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Sonntag den März

Drittes Blatt.

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(Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet)

Die Bedeutung

des neuen Jnvalidenverstcherungsgesehes.

Bou der Telbstverftcheruug Heiner selbständiger Geschäftsleute.

Wir Deutschen gelten überall für ein wirtschaftliches Volk. Doch ist mnser Ruhm noch nicht alt. Eigentlich war unsere Richtung von altersher mehr eine beschauliche, nach­denkliche, grübelnde, wir erschienen den Fremden als ein ..Volk von Denkern" und die wagende Thatkraft vertrat bei uns nur ein kleiner Bruchteil an den Küsten, den die Natur selbst auf weit ausgreifende wirtschaftliche Thätigkeit hinwies. Die Erscheinung nutzbringender Vereinigung von Männern zu dem Zwecke, in gleicher wirtschaftlicher Richtung zu wirken, blieb auf wenige Kreise beschränkt, im Mittelalter treten nur hervor: in Norddeutschland die Hansa, und in Süddeutschland einige Weltfirmen in Augs­burg und Nürnberg, ^vie die Fugger, Welser u. a. Nach deren Verfall zersplitterten sich die Kräfte, und man durfte bis in die neueste Zeit unbestritten behaupten, daß den Deutschen Wirtschaftlichkeit abgehe; Wirtschaftlichkeit in dem Sinne, daß sie die natürlichen Mittel der gesellschaft­lichen Verbindung (Assoziation) zum gemeinsamen Handeln in ihrer ganzen ungeheuren Bedeutung für die Entwicklung des Wohlstandes eines Volkes klar erkannten. Es bedurfte erst teuren Lehrgeldes, das wir auf dem Völkermarkte zahlen mußten, ehe wir uns des rechten Weges klar wurden, und nachdem wir uns bei den Nachbarn gründlich umge­sehen, wacker die Hände zu rühren begannen.

Zu dem nun 'folgenden Aufschwünge unserer Werk- thätigkeit trugen viel die Mahnungsrufe derjenigen Volks­wirtschaftslehrer bei, welche bei dem bekannten englischen Forscher Malthus in die Schule gegangen waren. Dessen Philosophie kommt zu dem Ergebnisse, daß, da sich die Menschen im Laufe der Jahre in geometrischer Progression vermehren (im Verhältnis 1:2:4:8:16) die Schaffung von Nahrungsmitteln aber nur in arithmetischer Progression (im Verhältnis 1:2:3:4:5) vor sich gehe, ein Zusam­menbruch der menschlichen Gesellschaft in nicht so ferner Zukunft unvermeidlich sei. Man hörte in den achtziger Jahren sogar Stimmen:Ach, könnte doch der verheerende Strom von Kindern nur für ein paar Jahre gehemmt werden, so würde das schon unsägliche Erleichterung schaffen". (James Gotter Morison.) Das deutsche Volk aber zog die richtigen Lehren aus diesen Kassandrarufen, es warf sich mit ungeheurem Eifer auf die Arbeit, mit dem Erfolge, daß wir uns seit etwa zehn Jahren schon eine hübsche Strecke weit auf dem Wege befinden, ein wirtschaft­

liches Volk zu werden. Nicht zum wenigsten verdanken wir [ das der Tüchtigkeit unseres Handels- und Schifferstandes, 1 sowie der Intelligenz unserer Gelehrten, denen eine weit- ausschauende Industrie und besonnene Landwirtschaft will­fährig entgegenkommen. Ueberall im Reiche einigt sich das Kapital zu leistungsfähigen Gesellschaften; Lebens­versicherungen und andere Versicherungen erhöhen das wohlthuende Gefühl der Stetigkeit, und die festen Ver­einigungen der Arbeiter, wie der Arbeitgeber stärken die wirtschaftliche Kraft des Volkes. Aber unser wirtschaftlicher Aufstieg befindet sich erst im Anfänge.

Bis vor kurzem marschierten wir noch im Hintertreffen der Völker im Wettbewerbe, und verstanden nicht ganz, alle günstigen Bedingungen auszunutzen. Zum Beweise vergleiche man nur die Teilnahme der bei uns in Betracht kommenden Nationen an der weisesten wirtschaftlichen Für­sorge, der Lebensversicherung. Während in England, dem Vaterlande derselben, und auch schon in Amerika eine un­versicherte Person von einigem Einkommen zu den Selten­heiten gehört, mangelt es in dieser Beziehung in Deutsch­land bis in die Gegenwart hinein noch sehr an Verständnis und Interesse. Im Jahre 1864 zählte Deutschland 26 Lebensversicherungsgesellschaften (18 auf Aktien, 8 auf Ge­genseitigkeit). Die größte Lebensversicherungssumme mit 139 Millionen Mark wies die Gothaer auf, an welche damals keine auch nur entfernt hinanreichte. Welch ge­waltige Fortschritte wir seitdem in diesem wichtigen Zweige der Volkswirtschaft machten, verdeutlichen folgende An­gaben: Die Zahl der Lebens-Versicherungsgesellschaften stieg bis zum Jahre 1898 auf 43, davon beruhen 20 auf Gegenseitigkeit und 23 sind Aktiengesellschaften. Der Ver­sicherungsbestand bei ersteren betrug 3400 Millionen Mark, bei letzteren 3160 Millionen Mark, so daß in diesem Ge­schäft bald 7 Milliarden Mark erreicht sein dürften. Den größten Versicherungsbestand unter ersteren weist die Go­thaer mit 752 Millionen Mark auf, den kleinsten die jüngste Gesellschaft Atropos-Leipzig mit 3 Millionen Mark; unter- letzteren den größten die Germania-Stettin mit 580 Mil­lionen Mark, den kleinsten die jüngste Gesellschaft Deutscher Anker-Berlin mit 2 Millionen Mark. Das größte Neu­geschäft im Jahre 1898 machte unter den Gesellschaften auf Gegenseitigkeit die Stuttgarter Lebensversicherungs­und Ersparnisbank mit 47 Millionen Mark (nach einer von derselben veröffentlichten Uebersicht), unter den Aktien­gesellschaften die Aktiengesellschaft Victoria-Berlin mit 61 Millionen Mark.

Hier ist nicht der Plcktz, die Bedeutung der Lebens-Ver­sicherung für die Lebenshaltung der Familie näher zu beleuchten, die Erfahrung beweist ihre Notwendigkeit, so­daß wir nur bedauern können, daß bei den unumgänglichen

Umständlichkeiten und der notwendigen Höhe des Beitrags bei den bestehenden Lebensversick>erungsgesellschaften der vierte Stand nahezu von den Wohlthaten der Einrichtung ausgeschlossen ist, trotz der wohlgemeinten Versuche, welche einige Gesellschaften mit der Arbeiterversicherung an stell­ten. Für ihn, soweit er die Arbeiter, Gehilfen, Gesellen, Lehrlinge, Dienstboten, Betriebsbeamte, Handlungs-Ge­hilfen, -Lehrlinge und Seeschiffer umfaßt, sollte das Gesetz vom 22. Juni 1889 betr. die Jnvaliditäts- und Alters-Ver­sicherung eintreten. Wenn auch die durch dasselbe gewähr­leistete Versorgung in manchen Fällen unzureichend er­scheint, und von der sozialdemokratischen Partei schlankweg als einBettel" bezeichnet wird, so bedeutet sie doch gegen den früheren Zustand, da der Arbeitsunfähige einfach bent Elende, der Verzweiflung und der privaten oder öffent­lichen Armenpflege zur Last fiel, einen ungeheuren Fortschritt, der mit dazu beitrug, daß die gereizte, gehässige Stimmung der Lohnarbeiter sich langsam, aber stetig von den umstürzlerischen Plänen ab, und verständiger Reform­arbeit zuwandte. Welchen Umfang die Wirkung des ge- ncmnten Gesetzes annimmt, ersehe man aus der Angabe, daß bis zum 31. Dezember 1899 bewilligt wurden an In­validenrenten 477 930, an Altersrenten 355 255. In Geld umgesetzt nimmt sich die Fürsorge für die' Arbeiter so auH (Nach Hitze, M. d. R.),

Aus der Krankenversicherung 1473 Millionen M.

Unfallversicherung 514

Invalidenversicherung 631

Zusammen 2618 Millionen M.

Einlagen in die Reservefonds usw. 1156

3774 Millionen M.

Doch kam die Wohlthat des Gesetzes nicht allen zugute, welche ihrer wirtschaftlichen Lage nach den Lohnarbeitern gleich, ja, in manchen Fällen ihnen nachstehen. Dazu ge­hören die Kleinbauern, die Pächter, die kleineren Hand­werker und Kaufleute u. s. w. Besonders die ersteren leben in einer keineswegs beneidenswerten Lage. Die harte Arbeit ihrer Hände sichert ihnen kaum den allernötigsten Lebensunterhalt, und erlaubt es nicht, nennenswerte Er­sparnisse für Alter und Krankheit zurückzulegen. Zwar zeichnen sie sich noch immer durch Bedürfnislosigkeit aus, doch bleibt ihnen aus dem Erlös ihrer Landwirtschaft, welche sie meist ohne fremde Hilfe mit ihren Angehörigen betreiben und welche sich auf das Halten einiger Kühe und Schweine, Wenns hoch kommt, eines Pferdes, beschränkt, kaum so viel bares Geld übrig, um die Abgaben, Kleidung und die Krämerwaren zu bestreiten. Für diele vergessenen Angehörigen des vierten Standes bedeutet das neue Jn- validenversicherungsgesetz vom 13. Juli 1899, welches am

Feuilleton.

Berliner Aries.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)

(Nachdruck verboten.)

Transvaalstimmungen im Volk und an der Börse. Ein falscher Prophet. Die Wertheim-Steuer. Der Kronprinz in Berlin.

Mess' Brod ich esse, dess' Lied ich singe 1 Eine alte triviale Wahrheit, die sich auf keinem Gebiete zutreffender erweist, als auf dem der hauptstädtischen Presse. Es ist ein offenes Geheimnis, daß kleine Chamberlains oder Rhodes, die es auch an der Spree giebt, diese oder jene Zeitung fest im Solde haben, und tapfer darin Stimmung für so genanntegeniale" Unternehmungen machen lassen. Zu verstehen sind darunter mehr oder minder gewagte Speku­lationen, zu denen man gewinnlüsterne Neulinge zu ver­führen gedenkt, um plötzlich mit einem überraschenden Trick den schönen Mammon dieser leichtgläubigen Schafe einzu­heimsen. Die Trapezkünste der Börse! Merkwürdig still, ja krampfhaft burenfteundlich zeigen sich momentan' eine Reihe jener stark mit den großen Spekulanten liierter Blätter, obwohl die verwegenen Profitmacher, die ihre Minierarbeit darin vorzunehmen pflegen, ängstlich auf jede neue Sieges­nachricht der Buren lauschen, und die heimliche Freude nur schlecht verhehlen konnten, als das düster heraufdämmernde Schicksal des tapfern Cronje bekannt wurde. Aber die Stimmung im Volke läßt sich diesmal nicht nach Belieben färben und ändern, die Sympathie mit dem wackeren Bruderstamm in Südafrika ist trotz aller offiziellen Neutra­lität so wurzelecht und stark, daß die Wettermacher an der Börse sich in den ihnen zur Versagung stehenden Blättern weise ausschweigen. Das große Wehklagen wird erst be- glvnen, wenn Transvaal seine Selbständigkeit trotz aller Roberts und Kitcheners behaupten sollte, denn bann sind

die 600 Millionen, mit denen man sich zugunsten des Prozentverwandtcn Englands engagiert hat, wahrschein­lich futsch!

Und obwohl dieser Verlust an nationalem Vermögen die weitesten Kreise zieht und mehr oder weniger in allen Ständen fühlbar werden wird, man wird es den Bundes­brüdern der gewissenlosen englischen Leutejäger von Herzen gönnen! Und die Stimmen jener Optimisten wollen nicht schweigen, die den bedrängten Buren irgendwo in Europa einen starken Bundesgenossen erwachsen sehen, der die klingenden Worte von der Haager Friedenskonferenz zu einer erlösenden That umsctzt. Freilich, noch steht alles Gewehr bei Fuß. Aber die 4000 Kämpfer, die Cronje verloren, sind auch noch lange nicht von Entscheidung, und es ist trotz aller englischen Phrasen noch ein weiter Weg bis Johannisburg; die Nürnberger sei. Angedenkens aber haben für die endgiltige Urteilsvollstreckung einen tiefsinnigen Grundsatz aufgestellt, der auch für London gilt.

Daß man dem sicheren Tode selbst bei der Be­handlung durch mehrere Aerzte immer noch zu entrinnen vermag, hat Dr. Lieber, der bekannte Zentrumsführer, gleichfalls bewiesen. Der berühmte Professor, der die Witwe, die nun gar keine geworden ist, kraft seines tiefen medizinischen Wissens von der Unabänderlichkeit der Auf­lösung des Schwerkranken unterrichtet hatte, scheint sich im Termin um ein erkleckliches geirrt zu haben. Natürlich nur im Termin! Die Prophezeiung an sich wird schon noch in Erfüllung gehen, und wenn es dreißig Jahre dauern sollte! Jedenfalls dient dieser famose Fall einer ganzen Reihe von kranken Hypochondern als Trost, und sie schöpfen vielleicht daraus den Mut, auch ihrerseits dem orakelnden Spezialisten mit den hochgezogenen Stirnfalten ein Schnippchen zu schlagen, und mit lieber'scher Keckheit wieder gesund zu werden.

Auf den Bierbänken wird augenblicklich wacker über die Warenhaussteuer diskutiert. Natürlich find die Mein-

ungen sehr geteilt. Da Berlin aber eine Handelsstadt ist, in der sich das Unwesen der alles an sich reißenden Bazare immer krasser ausbildet, so findet Miquel fast überall Majoritäten; ja, für die meisten sind seine Abzapfungen der großen "Warenhäuser, die den Kleinbetrieb straßenweise ab* würgen, noch viel zu mäßig. Es ist aber auch geradezu erstaunlich und ein gewisses Unbehagen wird ein nach­denklicher Mensch, der nicht in den Sozialismus hinein

will, selten dabei los! was sich in den großen Maga­zinen alles zum Ankauf darbietet. Bei Wertheim wie bei Jandorf wird in jede Branche gepfuscht: Garderobe, Lektüre, Schmuck, Hauswirtschaft, Uhren, Konserven, Kakes, Möbel, Lederwaren, Luxussachen, Bier und Chokolade alles ist zu haben, und wenn sich der geehrte Besucher etwa noch

photographieren lassen will, um fein über dies Wertheim- wunder verklärtes Antlitz mit nach Hause nehmen zu können: bitte, Fahrstuhl, dritter Stock, photographisches Atelier! Und das alles zu welchen Preisen! Billig, billig! heißt die strahlende Devise, unter der gekämpft und gesiegt wird. Das große Publikum versteht ja so wenig von der Qualität,

und hundert in Not sitzende Fabrikanten liefern nach weiser Vorschrift! Hier könnte nur das Publikum helfen, wenn es sich konsequent an den Kleinbetrieb hielt! Aber das Publikum! O weh! Das kauft bis in alle Ewigkeit billig, billig und bezahlt auch dabei noch die neue Steuer mit, ohne es zu merken . . .

Der Kronprinz und Prinz Eitelsritz, die beide Examina in Ploen bestanden haben, retten fast täglich mit ihrem Kaiserlichen Vater im Tiergarten spazieren, und erfreuen sich allseitiger freundlicher Aufmerksamkeit. Ein neuer Lebensabschnitt liegt vor dem Erben der deutschen Kaiserkrone: der Drill in Potsdam und das Studium in Bonn! Mögen die herzlichen Wünsche, die jeder Vater­landsfreund für den einstigen Lenker der deutschen Ge­schicke hegt, an beiden Orten wacker gefördert werden t

A. R.