Ausgabe 
2.3.1900 Erstes Blatt
 
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Die Uitlarrder in Johannesburg.

1 Die in Johannesburg erscheinendeSüd-Afrikanische Zeitung" giebt in ihrer uns soeben zugehenden Ausgabe vom 13. Januar eine Schilderung der infolge des Krieges drohenden Notlage in Johannesburg. Das Blatt schreibt folgendermaßen: Der Mangel scheint sich schon bemerkbar zu machen. Milch, passee und Seife z. B. haben einen un­erschwinglichen Preis erreicht. Zucker ist m der Stadt nicht mehr zu haben. Von Woche zu Woche wird der Vor­rat knapper, und der Zeitpunkt ist allerdings nicht mehr fern, wo ein gänzlicher Mangel an den notwendigsten Lebensmitteln eintreten wird. Am meisten leidet darunter zunächst der Mittelstand. Die Armen werden noch von den Komitees versorgt; ebenso erhalten die Familien der im Kriege befindlichen Leute ihre Lebensmittel regelmäßig. Der Vorrat, den die Regierung für diesen Zweck hat, ist noch sehr groß, vielleicht bedeutender, als man sich vor­stellt.

Unter den Ausländern bilden wir Deutsche die Majo­rität. Wir haben daher alles Interesse an der wichtigen Frage. Schon vor Ausbruch des Krieges wurde die Frage aufgeworfen, ob es nicht möglich sei, für die Angehörigen des Deutschen Reiches durch Vermittelung der Konsuln Lebensmittel zu importieren. Eine Petition in diesem Sinne wurde an das Konsulat in Pretoria gesandt, doch haben die Unterzeichneten niemals wieder etwas von der Angelegenheit gehört (!).

So hart es auch immer klingt, daß nunmehr alle Aus­länder die Stadt verlassen müssen, sobald keine Lebens­mittel mehr ins Land kommen, so können wir die Re­gierung nicht tadeln, wenn sie sich aus Selbsterhaltungs­trieb zu einem solchen Schritt entschließen sollte.

Nehmen wir an, daß die Bürger der südafrikanischen Republik noch für neun Monate zu leben haben, wenn keine Ausländer im Lande wären. Blieben aber die letzteren im Lande, so würden alle Vorräte, sagen wir in fünf Monaten,' aufgezehrt sein. Wer sollte der Regierung Vorwürfe machen, wenn sie sich die Lebensmittel durch Ausweisung der Ausländer reserviert und sich dadurch die Garantie verschafft, den Kamps noch neun Monate lang führen zu können.

Bevor aber Zwangsmaßregeln angewandt werden, muß erst anderes versucht werden. Es giebt noch einen Weg, um die englische Regierung zu zwingen, den Import von Lebensmitteln zuzulassen. Die Regierung hat einige tausend englische Gefangene in ihren Händen, die eben­falls an den Vorräten mitzehren. Weshalb gebraucht man diese nicht als Druck gegenüber den englischen Ma­chinationen? Scheuen sich, die Engländer etwa, zu klein­lichen oder schmutzigen Mitteln zu greifen? Sind wir nicht von jeder Postverbindung abgebrochen? Versucht nicht die englische Regierung auf alle mögliche Weise das zu er­reichen, was sie mit Waffengewalt bisher nicht hat erzielen können? Weshalb also Rücksichten gegen einen Feind walten lassen, der selbst nicht die geringste Rücksicht nimmt? Es giebt ja gewisse Gesetze, die verhindern, die Gefangenen als Druckmittel zu benutzen. Es giebt aber auch Gesetze, die bestimmen, daß Lebensmittel keine Kriegskontrebande sind, soweit sie nicht etwa für eine belagerte Festung be­stimmt sind. Da die Republiken aber keine Festung sind, so ist das eine Gesetz von den Engländern verletzt. Es ist also für die Buren kein Grund vorhanden, ihrerseits die Gesetze zu halten. Man setze die englischen Gefangenen auf Wasser und Brot-Rationeu und gebe den Engländern, die hier Geschäfte machen, einige Wochen Zeit, um das Land zu verlassen und wir werden sehr bald wieder Lebens­mittel erhalten.

Dentsche Offiziere im Burenheere.

DieBerk. N. N." machen über die deutschen Offiziere, die im Burenheere kämpfen sollen, folgende, augenscheinlich authentische Mitteilungen: lieber die Beteiligung deutscher Offiziere an dem südafrikanischen Feldzug sind vielfach, namentlich in der englischen Presse, übertriebene Vor­stellungen verbreitet. Es mögen deshalb nachstehend einige authentische Angaben mitgeteilt sein. Nach amtlichen Er­mittelungen haben von aktiven preußischen Offizieren nur drei den Abschied nachgesucht, von denen vermutet werden konnte, daß sie bei den Buren Kriegsdienste nehmen wollten. Von diesen dreien ist der erste, der Major Frhr.

' von Reitzenstein, der nach Pretoria abgereist war, an­gewiesen worden, sich zum Dienst wieder einzufinden. Frhr. von Reitzenstein ist im Begriff, nach Deutschland zurückzukehren. Der zweite, Leutnant Gent, erhielt den Abschied bewilligt, weil er zum journalistischen Beruf über­gehen wollte. Thatsächlich befindet sich dieser ehemalige preußische Offizier als Kriegsberichterstatter deutscher Blätter in Südafrika. Der dritte der Herren, Oberleutnant Tiehsen hat, nach Ablehnung eines Abschiedsgesuches, schriftlich erklärt, er wolle nicht nach Südafrika gehen, sondern in das Geschäft seines in England wohnenden Schwiegervaters eintreten. Sollten sich sonst im Buren- 1 Heer noch Herren befinden, die sich alspreußischer Offi­zier" bezeichnen, so handelt es sich um ehemalige Offiziere, deren Verabschiedung schon vor den Kriegsereignissen in Südafrika und ohne jeden Zusammenhang mit diesem Feldzuge erfolgt war. Beispielsweise hat der kürzlich von den Engländern gefangen genommene Oberst C. v. Braun bereits im Jahre 1896 den Abschied erhalten, kann also nicht mehr alsgerman officer" bezeichnet werden. In einer Reihe von Fällen ist diese Bezeichnung von englischer Seite auch auf Personen angewendet worden, deren Namen niemals in der deutschen Armeeliste gestanden haben und die auch sonst den deutschen Militärbehörden ganz un­bekannt sind. Hin und wieder wurden als im Burenheere kämpfend auch solche Offiziere genannt, die in Wirklichkeit bei ihren inländischen Regimentern Dienst thun und die Heimat nicht verlassen haben. In einem Fall galt sogar ein zu unserer Schutztruppe nach Südwestafrika komman­dierter Offizier als Kombattant für Transvaal. Wir stellen zusammenfassend fest, daß die englischen Behauptungen überGerman officers for Transvaal", wo es sich um irgendwie noch im Armeeverbande stehende Persönlich­keiten handeln sollte, bei gründlicher Untersuchung als unzutreffend erwiesen worden sind. Daß über ehemalige Offiziere, die zum deutschen Heere keinerlei Beziehung mehr haben, die inländischen Behörden eine Kommando gewalt oder ein Behinderungsrecht nicht ausüben können, ift selbstverständlich.

Intervention!

Die Russische Telegraphenagentur meldet aus Peters­burg : Die Nachricht von der Kapitulation Cronjes ist von allen Bevölkerungsschichten mit tiefem Kummer ausgenommen worden. Soweit Preßstimmen vorliegen, ergreifen alle leidenschaftlich gegen England Partei, namentlich die leitenden Blätter sprechen die Meinung aus, Europa dürfe einer weiteren Vergewaltigung nicht länger zusehen. Der Moment zur Intervention sei gekommen. Diejenige Macht, welche die Initiative ergreife, werde sich mit unvergänglichem Ruhme bedecken. Einstimmig wird dem unvergleichlichen Heldenmute der Buren begeisterte und rückhaltlose Anerkennung gezollt, während man in dem schließlichen Siege der Uebermacht keine Heldenthat erblickt. Ein Blatt meint, den Buren gebühre das un­schätzbare Verdienst, das Phantom von der Unbesiegbarkeit der Engländer zerstört zu haben. Im übrigen wird die Ansicht ausgesprochen, daß die Kapitulation nicht für den Krieg entscheidend sei.

Aus Paris, 28. Februar, wird gemeldet: Die Blätter besprechen die Uebergabe Cronjes und äußern die Ansicht, daß der Feldzug siegreich für England endigen werde. Die Buren hätten den ungeheuren An­strengungen wie der Uebermacht der Engländer gegen­über unterliegen müssen. An einen schnellen Friedens­schluß glauben die Blätter nicht. DiePetit Republique" meint, es würden noch Ströme Blutes vergossen werden, damit Geeit Rhodes, wie über die Diamantfelder, so auch über die Goldminen von Johannesburg herrschen könne. Andere Blätter meinen, nachdem dem britischen Selbst­gefühl nunmehr Genugthuung geworden, sei der Zeitpunkt für die Intervention gekommen, bezweifeln aber, daß eine solche erfolgen werde. George Thiebaud erinnert im Gaulois" an die Depesche Kaiser Wilhelms an den Prä­sidenten Krüger und sagt, daß dem Kaiser durch diese Depesche die internationale Pflicht auferlegt sei, zu inter­venieren. Falls der Kaiser heute interveniere, würde das für die deutsch-französischen Beziehungen die glücklichste Rückwirkung haben, denn man kenne wenig den stolzen Sinn und den so bewundernswerten Edelmut der fran­zösischen Nation, wenn man annehme, daß diese un­empfindlich bleiben werde, falls Deutschland bekräftige, daß an einem Punkte der Welt das Recht durch die Macht verdrängt worden sei.

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London, 28. Februar.Daily Telegraph" wird aus Colenso telegraphiert: Freitagnacht machte die irische Bri­gade mehrere mutige aber vergebliche Versuche, die Buren aus ihren uneinnehmbares Schanzgräben bei Pieters zu vertreiben. Die Kompagnieen der Jnniskillings-Füsiliere wurden fast vernichtet. Einer weiteren Meldung zufolge verloren die Jnniskillings-Füsiliere 14 von 17 Offizieren. Die Buren versuchten die englische Flanke zu umgehen. Schwere Kämpfe dauern fort. Sonntagabend wurde ein Waffenstillstand abgeschlossen, um die beiderseitigen Toten zu beerdigen. Nach Beendigung des Waffenstillstandes machten die Buren einen Angriff auf Fort Wylie. Schweres Feuer dauerte mehrere Stunden lang an, unsere Positionen wurden jedoch behauptet.

Berlin, 28. Februar. DerLokal-Anzeiger" meldet aus London: Die Engländer hielten die ganze Nacht unter schrecklichen Verlusten aus. Beim Namens-Aufruf ant­worteten nur 5 Offiziere und 400 Mann. 252 Mann sind tot oder verwundet.

Berlin, 28. Februar. DasBerliner Tageblatt" meldet aus Brüssel: Die hiesigen Transvaal-Kreise drücken ihre Verwunderung darüber aus, daß Lord Roberts die Anzahl der Gefangenen bei der Kapitulation Cronjes blos auf 3 bis 4000 angiebt, worin noch Frauen und Kinder, welche sich im Lager befinden, mit inbegriffen sind. Da Cronje über 10 000 Mann verfügte, muß es einem großen Teile seiner Truppen gelungen sein, zu entkommen. Man nimmt an, daß während der Kämpfe um Paardeberg 2000 Buren den Heldentot fanden.

* * *

Telegramme desGießener Anzeiger".

London, 1. März.Daily Mail", welche gestern die Kriegslage in sehr optimistischer Weise besprochen hatte, rät heute morgen, die Erfolge der Generäle Buller und Roberts nicht zu überschätzen. Auch die übrigen Blätter sind derselben Ansicht und beginnen die Frage zu diskutieren, ob die Buren sich nunmehr vollständig unter­werfen werden. Die konservativen Blätter fordern die Be­setzung von Pretoria und die vollständige Niederwerfung der Buren, bevor man an Frieden denken könne.Daily Chroniele",Daily News" undMorning Leader" sagen, es sei unmöglich, jetzt Frieden zu schließen.Morning Leaoer" erklärt, eine Annexion der Buren-Republiken sei sehr gefährlich.

London, 1. März. Nach Meldungen aus Buren- Quellen sind die Präsidenten Krüger und' Stein entschlossen, den Krieg 'bis aufs äußerste fortzusetzen. Die Buren haben, nachdem sie den größten Teil des Belage­rungsparkes vor Ladysmith in Sicherheit gebracht, frei­willig Pietershill geräumt. Dieselben ziehen sich jetzt auf die Pässe, welche die Uebergänge nach Transvaal und dem Oranje-Freistaat bilden, zurück. Dort sollen dann die letzten Kämpfe stattfinden.

Berlin, 1. März. DasBerliner Tageblatt" meldet aus Brüssel: Soweit zuverlässige Nachrichten vorliegen, verlor General Cronje in den Kämpfen um Paardeberg vom 17. bis 26. Februar ungefähr 1000 Mann. Als ^er den Rückzug auf Magersfontein antrat ,betrug seine Heeresstärke 10 000 Mann. Da nur 3000 gefangen sind, müssen 6000 entkommen sein. Man vermutet, daß dieselben zu der Division Botha stießen. Letztere kam zwar nicht zu spät an, war aber schon zu schwach, um Cronje zu entsetzen. Hier herrscht die Ueberzeugung, daß die Fort­dauer des Krieges unvermeidlich ist. Präsident Krüger wird keine Friedensbedingungen annehmen, welche die Un­abhängigkeit der beiden Republiken berühren. Auch eine Friedens-Vermittelung hält man momentan für aus­sichtslos. Nur die Initiative des Präsidenten Mac Kinley könnte in London Gehör finden.

Berlin, 1. März. DieVossische Zeitung"" meldet ans London: Militärische Sachverständige sind der An­sicht, daß nach der Einnahme des Pietershill Ladysmith

so gut wie entsetzt sei. Die Operationen zur Ver-?1 treibung der Buren vom Bulwana-Berg würden weder verlustreich noch schwierig sein, da der Berg leicht umgangen werden könne. Ter Pietershill sei der Schlüssel, >urch welchen General Buller jeden Augenblick die letzten Schwierigkeiten beseitigen könne, welche der Entsatz-Armee noch im Wege stehen.

Deutscher Reichstag.

156. Sitzung vom 28. Februar. 1 Uhr.

Tagesordnung: 3. Lesung des Antrages Winterer und Gen. (Els.) auf Aufhebung des Diktaturparagraphen in Elsaß- Lothringen.

Abg. WetterlS (Els.) tritt für den Antrag ein und stellt alsdann fest, daß Prinz Alexander Hohenlohe sowohl in dem Wahlaufruf Tom 11. Juni 1898 wie auch mündlich in einer Wahlversammlung tn Hagenau versprochen habe, für Aufhebung des Diktaturparagraphen einzutreten. Andernfalls würde auch Prinz Hohenlohe keinesfalls ge, wählt worden sein, um so weniger angesichts seiner hohen amtlichen Stellung, die er auch wohl nur erlangt habe, weil er der Sohn

Präsident Graf Ballestrem, lebhaft klingelnd und den Redner unterbrechend, bemerkt, der Herr Abgeordnete dürfe wohl den Prinzen Hohenlohe in seiner Stellung als Abgeordneter sachlich in angemessener Weise angreifen, aber diese persönlichen Beziehungen und amtlichen ge­hörten hier nicht zur Sache.

Abg Wetterlö (Els.) fortfahrend, erwähnt, daß bei der Wahl in Colmar ein Brief des Statthalters eingetroffen sei, worin gestanden habe:Wenn Preiß nicht,gewählt werde, würde binnen 3 Monaten der Diktaturparagraph fallen." (Rufe: Hört! Hört!). Redner verbreitet sich dann über die Preßzufiände unter dem Paragraphen und betont, daß er selbst einmal von derHeimat", dem Organ des Statthalters, der berufene Nachfolger des Guillotineurs Eulogius Schneider genannt worden sei. (Heiterk.).

Geh. Rat Halley bestreitet, daß in dem Briefe des Statthalters ähnliches, wie Borredner behauptet, gestanden habe.

Abg. Roellinger (Els.) erklärt, im Namen des gesamten elsässisch-lothringischen Klerus erhebe er feierlichen Protest gegen die neulichen Aeußerungen des Reichskanzlers, daß der Widerstand der dorttgen katholischen Geistlichkeit gegen eine katholisch-theologische Fakultät in Straßburg auf französische Gesinnung zurückzusühren sei. Der Reichs­kanzler habe mit Aufrechterhaltung des Diktaturparagraphen eine Warnungstafel" aufrichten wollen. Es sei aber jetzt Zeit, endlich eine Versöhnungstafel aufzurichten. (Bravo!). Was die Kandidatur bei Prinzen Hohenlohe anlange, so wolle er, Redner, noch bemerken, daß eine solche offizielle Kandidatur in Elsaß-Lothringen nicht mehr möglich sein könne.

Nunmehr wird mit großer Mehrheit der Antrag ange- nommen. Für denselben stimmten auch vereinzelte Deutsch- Konservative.

Es folgt die Beratung des Antrages Küchly und Gen. (Gesetzentwurf) betr. Einführung des Reichstagswahlrechts bei den Wahlen zum elsässisch-lothringischen Landesausschuß:

Abg. Winterer (Els.) begründet den Antrag, Abg. Küchly (Els.) empfiehlt denselben.

Abg. Büsing (nl.) äußert sich namens seiner Freunde gegen den Antrag.

Abg. G roeber (Zentt.) meint, die Behauptung, daß in Elsaß- Lothringen -deutschfeindliche Bestrebungen die Oberhand nach Annahme des Antrages gewinnen würden, sei ganz unerwiesen. Lieber gar keine Volksverttetung, als nur den Schein einer solchen.

Abg. Bebel (Soz.) kann sich nicht darüber wundern, daß die Natienalliberalen einem solchen Anträge entgegen seien. Bon dieser Partei sei ja nichts anderes zu erwarten. Gerade in Elsaß-Lothringen bedeute die Einführung des allgemeinen Wahlrechts nur die Wiederher­stellung eines alten Rechtes.

Abg. Sargmann (frs. Bp ) erklärt die Zustimmung seiner Part^. zu dem Anträge.

Abg. Delsor (Els.) tritt für den Antrag ein. Die elsässisch- lothringische Regierung sträube sich gegen Verzicht auf das bestehende Wahlrecht hauptsächlich deshalb, weil letzteres Wahlbeeinflufsungen zulafse.

Den Antrag wird angenommen.

Es folgen noch Petitionen.

Bei der Petition betr. die kommunale Besteuerung der Konsumvereine empfiehlt Abg. Bebel (Soz.) seinen Antrag, die Petition dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen (statt, wie die Kommission beantragt, über dieselbe zur Tagesordnung überzu« gehen). Es sei unverantwortlich, die Konsumvereine als großkapitalistische Vereinigungen anzusehen und als solche besonders scharf zu besteuern. Die üble Lage des Kleinhandels entspringe nur der ungemein großen Konkurrenz, die sich die Kleinhändler untereinander machten. Deshalb sei auch dieses ganze Vorgehen gegen die Konsumvereine ein Schlag ins Waffer, der den Kleinhändlern gar nichts helfe.'

Abg. Gröber (Zentr.) ist mit dem Anträge der Kommission auf Uebergang zur Tagesordnung einverstanden, weil eine etwaige über­mäßige Höhe der Umsatzsteuer das Reich nichts angehe, sondern viel­mehr Sache der Einzelstaaten sei.

Abg. Oertel-Sachsen (kons.) ist ebenfalls für den Kommissions« antrag und bestreitet gegenüber einer Aeußerung bes Abg. Bebel, daß der Bund der Landwirte als solcher mit dem Vertrieb der sog. Pldtz- zigarre etwas zu thun habe. Er, Redner, sei persönlich mit einer staffel- förmigen Gewerbesteuer, je nach der Größe der Betriebe, einverstanden. Es sei endlich Zeit, aus den Schnürstiefeln des Manchestertums heraus zukommen und große Mittel zu wählen, um den Mittelstand zu erhalten. Der Mittelstand sei viel wichtiger, als eine noch so große Flotte.

Abg. Raab (Antis.) verbreitet sich ebenfalls über die Notwendig­keit der Erhaltung des Mittelstandes.

Abg. Wurm (Soz.) tritt nochmals für den Antrag seiner Partei ein. Mit der Besteuerung der Konsumvereine schädige man nur die armen Arbeiter.

Der Antrag der Kommission gelangt zur Annahme.

Eine Petition des Vereins zur Bekämpfung des Mißbrauche geistiger Getränke um höhere Besteuerung des Trinkbrannt­weins beantragt die Kommission, der Regierung als Material zu über­weisen.

Abg. Binde mal d (Antis.) beanttagt Uebergang zur Tagesordnung.

Dieser Antrag wird angenommen.

Morgen 1 Uhr: Beratung des Etats des Auswärtigen AmtS.

Schluß 58/, Uhr.

Deutsches Keich.

Berlin, 28. Februar. Der Kaiser empfing heutc den Herzog von Ratibor in Gegenwart des Herrn von LucanuS in Angelegenheit der Errichtung einer technischen Hochschule in Breslau.

Die 20. Reichstagskommission hat heute die zweckt Lesung des Gesetzentwurfs, betr. die Patent' anroälte, erledigt Der Rest wurde nach den Beschlüsse" erster Lesung genehmigt. Tas Gesetz soll am 1. April d. 3 in Kraft treten. J

Köln, 28. Februar. DieKöln. Volksztg." schreck! bezüglich der Haltung des Zentrums gegenüber der Flottenvorlage, die Verstimmung des Zer- trums erstreckt sich nicht allein auf den Gemeindewahlrechts' entwurf, sondern auf die ganze en canaille-Behandl« die es seit Jahren von der Regierung erfahren habe. Tas Zentrum habe zahlreiche wichtige Vorlagen durchbringc" helfen, die ohne seine Mithilfe gescheitert wären. &