Ausgabe 
1.1.1898 Drittes Blatt
 
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Nr. 1

1898

Drittes Blatt. Samstag den 1. Januar

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Mr bringen zur allgemeinen Kenntniß, daß der vordere Thetl deS unteren RtegelpfadS zwischen Frankfurterstraße und Katholischem Schwesternhaus von heule ab bis auf Weiteres für jeden Verkehr gesperrt wird.

Gießen, am 30. Dscember 1897.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

vetr.: Die Strafregister: hier die Nawwetfungen der im 2. Halbjahr 1897 verstorbenen bestraften Personen.

Der Großherzogl. Erste Staatsanwalt beim Landgericht der Provinz

Oberhessen

»u sämmtliche Qrtspolizeibehördeu des Kreises.

Sie werden ersucht, die oben erwähnten Nachweisungen bezw. Fehlanzeigen bi- zum 1. Februar 1898 ohne noch­malige Erinnerung an mich einzusenden.

Gießen, den 30. December 1897.

Dr. Güngertch

Rückblick.

An dieser Stelle find wir gewohnt, die politischen Be­gebenheiten der Woche an oni vorbeiziehen zu lassen. Auch heute wollen wir das thun, dann aber auch einen Blick werfen auf das nun hinter uv» liegende Jahr, welche», wie seine Borgänger, genug Les Leide und der Freude gebracht, Trauer und Fröhlichkeit verbreitet und wieder dazu brigetragen bat, der Menschheit die Eikinntniß von der unermeßlichen Güte Gotte», aber auch von seinem Zorn zu geben. Unter den Ereignissen der letzten Woche nimmt noch immer die chinesische Angelegenheit das Hauptinteresse tn Anspruch - aber eine Ent-

schetdung nach irgend einer Sette ist nicht gefallen. Wohl wird hinter den Coultffen eifrig gearbeitet, wohl find die Eabinette tn lebhafter Thättgkeit begriffen, aber tn eine offene Action ist noch keine der betheiltgten Mächte getreten. Wenn die Friedensliebe nicht eine so ausgeprägte wäre, wenn da- Bedürfniß, den Frieden zu erhalten, nicht so allgemein an­erkannt würde, dann könnte man wohl Besorgnisse hegen, daß au- der Aufrollung der chinesischen Frage ernste Ver­wickelungen entstehen könnten, aber so glauben wir, daß viel­leicht eine Zuspitzung deS Verhältnisse- einzelner Staaten zu einander sich herauSbildet, daß aber doch schließlich der Friede erhalten bleibt und daß insbesondere für Deutschland keine Gefahr aus seiner Action tn Ostafien entsteht.

DaS vergangene Jahr war tm Allgemeinen ein recht eretgr'ißretche». Abgesehen von dem tm Südostev Europas au-gefochtenen Kampfe zwischen der Türket und Griechenland herrschte während des ganzen Verlaufe- Friede auf unserem Erdtheil. Die deutsche Politik steht beim Jahreswechsel nach innen und außen unter äußerst günstigen Verhältnissen da. Noch im Laufe diese- Jahre- wurde oft der Regierung der Borwurf der Uaeinheitlichkett gemacht, eine gewisse Unsicher- heit in unseren innerpolitischen Verhältnissen konnte nicht fort- geleugnet werden, die so große Ausdehnung angenommen hatte, daß eine ganz geraume Zett hindurch die Stellung des Reichskanzler-, Fürsten Hohenlohe, erschüttert war. Trotz aller Ableugnungen kann dies nicht bezweifelt werden, umso- mehr, al» die Umstände einen Personenwechsel an der Spitze unserer RetchSregteruvg begretfltcy erscheinen ließen. Die Flottenvorlage war vom letzten Reichstage verworfen worden, vergeblich hatte man da- Einbringen eine- Reform- evtwurf» zur Mtsttärstrafprozeßord»ung erwartet, und auch sonst hatten die Ergebnisse der Gesetzgebung vielfach ein negatives Resultat. Wir erinnern un» noch des gewaltigen Sturme-, welcher durchs Laad brauste, als die Vereins- gejrtzuovelle auf der Tageordnuug des preußischen Abgeord- netenhause- stand, wie die Parteien aufeinanderplatzten, und eS schien, al- ob ein unüberbrückbarer Abgrund zwischen Regierung und Volksvertretung entstanden fei. Da ertönte

der Ruf Miquels, deS neuen Btcepräfidenten des StaatS- ministkrium» nach einer Sammlung der Parteien, und wir nehmen an, daß auch die Regierung selbst diesen Ruf ver­nommen hat und ihm gefolgt ist.

Der letzte Sommer brachte den großen Personenwechsel in den Retch-ämtern: Frhr. v. Marschall, Admiral Hollmonn, StaatSsecretär v. Bötticher schieden au- ihren Stellungen, während StaatSsecretär v. Stephan verstarb. Neue Männer traten an deren Stelle- Graf Posadowsky Übernahm da» ReichSamt de- Innern, Contreadwiral Tirpitz dasjenige der Marine, der bisherige Botschafter am Quirinal, v. Bülow, da- Aeußere, Frhr. v. Thirlmann daS R ich-schatzamt und Generallieutenant v. Podbieltki da- Poftressort. Nach und nach vollzogen sich diese Veränderungen, aber trotzdem kann man erkennen, daß dieser grüße Wechsel ein Z-el, nämlich ein geschlossene- Zusammenwr.ken der Reichs- und Staats- regierung im Auge hatte. Die Entscheidung tn dieser Wen­dung dürfte mit der Berufung deS FtnonzmintsterS v. Miquel von Wiesbaden nach Berlin zum Kaiser tn Zusammenhang gestanden haben. Daß wir jetzt eine zwar maßvolle, aber dabet doch auch entschlossene Regterung haben, hat die jüngste Zett gelehrt, und wir einem gewissen vertraue» können wir in die Zukunft sehen, ftetS eingedenk sein der Versicherung de- Kaiser-, daß er alle Zett sein Beste- für des Reiche- Wohl einsetzen werde.

Unsere Beziehungen zum Au-londe find die besten- sie haben jedenfalls im letzten Jahre keine Trübung erfahren, im Gegentheil haben na- die Monarchenzvsammenkünfte und die bet diesen Gelegenheiten gehaltenen offiziellen Reden ge­zeigt, daß da- Brrhältviß de» Reiches zu seinen Nachbarn nur noch intimer geworden ist. DaS verflossene Jahr brachte u. A. die großen SraatSvifiten beim Zaren, die mit so großer Spannung erwartet worden waren. Aber wenn auch bet Anwesenheit deS Präfidenten Faure in Peterhof die Allianz zwischen Fravkeeich und Rußland verkündet worden ist, so kann und dies doch nicht in dem Glauben erschüttern, daß auch unsere Beziehungen zu Rußland eine Kräftigung erhalten haben und nicht leicht inS Wanken gebracht werden können.

Feuilleton.

Erlöst.

Eine NeujahrSsktzze von O. SziltnSky.

(Schluß.)

Zwei Tage spä>er hielt er ein dünne» Couvert tn der Hand mit der Firma der Rrbaction, her er zuletzt fein G-tste-ktnd empfohlen. M" zitternden F ngeru, etu glück­liche- Lächeln um den Mund, öffnete er und begann zn lesen. Doch bald verfinsterten sich seine Züge

Da war von einem entschiedeuen Talent die Rede, doch auch von einer fühlbar wirkenden Anfängerschaft, die Redaktion wünsche jedoch junge Talente zu erwu'higeo und diele ihm, dem Autor, darum einen honorarfieien Abdruck seine- Werke» an.

Ralf stand wie erstarrt. Zum ersten Male wollte er an sich und seiner Begabung irre werden- ohne Honorar? Da» ihm? Für da- Werk mehrerer Wochen? Nicht-, gar nicht»? Ja, war er denn eia Pfuscher? Aber da stand ja schwarz auf weiß: ein entschiedene» Talent!

Zum ersten Male trat die Prosa seiner Lage, feine- selbstgewählten Berufe- tn ihrer ganzen Nacktheit an ihn heran. Wa» nützie ihm sein Talent, die AuSficht auf eine spätere mögliche Berühmtheit, wenn er jetzt nahe am ver­hungern war?

Dennoch gab er der Redaction eine Zusage, sandte auch sein zweite- Werk mit ein und schilderte seine Lage, tu der er um den Rath des Erfahrenen bat. Ihm wurde eine höfliche Aniwort.

Briefe ähnlichen Inhalt- seien der Redaction schon mehr­fach zugegangen, Anfängern werde die harte Schule wohl nur in einzelnen Fällen erspart. ®om geschäftlichen Stand­punkte sei dem vermögenslosen Anfänger nur zu rathen, sich eine- anderen Broterwerb» zu versichern und die Schrift­stelleret tn den Mußestunden zu betreiben.

Holm war wie gebrochen. Was nun? Was nun? Er gab fein Logis auf, versetzte einige Schmuckgegenstände, wie Uhr und Brillantring, und beglich damit feine Schulden, dann «tethete er sich in irgend einer Borstadtgasse tm dritten Stock ein, ju Mittag er an einem billigen MntagStifch.

Er begann bann kleinere Novellen, Skizzen zu schreiben v«d sandte sie an verschiedene Zeitungen. Ein paar Mal

glückte eS ihm. Doch baß Honorar war nur sehr gering. Sein Muth sank tiefer und tiefer, auch seine Ansprüche, doch mit beiden auch seine Schaffenskraft.

Schließlich raffte er sich auf und bewarb sich um eine Stellung bei der Poft. Bei entsprechendem Dienste erhielt er al- Eleve zwei Mark pro Tag. Immerhin hatte er doch Existenzmittel. Wahrend der freien Stunden, auch die halben Nächte durch, saß er, wenn er nicht gerade Dienst hatte, bei seinen novellistischen Arbeiten.

Seine Motive hatten immer einen tieferen Character- er schöpfte nicht aus dem Leben, er schuf seine Gestalten und Handlungen frei nach seiner vom Pessimismus stark ange­kränkelten Phantasie. Sie fanden wenig Anklang bet dem Publikum- schließlich wurde Ralf gar tränt Seine Lebens­weise, seine Arbeit hatte seine Kräfte erschöpft, eine Erkältung brachte die Katastrophe. Zehn Wochen lag er im Kranken­haus. Hohläugig, heruntergekommen an Leib und Seele, entließ man ihn. Er war stellenlos. Nun ging die Jagd nach einer Stellung von Neuem los. Hätte er nur Geld gehabt, er wäre au-gewandert. Endlich fand er eine An­stellung bet einem Notar al» Schreiber. Doch eine neue Krankheit machte ihn auch dieser Stellung verlustig.

Go gingen die Jahre hin. Längst war der ganze Genius von Holm gewichen, fort seine geistige Spannkraft, sei» Leben-mnth!

Er wohnte jetzt hier in der öden Dachkammer, trockene» Brod und höchsten» eine billige Mehlsuppe und fristete seine Existenz durch Abschrifrenanfertigen und Stunden- geben bet einigen tdiotenartigen Kindern. Oft glaubte er selbst verrückt zu werden. Sein Kopf war ihm so leer, so wirr. Er schmerzte ihm so viel und dazu wühlte tn seinem Herzen der Dämon Verbitterung und in seiner Brust fraß ein anderer Dämon: die Schwindsucht.

Er war zu allem unfähig. Nur eine Sehnsucht war ihm geblieben, die Sehnsucht nad) dem Tode. Und da- mit 23 Jahren l

Draußen peitschte der Wind den Regen an die Scheiben. Ein Schuß krachte in nächster Nähe und ein johlende-, tumultuarische» Prosit gellte durch die stille Nacht. DaS neue Jahr! Wa» würde ihm, dem talentvollen Schrift­steller, der künftigen Berühmtheit, bringen?

Der einsame Mann hob den Kopf und lachte mißtönend auf. O, er wußte, wo» ihm bringen würde: den Tod

hier tn dem elenden Loche ober gar im Jrrenhause und schließlich ein Grad auf dem Armenfriedhofe auf Sma S- kosten, eingeschachtelt zwischen rohen Brettern, etngescharrt ohne Gang und Klang, ohne eine einzige Zähle bei Mitleid-.

Gr sprang auf und schüttelte die Haare auS der Stirn, reckte drohend die Arme.

Nein, daß sollten sie ihm nicht anthun, ihm, dem großen Talent! Und ein irre- Lächeln glitt über seine abgehärmten, verhungerten Züge. Er ging zu der wurmstichigen Commode, öffnete eine Schublade und entnahm ihr ein Schächtelchen,- dort drinnen lagen die Trauringe seiner Eltern und ein kost­barer Siegelring, daß Geschenk der Mutter zu seiner (Eon* firmation. Da- war ihm ja noch geblieben tn all dem Elend. Er hatte ja gehungert, um e» sich zu erhalten, die- fein Letzte».

Nun nahm er des Baterß Trauring heran- und ging zu seiner Wirthiu. Er gab ihr den Ring, den sie miß­trauisch auf seine Aechtheit beäugte.Frau heizt bei mir ein, mich friert. Dies ist mein Letzte-. Morgen ziehe ich aus. Nehmt also für Miethe und Sonstige- und nun macht schnell."

verwundert kopfschüttelnd folgte die Frau seinem Ge­heiß. Während sie den Ofen vollschaufelte, sah sie von der Sette her auf ihrenverschrobenen" Miether. Der schrieb schon wieder einmal, gewiß an einem neuem Roman, den er doch nie an den Mann brachte.

Die Frau war fort. DaS Feuer prasselte tm altmodi­schen eisernen Ofen. Den Kopf in die Hand gestützt starrte Ralf auf die bläulichen Flämmchen, die der Wind von Zett zu Zeit au- den Ratzen des Ofen- trieb. Die Zeit verann. Langsam erhob sich der Jüngling. Er sah sich tm Zimmtr nm, blickte auf da» geschloffene Couvert, da- seine letzte« Werthgegenstände und seinen letzten Willen betreffend ein an­ständiges Begräbntß enthielt. Dann verschloß er die Thür und machte sich am Osenschloß zu schaffen. Mit einem letzten Seufzer streckte er sich auf fein dürftiges Lager. Er wollte schlafen, schlafen ewig schlafen.

Da- neue Jahr sollte ihm den Frieden bringen, nach dem er sich so lange vergeben» gesehnt und ihn mit ihr ver­einigen, die ihn allein verstehen würde, mit seiner guten, schwachen Mutter.

Er war so einsam, s» eie ab gewesen, doch nun war er halb erlöst.