- I Listen, Anfänger, ja selbst Dilettanten wetteifferten mit I den ersten Kräften, jeder bemühte sich, seinen Platz in der rechten Weise auszufüllen — mit ganz geringen Ausnahmen — und gab so Zeugnis von der künstlerischen Direktive des Regisseurs Helm. In erster Linie machten sich mit besonders charakteristischen Leistungen verdient die Herren Liebscher als der alte Baumert, Ramsey er (Moritz Jäger) und Helm (Ansorge). Das Zusammenspiel dieser drei Künstler im zweiten Akt bei der Verlesung des „Blutgerichts" war, chas künstlerische Stimmung anbetrifft, der Höhepunkt des Abends und brachte eine gewaltige Wirkung hervor. Den Lumpensammler Hornig gab Herr Lachmaun ganz ausgezeichnet, ohne eine niedere Komik hervorzukehren; für den Pastor Kittelhaus paßte er weniger. Eine bemerkenswerte Talentprobe legte Herr Meißner (a. G.) als Schmied Wittich ab. Dem gottesfürchtigen alten Hilfe, der da gewissensrein und glaubensstark an seinem Webstuhl dem Tode verfällt, ein verehrenswerter Leidensheld von fast antiker Größe in all seiner Schlichtheit, gab Herr Kirchner-Kirchberg eine gewisse Weihe, die die Herzen ergriff. Auch sein Tischler Wiegand war unangreifbar. Recht charakteristisch war der rote Bäcker des Herrn di B a lt h Yni, der nur im Anfang gleich etwas allzu heftig ins Zeug ging, auf Kosten der Darsteller des Dreißiger und des Pfeifer. Herr Marlitz war ein guter Reifender, aber ein wenig guter Kandidat.
Von den Damen ist an erster Stelle die alte Baumert der Frau Kruse, ein gebrechliches und weinerliches Mütterchen von echtem Realismus, zu nennen. Fräulein Schölermann stellte die Frau Dreißiger dar: sie sah sofort, daß ihr ganzes, der Rolle ja wohl ange- mesfenes Gehabe und Gethue bei einem Teile des Publikums Beifall fand, und übertrieb nun nach dieser Richtung in wenig erfreulicher Weife. Mit wenigen Strichen charakterisierte Frau. Helm die Pastorfrau vorzüglich. Frl. Korn als Luise Hilfe, das fanatische Weib aus dem Volke, war in ihrer Leidenschaft etwas theatralisch und so kam es leider nicht zu dem entsprechenden Schlußakkord.
Alles in allem sei dankbar anerkannt, was gut gelungen, und gern geglaubt, was gut gewollt war. — Wo ein Tritt tausend Fäden schlägt, kommt erst das Weber-Meisterstück zu stände.
Einige etwas zu willkürliche Striche wirkten unan
Keller, der hier seine Wohnung hat, verhaftet. Bei du hier sofort vorgenommenen Haussuchung stellte eö sich heraus, daß Keller, ein angeblicher Reisender der Firma Opel ii Rüsselsheim, von Mainz aus in den Nachbarstädten Frankfurt, Wiesbaden, Mannheim rc. und auch hier ausgedehnt Diebstähle begangen hat. In seiner Wohnung wurde ein ganzes Warenlager von Uhren, Schmucksachen, Ringe 2t, gefunden, außerdem viele Postscheine, woraus hervorging, daß er eine Menge Gegenstände seiner in Koblenz wohnen, den Mutter zugesendet hat. Das „Geschäft" muß einträglich gewesen sein, Keller konnte beträchtliche „Ueberschusse" auf der Sparkaffe anlegen.
Kaffel, 5. November. In dem 4 Uhr 14 Min. nach, mittags hier eintreffenden v-Zuge Hamburg Basel befand sich in einem Abteil 2. Klasse ein schlafender Passagier, ein sehr wohlbeleibter Herr, welcher schon von dem Schaffner in Hamburg schlafend übernommen worden war unv die ganze Strecke von Hamburg bis Kassel ohne auch nur einmal die Augen zu öffnen, zurückgelegt hatte. Wie dem Schaffner von seinem Vorgänge Kollegen in Hamburg versichert wurde, hatte der Passagier auch die ganze Strecke von Flensburg bis Hamburg in schlafendem Zustande zurück» gelegt. Um jeder Störung seiner Ruhe vorzubeugen, hatte der Schlafsüchtige seine Fahrkarte Kopenhagen-Basel sichtbar an den Hut gesteckt. Auch während des 10 Minuten währenden Aufenthaltes auf hiesiger Station unterbrach der Reisende seinen Dauerschlaf nicht. Der Glückliche, für den eß feint schlaflosen Nächte zu geben scheint, ist entschieden sehr zn beneiden. Möge er, sanft in Morpheus Armen ruhend, während seiner Reise von den süßesten Träumen beglückt werden, bis er sein Ziel erreicht.
Der Prozeß Masloff iti Könitz.
Zehnter Verhandlungstag.
Könitz, 6. November.
Pfarrer Boehnig wird als erster Zeuge vernommen. Auf Wunsch der Kommissare Braun und Wehn hat er mit dem Angeklagten eindringlich gesprochen, und dieser hat ihm dabei das Versprechen gegeben, die volle Wahrheit zu sagen. Das genaue Datum weiß Zeuge nicht mehr, doch muß es nach dem Anfang Mai gdwesen sein. Er hatte keinen Grund, an der Wahrheit der Masloff'scheni Aussagen zu zweifeln.
Tr. L u k o w i c z sagt aus, daß Fleifchermeister Eisen- st ä d t eine Blutvergiftung gehabt habe. Er wurde am 5. Februar ins Krankenhaus ausgenommen, aus dem er am 17. März entlassen wurde. Er hat ihn einmal verbunden. Am Sonntag, den 11. März, hat er ihm Nachturlaub erteilt. Er weiß nicht genau, wann Eisenstädt in Schlochau war. Auch auf die sonstigen Details weiß er sich nicht zu besinnen.
Schwester Felicia, die nächste Zeugin, sagt aus, daß Eisenstädt in der Nachtt vom 11. zum 12. März nicht im Spital war. Sie bleibt auch bei dieser Aussage, obwohl der Präsident ihr vorhält, es hätten sehr viele Zeugen ausgesagt, daß es sich um die Nacht vom 12. zum 13. März handelte. Von einem angeblichen Versuch Eisen- städts, )idj einen falschen Alibibeweis zu verschaffen, weiß Zeugin nichts.
Zeuge Mielke hat mit Eisenstädt zusammen int Krankenhause gelegen. Er ist am 12. März auf genommen worden. An diesem Tage ist Eisenstädt etwa gegen 7 Uhr in das Zimmer gekommen.
Zeuge Szamotulsky weiß, daß Eisenstädt am 12. März in Schlochau war. Er hat ihn um 6 oder ljalb 7 Uhr gesehen. Am Dienstagmorgen ist er nach Könitz zurück- gekehrt. Zeuge weiß ganz genau alle Details anzugeben. Er hat Montagabend mit ihm gegessen und am anderen
genehm. — Wer die ganze dichterische Kraft der Schilderung, die tieffchöpfende Charakteristik des äußeren und inneren Lebens der armen Weber, den vollen Wert der Dichtung kennen lernen und auf sich wirken lassen will, wird doch immer zum Buch greifen müssen.
Das voll besetzte Haus spendete rauschenden Beifall, der wohl verdient war.
Mancher aus dem Publikum könnte bei gutem Willen dieses und jenes aus der Aufsübrung der „Weber" lernen. Vor allen Dingen hat er Gelegenheit, sich jenes Maß besonnener Objektivität anzugewöhnen, ohne das die Aui- führungsmöglichkeit moderner Stücke oft in Frage gestellt wird. Wir lachen heute, wenn wir hören, daß die Ausführung von „Wilhelm Tell" noch vor kurzem in Rußland uni) lange Jahre auch in Wien verboten war. Wir erreget unß nicht unnötig bei den Brandreden des Mark Altton, Coriolan oder der Gracchen, die Shakespeare und Wil- brandt zu Roms Pöbel sprechen lassen. Und entgegnet mir einer, daß zwischen dem Ton in diesen Stücken und dem in dem Weberdrama, ganz abgesehen von den zeitlichen und örtlichen Verhältnissen, denn doch ein Unterschied bestehl, so meine ich, daß ein besonnenes und im Theater nur die Kunst suchendes Publikum es an der Hand hat, auf Worte, die, ob nun beabsichtigt oder nicht, wie politische Zeitaus- fpielnngen klingen, nW zu reagieren.
P. Wi11ko.
Kunst und Wissenschaft.
Der zweite Teil von Björnsons „Ueber die Kraft" wurde am Hoftheater -u Stuttgart zum überhaupt erstenmal in Deutschland aufgeführt, und errang bei feinsinniger Inszenierung und trefflicher Darstellung einen großen Erfolg. Die Massenszenen wirkten Überaus packend, das sanfte, versöhnende Ausklingen tief ergreifend.
Wir lesen yn einem Frankfurter Blatte: Bangels K u n st f a l o n hat zwei Sammel-Ausstellungen veranstaltet. Louis Jacobi (-Gera, ein geborener Offenbacher) drängt Landschaftsbilder von einer gewissen Gröye der Auffassung in kleine Rahmen zusammen. Es sin.d kühne Vorwürfe, breit gemalt, nicht ohne eine gewiße härte in der Farbengebung. Hermann Dum le r liefert zarte Landschaftsbilder von intimem Reiz und zahlreich kleine, sinnige Flachlandschaften von ferner Zeichnung.


