Bekanntmachung.
Betr.: Die Volkszählung im Jahre 1900.
Am 1. Dezember b. IS. wird im Deutschen Reiche eine Volkszählung stattfinden.
Zur Ausführung derselben in hiesiger Stadt bedürfen wir einer großen Anzahl als Zähler geeigneter Personen und fordern daher diejenigen, die sich als solche, sei eS unentgeltlich, sei eS gegen Bezahlung beteiligen wollen, auf, sich bis spätestens 1. November l. IS. auf unserem Bureau (Weidengaffe Nr. 5) zu melden.
Gießen, den 4. Oktober 1900.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Hechler.
Gefunden: 1 Damen-Regenschirm, 1 Taschenmesser und 1 Lodenjoppe.
Verloren: 2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Trauring und ein silbernes Kettenarmband.
Gießen, den 6. Oktober 1900.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Der neue Zolltarif.
Im Gegensatz zum früheren System schlägt der neue Entwurf die d u r ch g ä n g i g e Verzollung nachdem Nettogewicht vor. § 2 bestimmt nämlich: „Tic Gewichtszölle werben vom Reingewicht erhoben, soweit nickst der Tarif die Verzollung nach dein Rohgewicht ausdrücklich vorschreibt." Tie Waren und Emballagen sollen demnach, jedes für sich, einzeln verzollt werden. Für die Taraberechnung soll nach dem Entwurf der Bundesrat bestimmte Tarasätze, prozentual vom Bruttogewicht, festsetzen. Tie Berechnnng nachden den Tarasätzen soll (für alle Artikel, deren Zoll nicht 15 Mark pro 100 Kgr. übersteigt, obligatorisch, sonst nur die Regel sein, neben der auch eine effektive Gewichtsermittelung auf Antrag der Zollpflichtigen stattfinden kann. Im allgemeinen ist das Gewicht bei Abfertigung der Ware maßgebend, bei Havarie kann aber eine Abrechnung des Wassers oder eine nachträgliche Trocknung und Reinigung stattfinden. Tie Verzollung nach dem Rohgewicht wird im Tarif nur bei Waren angeordnet, wo das Nettogewicht unmöglich zu ermitteln ist, z. B. bei in Stahlflaschen eingehenden Gasen. In die Vorschriften über Zollbefreiungen find neu ausgenommen: die Produkte der deutschen Seefischerei (und zwar Fische, Speck und Thran von Fischen, Waltieren Und Robben, sowie Walrat allgemein, dagegen Schaltiere — Hummer und Austern usw. — nur, wenn sie innerhalb der Hoheitsgrenzen der Uferstaaten gefangen sind; aus die deutsche Fischerei im Bodensee sinben die Bestimmungen analoge Anwendung), ferner die von fremden Staatsoberhäuptern verliehenen Ordensauszeichnungen, Wappenschilder usw., des weiteren Särge, in denen Leichen eingehen, und Aschenurnen verbrannter Menschenleichen, sowie deren Blumen- und sonstiger Grabschmuck. Dagegen find nicht mehr (wie früher) zollfrei: gebrauchte, nicht zum Verkauf eingehende Kleidungsstücke (abgefeheil von Anzugsstücken der Passagiere, Ausstattungs- und Erbschaftsgut), Antiquitäten unb ^vunstsachen, die zu Ausstellungen eingehen, wenn sie nicht wieder ausgeführt werden. Dagegen ist im Interesse des einheimischen Schiffsbaugewerbes die Zollfrei- heit für Schiffsbau Materialien (ausschließlich Kajüt- und Küchengut) bcibehalten worden. Im Tarif nicht benannte Waren waren seither zollfrei. Nach § 6 des Entwurfs erhält der Bundesrat die Befugnis, die Waren den n ä ch st liegenden T a r i f p o s i t i o n e n unter Berücksichtigung der Beschaffenheit und des Verwendungszweckes zuzuweifen. — Zollbegünstigungen und Retorsionen. Bisher war der Bundesrat bei Zolltarifbegünstigungen an fremde Staaten außer den Handelsverträgen an bestimmte Fristen gebunden. Ter § 8 des Entwurfs aber bestimmt allgemein: „Der Bundesrat wird ermächtigt, die für die Einfuhr in Pas' deutsche Zollgebiet vertragsmäßig bestehenden Zollbefreiungen und Zollermäßigungen auch solchen Staaten, welche einen vertragsmäßigen Anspruch hierauf nicht haben, gegen Einräumung angemessener Vorteile ganz oder teilweise zuzugestehen. Auch können diese Zollbefreiungen und Zoll-
Hießener Stadttyealer.
Gießen, 6. Oktober 1900.
Gestern abend ging zum ersten Male in dieser Saison Max Dreyers erfolgreiches Schauspiel „Der Probekandidat", das uns bereits im verflossenen Winter vorgestellt worden war, vor einem allerdings nur mäßig gut besetzten Hanse in Scene. - Streng künstlerisch gewertet bedeutet dies Drama in der Entwickelung Max Dreyers einen entschiedenen Rückschritt. Es ist zu bedauern, daß ein Dreyer, der seine Probekandidatur als feinsinniger Poet, sowohl im Bereich der psychologisch vertieften Novelle, als insbesondere der humorfunkelnden, straff- geführten Komödie glänzend bestanden hat, sich von den Lorbeeren des famosen Philippi und ähnlicher auf 'die Sensationswut des Publikums lauernder Drainatisicrer beunruhigen ließ und einen Wurf nach der Scheibe dieser Erfolgsritter wagte. Er hat das von der Zeit pes preußischen Volksschulgesetzes, des Umsturzgesetzes und anderer offizieller Rückwärtsereien her in der Luft liegende „hoch*- aktuelle" Problem vom Kampf der Geistesfreiheit gegen die Geistcsknebelung ausgegriffen und es mit einem Falle aus dem Schulleben „eines norddeutschen Kleinstaates" illustriert.
Dr. Fritz Heitmann, ein kurz vor der Anstellung stehender Probekandidat an einem Realgymnasium, dessen erbärmlich streberhafter Direktor ins Fahrwasser der krassesten Orthodoxie eingeschmenkt ist, hat seine Oberprimaner, die er aushilfsweise unterrichtet, aus einem „naturwissenschaftlichen" Spaziergang in den Gedanken einer — horribile dictu natürlichen Schöpfungsgeschichte eingeweiht. Kaum erfährt der Direktor von diesem Kapital Verbrechen, als er Heitmann vor die Alternative stellt, entweder vor versammelter Klasse seine frevle Irrlehre zu widerrufen oder — zu gehen. Nach schwerem Kampf wählt Heitmann, der die einzige Stütze seiner schwer- qeplagten Mutter ist, der zudem noch ein liebes Gänschen von Braut hat, die ihn gar zu gerne möglichst bald che-
ermäßigilngen den deutschen Zollausschüssen, Kolonien und Schutzgebieten ganz oder teilweise eingeräumt werden."
Die Motive bemerken hierzu: „Sollte der neue Zolltarif die Form eines Doppeltarifs (mit Maxi- m a l - und M i n i m a l s ä tz e n) erhalten, so würde der Bundesrat zu ermächtigen sein, freinden Staaten gegen entsprechende Gegenleistung den Minimaltarif oder etwaige n o Zu ei ter ge h en d e vertragsmäßige Tarif b e g ü n st i g u n g e n ganz oder teilweise zuzugestehen".
Als Retorsion gegen schlechtere zolttarisliche Behandlung deutscher Waren in anderen Staaten mit einem Zollzuschlag bis dreifachen Höhe des tarifmäßigen Zolls oder neben diesem bis zur Hälfte des Wertes belegt unb zollfreie Waren gleichfalls bis zur Hälfte des Wertes verzollt werden können. Exportprämien. Der § 10 bestimmt in dieser Hinsicht: „Zollpflichtige Waren, die aus einem Staate herstammen, der bei ihrer Ausfuhr offene oder versteckte Ausfuhrzuschüsse (Prämien) gewährt, können nach Bestimmung des Bundesrats mit Zu f chl a g s z ö l l e n in Höhe der gewährten, Zuschüsse belegt loerden". Es wird also in dieser Hinsicht das Beispiel Nordamerikas nachgeahmt. -- Einfuhrs ch eine und T r a n s i t l a g e r. Unter die Produkte, für welche Einfuhrscheine ausgestellt werden können, ist neu der Buchweizen ausgenommen. Ter im Reichstag gestellten! Forderung der Aufhebung der gemischten P r i v a t t r a n s i t l a g e r ohne amtlichen Mitverschluß für Getreide usw. soll nach § 11 bezw. den Motiven hierzu nur entsprochen werden, wenn Sicherheit darüber besteht, daß diese Lager o h n e S ch ä d i - gung peS Handels und der Landwirtschaft entbehrt werden können. Ist dies nicht der Fall, so wird die Bewilligung solcher Lager diejenigen vom Bun des rat zu bestimmenden Orte, für «welche ein dringendes ? dürfnis nicht blos des Handels, sondern auch der Land- v. '.etschaft vorliegt, zu beschränken sein, und von der Be- dingung der überwiegenden Ausfuhr des Getreides abhängig gemacht. Mit dieser Beschränkung ist die Beibehaltung der gemischten Getreidetransit- lager im Entwürfe vorgesehen. — Zollkredite. Die im Reichstage vorgeschlagene völlige Aufhebung der Zollkredite speziell für Getreide, ist in den Entwurf nicht ausgenommen worden. Dagegen schlägt § 12 desselben eine angemessene Verzinsung der Zollkredite vor. Der Bundesrat bestimmt die Höhe des Zinsfußes; derselbe wird außerdem ermächtigt, für solche Waren, welche im Jnlande nicht erzeugt werden, zinsfreien Zollkredit zu bewilligen. Die Motive bringen außerdem als'Konsequenz der Verzinsung der Zollkredite auch die Frage einer Verzins u n g p e r Z o l l - L a g e r k r e d i t e in Anregung, das heißt ob auch bei der Ueberführung der in Zolllagern be- finplichen Waren tu den freien Verkehr für die während der Lagerzeit erfolgte Stundung des Zollgefälles Zinsen zu erhebeu seien, wobei noch die Frage bestehe, ob diese Maßregel für alle Waren und sämtliche Zollniederlagen oder nur für Privatlager ohne amtlichen Mitverschluß zu- treffe oder endlich, ob sie nur auf Getreidezolllager tzn beschränken sei. Die Motive bemerken jedoch selbst hierzu, daß der Verzinsung der Lagerkredite wegen ihres nachteiligen Einflusses auf die Benutzung der für den Handelsverkehr unentbehrlichen Zollniederlagen erheb- . liche Bedenken entgegenstehen. — Ten Schluß des Entwurfs bildet eine Bestimmung über die Verteilung der Zoll- und Tabaksteuererträge analog der „Frankenstein - schen Klausel", wobei jedoch zur Erwägung gestellt wird, ob die Gesetzcsvorschrift nicht etwa besonderen Finanzgesetzen vorzubehalten sein dürfte. Die Motive nehmen schließlich zu den Anträgen der Rückerstattung des Baum- Wollgarnzolls beim Textilwarenexport Stellung, die sie nicht empfehlen, da die Beibringung des Identitätsnachweises bei einem Jndustrieprodukt unabsehbare Konsequenzen habe.
Aus Stadt und Kand.
Gießen, den 6. Oktober 1900.
*• Auszeichnung. Dem Major Frhrn. v. Starck, persönlichem Adjutanten weiland des Prinzen Heinrich von Hessen und bei Rhein, wurde das Ehrenkreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen und dem Fabrikanten
lichen möchte, das erstere, die Unterwerfung. Aber als er dann bei Gelegenheit einer Probelektion in Gegenwart des gesamten Lehrerkollegiums feierlich widerrufen soll, da kann er seinen Jungen nicht in die klaren, leuchtenden! Augen hineinlügen, und statt des geplanten Widerrufes redet er der Wahrheit eine glühende Apotheose. Und pnrch diesen Sieg gestärkt, der ihn zudem von seinem bräutlichen Ballast befreit, um ihm die innige Liebe seiner Arbeits- genossin Marie aufzudecken, geht er voll Lebensmut ßn die Welt . . .
Tas Stück scheitert künstlerisch an einer Riesenschwäche; seine Lösung ist unglaubhaft, unwahrscheinlich, entbehrt der zwingenden, überwältigenden Motivierung. Wir glauben am Schlüsse nicht an den kommenden endgiltigen Sieg Heitmanns über die stumpfe Welt, an die fröhliche Gewißheit des Triumphes der Wahrheit und des Lebendigen, den Heitmann verkündigt; um diesen Glauben widerspruchslos und in machtvollem Klang in uns zu jent- zündeu, dazu hätte der Dichter seinen Helden, der viel von einem Romanhelden an sich hat, weniger Weichheit und Waschlappigkcit und mehr Sicherheit, Festigkeit, Stärke, eine Seele, die so gestählt ist, wie die oft gerühmten Muskeln seiner Arme, verleihen müssen. Ein Mensch, der bereits innerlich gekuscht hat, der dann allerdings im entscheidenden Moment sein besseres Selbst, den Mut zu seiner Wahrheit wiederfindet, aber nicht aus unbezähmbarer Ehrlichkeit und Reinlichkeit seines Denkens heraus, sondern mehr — dies Gefühl werden wir bet der großen Rede im dritten Akt nicht los —, weil er sich an feinen eigenen Worten und vor allem an einigen Goethe'schen Worten, die allerdings Tote lebendig machen können, berauscht — ein solcher Held bietet nickst die Gewähr, daß er fein Lebensschiff durch alle Orkane mit straffem Arme shin- durchlenkeii könne. —
Die Fabel des Stückes hat Dreyer mit einer Reihe ganz prachtvoller röstlicher Nebencharaktere verbrämt. Wieviel Dramatiker noch unserer Tage können so fein ausgearbeitete, von echtem Leben strotzende Figuren auf die
Johannes Weiß HI. zu Frischborn das RilterkreuK vergehen ^ecbicnftoröcn!8 Philipps des Großmütigen
** Stadltheater. Eine der wirkungsvollsten Poffen von Emil Kost und K. Wilken, „Auf eigenen Füßen", wird am Sonntag zum ersten Male hier ausgeführt werden. In ihr ist das ganze Personal der hiesigen Bühne beschäftigt,, in hervorragender Weise die Damen Frl. Eichenwald und Kugler, die Herren Direktor Helm, di Balthyni, Ramseyer, Liebscher und Lachmann. Dienstag ist als Volksvorstellung „Uriel Acosta" angesetzt und Mittwoch geht das indische Drama „Vasantasena" erstmalig in Szene.
** Kunsthonig und Bienenhonig. Wie aus sicherer Quelle verlautet, läßt die Großh. Regierung durch die Kreisämter gegenwärtig Erhebungen anftellen und Erkundigungen einziehen, ob und inwieweit Handel mit Kunsthonig: anstatt mit Bienenhonig getrieben wird. Im Interesse der Bienenzucht und Bienenzüchter sowohl als auch des kausenden^und konsumierenden Publikums können die beabsichtigten Schritte nur mit Freuden begrüßt werden. Denn daß natürlicher Bienenhonig zu dem Spottpreise, in den verschiedenen Farben und riesigen Quantitäten, wie er in Inseraten verschiedener Zeitungen empfohlen wird, unmöglich lieferbar ist, ist nur erfahrenen Imkern bekannt. Die große Menge der Käufer aber fällt herein; denn sie wünscht billigen Bienenhonig und erhält teuren Kunsthonig. Um den Käufern wirklich reinen Bienenhonig zu entsprechendem Preise liefern zu können, verlangen darum die Imker schon seit Jahren, daß Fabrikanten, Händler und Kaufleute gesetzlich verpflichtet werden, Kunsthonig nur mit der Bezeichnung als solchen in den Verkehr zu bringen. WaS aber als Bienenhonig verkauft wird, das muß auch ein wirkliches Naturprodukt der Bienen sein. Wie man der Landwirtschaft ihre Naturbutter schützt und die anderen butterähnlichen Erzeugnisse mit dem Namen Kun ft butter und Margarine in den Handel gebracht werden müssen, so muß auch die Unterscheidung zwischen Bienenhonig und Kunsthonig gesetzlich festgelegt werden. Während wir dieses schreiben, kommt uns folgende Offerte in einer Bienenzeitschrist zu Gesicht: „Garantiert reinen Bienen-Schleuder- Honig offeriert für die Herren Imker zu Vorzugspreisen" ... (folgt genaue Adresse) . . . Warum sollen Imker Vorzugspreise erhalten? Sollen die Imker strafbaren Wiederverkauf treiben und mit ihrer Bienenzucht und ihrem Namen für die Reinheit des käuflich erworbenen Honigs Deckung und Beweis liefern, daß der von ihnen aus zweiter oder dritter Hand erstandene und dann wiederverkaufte Honig wirklicher Bienenhonig ist? Solche Offerte dürfte in Jmkerkreisen mit der genügenden Nichtbeachtung ausgenommen werden.
Darmstadt, 6. Oktober. Der am Großherzoglicheu Hose beglaubigte italienische Gesandte in Berlin, Graf Lanza, wurde heute von dem Großherzog in Audienz empfangen. Zu Ehren desselben fand int Residenzschloffe Galatafel statt.
-1- Darmstadt, 5. Oktober. Die 7. General Versammlung der Vertrauensmänner des Hilfsvereins für die Geisteskranken in Hessen findet, wie gemeldet, am 15. Oktober hier statt. Damit die Versammlung rechtzeitig beginnen kann, werden die oberhessischen Vertrauensmänner ersucht, sich sofort nach der Ankunft in Darmstadt (der um 8° aus Gieß en gehende v-Zug hat gleich Anschluß, sodaß man um 10 Uhr hier ist) nach dem Städtischen „Saalbau" begeben.
Frankfurt, 5. August. Die Intendanz des Frankfurter Stadttheaters teilt mit: Für das am Sonntag und Montag ftattfindende Gastspiel von Frau Eleonora Duse mit ihrer italienischen Gesellschaft sind nachfolgende Preise angesetzt worden: 1. Platz Fremdenloge I. Ranges Mk. 20, 1 Platz Prosceniumsloge I. Rg. Mk. 25, 1 Platz Fremdenloge II. Rg. Mk. 10, 1 Platz Prosceniumsloge II. Rg. Mk. 20, 1 Platz Loge I. Rg. Mk. 25, 1 Platz
Bretter stellen, wie den alten Heitmann, den Oberlehrer Stürmer, den Hofmaurermeister Brokelmann? Gerade in diesem Beiwerk zeigt sich Dreyers alte Künstlerschaft, die hoffentlich stark genug ist, um nicht auf seiner jetzigen Bahn ganz verwüstet zu werden. Vielleicht auch besinnt sich Dreyer gleich seinem Probekandidaten auf fein besseres Selbst zurück und beschert uns wieder ein Stück, das echten künstlerischen Wert besitzt, wenn ibm amL der rauschende Erfolg des „sensationellen" Prooekandidaten nicht be- schieden fein sollte. Denn noch find ja int Deutschen innerer Wert und äußerer Erfolg umgekehrt proportional.
Daß übrigens die Berliner Zensur, die jetzt sogar den Klub der litterarisch Harmlosesten vom Schlage Blumenthal-Kadelburg molestiert, im vorigen Jahre ein so tollkühnes Wort, wie Beerfeldt an Heitmann, ob er schon mal was von Preußen gehört habe, da besitze jeder das verbriefte Recht, seine Meinung frei zu äußern, hat durchgehen lassen können, ist rätselhaft. Allerdings wenn dies Wort auch nur als Falle für die Zensur gemeint gewesen wäre, so wäre es schon ein sehr feines Wort gewesen. ■ • •
Die Darstellung des Stückes war wohlgelungen. £t Balthyni als Fritz Heitmann traf das Schwärmerische int Wesen seines Helden gut und führte namentlich die große Szene im dritten Akt mit Bravour durch. Ganz meisterhaft spielte Herr Helm den alten Heitmann und Herr Liebscher den Oberlehrer otormer, auch Herr Ramseyer als Bcerfeld und Her- Lachmann als Brokelmann waren recht gut. Frl. de la Chapelle als Gertrud konnte an Liebreiz und Innigkeit die vorjährige Darstellerin der Rolle, Frl. Hanemer, nicht erreichen; Frl. Korn als Marie schien im Anfang etwas befangen, fand aber namentlich zum Schlüsse hin rechte Töne der Leidenschaft. Lobend erwähnt seien noch die Frau Heitmann der Fran Ernst der Präpositus des Herrn Reinhardt, der Direktor des Herrn Hofer und der wackere Quintaner des kleinen Rein bor d Helm. — Das Publikum spendete lebhaften Beifall Dr. Th. SB.


