rang zur Vorlage. An die Kammer gerichtete Eingaben fordern besonders bei Vergebung von Bauarbeiten die Berücksichtigung der Steinindustrie im Odenwald und hessichen Neckarthal, an deren Stelle vielfach die Pfälzer Steinindustrie vorgezogen werdej
•* Die nächste Feldbriefpost nach China geht von Berlin am Freitag dem 5. Oktober ab. Briefe und Karten, welche mit dieser Gelegenheit befördert werden sollen, find so zeitig zur Post zu geben, daß sie spätestens am Freitag Morgen um 10 Uhr dem Marine-Postbureau in Berlin vorliegen.
** Zum Dienstboteuwechsel sei darauf aufmerksam ge- * macht, daß nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch minderjähriges Gesinde (unter 21 Jahren) zu seiner Vermietung des gesetz. liehen Vertreters, Vaters, Vormundes u. s. w., jedesmal von neuem bedarf, also auch dann, wenn es bereits einmal im Dienste gewesen ist.
-d- Nieder-Ohmeu, 1. Oktober. Aus der Allgemeinen Ausstellung für Kochkunst und Genußmittel, Armeeverpfle« gung und Volksernährung welche vom 22. September bis 1. Oktober l. I. zu Straßburg im Els. stattsand, erhielt die Molkereigenossenschaft Nieder-Ohmen sür ausgestellte Süßrahmbutter und Salzbutter die goldene Medaille.
-g- Hainichen, 1. Oktober. In der hiesigen Gemeinde, in der bereits seit langen Jahren ein besonders reges Interesse für die Mission vorhanden ist, fand gestern das Missionsfest des Dekanats Büdingen statt. Fast sämtliche Häuser der Hauptstraße waren aus diesem Anlaß mit Kränzen und Guirlanden prächtig geschmückt. Der Gottesdienst begann um einhal-b 3 Uhr. Pfarrer H e u - ßel-Rodenbach predigte in der bis auf den letzten Platz besetzten Kirckst auf Grund von Mt. 5, 13 über Notwendigkeit und Segen der Mission. In einer Nachversammlung im ^Reichard schen Saale über die Thätigkeit der Mission in Südafrika und China, sowie über die Pflicht der Unterstützung dieser Arbeit:' Pfarrer Uhrig - Altenstadt, Dekan Göbel-Büdingen, Pfr. Bär-Lindheim sowie der Ortsgeistliche Pfr. Hartmann. Besonders trugen zur Verschönerung des Festes die vorzüglich eingeübten, mehrstimmigen Gesänge der Oberklasse unter Leitung des Lehrer Fleischhauer bei. Die Kollekte im Betrage von über 38 Mark wurde der Baseler Mission überwiesen. Tas namentlich Dank der allgemeinen und freudigen Beteiligung der Gemeinde Hainichen sehr schön und anregend verlaufene, auch von den benachbarten Orten stark besuchte Fest wird wohl allen Teilnehmern noch lange in bester Erinnerung bleiben.
Darmstadt, 1. Oktober. Wie der „Tägl. Anz." aus Pans erfährt, hat der Groß her zog nicht in der Stadt selbst, sondern in deren Nähe Wohnung genommen. Den Tag verbringt der Großherzog meist in der Ausstellung, die er mit großem Interesse besichtigt. Wenn der Großherzog auch im strengsten Jncognito eines „Grafen Starkenburg" reist, so erregt er doch, wo er beim Erscheinen erkannt wird, als Bruder der Kaiserin von Rußland das besondere sympathische Interesse der französischen Bevölkerung.
Offenbach, 1. Oktober. Im hiesigen Amtsgericht fand heute Vormittag unter Vorsitz des Gerichtsassessors Strack auf Antrag der Hauptgläubigerin, der Bergisch- Märkischen Bank, öffentlicher Termin statt zur Versteigerung der zu dem Fürstlich I s e n b u r g - B i r - steinischen Fideikommiß gehörigen, in Offenbach gelegenen Grundstücke, sowie des in der Gemarkung Forst-- Dreieich gelegenen Waldes. Tie fürstliche Familie wurde durch Ministerialrat Braun, die Bergisch-Märkische Bank durch Justizrat G u t f l e i s ch und Assessor Tr. Wolf vertreten. Außerdem hatten sich eine Anzahl Steigerungsliebhaber und ein größeres Publikum, darunter Fürst Löwenstein-Heubach, cingefunden, um dieser in -*rer Art glücklicherweise nur seltenen Versteigerung bei- z wohnen. Die hessische Regierung, die bekannt- Üch als Mitbieterin auftreten wollte, war durch Mi- tristerialrat Wilbrandt und Oberfinanzrat Fuchs vertreten. Nach Verlesung der Versteigerungsbedingungen, aus denen erwähnenswert ist, daß die Holzgerechtsame für die Gemeinden Isenburg und Sprendlingen, sowie die bereits in Geld umgewandelte Gerechtssame der beiden evangelischen Pfarreien in 'Offenbach dem Steigerer zur Last fallen, erklärte Rechtsanwalt Schimmelpfeng zu Protokoll, daß er Namens des Grafen Jsenburg-Philipps- eich und des Prinzen Maximilian von Isenburg-Wächtersbach Rechte geltend mache, die ihnen an den zu versteigernden Grundstücken zustehen. Alsdann wurde in die Versteigerung eingetreten, und zwar kamen zunächst Grundstücke und Parzellen einzeln zum Ausgebot. Für Schloß und Schlachthaus, die mit 60000 Mark abgeschätzt sind,
blieb die Stiibt Offenbach mit 45 000 Mark Höchstbieterin. Auf das Hausgrundstück Ecke Frankfurter- und Kaiserstraße nut einem Taxwert von. 220000 Mark wurde sehr lebhaft geboten; die Stadt Offenbach machte hier das Höchstgebot mit 228 000 Mark. Tie anderen (Änzelgebote auf Wiesen usw. bieten weniger Interesse. — Nunmehr wurde der gesamte Grundbesitz geschlossen ausgeboten. Tie Bergisch-Märkische Bank machte ein Erstgebot in Höhe ihrer Forderung mit 7 490000 Mark, worauf die Vertreter der hessischen Regierung ein Gebot von 7 491000 Mark ab- gaben. Ein höheres Gebot ist nicht erfolgt, so daß der hessische Staat Meistbietender blieb, ein Resultat, das unter dem Publikum große Befriedigung erweckte und mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurde. Damit sind auch die vorher abgegebenen Einzelgebote hinfällig geworden, und der Stadt Offenbach wird es überlassen bleiben, über die Erwerbung der für sie wertvollen Grundstücke mit der Regierung zu unterhandeln.
Mainz, 1. Oktober. Wie die „M. N. N." der „Daily Mail" entnehmen, hat Ad. Görz, seither Teilhaber Her Firma A. Görz u. Co. in London, seiner Vaterstadt Mainz die Hälfte seines Vermögens im Betrage von ea. 400 000 Mark für wohlthütige Zwecke testamentarisch vermacht.
, Wetzlar, 1. Oktober. Zur Landtagswahl wird dem „Wetzl. Anz." geschrieben: Regierungspräsident a. D. v. T i e s ch o w i tz hat erklärt, aus Gesundheitsrücksichten eine Wahl zum Landtag n i ch t a n n e h m e n zu können. Nachdem somit dieser Wahlvorschsag, der von einigen Einwohnern des Kreises angeregt war, gegenstandslos geworden ist, wird die schon mehrfach von 'den verschiedensten Seiten und von Männern aller nationalen Parteien empfohlene Kandidatur des Bergwerksdirektors und Kreisdeputierten Ludwig Roth wieder in den Vordergrund gerückt. Herr Roth ist ein unabhängiger Mann, der durch sc:ne langjährige praktische Thätigkeit im Kreis und in de. Kreisverwaltung mit allen unseren wirtschaftlichen Verhältnissen auf das genaueste bekannt ist. Er weiß, daß der Kreis Wetzlar, in dvm Landwirtschaft und Industrie in so inniger Berührung stehen, wie kaum sonst wo, nur gedeihen kann, wenn beide Faktoren blühen. Er wird infolge dessen beiden die gleiche Aufmerksamkeit widmen. Ter Kreis Wetzlar hat in Hen letzten Jahren einer wirklichen Vertretung im Landtag überhaupt entbehrt. Unsere Wünsche nach notwendigen Besserungen, namentlich hinsichtlich der Schaffung neuer Verkehrsmittel zur Aufschließung des Kreises, haben an der zuständigen Stelle infolge Erkank- ung unseres früheren Vertreters nicht einmal mehr vorgetragen werden können. Ein Staatsbeamter ist durch seine Stellung und seine anderweiten Pflichten zu solcher Spezialfürsorge wenig geeignet. Tagegen kann Herr Direktor Ludwig Roth um so mehr wirken, gls er schon seit Bestehen des Landeseisenbahnrats demselben angehört und dadurch mit den Verkehrsbehörden bis in die höchste Instanz die wünschenswerte Fühlung hat.
Marburg, 1.Oktober. DerOberhessische Tourifteu- Verein unternahm gestern bei herrlichstem Wetter seine diesjährige neunte Programm-Tour. Mit dem Zuge um 7 Uhr morgens begaben sich über 30 Teilnehmer über Gießen nach Lich. Dort wurde zunächst die schöne, altertümliche Kirche mit ihren zahlreichen Grabdenkmälern des Lich-Solmser Hauses, sowie später der schön gepflegte Park besichtigt. Von da aus begann die Wanderung nach Kloster Arnsburg mit seinen interessanten Baudenkmälern und weiter nach dem Römerkaschll Altenburg. Dann führte der Weg weiter der Römerstraße entlang nach der Ruine Münzenberg. Nachdem dort alles Sehenswerte eingehend besichtigt, begab man sich nach Butzbach. Vom dortigen Marktplatz aus bewunderte man durch eine enge Straße gleichsam als herrliches Gemälde die Ruine Münzenberg in den Strahlen der untergehenden Sonne. Kurz vor 8 Uhr benutzte man .von Butzbach aus die Eisenbahn zur Heimfahrt.
** Kleine Mitteilungen aus Heften und den Nachbarstaaten. In Leun verunglückte Bergverwalter Faßbender mit seinem Fuhrwerk aus der Chaussee zwischen Leun und der neuen Brücke. Das Pferd scheute und sprang links die Böschung hinab, wobei die Insassen aus dem Wagen geschleudert wurden. Alle anderen kamen mit dem Schrecken davon, aber Herr Faßbender stürzte unglücklich und zog sich schwere Verletzungen zu, so, daß er noch nachts zwischen 1 und 2 Uhr verstarb.
Vermischtes.
* Köln, 1. Oktober. Zwei Straßenräuber überfielen in der Nähe des Sportplatzes einen Mann, be-
raubten ihn seiner Barschaft, Uhr und Kette und warfen: ihn alsdann in den Rhein. Hierauf entflohen die Thäter. t; V-’ i°mite sich durch Schwimmen ans Ufer rettens brach aber dann zusammen und wurde durch einen des! geführt ^ommen^cn Schutzmann ins Bürgerhospital über-- . * e* y11i Oktober. Der durch Gesetz vom 25. No
vember 1899 geschaffene ärztliche Ehrengerichts- h o f hielt heute unter dem Vorsitz des Dirigenten pev Medizinalabteilung, Geh. Rat Förster, im Kultusministe- rmm seine erste Sitzung ab. Mitglieder sind gegenwärtig Geh Sanitätsrat Lent-Köln, Geh. Sanitätsrat' Bartels- Berlm, Sanitätsrat Witte-Berlin, Sanitätsrat Körner- Breslau, Professor Loebker-Bochum und Dr. Lievin-Danzia.
* Karlsruhe, 30. September. Im benachbarten Kni elin g en ist abermals ein Blattern fall konstatiert worden. Das Bezirksamt erläßt deshalb eine lehrung über die Blatternkrankheit und die Anzeigepflicht.
Universität und Hochschule.
— Prof. Dr. Rubner, der Nachfolger Robert Kochs in der Leitung des hygienischen Instituts an der Universität Berlin, hat einen Rus an die Universität Heidelberg als o. Professor der Physiologie an Stelle Wilhelm Kühnes erhalten. Prof. Rubner hat die Berufung abgelehnt. — Von der Berliner philosophischen Fakultät sind als Nachfolger von Hermann Grimm außer Prof. Henry Thode-Heidelberg auch Prof. F. Wickhoff- Wien und Pros. Heinrich Wolfs! in-Basel, ein Schüler von Jakob Burckhardt, vorgeschlagen worden. Eine Entscheidung ist noch nicht erfolgt. — Der a. o. Professor an der Universität München Dr. I. N.Oeller wurde an Stelle von Prof. Eversbusch zum o. Profesior der Augenheilkunde und Direktor der Augenklinik an der Universität Erlangen ernannt. — Prof. Schumacher-Kiel nahm einen Ruf an die Universität Bonn als Lehrer der Nationalökonomie an. — Der Botaniker Albert Bernhard Frank, langjähriger Profesior an der Berliner landwirtschaftlichen Hochschule, gleichzeitig auch Vorsteher der biologischen Abteilung für Land- und Forstwirtschaft beim Kaiser!. Gesundheitsamt, ist im Alter von 60 Jahren gestorben. — Wie au& Brünn berichtet wird, ist dort Dr. Rudolf v. Sowa, Professor am ersten deutschen Staatsgymnasium, einer der bedeutendsten Linguisten Oesterreichs und besonderer Kenner der Zigeunersprache, im Alter von 47 Jahren gestorben.
Sport, Spiel, Jagd.
Mainz, 1. Oktober. Das gestrige Radwettfahren auf dem' hirstgen Sportplatz war vom schönsten Wetter begünstigt. Die Nennm gingen ohne jeglichen Unfall glatt von statten und nahmen ?nnnr^ gutem Besuche folgenden Verlaus: 1) Erstfahren,
Meter, 3 Ehrenpreise. Nach 3 VorlSufen 1. v. Zastrow Main,» 2. Bohl-Darmstadt, 3. Jhrig-Darmstadt. — 2) Ermunterungsfahren, 1000 Meter, 3 Ehrenpreise. Nach 3 VorlSufen 1. Schneider- Pirmasens, 2. Schmidt-Ludwigshafen, 3. Giere Mainz. - 3) Großer Preisvon Mainz, 2600 Meter, 3 Ehrenpreise. Nach 7 VorlSufen, 1 BefShigungslauf und 2 Zwischenläufen im Entscheidungslaus: 1. Cerrato-Turin, 2. Dutll-Gteßen, 3. Gottron-Mainz. — 4) Vorgabefahren, 1000 Meter, 3 Ehrenpreise. 1. Möder-Frar.k- furt a.M. (0 Meter), 2. G?Sf Frankfurt a. M. (40 Meter), 3. Gierer- Mainz (50 Meter). — 5) Sportplatzrennen mit Vorgabe 1000 Meter, 3 Ehrenpreise. 1. Drescher-Mainz (0 Meter), 2. Pagel- Bockenheim (60 Meter), 3. Dauth-Mainz (80 Meter). - Jugendfahren mit Vorgabe, 1000 Meter, 3 Ehrenzeichen. 1. Schamer- Zngelheim (0 Meter), 2. Schlüssel-Mainz (0 Meter), 3 Dürings WormS (0 Meter). — 7. Tandemhauptfahren, 1000 Meter. 3 Ehrenpreise. Nach 2 VorlSufen, 1. Möder G/3s-Frankfmt a. M. 2. Fürst Mainz und Cerrato-Turin, 3. Dutll-Görtz-Gteßen.
Handel und Verkehr. Volkswirtschaft.
Frankfurter Börse vom 1. Oktober.
Wechsel auf New-York zu 0.00-00.
Frkmless auf Kredit per ult Okt, 2.10%, do. per ult. Novbr. 3.10%, Diskonto-Kommandit per ult, Okt 2.10%, do, per ult Novbr. 3.10%, Lombarden per ult Okt. 0.85 %, do. per ult Novbr. 1.20%. Deutsche Bank 0.00%,
Notierungen: Kreditaktien 200.80-30-50, Dfekonto- Kommandit 168.40-168.168.40 Staatsbahn 139.70-00.00, Lombarden 25.10-00, Italiener 93 50, Spanier 71.30-00, 8pro«. Mexikaner 25.20# Bochumer 171.70-000.00 bz., Laura 192 80-191.50 bz., Harpener 177.00-00000 bz., Gelsenkirchen 188.90-000.00 bz., Privat-Dis ~ kont 4%%.
1% bis 2% Uhr: Kreditaktien 200.50-201.60-00 bz., Dfa- koato-Kommandit 168.60-169.80.00’bz., Staatsbahn 139.70-00 bz. Lombarden 25.10-00.00 b., Laura 000-00, Berliner Handelsgesellschaft 000.00 bz., 3proz. Mexikaner 00.00 bz , 3proz. Portugiesen 00.00-00 bz., Ottomanbank 000.00 bz., Bochumer 000.00 bz, Deutsche Bank 182.70-3.50 bz., Harpener 175.80 bz.
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Giessen, Kirchenplatz 11.
Markus Bauer.
tenntnis oder die Schwächen der Persönlichkeit, die wir heute bei Jordan in Hessen, Rotteck in Paden, Wirth und Bahr in Baiern, Christiani in Hannover, und all den anderen meist längst Vergessenen zu bemerken glauben, geben uns kein Recht, darum die historische Bedeutung ihres Wirkens und die Reinheit ihres Strebens geringer zu schätzen". Von Ueberschätzung dieser Reihe politischer Männer ist also, wie man sieht, keine Rede. Kaufmann steht mit Herz und Sinn auf Seiten der Politiker des linken Zentrums, mißbilligt die Ausschreitungen der Radikalen, aber, so fügt er bei der Schilderung der Denunziation und der Ordenssucht der Regierungs - Anhänger hinzu, „tu dem Kampfe gegen solche Gewalt und Niedertracht waren Kämpfer aller Art notwendig, nicht blos Kämpfer von der vornehmen und jeden Schritt sorgfältig wägenden Art Duhlmanns, sondern auch dreistere und rücksichtslosere Männer. .Häuften sie im Augenblick die Not, so häuften sie auch die Zahl der Märtyrer und häuften die Last der Schuld, die den Tag der Sühne beschleunigte. Sie haben vielfach erst das Eis gebrochen, denn sie erregten Angst und Sorge bei den Regierungen, die eine ruhigere Opposition spöttisch ignoriert hätten. Mut war aber in den höfischen Kreisen nicht häufig zu finden, er wohnte auch schlecht bei dem bösen Gewissen und bei dem verbreiteten Gefühl, daß ihr Regiment auf die Dauer nicht zu halten sei". Dies als Probe für den Stil und Sinn des Werkes.
Tüchtigkeit und Charakterfestigkeit weiß der Verfasser
im Lager der Junker ebenso voll zu würdigen und anzuerkennen wie auf der linken Seite. Der alte Marwitz, die politische Gesinnung Ports und Roons erfahren «volle Gerechtigkeit, ja selbst am berüchtigten Schmalz erkennt Kaufmann an, was an ihm anzuerkennen war. Hinweisen möchte ich noch auf das meisterhafte Einleitungskapitel, das die Jämmerlichkeit der politischen Zustände um pie Wende des 18. zum 19. Jahrhundert schildert, gleichzeitig aber auch mit außerordentlicher Feinheit hervorhebt, wie in be<\ sittlichen und religiösen Richtungen jener Zeit nationale Momente lagen. Und wie gerecht der Verfasser urteilt, das zeigt unter vielem anderen der Schlußsatz, den er der Beurteilung jener traurigen politischen und sozialen Zustände im Zeitalter des „patriarchalischen Absolutismus" hinzufügt: „Aber doch ist es die Form gewesen, die uns aus dem Wirrwarr des aufgelösten Lehnsstaates wieder zu staatlicher Ordnung gelangen ließ; was an staatlicher Ordnung vorhanden war, lehnte sich an die Person der Fürsten an". Die Objektivität zeigt sich auch in der Beurteilung der Franzosenzeit. Der Verfasser erkennt rückhaltlos an, welchen Segen das kurze französische Regiment in Rheinland und Westfalen quch für die Allgemeinheit dadurch gestiftet hat, daß der Deutsche zum ersten Male eine einheitliche geregelte Verwaltung kennen lernte, die die Privilegien aufhob iunb eine gesicherte Rechtsprechung einführte. Von besonderem Werte sind die Kapitel, die der Entwickelung ländlicher Zustände gewidmet werden; mit deren Schilderung bietet
Kaufmann Gesichtspunkte, die bisher in politischen Geschichtswerken arg vernachlässigt waren: Durch die Bauernbefreiung von 1807 hatten sich Zustände ergeben, durch welche die Gutsbesitzer schwer geschädigt wurden. Mit den Edikten von 1811 und 1816 sollte dem abgeholfer? werden. Thatsächlich bewirkte aber nur die Deklaration von 1816 das genaue Gegenteil von der ursprünglichen Absicht des Gesetzgebers; denn durch diesen Erlaß wurde dem Bauer das Recht der Ablösung fast völlig genommen. Selbst das Land, das es bis dahin als freies Eigen besessen hatte, verfiel dem Verfügungsrechte des Gutsbesitzers. Entsetzliche Härten ergaben sich und vielfach mußte die Bauernschaft Haus und Hof verlassen, da der Gutsherr das Recht erhalten hatte, auf diesem ,,Gefmde- land" einzusetzen, wenn er Lust hatte. Sv ist die Sterw- sche Reform für die Landgemeinden an der real:tionaren Bewegung der Folgezeit und an der unschlüssigen oder schwächlichen Haltung Friedrich Wilhelms III. völlig gescheitert. Hervorragend sind auch die Abschnitte über die Bildung der Parteien und die Charakteristik der Generation von 1815 bis 1840 Das Gothaer Parlament wird gegen die Vorwürfe der Feigheit und Treulosigkeit, die ihm gemacht worden sind, trefflich verteidigt; mit kräftigen Strichen wird die Persönlichkeit Bismarcks gezeichnet- milde und Ehrfurcht gebietend steht Kaiser Wilhelm vor uns und verliert durchaus nicht pn Verehrung und Liebe wenn er auch nicht als „der Große" erscheint-


