M» 23ß Erstes Blatt Mittwoch de« 3. October 150. Jahrgang
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ießener Anzeiger
Keneral-Un^eiger
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Amtlicher Heil.
Gießen, 29. September 1900.
Betr.: Die Volkszählung im Jahre 1900.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Nach Beschluß des BundeSratS vom 17. März 1900 am 1. Dezember l. Js. im Deutschen Reiche eine Volks^ Zahlung vorzunehmen. Die dieserhalb erforderlichen Erhebungen sollen im Großherzogtum wieder mittelst ZählungS- kommlssionen unter Heranziehung freiwilliger Zähler erfolgen. Die Zählungskommissionen sind von uns ein- zusetzen. Dieselben haben aus mindestens drei Personen zu bestehen.
. ^U-^orsitzenden der Zählungskommissionen ernennen X'tc Bürgermeister, bezw. in deren Verhinderung
oie Großh. Beigeordneten, und wollen Sie uns binnen längstens 8 Tagen zwei, in größeren Gemeinden drei bis vier weitere mit den örtlichen Verhältnissen vertraute Per- •Oton\ toc^e be” Wert der Volkszählung zu beurteilen Imstande und bereit find, an deren zweckentsprechenden AuS- "lttzuwirken, zu Mitgliedern der Kommisfionen Vorschlägen. Hierbei wollen Sie von der Bezeichnung von Lehrern absehen, da dieselben thunlichst als Zähler verwendet werden sollen.
3n. Ihren Berichten ist auch anzugeben, in wieviel Zahlbezirken Sie die Gemeinde einzuteilen gedenken, damit wsrIhneu die erforderliche Anzahl Anweisungen für die Zahler übermitteln.
______________v. Bechtold.__________________
Bekanntmachung.
Die Auszahlung der Jnvalidenpenfionen von in Gießen wohnenden Invaliden geschieht vom 1. Oktober d. Js. ab bei der unterzeichneten Behörde.
Indem wir dies sämtlichen Bezugsberechtigten hiermit nochmals zur Kenntnis bringen, ersuchen wir zugleich zur Abhebung fraglicher Bezüge unter jedesmaliger Vorlage der Quittungsbücher bestimmt in der ersten Woche eines jeden Monates an den Zahltagen: Dienstag, Donnerstag, Freitag und Samstag von vormittags 8 bis nachmittags 1 Uhr bei nnserer Kasse fich einfinden zu wollen.
Gießen, 30. September 1900.
Großherzogliche Distrikts-Eivnehmerei Gießen I. Hansult.
Hilfsverein für die Geisteskranken inHefsen
Zu der am 15. Oktober I. I. stattfindenden und vormittags 11 Uhr beginnenden
Siebenten Generalversammlung der Bertraueus- mäuner
bAre ich mich, gemäß § 28 der Satzungen, die dermalen thätrgen und die früher thätigen (inaktiven) Vertrauensmänner, sowie die Mitglieder des Kuratoriums, nach Darm-
Wokitische Geschichte Deutschlands
im 19. Jahrhundert.
^ bevorstehende Jahrhundertwende zeitigt eine Reihe litterarijcher Arbeiten die das Facit des ablaufenden Sä- kulums auf den emzelnen Gebieten geistigen Ringens und Schaffens oder politischen und wirtschaftlichen Werdens zu ziehen suchen. Der erste Platz unter allen gebührt zweifellos dem großartigen Werke, das Paul Schlenther unter dem Titel „Das neunzehnte Jahrhundert in »Deutschlands Entwicklung" erscheinen läßt. Hervorragende Gelehrte haben dem Herausgeber ihre Mitarbeit geliehen und so ist, soweit sich nach den erschienenen Bänden urteilen läßt, ein Werk entstanden, das der großen Aufgabe, die gelöst werden soll, durchaus würdig ist. Der dritte, kürzlich bei Georg Bondi in Berlin erschienene Pand ist Prof. Dr. Georg Kaufmanns „Politische Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts". Richt aus olympischer Ferne schaut Prof. Kaufmann die Dinge, sondern persönlich nimmt er an ihnen teil, eindringlich forscht er nach der Ursache und Wirkung der politischen Geschehnisse und saHt dann irückhalt- los seine Meinung und sein Urteil, unbekümmert um der Parteien und der regierenden Kreise Gunst und Haß-. So spiegelt das Werk die Persönlichkeit seines Verfassers wie kaum eine andere historische Darstellung unserer Zeit, und ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß engherzige
ftadt, in den städtischen Saalbau, hierdurch ganz crgebenst einzuladen und um baldgefällige Antwort zu ersuche«.
Das nach der Sitzung bisher übliche gemeinsame Mittagessen fällt aus. Dagegen wird Gelegenheit zur Erfrischung in der Saalbaurestauration geboten sein. Auch wird auf besondere Bestellung ein einfaches Mittagessen zu dem festen Preis von 1.50 Mark berengeyaüen werden.
Diese Bestellung bitte ich gleichzeitig mit der Anmeldung zur Versammlung spätestens bis zum 12. Oktober l. I. an mich gelangen zu lassen.
Nach § 28 der Satzungen sind den Mitgliedern der Versammlung die Transportkosten aus der Kasse des Vereins zu ersetzen. Im Interesse der Ordnung wollen sich die Mitglieder sofort nach dem Betreten des Saales bei der Kasse zum Eintrag in die Liste der Anwesenden melden und die Transportkosten^Vergütung erheben.
Die Versammlung ist öffentlich und Gäste sind willkommen.
Heppenheim a. B., 25. September 1900. Der Vorsitzende des Kuratoriums.
_______________Med.-Rat Dr. Bieberbach._______________
16. Iichrrsotrsammluug
dks AÜMkineni Cvllligktisch-Protestautischea AWonllkrrios.
Seinen Vortrag über die Grundzüge der evangelisch-protestantischen Mission zerlegte Prof. Harnack in vier Teile: 1) Pflicht und Zweck. 2) Umfang. 3) Mittel. 4) Rückwirkung der Mission auf die Heimat.
Ihre Zustimmung zu dem Vortrage erklärte die Versammlung durch Annahme folgender Resolution: „Tie 16. Generalversammlung des Allgemeinen Evangelisch- Protestantischen Missionsvereins erklärt sich mit den Ausführungen ihres Referenten, Herrn Professors Dr. Harnack, über die Grundsätze der evangelischen Mission in allen wesentlichen Punkten einverstanden. Sie hält es für ihr Recht und ihre Pflicht zugleich, die Aufgaben der Mission mit denen der Politik unvermischt zu halten, aber sie begrüßt alle staatlichen Bestrebungen mit Freude, welche die Güter der christlichen Gesittung und der Gewissensund Religionsfreiheit schützen und ihre Verbreitung fördern". Rach einem kurzen Wort des Dankes an alle, welche der Versammlung ihre Hilfe gewidmet haben, schloß D. Kirmß die offiziellen Verhandlungen.
Ten Abschluß der diesjährigen Generalversammlung bildete eine volkstümliche Abendversammlung im Konventsgarten, dessen Saal bis auf den letzten Platz gefüllt war. Rach der Eröffnung der Versammlung durch P. Lic. Meincke schilderte P. Kranz, China, die Anfänge der Arbeit des Vereins, namentlich die Thätigkeit des verstorbenen Missionärs D. Faber. Er wies dann auf die Notwendigkeit hin, die Arbeit in Kiautschou neben der Predigt noch durch Gründung von Schulen und durch Errichtung eines Hospitals zu verstärken, von denen letzteres auch für Bekämpfung von Epidemien unter Chinesen und Deutschen von großer Wichtigkeit ist. Oberlandesgerichtsrat Rudorf f erzählte von den Christen-Verfolgungen, welche vom 15. bis 17. Jahrhundert in Japan aus Rücksicht der Staatsraison stattfanden, während Oberhofprediger D. Spinner von der Hoffnung sprach, welche die Mission hegen darf.
Beurteiler einen Vorwurf daraus abzuleiten versuchen. Meines Erachtens durchaus mit Unrecht. Schon Sybel und noch mehr Treitschke haben uns gezeigt, und sogar offen ausgesprochen, daß eine Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts sich nicht wie die Entwickelung einer ägyptischen Königsdynastie schreiben läßt. Wenn ein Geschichtswerk über eine Zeit, die sein Verfasser selbst zum großen Teil durchlebt hat, nicht langweilig und charakterlos werden soll, wenn die Dinge sich der Wirklichkeit entsprechend lebensvoll vor unseren Augen abspielen sollen, so muß der Verfasser von einem festen Standpunkte aus seine Bilder entwerfen; daß trotz alledem die notwendige Objektivität nicht verloren geht, dafür muß üns die wissenschaftliche Ehre des Verfassers Bürgschaft leisten — und das ist bei Kaufmann in vollem Maße der Fall. Getrost dürfen wir uns seiner Führung anvertrauen, auch dann, wenn er durchaus von der landläufigen Auffassung und Beurteilung der Ereignisse abweicht. Kaufmann hat nicht von neuem die politischen Archive durchforscht und doch bietet uns seine Darstellung überraschend viel Neues; denn mehr als irgend ein Gelehrter vor ihm hat er sich darin vertieft, das politische Fühlen der verschiedenen Generationen aus den Aeußerungen der Tages- litteratur, aus Aufzeichnungen und Korrespondenzen einzelner Männer, die im öffentlichen Leben standen, aus Volks- und Parlamentsreden zu erkennen und darzulegcn. Damit wird er aber den Strömungen vergangener Jahr-
Ter dritte Tag der Jahresversammlung in Hamburg war einer Besichtigung des Rathauses und einer Fahrt durch die Häfen, abschließend mit gemeinsamem Mittagessen im Blankeneser Fährhause, gewidmet. Die fremden Gäste nahmen in großer Zahl daran teil. Etwa 80 Personen fanden sich um 8 Uhr im Rathause ein und durchwanderten die Hallen, Säle und Stuben unter Führ- vvg von Herreri und Damen des Hamburger Komitees.
Um 11 Uhr wurde dann von der Rosenbrücke aus die Elbfahrt auf einem Hafendampfer angetreten. Zunächst legte das Schiff an den neuen Postdampfer „Kap Roca" der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschiffahrtsgesellschaft an, der neben dem Kaiserquaispeicher im Strom vertäut lag. Die Direktion der Gesellschaft hatte in gewohnter Liebenswürdigkeit eine Besichtigung des schönen auf der Reiherstieg-Schiffswerft und Maschinenfabrik-A.-G. erbauten Dampfers gestattet, die unter Führung der Offiziere stattfand und den fremden Gästen große Freude machte.
Dann wurde der Hafendampfer wieder bestiegen und eine Fahrt elbaufwärts durch den Segelschiffhafen und bis zur Eisenbahnbrücke gemacht, wo das Schiff wendete, um nach Blankenese zu fahren. Um 5 Uhr wurde die Heimfahrt nach Hamburg angetreten. Unter lebhafter Unterhaltung, in der alles Erlebte nochmals durchgesprochen wurde, legte die Gesellschaft die Elbfahrt zurück. Bei der Landung in Hamburg trennten sich alte und neue Freunde mit warmem Händedruck und dem Wunsche, sich bei der nächsten Jahresversammlung wiederzufinden.___________
Aus Stadt und Land.
Gießen, 2. Oktober 1900.
• • Silberne Hochzeit. Herr Pfarrer Schlosser feierte heute das Fest seiner silbernen Hochzeit. Aus diesem Anlaffe brachte ihm gestern Abend die Knaben-Chorschule unter der Leitung des Herrn Görlach ein Ständchen, während der evangel. Kirchengesangverein, dessen Gründer und Vorsitzender der Jubilar ist, es sich ebenfalls nicht nehmen ließ, ihn heute früh unter der Führung des Herrn Trautmann durch den Vortrag einiger Lieder zu erfreuen.
* * Stadttheater. Am Mittwoch gelangt Blumenthal- Kadelburgs reizendes vieraktiges Lustspiel „Mauerblümchen" zur Aufführung. Als erste Novität dieser Saison befindet sich Pohl's indisches Märchen in 5 Akten „Vasantasena" in Vorbereitung.
• • Hessische Handelskammer. In diesen Tagen gelangt an sämtliche Innungen, gewerbliche Fachvereinigungen usw. des Kammerbezirks ein Rundschreiben, worin um Unterstützung in allen das Handwerk berührenden Fragen ersucht wird. Da eine Hauptaufgabe der Kammer zunächst die nähere Regelung des Lehrlingswesens sein wird, wünscht man die Ansichten der Handwerker bezüglich der Zahl der zu haltenden Lehrlinge, Dauer der Lehrzeit usw. zu hören. Die bezüglich Besteuerung der Luxuswagen vorgebrachten Beschwerden scheinen nach den fiatt- gehabten Ermittelungen zum Teil ihre Bestätigung gefunden zu haben. — Eine ganze Reihe von Eingaben in Betreff des Submissionswesens beschäftigte zurzeit das Sekretariat der Kammer und kommt dieser Tage bei der Regie
zehnte ungleich besser gerecht, als wenn wir diese, zu Thatsachen verdichtet, den politischen Akten der Archive entnehmen und dann aus unserer Zeit heraus beurteilen wollen. Ich denke hierbei besonders an die Charakteristik der Jahre 1848 und 1849 und an die Konfliktszeit der 60 er Jahre. Tas absprechende Urteil, in dem unsere jüngste Generation über die Kämpfer des „tollen Jahres" erzogen zu werden pflegt, dürfte sich wesentlich ändern, wenn man die führenden Geister jener Zeit so lebendig vor sich sieht,, wenn man die seit den Freiheitskriegen garenden Ideen so logisch und konsequent entwickelt findet, wie das in Kaufmanns Werk der Fall ist; ja selbst die Ausschreitungen werden uns menschlich verständlich, wenn wrr sie mit Kaufmann an den jahrzehntelangen Widerstanden messen, durch welche die alte Begeisterung für ein deutsches Vaterland in Haß gegen die widerstreben- den Regierungen und Behörden verwandelt war.
Wenige Stellen aus Kaufmanns Buche genügen, um seinen Standpunkt zu kennzeichnen. Bei der Schilderung des Wirkens und des Leidens der Zeitgenossen Rottecks und Dahlmanns spricht er von der langjährigen Kerker haft Sylvester Jordans und führt dann fort: „lieber die Leiden der Verfolgtes und Verachteten find nicht viel Worte zu inachen. Der Kampf fordert Opfer. Aber daß sie aushielten im Kampfe, und daß sie mit Geschick gesttttten haben, das ist der Ruhm dieser Liberalen und gab ihren Leiden Frucht. . . Die Mängel der Er-


