Ausgabe 
29.11.1898 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Unter bei! Kranzspende», die anläßlich der Tut- hüllungsseier in Darmstadt am Sockel der Denkmal! nieder- gelegt wurden, zeichnete fich ein prachtvoller Kranz aus, den die hiesige VerbindungBlümchen" dem Andenken Lud- wigs IV. widmete.

Das Festmahl zur Feier bei SebnrtltageS Ihrer Konigl Hoheiten bei Großherzogr nab ber V oßherzogiu verlief in üblicher Wette. Den Trinkspruch auf das Wohl des Großherzoglichen Paares brachte der derzeUige Rector der Landesuniverfität, Herr Geh. Medizinalrath Prof. vr. L ö h l e in in folgenden Worten aus:

Hochanfkhnliche Versammlung!

Soweit die Geschichte unseres Volkes zurückreicht, soweit Lied und Sage uns Kunde bringen von den Thaten deutscher Männer, immer ist die Anhänglichkeit des Gefolgsmanns an seinen Fürst««, die Treue gegen ihn im Leben und im Sterben, unserem Volke als die erste der Mannestugenden erschienen, und so lange deutsche Herzen schlagen, soll und wird es immer so fein! Schöner noch, ich möchte sagen reiner als in den langen, langen Jahrhunderten der Spaltung und Zersplitterung tritt dieser Grundzug deutschen Wesens hervor, seitdem in opfervollem Kampf des Reiches Einheitsbau aufgerichtet wurde, der nun schon so manches Jahr hoch und stark Über den einzelnen Bundesstaaten ragt. Muß es uns in unseren Tagen nicht mit Heller Freude erfüllen, wenn wir sehen, wie bei gleicher Begeisterung für Kaiser und Reich der Bayer nicht von dem Brandenburger, der Sachse nicht von dem Schwaben übertroffen sein will in der Liebe zur engeren Heimath und zum angestammten Herrscherhaus. Auch bei dem alten Hessenstamm hat diese treue Liebe zum Fürstenhaus von jeher starke, unzerstörbare Wurzeln geschlagen. Ein neues, herrliches Zeugniß hiervon hat der gestrige Tag abgelegt: Als unter dem Donner der Geschütze die Hülle fiel von dem trefflichen, lebenswahren Standbild des höchstseligen Grobherzogs Ludwig IV., da trat in rührenden Zügen sprechend zu Tage, wie tief in Aller Herzen die Liebe zu dem Führer fortlebt, der schlichten Sinnes, warmen Herzens, tapferen Muthes, stets in und zu feinem Volke gestanden hatte, in guten wie in bösen Tagen. Von dem hohen Entschlafenen hat sich diese innige Wechsel­beziehung weitervererbt auf den Sohn. Sie ist es, die uns zur Nachfeier des Geburtstages unseres Allergnädigsten Landes- Herrn und Seiner hohen Gemahlin heute hier versammelt hat, auf daß wir Ihnen von Neuem huldigen, indem wir des Himmels reichsten Segen auf Ihre Häupter herabflehen. Bei der Prunktafel im Schloß zu Darmstadt hat gestern Seine Königliche Hoheit feierlich versichert, wie Sein Hessen- volk, von dem er einen neuen Beweis anhänglicher Gesinnung erhalten habe, stets auf Ihn zählen könne. Unsere Ant­wort kann nur die fein: daß auch Er wie zu den Werken und Aufgaben des Friedens, so im Drang der Noth und in bewegten Kriegestagen stets auf Sein gefammtes Heffenvolk zählen kann, das bei der heutigen Feier begeistert zu Ihm aufblickt und Treue und Gehorsam neu gelobt mit dem Ruf: S. K. Hoheit unser allergnädigster Grobherzog Ernst Ludwig und Ihre K. H. unsere allergnädigste Großherzogin Victoria Melitta Sie leben hoch!

nn Parlamentarische! eul Hessen. Der Finanzausschuß der 2. hessischer» Stänbekammer wirb am Dienstag den 29. November zu mehreren Sitzungen mit der Großherzog lichen Regierung zusammentreteu. In diesen Sitzungen wirb auch die Vorlage wegen Ausbesserung der Gehalte der Geist­lichen zur Berathung kommen. Daß Plenum der Kammer soll dann in der zweiten Woche de- Dccember einberufen werden.

** Concertverein. Eugen d'Albert hieß der Magnet, der gestern jeden Musikfreund, der Kunstleistungen nur aller­ersten Ranges höre« wollte, mit unwiderstehlicher Kraft in den Clubfaal gezogen hatte. In der That genügte der bloße Name dieses genialen Künstlers, um jeden Zweifel an die Vorzüglichkeit feiner Darbietungen von vorn herein aus dem Felde zu schlagen, denn Eugen d'Albert ist unter den Pianisten der Gegenwart derjenige, deffen Ruhm die weitaus größte Verbreitung gefunden hat, und deffen Vorträge am ehesten

über jede Kritik erhaben genannt zu werden verdienen. Alles, was d'Albert in dem gestrigen zweiten Concert des Concert- veretns der zahlreich erschienenen Zuhörerschaft bot, trug geistig wie technisch den Stempel künstlerischer Vollendung, und er zeigte sich in der von ihm selbst bearbeiteten G-moll» Fuge von Bach wie in der Sonate opus 81 von Beethoven als ein ebenso congenialer Interpret dieser beiden klassischen Meister, wie er sich später in der Wiedergabe der verschiedenen Solostücke von Chopin, Schumann, Schubert und Liszt als ein durchaus feiner Kenner und würdiger Spieler dieser vier modernen Meister zu erkennen gab. Von den Solostücken eigener Compofition erschien uns der Walzer opus 16 No. 1 am beachtenswerthesten zu sein. Welche von den gestrigen Darbietungen des Künstlers die beste gewesen sei, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Nach unserer Meinung find Beethoven und Liszt diejenigen Autoren, die seiner Jndi- vidualität am nächsten stehen, und in deren Compofitionen seine herrliche Begabung den dankbarsten Stoff für ihre Betätigung findet. Gleichwohl soll nicht unerwähnt bleiben, daß von Chopin namentlich das Nocturna und die am Schluß zugegebene, prachtvoll gespielte Berceuse, und von Schubert sowohl das Impromptu wie dieSoiree de Vienne" beide in der Bearbeitung von Liszt ganz besonders rauschenden Beifall fanden. Vortrefflich unterstützt wurde der Künstler durch einen prachtvollen Steinway-Flügel, der in allen Registern sowie durch alle Tonschattirungen hindurch nur dar Beste hergab, was der große Meister von ihm ver­langte. Wir können den heutigen Concertbericht nur mit dem aufrichtigen Wunsche schließen, den gefeierten Künstler recht bald wieder in unseren Mauern zu begrüßen. Pr.

P. Stabttheater.Lumpact-Vaqabundul", bie be­kannte Posse bei beliebten Wiener Schauspielers unb Dialekt dichter-, Johann Nestroy hat im Laus ber Jahre an An­ziehungskraft noch nicht- eingebüßt. Auch gestern Abeub lockte sie wieder ein zahlreiches Publikum an, bas fich, wie bie fröhliche Stimmung unb ber häufige Beifall bewies, recht gut zu unterhalten schien. Nach dem Goethe'schen Wort: Wer viele! bringt, wirb Manchem etwa! bringen" hat ber Berfaffer, seinem größeren Vorgänger Raimunb folgend, bir» schiedene Gebiete ber Kunst für seine Zwecke herangezogen. Aul bem Zaubermärchen versetzt er uni in bie Operette, am Schluffe bei zweiten Acte! glauben wir uni in einer Oper zu befinben. Den Hauptbestanbtheil aber bildet der Schwank und ihm verdankt dal Stück in erster Linie seine Unverwüstlichkeit. Während der böse Geist, der den Haupt­titel hergeben muß, nur wenig heroortritt, beherrschtda! liederliche Kleebatt", wie der Nebentitel lautet, dal Ganze. Den herabgekommensten der drei Gesellen, den Schuster Knieriem, gab Herr Director Helm sehr wirkungsvoll, aber vielleicht um einen Strich zu arg. Wenigsten! konnte man an bie schließliche Besserung biesel Schnapsbruder! nicht glauben. Herr W t l h e l rn t war in Erscheinung unb Manieren ein richtiges, meckerndes Schneiberletv, sein großes Couplet zündete aber mehr durch Komik wie Gesangikuust. Den brävsten der drei, den Tischlergesellen Leim, verkörperte Herr Merker recht ansprechend. Bon den Damen verdienen Helene Schuhmann unb Irene Sitarbi durch flotte Dar» strlluvg unb hübschen Gesang alles Lob. Die übrigen Rollen finb unbedeutend, wurden aber meist gut gegeben. Auch die scentscheu Schwierigkeiten, Wechsel des Schauplatzes bei offener Bühne, Anwendung der Berseukung, wurden glücklich über­wunden. Zum Schluffe sei noch der tüchtigen Leistung bei Orchesters, dal von Herrn Kruse trefflich birigirt wurde, bie gebührende Anerkennung gezollt.

Stadttheater. Für morgen (Dienstag) hat die Direction unserer Bühne eine Novitäten Aufführung angesetzt und bringt den Gettke-Engel'schen SchwankIm Fegefeuer" zur Darstellung. Dal neue Stück hatte überall einen durch­schlagenden Erfolg. DerBerliner Kurier" schreibt: In das Thalia-Theater find wieder alle fidelen Geister etngezogeu, alle auSgelaffrnen Kobolde der Lustigkeit kehren wieder ein unb alle lachenden Genien bei Glücks, aber fie reden sämmt- lich wienerisch.Im Fegefeuer" wurde gestern gegeben, und ein Paradier bei Erfolges that fich auf für bie gastirenben

deutschen Bühne zu Wort gekommen ist. Seine Dramen sind zum größeren Theil Tenbeuzstücke. Er ist nicht so modern darin, wie sein ßanbfmann Grillparzer. Werthvoller in ihrer literarischen Bedeutung unb lieber finb uni seine saftigen Bauerucomödien. Wie kein Anberer kannte er ben kleinen Wiener Mann und den Bauer der österreichischen Berge. Aul thnrn hat er seine prachtvollen Charakterfiguren geschafft«, die weit weniger all Berthold Auerbach'! Saloubauern fich in spinozisttscher Philosophie ergehen, aber trotzdem ein wenig von bei Gebankeul Bläffe" ergriffen find.

Grillparzer und Anzengruber find die beiden Dramatiker, die Oesterreich gegen uni in bie Wagschale zu werfen hat.

Aber auch heute rastet Jung Wien nicht. Sind ihm auch bi! jetzt bie großen Bühnenerfolge versagt geblieben, deren fich die norddeutschen College« in ihrem Ceutrum Berlin rühmen können, so ist ihnen doch bie Anerkennung aller Ltteraturfreuube in reichem Maße bescheert worden. Die junge Wiener Kunst ist weicher all bie Berliner, es fehlen ihr die starken dramatischen Accente, aber fie entfchädigt dafür durch intime Milieuschilderung. In diesem Punkte ist fie bei der französischen Novellistik in die Schule gegangen, beson­der! bei Maupaffaut. Noch immer ist Jung Wien nicht au! dem Bannkreis, der schwülen Bondoirstiwmung, der stickigen Grisetteulust, heraulgrkommen - nur Max Burckhard hat mit einer forschen Satire:Die Bürgermeisterwahl" einen Versuch unternommen, dem allerdings keine weiteren gefolgt find.

Unbestritten den ersten Platz unter den Wiener Drama- tikern nimmt Arthur Schnitzler ein, ein feine! Talent, da! so gar nicht! Marktschreierisches an sich hat. Drei Dramen liegen bi! jetzt von ihm vor, abgesehen von dem Anatol'Cyklul, deffen paprizirte Zweideutigkeiten doch nur für Gourmet! bestimmt find. In dem Mittelpunkt der drei

Stücke steht da! Wiener Mädchen, da! seinen glänzendsten Auldruck in Christine inLiebelei" gefunden hat. Auch fie macht die große Enttäuschung de! Leben! durch,- der Mann, dem fie Alle! hiugegeben, fallt für eine Andere im Duell. Der Gedanke, baß fie betrogen worben sei, baß e! neben ihr noch eine Anbere gegeben habe, ist für Christine so fürchterlich, baß sie be! Leben! ekle Bürbe wegwirft. InFreiwild-, einem Leitartikel eine ira et etudio über ba! Duell, breht sich ber Covflict um eine Schauspielerin. Der Maler Paul Rönning, der mannhaft für bie Ehre dieser Dame gegen einen Oberlieutenant eintritt, muß seinen Muth mit bem Leben bezahlen. Dal ist so Weltenlauf! Schnitzler will uni nicht sagen: Seht, da! ist bie Gerechtigkeit, wie fie in unserer schönen Welt herrscht- ber arme Kerl, ber nur seine Pflicht und Schuldigkeit gethan, wirb von bem erstbesten Schubiak über ben Haufen geschaffen. Schnitzler greift einen besonder! eclatanten Fall heran! uud entwickelt daran seine These. Dabei kann e! leicht geschehen, daß den Zuschauer ab extra derFall" allmählich mehr interesfirt, all bie beteiligten Personen. Wenn ba! für Schnitzler nicht zutrifft, so ist da! Lobgesang sür seine Fähigkeit zu individnalifire«. Auch in seinem jüngsten Werke:Da! Bermachtuiß", wirb ein solcher ^Fall" behandelt. Wal ist ba! Schicksal jener unverehlichteu Frauen, bie plötzlich au! ihrem Dunstkreil heran! in eine bürgerliche Sphäre versetzt werben? fragt ber Dichter. Toni Weber, bie einstige Geliebte be! Br. Hugo Losatti unb bie Mutter seine! Knaben, wirb von ber Familie ihre! Hugo, ber fie sterbend bem Schutz seiner Mutter empsohlen, so lauge gepeinigt, bi! sie wie Christine ba! Leben nur noch all Last

I empfindet, die Jeder abschütteln darf. Auch Tont ist eine! von den Mädchen, denen dal Leben nur Enttäuschungen be* I reit hat. Neben dem Dramatiker ist kürzlich der Novellist

Directorev, ein Paradiei freilich, in dem mehr all zwet Men'chen leben werben. Gestern war da! Han! trotz der Fegefener-Hitze ausoerkanft, und just der warme Erfolg wirkte erfrischend. Ein Schwank ohne jede Mufik, ohne jede! Poffen-Bimborlum, ohne Kostüme, Aufzüge unb bunte Feste brachte ben Erfolg. Ein Schwank, deffen Requisiten Humor und Witz finb.Im Fegefeuer" von Gettke und Alexander Engel ist ein einfache!, klare! Problem mit Geschick unb ganz prächtiger Laune unter Mitwirkung vorinfflicher Darsteller gelöst.Im Fegefeuer" ist bie fatale Berlobunglzeit, der Zustand zwischen dem nüchternen Junggesellen Leben und dem Paradte! der Ehe. Au zwei Brautpaaren ist e! bargestellt. Hier bie Plackerei ber übertriebenen Prüderie, die Zimperlich­keit unb Eifersucht, boxt die Üblen Folgen allzugroßer un­genierter Zärtlichkeit und überall die quälende, nörgelnde, kritifirende, schulmeisternde Verwandtschaft. An der Kette der Ehe zappeln schlimmstenfalls nur zwei, an ber Kette ber Ver­lobung martert fich bie ganze Familie, ruft der Schwieger­vater au! unb ber Bräutigam antwortet mit einer feurigen Anklage gegen ben Höllenzustand ber philisterhaften Verlobung. So ernst geht! aber im Uebrtgen nicht zu. Im Gegentheil. Die Situationen finb oft Überaul komisch unb ber Dialog­witz ist fast zu reichlich. Eine lang aufgesammelte, strotzend volle Sparbüchse von Wtz unb scharfen Pointen ist ba an!» gestreut unb keine ging verloren. Wo benuoch hie unb ba bie Eintönigkeit ber sehr einfachen Haublung, be! wenig er­giebigen Motiv! bei allem Reiz ber guten Zustanblfchilberung sich doch geltend machen wollte, ba half bie frische, fröhliche Aufführung darüber hinweg. Fräulein Niese gab die über* müthige, skrupellos zärtliche Braut. Alle hatten Theil an dem fröhlichen Erfolg, der auch die Berfaffer oft vor ben Vorhang rief.

* Sangerkranz - Concert. Einen erhebenden Beweis tüchtigen Können! lieferte ber VereinSän gerkranz" in seinem am Sonntag, bem 27. b. M, Nachmittag! 5 Uhr in Stein! Saalbau veranstalteten Concert. Ließ un! schon der bewährte Ruf de! vereinlbirigenten Herrn Franz Bauer erfreuliche Leistungen erhoffen, so wurden unsere Erwartungen durch ba! Gebotene weit übertroffen. Orchester und Chor wirkten mit erstaunlicher Präzision, so baß sie hinter ben Solistinnen, darunter Fräulein Koch-Wiesbaden durch sym>- pathische Erscheinung unb Stimme besonder! einnahm, nicht zurückstanden. Herr Dietzsch sprach ben verbtnbenbeu Text in ber Athalia mit wohlthuenber Stimme laut und vernehmlich, versehlte jedoch mitunter die rechte Betonung. Reicher Beifall ber den Saal bl! auf den letzten Platz füllenden Zuhörer lohnte die hingebenbe Mühe aller Mit- wirkrnden, unb barf man bem Vereine zu diesem schönen Erfolge aufrichtig Glück wünschen. Die gehobene Stimmung, in ber man ben Saal verließ wmbe indes leider erheblich beeinträchtigt durch die aller Beschreibung spottenden, elenden Garderoben Verhältnisse, die eines etabüfferneut! ersten Range! durchaus unwürdig find.

Bortrage. Wir machen auch an dieser Stelle auf die am Mittwoch unb Donnerstag Abeub inStein! Saal* bau" stattfinbenben Borträge mit Lichtbildern be! Herrn Jen! Lützen an! Berlin aufmerksam, deffen Themata im Februar b. I. (Die Urgeschichte ber Erbe- Der Untergang der Erde re.) so allgemeinen Beifall fanden. Im Uebrtgen fei auf ba! Inserat in heutiger Nummer bl. Blattes ver­wiesen.

Der Verband Deutscher Handlunglgehülfen-Leipzig hielt am letzten Donnerstag im Kaufmännischen Bereinshau! eine gut besuchte Versammlung ab, in ber Herr Steuer- Frankfurt itnen Vortrag hielt über ben Berbaub unb feine socialpolittschen Aufgaben. Der Referent schilderte die Ein­richtungen des Berbanbes, die sich bi! jetzt in allen Theilen bewährt haben nnb beleuchtete sodann feine social-politischen Aufgaben näher. Der Beifall, den ber Rebner nach Schluß bei Vortrag! erntete, bewies, baß seine Worte Anklang ge- funben haben. An ben Vortrag schloß sich bie Grünbung eines Kreilverein! unb zählt derselbe bereit! ca. 25 Mit­glieder. Die Dileujfion gestaltete fich zu einer recht leb­haften. Nur ist es zu bedauern, baß einige der Herren

Schnitzler mit einem Bande:Der Stein des Weisen" be­deutsam zu Wort gekommen. Da! gehört mit zum Besten, wa! die deutsche Novellistik überhaupt bis jetzt geleistet hat, überall Jeindfelirte Charaktere, psychologische Studien ersten Range!.

Danach wäre noch Hermann Bahr zu nennen, ber mit wahrer P:oteu!geschwinbigkeit jedwede Gestalt annimmt und auf allen Gebieten ber Literatur zu Hanse ist. Weit lieber al! der Dichter Bahr, ber alle seine Stoffe in ber Schau - spielerwelt sucht, ist un! ber Kritiker Bahr. So manche Recenfion» bie er verfaßt hat, ist beffer al! bas Stück, ba! er gerabe zu recenfiren hat. Manchem aufstrebenben Talent hat Hermann Bahr erst bie Wege geebnet. Nicht sein geringstes Berbienst ist es, baß er Hugo von Hofmannlthal entbeckt hat, der bas Zeug zu einem »nnberbaren Lyriker bat.

Endlich noch bieDi minorum gentium." Max Burkharb, ber Exdirector ber Wiener Hofburg, bem e! viel wohler zu sein scheint, fettbem er da! kritische Scepter schwingen barf, hat ein Wiener Volksstück verfaßt,'s Katherl", da! zwar alle Spuren eines Erstlingswerke! an fich trägt, aber ein bebeutiome! Talent zur Satire verräth. Satirisch ist auch fein RomanSimon Thnus", in bem er bas moberne Strebertum geißelt. Auch Felix Dörmann hat reiche Begabung für bie Persiflage in feinenLedigen Leuten" documentirt.

Jung-Wien darf also mit Genugthuung auf eine Reihe von Erfolgen zurückdl cken. Wenn el den verheißuuglvollen Anfängen erst gelingt, da! Locale, ba! specifisch Wienerische abzustreifen und voller zu gestalten, werden fie auch allge­meiner Thellnahme sicher fein können. Daß fie es ernst mit ihrer Kunst meinen, haben fie hinlänglich bemiefen.