Nr. 177 Erstes Blatt. Mittwoch den 1 August
1900
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Grütrsbeilagrs: Gießener FamilienbMer, Der hesikfche Landwirt, KlMer für hessische UMstmndr.
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Fernsprecher Nr. 5L
Amtlicher Keil.
Gießen, 28. Juli 1900.
Betr.: Remunerierung des Polizeiaussichtspersonals.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Zur Remunerierung des Polizeiaussichtspersonals ist uns auch für das Etatsjahr 1900/1901 von Großh. Ministerium des Innern eine Summe zur Verfügung gestellt worden.
Wir sehen daher binnen 14 Tagen Ihrem Berichte entgegen, welche Polizeibediensteten Ihrer resp. Gemeinden sich durch besonders gewiffenhaste Pflichterfüllung in 1899/1900 einer Belohnung würdig gezeigt haben und wollen Sie hierbei das nachstehende Schema zur Anwendung bringen.
In den Berichten ist ferner anzugeben, ob auch das ^autzerdieustliche Verhalten der Polizeibediensteten zu Klagen Anlaß gegeben hat oder nicht.
Diejenigen Bediensteten, welche Sie einer Belohnung nicht würdig erachten, wollen Sie uns ebenfalls unter Angabe der Gründe namhaft machen.
v. Bechtold.
Name
Alter
Dienstjahre
Anzahl der pro 1898/99 von den Polizei- bediensteten erhobenen Anzeigen
Aeußerung über die Dienstführung
Betr.: Die Abhaltung des Jugendsestes.
Donnerstag den 2. August lfd. IS., nachmittags von 2 Uhr ab, wird das diesjährige Jugendfest im Philosophenwalde abgehalten werden. Zwecks Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit bestimmen wir hiermit, daß an genanntem Tage von V/a Uhr nachmittags ab der Fuhrwerksverkehr nach dem Philosophenwald nur den Mittelweg entlang und von da zurück nach der Stadt nur durch die Eichgärten; von 6 Uhr nachmittags ab aber in umgekehrter Richtung bewerkstelligt werde.
Das Publikum wird gebeten, sich nicht in den Zug hereinzudrängen, auch nicht die Spielplätze im Philosophenwalde zu betreten oder in die Spiele einzugreifen.
Gießen, den 30. Juli 1900.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Hechler.
Politische Tagesschau.
Die „Straßb. Post" erwidert in Nr. 667 auf die Be- ■mer hingen in Nr. 166 des „Gießener Anz." über die „Bildung des katholischen Klerus", daß nachf- gewiesenermaßen Professor Schmid 1867 doch aus der katholischen Kirche ausgetreten sei. — Dazu wird uns nun wiederum von derselben Seite aus Kreisen der protestantischen Geistlichkeit geschrieben: „Ich war zu jener Zeit nicht mehr in Gießen, überhaupt bald darauf längere Zeit außer Landes, konnte das deshalb nicht wissen; nur wundert es mich, daß ihm doch obwohl nicht wieder zurück- tzetreten, die kirchliche Beerdigung nicht verweigert wurde. Wenn bemerkt wird, Schmid sei nicht rechtgläubig gewesen, so muß doch die Majorität des Mainzer Domkapitels auch nicht rechtgläubig gewesen sein, weil sie einen Nichtrccht- gläubigen wählte. Wie stimmt das? Was ist überhaupt rechtgläubig? Ein Beispiel. Vor dem 18. Juli 1870 lehrte die Kirche: Die Kirche ist unfehlbar, d. h. die im Konzil vereinigten Bischöfe unter dem Beistand des hl. Geistes; und wie manches mal mußten wir evangelische Gymnasiasten von unseren katholischen Mitschülern uns sagen lassen: Wenn Ihr sagt, der Papst sei unfehlbar, so ist "das eine protestantische Lüge. Am 18. Juli 1870 wurde vom Konzil beschlossen: Nunmehr ist der Papst, wenn er ex cathedra spricht, unfehlbar und alle Päpste vor ihm waren es auch. In den Religionsbüchern werden die Stellen geändert. Man kann sagen: Das kann ein Mchtkatholik nicht begreifen. Ganz recht, das kann überhaupt ein Vernünftiger nicht begreifen. Was
bei Schmid Anlaß gab — das war: Er war katholisch aber nicht ultramontan. Wenn in der Entgegnung der Passus von der Toleranz der katholischen Priester damaliger Zeit stillschweigend übergangen wird, so sehe ich das als Zustimmung an. Das erwähnte geheime Zirkular des Bischofs v. Ketteler machte sich seinerzeit dadurch fühlbar, daß die katholischen Amtsbrüder den evangelischen, mit denen sie bislang verkehrt hatten, zu wissen thaten, das habe jetzt ein Ende. Das war allerdings stramme Zucht.» Schließlich ist des badischen Ministers von Rüdt Erwähnung ge- than, es ist gesagt, „der Großherzog" erkenne es an usw. Soll das der Großherzog von Baden sein, so sollte es mich Wundern; sollte aber der Großherzog Ludwig III. von Hessen gemeint sein, dessen Land ja den größten Teil der Diezöse Mainz ausmacht, so. fei hier bemerkt, daß dieser Fürst, ein überaus gutmütiger, wohlwollender Herr blindlings seinem mit Herrn v. Ketteler eng Verbündeten Minister von Dalwigk vertraute. Und was sich dieser Minister erlauben durfte, wird am besten dadurch klar gelegt, daß er, als im Juli 1870 die Wogen der Begeisterung für den Feldzug gegen Frankreich in Darmstadt schon hoch gingen, eine in Suchen des Krieges berufene Volks-Versammlung zu verbieten suchte — aus Rücksicht auf den französischen Gesandten in Darmstadt.
Zum Verständnis der chinesischen Verwaltung und der chinesischen Eigennamen dürften folgende Erläuterungen willkommen sein. Das eigentliche China umfaßt 18 oder, wenn man $>ie südliche Mandschurei (Liaotung) hinzurechnet, 19 Provinzen, die zu Vicekönigreichen oder Generalgouvernements gruppiert sind. Jede Provinz zerfällt in Departements (fu); letztere sind in Bezirke (tschou) und diese wieder in Kreise (hien) geteilt. Die eingeklammerten Worte werden gewöhrrlicy, dem Namen des Hauptortes des in Betracht kommenden Departements, Bezirks oder Kreises angehängt. Auf jeden Kreis entfallen durch^- schnittlich 50 bis 70 Gemeinden (pao oder tu). Außerdem giebt es eine gewisse Anzahl Bezirke, die als tschili-tschou unmittelbar von der Zentralverwaltnng der Provinz ab- hängen. Die ting oder Militärpräfekturen sind sehr zahlreich in den Gegenden mit gemischter Bevölkerung : stehen sie Unmittelbar unter der Centralverwaltung, so heißen sie tschili-ting. Peking hat eine besondere Militärverwaltung, deren Gewalt sich auch! auf einen Teil der Umgebung der Stadt erstreckt. An der Spitze der Vicekönigreiche stehen die Vicekönige (tsongtu), an der Spitze der Provinzen die Gouverneure (futai). Dem Provinzialverwaltungsrat gehören ferner an ein Hauptsteuereinnehmer, ein Provinzialrichter und je ein Oberaufseher für die Salz- und Getreidesteuer. Nach den Gouverneuren kommen die taotai (Regierungspräsidenten), dann die zahlreichen Verwalter der Bezirke ünd Kreise. Sonderkommissare heißen kintschai. Allgemeinere Regel ist, daß kein Amt länger als drei Jahre verwaltet werden und sein Inhaber nicht aus der Gegend sein darf, wo er eine Stelle bekleiden soll. In Europa werden die chinesischen Beamten gewöhnlich als Mandarinen (von dem portugiesischen Mandar) bezeichnet. Den Chinesen selbst ist dieser Ausdruck unbekannt; sie nennen die höheren Civil- wie Militärbeamten kuangfu. Diese zerfallen in neun Klassen, die sich durch die Farbe des Knopfes auf ihrer Kopfbedeckung unterscheiden. Sämtliche Aemter werden von der Centralverwaltung in Peking vergeben, die sich um die inneren Angelegenheiten der Provinzen nur insoweit kümmert, als sie die Beamten ernennt oder absetzt. Das Regierungssystem ähnelt sehr einer Bundesgenossenschaft. Die Gemeinden haben eine weitgehende Selbstverwaltung, sind dafür aber auch durchs weg auf sich selbst angewiesen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 31. Juli 1900.
** Das Regierungsblatt Nr. 57 vom 28. Juli veröffentlicht die Bekanntmachung, den praktischen Kursus der Aspiranten des Finanzfaches betreffend, die bestimmt, daß zu den Stellen und Beamten, bei denen die in einer speziellen Prüfung der ersten Kategorie bestandenen Aspiranten des Finanzfaches nach ihrer Wahl und nach erhaltener Genehmigung der dem betreffenden Dienstzweig vorstehenden Behörde den mindestens einjährigen Kursus zu bestehen haben, auch die Stelle des Rechners und Oeko- nomen des „Alicestifts", Anstalt für Blödsinnige, zu Darmstadt gerechnet werden soll, jedoch nur dann und solange, als der jeweilige Inhaber der Dienststelle die spezielle Prüfung der ersten Kategorie im Finanzfache seinerseits bestanden hat.
•* Auszeichnungen. Der Großherzog hat dem Obersaktor G. A. Knode, der 46 Jahre in der Offizin des „Mainzer Journals" thätig war und seit dem 1. Juli in )en Ruhestand getreten ist, das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für treue Arbeit" am Bande des Ludwigs-
ordens verliehen. Dem Setzer Braun, der seit 47 Jahren in der genannten Druckerei beschäftigt ist, wurde dieselbe Auszeichnung am Bande des PhilippsordenS zuteil.
** Persoualuachrichteu. Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen den Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr zu Vilbel: Wilhelm Heinrich Gilbert, Ludwig Wenderoth, Louis Stoll und Heinrich Erb.
** Landesgewerbeverein. Die Hauptversammlung der Mitglieder des Landesgewerbevereins findet am 23. Sep
tember zu Worms statt. Die von dem Ortsgewerbeverein Worms veranstaltete Ausstellung von Maschinen und Werkzeugen für das Kleingewerbe, sowie die Landesausstellung von Lehrlingsarbeiten findet in der Zeit vom 18. August bis 24. September statt. Bei der gleichzeitig in WormS stattfindenden Schülerarbeitenausstellung werden die Handwerker und Gewerbeschulen der Provinz Rheinhessen vertreten sein.
** Zum Ausflug nach den Schlachtfeldern bei Metz erhalten wir im Anschluß an die kürzlich von uns gebrachte Notiz vom Kriegerverein Gießen die Mitteilung, daß für den Besuch der Schlachtfelder bei Metz folgende Touren zu Wagen vorgesehen sind: Am 17. August: Metz—Moulins —St. Hubert—Schlucht von Gravelotte—Gravelotte— Rezonville—Bionville—MarS-la-Tour in Frankreich—Gorze —Novsant—Montigny—Metz. — Am 18. August: Metz —Amanweiler (Denkmal der hessischen 25. Division) —St. Privat—St. Marie-aux-Ch6neß, dann ein kleines Stück durch Frankreich, Habonville—Verneville—Gravelotte Ars—Metz. Meldeschluß zur Teilnahme ist auf den
6. August festgesetzt.
** Vor 30 Jahiren. In einer Zeit, in der wieder deutsche Truppen, darunter Angehörige unseres Kaiser- Wilhelm-Regiments, zum Kampfe ausrücken, dürfte ein
Rückblick aus das Jahr 1870 am Platze sein. Am 16. Juli
1870 traf die Mo bilm achu n g sordre in Gießen ein; bereits
am 21. Juli war unser damaliges 2. Infanterie-Regiment auf Kriegsstärke formiert, am 23. Juli in der Umgebung (Krofdorf, Heuchelheim, Atzbach, Kinzenbach, Dutenhofen und Münchholzhausen) einquartiert. Das Ersatzbataillon blieb in der Kaserne. Der Ausmarsch aus den bezeichneten Orten erfolgte am 25. Juli. Das Regiment wurde auf der Lahnbahn Über Koblenz nach BiebrichMosbach befördert und trat von dort ab den Marsch über Mainz, Alzey, Worms, Kaiserslautern, Saarbrücken nach dem Kriegsschauplatz an; das Regiment überschritt am
11. August die Grenze, am 15,. bei Corny die Mosel, und bereits am 16. konnte- es sicy bei Vionville-Marslatour mit dem Feinde messen. Die Tage des 18. August (Grave- lotte-St. Privat), Noisseville, Orleans usw. sind mit Flammenschrift in die Geschichte des Regiments eingetragen. Am 26. Juni 1871 kehrte das Regiment wieder in feine Garnison Gießen zurück, reich an Ehren und Auszeichnungen; denn außer den Kriegsdenkmunzen erhielten die Offiziere Ujnd Mannschaften 78 eiserne Kreuze, einen Ludwigsorden, 55 Militärverdienstkreuze, 3 silberne Kreuze des Philippsordens, 3 Sanitätskreuze, eine Rote Adlerorden-Medaille, 5 russische Orden. Sieg, Ehren und Auszeichnungen waren teuererkauft: 7 Offiziere und 180 Mann starben den Heldentod, 14 Offiziere und 298 Mann trugen ehrende, mehr oder minder schwere Verletzungen davon. — Von der Thätigkeit, die zur Linderung der im Kriege geschlagenen Wunden, zur Verpflegung der durchmarschierenden Truppen usw. in der Heimat von Vereinen, Privaten und Komitees entfaltet wurde, haben nur die Zeitgenossen der großen Ereignisse einen Begriff. Wenn man ferner bedenkt, daß sogar anfänglich mit französischer Besatzung gerechnet wurde, so erhält man einen Begriff von oen Opfern, die damals das deutsche Volk brachte.
•* Ja Amerika verstorbene Heffeu. New-Dork: Marie Mc Dugall Wwe., geb. Hills, 65 Jahre alt, aus Liß- berg. — Leith, Jnd. Township, O.: Katharine 9)oft, 66 Jahre alt, aus Weitershausen; Pittsburg, Pa.: Marie Winter Wwe., 71 Jahre alt, auS Oberseemen.
-d- Heuchelheim, 29. Juli. Zu einer Abschiedsfeier für einen alten Heuchelheimer, Herrn Philipp Steinmüller, Besitzer einer Zigarrenfabrik in Baltimore, den die Sehnsucht nach der alten Heimat wieder für kurze Zeit hierhergesührt, hatten sich heute Verwandte, Freunde und Bekannte im Lokale von L. Steinmüller eingesunden. MS warmer Freund des Gesanges lud Herr St. den Gesangverein „Liederkranz" ein, der verschiedene der Abschiedsfeier angemessene Stücke vortrug. Ein Lied, das Herrn Stein - müller bei seiner Abfahrt von Amerika in dem Augenblick, als er das Schiff bestieg, von dem Gesangverein „Arion", dem er als aktives Mitglied angehört, mit auf den Weg gegeben wurde, hörte er hier wieder, und bewegt stimmte er als 1. Bassist mit ein in das Lied: „Nach der Heimat


