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8.11.1900 Erstes Blatt
 
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Btt. L6L Erstes Blatt» Donnerstag den 8. November 150. Jahrgang LÄOO

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Völkische Tagesschau.

Der Prozeß Sternberg hat über die Zustände in der Berliner Kriminalpolizei ein Licht verbreitet, das die Forderung nach sofortigem Eingreifen der vorgesetzten Behörde und nach sofortiger Inangriffnahme einer Reform der Kriminalpolizei zu einer allgemeinen macht. Erfreu­licherweise scheint die Regierung schleunigst die Initiative in dieser Richtung ergreifen zu wollen. Denn eS hat nicht nur die ministerielleBerl. Korresp." die Untersuchung und Ahndung der Verfehlungen angekündigt, sondern es hat, wie bereits mitgeteilt, auch ein Meinungsaustausch zwischen dem Reichskanzler und dem preußischen Minister des Innern über die Angelegenheit stattgefunden. Daß Graf Bülow in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident sich beeilt hat, einzugreifen, ist im Jnteresie seines Ansehens selbstverständ­lich. Denn das Fehlen einesstarken" ManneS an der Spitze der preußischen StaatSregieruug hat gewiß das Seine zur Lockerung der Beamtendisziplin beigetragen, die im Prozeß Sternberg aufgedeckt wurde. Vor allem die subalternen Polizei-Organe, in denen sich dem großen Publikum wesentlich die Staatsautorität darstellt, bedürfen, um auf dem Wege der Pflicht zu bleiben, der Gewißheit, daß jedes Abweichen vom rechten Wege un­gesäumt schonungslos bestraft wird. Die Konferenz des Reichskanzlers mit dem Minister des Innern hat hoffent­lich den Ausgangspunkt für eine Reform der Kriminalpolizei durch Aenderung der Verwaltungsorganisation gebildet. Allerdings lassen sich Vorkommnisse, wie die finanziellen Beziehungen deS Polizeidirektors von Meer- scheibt-Hüllessem zu einem Finanzmaune vom Schlage deS Sternberg auch durch die beste Verwaltungsorganisation nicht verhüten, weil sie ihren Grund in einer unmotivierten Achtung vor dem Geldsack haben, die aber hoffentlich nur in dem einzelnen Falle so unliebsame Früchte gezeitigt hat.

Die den Vertretern der fremden Mächte und dem bulgarischen Minister des Aeußecen übermittelte Anklage­schrift über die Mord - Affairen FitowSki und Mihaileanu, sowies über die Komplotte gegen das Leben der Könige von Rumänien und Serbien stützt sich auf das vom Untersuchungsrichter des Jlfdider Gerichtshofes ge­

sammelte Anklagematerial. Aus demselben sei im nach­folgenden herausgehoben, was sich auf die gegen die ge­nannten Souveräne geschmiedeten Komplotte bezieht. Aus den Geständniffen TrifanowS, der von Sarafow zum Prä­sidenten des Bukarester Geheimkomitees ernannt worden war, ferner aus denjenigen Bogdanows, Karambulews und NitewS, sowie aus einer Anzahl Dokumente gehe unzweifel­haft hervor, daß nicht nur ein Komplott gegen das Leben der beiden Könige bestand, sondern daß auch Vorbereitungen zur Ausführung getroffen worden waren. Der Gerichts­behörde war ein Brief SarafowS in die Hände gefallen, in dem es heißt:Wachen Sie darüber, daß derHaupt­zweck" erfüllt werde. Studieren Sie die Sachen nach allen Seiten, damit Sie an dem Tage, an dem Sie den Auf- trag zur Ausführung erhalten, bereit seien." Trifanow erklärte nun, denHauptzweck" bildete die Ermordung des Königs Carol. Am 10. De­zember 1899, erzählte Trifanow, fand in dem Hotel Unirea" in Bukarest eine Versammlung statt, an der Sarafow, Pop Arsow, Bosneakow, Bogdanow-Hagin und Trifanow teilnahmen. Nachdem Sarafow den übrigen Teilnehmern in feierlicher Weise den Eid des makedonischen Komitees abgenommen hatte, verkündete er mit erhobener Stimme, das Komitee habe beschloffen, daß die Revolution im Juni 1900 oder im Juni 1901 ausbrechen solle.Ganz Bulgarien", fügte er hinzu,werde auf den Füßen sein. Der Fürst und die Regierung sind ganz einig mit uns und entzückt über den vom Komitee festgestellten Aktionsplan." Sodann wandte sich Sarafow an Trifanow mit der Frage, welche Mittel nach seiner Ansicht die geeignetesten wären, um in Rumänien und Serbien Unruhen zu erzeugen, damit diese beiden Länder beim Ausbruch der Revolution Bul­garien am Einmarsch in Makedonien nicht hindern könnten. Als Trifanow die Aufwerfung der Judenfrage empfoblen hatte, meinte Sarafow, das sei nicht übel; es müßte aber etwas größeres, wichtigeres unternommen werden: Die Könige von Rumänien und Serbien müßten ermordet werden, da die beiden Länder verbündet seien und gemeinsam in Bulgarien einfallen würden, wenn die Bulgaren in Makedonien eindräugen.Die Bulgaren", fügte Sarafow hinzu,haben keine größeren Feinde als die beiden Könige." In dieser Versammlung wurde BoSneakow mit der Mission

betraut, den König Carol zu töten. . . . Der ursprüngliche Plan für die Ermordung des Königs bestand darin, daß BoSneakow mit einem Dolche, Pop-Arsow mit einem Revolver bewaffnet dem König auf lauern sollten, während Bogdanow die Rolle zugefallen war, die beiden Attentäter mit Bäckerkleidern zu versehen und ihnen bei der Flucht behilflich zu sein. An dem Abend deS 18. Dezember wurde beschlossen, Tags darauf dem König nächst der Dimbovitza- Brücke aufzulauern. An diesem und auch am darauffolgenden Montag warteten die Attentäter, mit Dolch und Revolver, die sie aus den Mitteln des Geheimkomitees angekauft hatten, vergebens auf den König. Auch hatten sich Pop-Arsow und BoSneakow um diese Zeit Pässe verschafft, um ungehindert fliehen M können. Sowohl die Kosten für die Waffen als für die Pässe erscheinen in den AuSgabe- Aufzeichnungen des Geheimkomitees. Da die Weihnachts­feiertage bevorstanden, wurde das Attentat bis nach Neujahr verschoben. Später wurde der Attentatsplan dahin abgeändert, daß König Carol nicht durch einen Dolch, sondern durch eine Bombe fallen sollte, und zwar hätte Bogdanow-Hagin sie werfen sollen. Letzterer giebt zu, mit Trolew über diesen Plan gesprochen zu haben. Aus all diesen durch Geständnisse und Dokumente erhärteten That- sachen kommt die Anklage zum Schluffe, daß das Leben des Königs Carol ernstlich bedroht war. Vornehmlich die Vor­bereitungen zu der dringenderen Ermordung FitowskiS hätten den Attentatsplan glücklicherweise gekreuzt. Am 1. Februar wurden die Attentäter verhaftet und entmuthigt. Im Juli freigelassen, reisten sie sofort nach Bulgarien ab, um die Aufmerksamkeit der Polizei von sich abzulenken. Die mittlerweile erfolgte Ermordung MihaileanuS machte dem verbrecherischen Anschläge vollends ein Ende.

Ans Stadt und Land.

Gießen, 7. November 1900.

** Der Zweiten Kammer der Landstände ging 1. eine Anfrage der Abgeordneten Köhler-Langsdorf und Schu­bart zu, betreffend die Revision der allgemeinen Bauordnung:

In einer Interpellation vom 25. September 1900 nimmt der Abg. Dr. Schroeder Veranlassung, die Großherzogliche Regierung zur

Hießener Stadltßealer.

Die Weöer,

Schauspiel aus den vierziger Jahren von Gerhart Haupt m a n n.

Wer wird sich heute unterfangen, überTie Weber" noch etwas neues zu sagen! Sie gehören bereits der Litteraturgeschichte an und sind Gemeingut aller Gebil­deten geworden. Dem Streit der Parteien allmählich entrückt, übt das gewaltige Werk auch heute noch, wo unsere Kunst beginnt, des Naturalismus müde zu werden, dieselbe tiefgehende, erschütternde Wirkung aus wie einst.

Sieben Jahre sind verflossen seit der Entstehung des Dramas, seit der Berliner Polizeipräsidentaus ordnungs­polizeilichen Gründen" die Genehmigung zur öffentlichen Aufführung versagte. Und es schlossen sich ihm die meisten preußischen Polizei- und Stadtbehörden an. Auch in München, selbst in Paris wurde die öffentliche Aufführung derWeber" verboten. So kam es denn, daß das Publikum der ständigen Bühnen diese Dichtung zwei Jahre lang nicht dargestellt sehen konnte, während die Sozialdemokratie ihm bald darauf in derFreien Volksbühne" zu Berlin, einem geschlossenen Verein, in dem die Polizeinix to seggen" hat, zujubelte. So sahen denn gerade diejenigen, auf die die Polizei eine gefährliche Wirkung von dem Stücke befürchtete, die Dichtung zuerst auf der Bühne und zwar mit dem Bewußtsein, daß es sich um eine verbotene Frucht handelte. , .. _ , ..

Doch der Dichter legte gegen die Entscheidung des Berliner Bezirksausschusses Berufung etn und das preu­ßische Oberverwaltungsgericht zeigte ferne Einsicht und Unparteilichkeit, sein Verständnis für die allgemeinen Dinge wie für die Kunst damals wie früher. Es setzte unter Aufhebung der Vorentscheidung die angefochtene Verfügung äußer Kraft. Die Aufführung im Deutschen Theater in Berlin wurde gestattet, und es gab eine Schlacht dort, wie sie in China zwischen den verbündeten gruppen und den Boxern -schließlich auch nicht fürchterlicher sein kann. '£>o meinte man wenigstens; es war blinder Lärm, der schnell verpuffte. t ,,

Das Amtsgeheimnis, weshalb das Stück fast allent­halben (nur nicht in den thüringischen Staaten) von der öffentlichen Ausführung ausgeschlossen wurde, habe ich nie

ganz enträtseln können. Wenn die Sekte der guten Revo­lutionäre noch nicht bekannt wäre, so müßte sie um Haupt­manns willen erfunden werden. Wie gern auch der Dichter derWeber" im Schatten der Nacht wandelt, und wie düster auch die Bilder sind, die er zeigt, es will uns scheinen, als ob mehr von Klinger, Kleist und Otto Ludwig in ihm stecke als von Byron, Lassalle und Krapotkin. Der Himmel, den er stürmt, ist mit blinkenden Sternen besäet. Gemüt aber nicht Galle weht in ihm und aus ihm. Deutsche Traumhaftigkeit schaut aus seinen Tichteraugeii. Wo er aufbegehrt, ist es niemals bös gemeint. Das Düstere bei ihm ist meist Halbdunkel. Es ist eine feine Beobachtung, die der Genius unserer Sprache machte, da er den Schalk Eulenspiegel" nannte, zwei Bilder in einem, ein dunkles erst und dann ein silberhelles.

Auch über das grauenvolle Bild des Weberelendes huscht es wie lichte Streifen. Man beachte, wie Heine, der die schlesischen Weber nickt kannte, in seinem wild pathetischen Weberlied die Flamme des Hasses mächtig auflodern läßt in schweflichtem Sprühlicht. Hauptmann, dagegen, der da weiß, wie bescheiden und ge­nügsam die schlesischen Weber im Grunde sind, malt ohne Giftfarbe, dunkel aber mit einer Unparteilich­keit, die nur an einigen wenigen Stellen das Gleichmaß ver­gißt. Es steckt kein Agitator in ihm, darum glaubt man ihm. Seine dichterische Natur erweitert den Goethe'schen Satz, daß Gott selbst die Geradheit ans Herz genommen habe, durch den niederdeutschen Spruch: een beeten scheef hat Gott lev. Weiter geht sein Naturalismus nicht und weiter darf er nicht gehen, soll er Lkunst bleiben. Hebbel hat diese Grenze erreicht und Hauptmann hat sie in seinem Fuhrmann Henschel", seinem letzten beachtenswerten Werke, fast schon ebenso wie sein großer Vorgänger respek­tiert.Die Weber" hat er seinem Vater gewidmet und dabei die Dichtung,ob sie nun lebenskräftig oder morsch im Innern sein mag", doch alsdas Beste" bezeichnet, was ein armer Mann, wie Hamlet ist, zu geben hat." Die Poloniusse deutelten viel an diesem Wort; uns ist Gerhart Hauptmann schlechthin ein Künstler ohneismus.

Die Weber",College Crampton", Fuhrmann Hen­schel" sind nur Miniaturen. Aber Phidias schuf erst eine Fliege in Lebensgröße und sand danach die Maße für den olympischen Zeus.

Ein sozialistisches Ideal kann es für den'Künstler nicht ! geben. Schon diese Thatsache macht die jetzt ja längst glück- |

lieh zertretenen Bedenken der Polizei grundlos. Gleich­heit ist Tod, Gliederung ist Leben, vor allem gerade in der Kunst. Die Kunst braucht individuelle, nicht doktri­näre Größen zu ihrer Rechnung.

Deshalb kann eine Vorstellung sozialer Nachtbilder, wenn sie ein Künstler ins Leben rief, nickst: an den Vesten des Staates rütteln. Wohl kann das Stigma, das die Zensur anfangs darauf setzte, den Unverständigen zu dem unrechten Gebrauch locken. Die lebendige Darstellung, die enthusiastisches und nüchternes aus dem yörer weckt, bringt die richtige Beleuchtung und täuscht den Sinn weit seltener als die einsame Stille, die heimlich raunt und überredet. Natürlich muß der Künstler richtig gezeichnet haben und nicht den Griffel zum Hetzen entweihen. Das thut aber, in scharfem Gegensatz zu manchem sog.patriotischen" Un- poeten, ein wahrer Dichter nie. Und Hauptmann ist ein Dichter.

Hauptmanns Drama schildert einen historischen Vorgang: den Weberaufstand, der 1844 in einigen schle­sischen Dörfern ausbrach. Wenn er dabei Parallelen findet mit Problemen, die unsere Gegenwart in Atem halten, so ist die Frage aufzuwerfen: Sollen unsere Dichter durchaus warten, bis sich hundert- oder gar tausendjähriger Staub darüber gelagert hat? Einen historischen Stoff zu behandeln und

Mit dem Zeichen der Zeit ihn preiswert zu prägen, Tas ist Dienst des Dichters, des Gedankenwardeines" sagt sehr richtig der alte Wilhelm Jordan.

Man wird allerdings bei diesem Stück zuweilen an einen Ausspruch Hebbels erinnert: es ist einem zu Mut, als ob der Dichter die Feder statt in Tinte, in Blut und Gehirn getaucht hätte. Hauptmann hat nach seinen eigenen Worten den Keim seiner Dichtung von seinem Großvater, der in jungen Jahren als armer Weber wie die Geschilderten hinterrn Webstuhl gesessen. So gab der junge Stürmer und Dränger aus unmittelbarem Gefühl heraus dem Gehörten, das auf ihn mächtig wirkte, ein donnerndes Echo. Es ist nicht abzuleugnen, daß die schroffe, rücksichslose Wirklichkeit in der Dichtung auf ein peinlich behütetes Gefühl stellenweise unangenehm wirken muß und daß es immerhin eine eigentümliche Sache bleibt, in langen Ausführungen und mit einer Offen­heit Dinge nennen zu hören, die, wenn man sie in der Gesellschaft überhaupt andeutet, mit allen möglichen un-