Ausgabe 
7.1.1900 Viertes Blatt
 
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Aints- und Zlnzeigeblatt für den Ureis Gieren

eine Konkurrenten aus dem Felde zu schlagen^

nu-Fadrik.

Feuilleton

Sonntag den 7- Januar

Mr Anzeigen-Bermittlungsstellen des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.

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Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schukstraße Ar. 7.

Notwendigkeit für uns ist, mit Deutschland in Energie und Bedachtsamkeit zu wetteifern, so würde der Transvaalkrieg die Rettung des englischen Kaiserreiches bedeuten.

Es ist vollkommen zwecklos, Deutschlands Bestrebungen zur Erlangung der maritimen und kommerziellen Suprematie als vage Träume anzusehen. Laßt uns bedenken, was Deutschland war und was es jetzt ist, ehe wir Dem, was es hofft zu sein, ein leichtfertiges Mißtrauen entgegen­bringen..... Vor hundert Jahren war Deutschland in

einen Zustand apathischer Anarchie versunken, der es zum Gespött der Welt machte.....Die Deutschen waren da­

mals sozial, noch im Mittelalter, politisch in einem Zustand des Chaos und ökonomisch fast so weit zurück als Kamschatka. Das war vor drei kurzen Generationen der Zustand, in dem sich die Nation befand, die heute mächtig und ehrgeizig dasteht und den ersten Platz in der Welt beansprucht.

Deutschland verdankt seine Größe der Schwäche seiner Grenzen, die es zwang, ständig auf der Wacht und erz­bereit dazustehen gerade wie die schlimmste Versuchung für England, nachlässig und apathisch zu werden, darin liegt, daß es die natürliche Sicherheit der See besitzt. Ein halbes Jahrhundert hindurch ist in Deutschland an der Aufgabe, die geistigen und militärischen Fähigkeiten, die Erziehung und die Disziplin zn heben, gearbeitet worden, und diese Arbeit wurde kaum im Vaterlande selbst ver­standen, kaum außerhalb desselben bemerkt.....Dann

kam die Stunde und der Mann der eiserne Kanzler, Sadowa, Sedan; und die Welt erwachte, um zu sehen, daß 50 stille Jahre des Denkens und der Energie, ernsten und entschlossenen Lebens, ein halbes Jahrhundert der Erziehung und Disziplin, der Bedachtsamkeit und Vorbereitung, Deutsch­land zur größten Nation auf dem Kontinent gemacht hatten.

.... In den letzten dreißig Jahren hat man eine derartige ungeheure Entwickelung, wie die der Industrie und der Gesamtlage Deutschlands überhaupt nicht gesehen, außer höchstens in Amerika. Berlin hat seine Bevölkerungs­ziffer schneller vergrößert, als New Aork; Hamburg hat im letzten Viertel des Jahrhunderts seine Bevölkerungsziffer verdreifacht; Köln hat sich in der Dekade von 1880 bis 1890 verdoppelt; Leipzig ist schneller gewachsen als San Franzisko. Die Landbevölkerung Ostdeutschlands ist in die großen in­dustriellen Centren des Westens gewandelt und doch sind diese so weit entfernt davon, Ueberfluß an Arbeitskräften zu haben, daß die großen Werke alle Versuche machen, die Landbevölkerung in die Städte zu ziehen und den Ackerbau Russen und Polen zu überlassen. Die Löhne steigen und die Arbeitszeiten werden geringer. Die Auswanderung, die früher sehr stark war, nimmt von Jahr zu Jahr ab. . . . Viele Städte sind fast vollständig neu und reicher und schöner, als sie früher waren, gebaut. . . Das ist im Süden ebensowohl Thatsache, als auch im Norden und es zeigt, mit welchen gigantischen Anstrengungen dieses Land mit aller Energie und mit allem Ehrgeiz vorwärts eilt, um

»eutsche Nation verdankt der Wehrpflicht eine körperliche Ausbildung, die der geistigen Entwickelung, die das Er­ziehungssystem ihr giebt, nichts nachgiebt. Intelligenz, Disziplin und Ausdauer, das sind die Waffen, mit denen der einzelne Deutsche auszieht, um sich eine Stellung in der Welt zu schaffen. Das Zusammenwirken der Kräfte von 60 Millionen solchen Deutschen ist es, worauf die Regierung des Kaisers, die fähig, wachsam, zähe, frei und unbeeinflußt durch die divergierenden Elemente der Parteien ist, sich stützt, um das neue Deutschland zu einer großen, wenn nicht der größten Weltmacht des 20. Jahrhunderts zu machen.

Wir wollen hier nicht nochmals die Geschichte aller Konsulatsgerichte wiederholen, welche zeigt, wie der Deutsche auf jedem Markt unter der Sonne erscheint und sich fest­setzt. . . Der Deutsche siegt im Handel, wie er im Kriege gegen Frankreich siegte durch vollkommenes Studium des Problems und durch vollkommene und sorgfältige Ver­breitung seiner Methoden. ... Der Deutsche reift und spricht zu jedem Manne in dessen eigener Sprache, während der englische Kaufmann zufrieden ist, feine Briefe zu öffnen; der Deutsche ist ebenso anpassungsfähig, wie der Brite steif ist. ... Es ist sein Prinzip, nicht die kleinste Gelegenheit zu versäumen. Wir wollen hier die Geschichte nicht wiederholen, aber wir wollen die Aufmerksamkeit auf einige Thatsachen hinlenken, die bezeichnend für die Eng­länder fein müssen:

Hamburg wird schnell der größte Hafen in der Welt; in einer Zeit von fünf Jahren verdoppelte es feine Dampfer­flotte. Ein deutscher Dampfer,Friedrich der Große-, hält den Rekord für schnellste Fahrt über den atlantischen Ozean. Am bemerkenswertesten von allem ist der Fort­schritt des deutschen Schiffbauwesens. In den Statistiken für 1899 zeigt sich, daß die Vulkanwerft in Stettin mit der Quantität der gelieferten Schiffe, bei zusammen 65 862 Tons, an dritter Stelle steht, während zur selben Zeit diese Firma in Bezug auf die indizierten Pferdekräfte that- sächlich den ersten Platz in einer Schiffsbautechnik ein- nimmi, die in keinem Jahre so umfangreich war, wie im letzten. Das ist ein Beweis dafür, daß die Schiffe, die auf der deutschen Werft gebaut wurden, im Durchschnitt viel stärkere Maschinen hatten, als alle anderen im Aus­land gebauten Schiffe. . . . Deutsch ist die Geschäftssprache des Balkan, die russische Diplomatie beklagt sich, daß Kon­stantinopel so deutsch wird, wie Berlin, Kleinasien wird allmählich in eine deutsche Kolonie umgewandelt und jetzt wird die Bagdad-Eisenbahn diesen selben Einfluß zwei tausend Meilen näher an den persischen Golf tragen und die größte militärische Macht der Welt auf den direktesten aller Wege nach Indien bringen.

Ist es ein Wunder, daß Deutschland es eilig hat, unter der Führung eines Kaisers gleich stark an Körper

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* Ein englisches Urteil über Deutschland.

Gießen, 5. Januar 1900.

DerDaily Telegraph" bringt neben dem üblichen Rückblick auf das verflossene Jahrhundert eine ausführliche Betrachtung Über die Entwicklung, die Deutschland im 19. Jahrhundert genommen hat, und kommt zu dem Schluß, daß Deutschland, welches in all der Zeit fremde Muster nachahmte, nunmehr auf dem Punkte stände, daß die anderen Nationen der Erde gut thun würden, Deutschland nach­zuahmen.

Keine Nation", heißt es in diesem Rückblick,er­öffnete jemals ein neues Zeitalter mit einem so triumphierenden Rückblick und einem so glänzenden und vertrauensvollen Ehrgeiz, als der, welcher die 60 Millionen des deutschen Volkes an diesem Neujahrstag bewegt. Für die übrige Welt bedeutet dieser Tag das nahende Ende des alten Jahr­hunderts, für Deutschland ist es der Beginn des neuen. . . . Der Abschluß eines Jahrhunderts, welches die deutsche Rasse aus niedriger und armer Stellung zum Gipfel des Reich­tums und der Macht geführt hat; vom Rhein bis zur russischen Grenze und von der Ostsee bis zu den Alpen wurde der gestrige Tag als der Abschluß einer wunder­baren nationalen Wiedergeburt des Volkes gefeiert; der heutige Tag wird als das Dämmern eines Jahrhunderts gewaltiger Expansion angesehen, in der das moderne Deutsch- land entschlossen ist, unter allen Umständen gegen Rußland und die anglo-sächsische Raffe die kommerzielle Suprematie und die Herrschaft der Welt zu erreichen. Das ist ein grandioser Traum aber die Geschichte Deutschlands während des 19. Jahrhunderts ist die Geschichte von großen Träumen, die verwirklicht wurden.

Die neue deutsche Nation hat bis jetzt in allem, was sie anfaßte, Erfolg gehabt. Jedes Ziel, das ihr vor Augen schwebte, hat sie mit bewunderungswürdiger Umsicht in meisterhafter Methode erreicht, und logisch, wie das Schick­sal, hat Deutschland Schritt für Schritt vorwärts gemacht.

Derselbe Geist weitausschauender Bedachtsamkeit und praktischer Vorbereitung, der nacheinander beim Erziehungs­wesen, beim Kriegswesen und in der Industrie zur Anwendung gekommen ist, soll nun zur Ausdehnung des maritimen Handels und zur Schaffung eines Kolonialreiches angespannt werden. . . . Deutschland ist für jede Art von Entwickelung und Ausdehnung vorbereitet. England dagegen steht jedem neuen Ereignis unvorbereitet gegenüber. Die Situation in Südafrika wiederholt unseren tauben Ohren die trübe, alte Lektion: Wir verlassen unS auf nichts als auf unsere Fähig­keit, die Dinge durchzusetzen; aber das ist eine Zuversicht, die nicht mehr und nicht weniger wert ist, wie die des hoff­nungsvollen Kruges, der vorläufig immer noch zu Wasser geht. England ist wie ein Athlet, der außer Training ist. Wenn die Niederlagen im südafrikanischen Krieg unser Land zu der Einsicht erwecken könnten, daß absolute und vitale

Meßmer Anzeiger

General-"Anzeiger

datz mir eine flaut- D Itbon BMungen £ nlMimchne. g

Gutenberg uttb die Iahrhmberhostkarte.

Bei der Sylvesterfeier des Gutenberg-Bundes in Mainz hat Herr Buchdruckerei-Direktor Lehmann wie mir dem Mainzer Anzeiger entnehmen, folgende Rede gehalten: Ich hatte heute Nacht einen merkwürdigen Traum. Ich befand mich im Himmel, Gott saß auf seinem Throne und rings herum, auf Wolken sich wiegend, standen die Engel und die göttlichen Heerscharen. Und der Herr sprach zu dem Engel Raphael: Gehe hin und rufe mir meinen Knecht, den Johannes Guten­berg. Und Johannes erschien vor dem Throne des Höchsten und der Herr redete ihn also an: In diesem Jahre wird sich Dein Geburtstag zum fünfhundertsten Male wiederholen, ich gestatte Dir, auf die Erde zurückzukehren, damit Du sehen kannst, was «us Deiner Erfindung geworden. Und Johannes nahm die Erlaubnis dankbar an, und im Fluge ging es hinunter auf die kwigjunge Erde.

In welche Stadt willst Du, mein Sohn?" frug der Engel, der ihn geleitete. t .

Natürlich zuerst in meine Vaterstadt Ma r n z" antwortete Gutenberg und nach einigen Minuten befand er sich in Mainz vor dem Zentralbahnhofe. ,

Erstaunt blickte der alte Meister um sich.Das soll meine veburtsstadt Mainz sein? Ich kann es kaum glauben, tote anders sah es doch zu meiner Zeit aus, werde ich mich hier zurechfindten können?"

Er machte einige Schritte nach vorwärts und bejah sich die Schilder auf den Häusern. Welche Freude erfüllte da plötzlich sein Herz, ,a ls er die Inschrift las: Buchdrucker e i.

Dem Höchsten sei Dank, ich habe nicht umsonst auf Erden

Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.

den wir in unserer Kunst gemacht. Die Zeilen entstammen der S e tz m a s ch i n e".

Eine Setzmaschine?" was ist das, sagte Gutenberg,setzet Ihr denn nicht mehr die Lettern mit den Händen aneinander?"

Nein, Meister, das besorgt heute eine Maschine".

Könnte ich auch die einmal sehen?" frug der Unsterbliche.

Gewiß", antwortete man ihm und leichten Schrittes, nicht wie ein Fünfhundertjähriger, flog Gutenberg die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo die Setzmaschine aufgestellt war. Da stand sie nun, die Setz-, Gieß- und AblegemaschineLynotype" und der sie bediente, suchte dem Meister die sinnreiche Kon­struktion des Handwerkszeuges zu erklären. Und der Meister war erstaunt, ergriffen, hingerissen.

Wie bedauere ich, daß ich heute nicht mehr lebe, ich mutz gestehen, Ihr habt aus meiner Erfindung doch etwas gemacht, was ich mir nie hätte träumen lassen. Ich bin beschämt. Wie roh und plump waren doch die Anfänge und wie herrlich wett habt Ihr es gebracht: schnell will ich mich wieder in meinen Himmel zurückziehen, denn da kann ich nicht mehr mit".

Da erscheint schnell noch der jüngste Lehrling des Geschäfts, auch e r will dem Meister seine Huldigung barbringen und über­reicht demutsvoll die soeben zur Ausgabe gelangte amtliche P o st k a r t e für das Jahr 1900. Lange betrachtet der Meister in tiefes Nachdenken versunken die neue Postkarte, endlich ent­ringt sich ein Seufer der Erleichterung seinem Munde:

Ihr möget noch so weit vorgeschritten fein, meine Lieben, in einer Sache nehme ich es noch mit Euch auf und das ist der gute geläuterte Geschmack. Betrachtet dieses allerneuste Produkt Eurer Kunst und sehet Euch dagegen ine Initialen meiner 42 zeitigen Bibel an, dann urteilt, wer weiter voran war. Ich verabschiede mich von Euch^ mit Dem Wunsche, daß, wie Ihr in Bezug aus die T e ch n i k Fortschritte gemacht habt, Ihr auch im G e s ch m a ck im neuen Jahrhundert solche Fortschritte machen möget!"

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gelebt, meine Erfindung blüht und siehe, sogar oben an dem Hause ist meine Büste". . .....

Bewegten Herzens betrat der Meister ine Offizin. Zunächst gelangte er in den Maschinenraum. Auch hier mar er erfreut, wiederum feine Büste in der Mitte des Saales angebracht 8U ^Aber was wird hier gemacht?" fragte er erstaunt einen der Maschinenmeister,zu welchem Zwecke kommen diese Riemen aus dem Boden, was sind das für merkwürdige eiferne Kasten, auf denen sich Walzen anhaltend drehen?" v

Und der Drucker führte den Unsterblichen an das Ende der Maschine, und dort sah er, wie die gedruckten Bogen mit unge­heurer Geschwindigkeit die Presse verließen.Es ist Deine Er- sindung, o Meister, es ist Deine Druckpresse, nur vervollkommnet durch einen Mann Namens König!"

Gesegnet sei dieser Mann", sprach der Meister, und neu­gierig betrachtete er die Satzfläche der inzwischen znm Stehen gebrachten Schnellpresse.Doch was muß ich hier sehen", rief jetzt tief betrübt der große Mann ans.Das Wunderbarste an meiner Erfindung war doch die B e w e al i ch k e i t der L e t t e r n und Ihr drucket wieder von ganzen Platten, hat man denn das Aneinanderreihen der Buchstaben vergessen?"

Nein, teurer Meister, wir haben es nicht vergessen, durch die wunderbare Erfindung der Stereotypie ist es uns mög­lich, aus der Druckform mit beweglichen Lettern Platten herzu­stellen, die Lettern werden wieder benutzt und die Platten zu ' beliebigen Neudrucken aufbewahrt".

Und Gutenberg ließ sich in die Gießerei führen, sah zu, wie man aus Formen Platten goß. Aber der Meister war immer noch nicht befriedigt.Die Formen, aus denen Ihr die Platten gießet, es sind immer noch nicht die richtigen Formen wie ich sie herstellte, da sind ja ganze Zeilen auseinandergegossen. Ver­zeiht, Ihr scheinet mir trotz aller Eurer Kunst keine Fortschritte gemacht zu haben".

Doch, teurer Mann, das ist noch der größte Fortschritt,

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