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Dienstag den 29. November
Nr. 280 Erstes Blatt.
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Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger
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Deutsche» Reich.
verlts, 26. November. Die ,«orbb. Allgem. ßtg." begrübt an der Spitze ihrer heutigen Nummer bal von bet Orientreise glücklich heimgekehrte Ratferpaar nnb spricht ^gleich dem Kaiser für sein nnerwüblicheS Wirken zur Ehre Deutschland» Dank au». In bem Begrüßung»-Artikel wirb auch auf bte Besuche an ben sübbrutschen Höfen htngewtesen. Die Begegnung mit bem Prinz Regenten von Boyern werbe tn ber deutschen inneren Geschichte ein benkwürbtger Tag -leiden, ba fich an ihn bte glückliche Lösung einer wichtigen inneren Frage knüpfe. Die freunbliche Zwiesprache be» Kaiser» mit bem König von Württemberg habe auch ber Beilegung einer anbeten schwebenden Frage gegolten. Nachdem die „Norbb. Allgem. ßt».* noch bem Wiebersrhrn mit Baben» Hetrschrrpaar gedacht, ruft sie bem Kaiset nnb bet Kaiserin rin bankbare» Willkommen zu.
Berlin. 26. November. Die „Äorbb. Allg. ßtg.* schreibt : Der im Reich»amt be» Innern aulgearbeitete Gesetzentwurf bettrffmb ben Schutz ber Angestellten im Han bei»- gewerde liegt bem preußischen Staat»mtnisterium und ben anbereu deutschen Regierungen zur Begutachtung vor. Wann -er Entwurf bem vunbe»rath zugehen wirb, 18§t sich zur fielt noch nicht sagen.
LusLund.
Pari», 26. November. Die beiden republikanischen Gruppen der Kammer Haden gestern beschlossen, am nächsten Montag einen Gesetzentwurf etnzubrtngen, welcher bohtn geht, -em militärischen Revision»rath alle Revistoulgesuche zu entziehen und fie nur burch ben Lassation»hof untersuchen zu lassen. Diese Maßregel wirb getroffen, um Picquart, wenn er am 10 Deeemder vernrtheilr werden sollte, zu ermöglichen, bah et sein Revifiou»gesuch vor ben Laffatiou»hof bringen kann.
Pari», 27. November. Labor! hat heute geLuhert, et würbe nicht zulaffen, baß Walbeck Rousseau bte ver- theidiguog Picqaart» übernehme. Waldeck-Rousseau hat zu de, stehen gegeben, baß er bereit sei, stch zum verhetbiger Ptcquart» wählen zu lassen.
Par», 27. November. Im Amtsblatt wirb heute bte Summe bekannt gegeben, welche die Wittwe bei Obersten Henry erhalten soll. Sie erhält hiernach vom 1. Decemder 1898 an eine jährliche Pension von 1768 Frei.
Pari», 27. November. Ungeheure» Aufsehen erregt bte Verhaftung bet Frau Bianchiui, bet Gattin be» be« rühmten Deeotationrmaler» bet großen Oper, unter bem Verbacht bet Vergiftung ihre» Gatten. Bianchiui liegt krank darnieber. ES steht ein großer Seanbal bevor.
Patt», 27. November. Labort und Menard beschlossen, ben Secretär Labore», ben Advocaten Hilb, zu Dreyfu»
nach ber TeuselStnsel zu schicken. Hilb bürste fich am 9. December etnschiffen.
Patt», 27. November. Die Mitglteber be» Bureau» bei Senat» waren gestern Abend bet Dopuh, Frehcivet und bem Justizminister Lebtet, um bieselbeu zu ersuchen, ben Prozeß »egen Picquart aufzu'chieben, bi» ber Eassattonlhof seine Eatscheibung in der Drrysu» - Affaire gefällt habe. Die Minister höeten bte Senatoren an, ohne bte geringste Bemerkung zu machen. Dvpnh entgegnete, baß et feine Antwort bem Bureau morgen zngehen lassen werbe.
Patt», 27. November. Die Regierung, burch bte Oppo- fitton brr Mitglieder beider Kammern geängstigt, wird, wie verlautet, bie Vertagung be» Prozesfe» Picquart austreben, selbst wenn Zurlinben baraushin zurücktritt.
Part», 27. November. (Bin bet Genetalstablpreffe an- gehörende» Provtnzblatt, ba» bem Herzog von Brnbome, Vater be» Grafen von Flanbern nahesteht, thellt mit: E» solle während einer Laubparthie bei bem Herzog von Orlean» gewesen fein, baß der Herzog von Benbome fich folgendermaßen über bte Affaire Drehfn» au»gebrückt hätte: Drehsu» fei, wie man auch im Außlande darüber beute, schuldig. ES bestehe kein einzige» Labinet zwischen Kopenhagen und Rußland und Wien, wo man nicht vollständig im Klaren ist. Drehsu» ist schuldig nnb seine Schulb ist burch eine Denuuciarion Rußlands bekannt geworben. Im Jahre 1893, al» ba» Berliner Labinet bte französisch • russische Allianz zum Scheitern bringen wollte, nm eine russisch deutsche Allianz zu Seanbe zu bringen, hatte el bem Labinet von St. Petersburg den Beweis geliefert, daß man nicht auf eine Unterstützung Frankreichs zählen könne. Unter btefen Beweisen befanb fich auch derjenige für bte Schuld be» Lapi- täos Drehfn». Um nun bte französtsch-ruifiiche Allianz zum Schellern zu bringen, gab man bem Zaren Kenntnitz von Allem, wa» man in HLnbrn hatte. Ader ber Zar, welcher darauf bestaub, fich mit Frankreich zu verbünben, ließ fich hierdurch nicht beeinflussen und gab bem französischen General- stad bte ihm vorliegenden Sachen zur Keuntniß. Dieser Bericht wirb bereit» heute officiö» bementirr und al» völlig an» der Lust gegriffen hingestellt.
Patt», 27. November. Der Leiter de» Institut» Pasteur, Duclaut, hat eine Einladung zu einer großen Versammlung auf morgen Abend an die Pariser Bevölkerung ergehen lassen. In dieser E nladnng heißt e» unter Anderem: Bürger und Studenten! En ungeheueres Attentat wird gegen die Gerechtigkeit geplant. Der große herrliche Ode-st Picquart soll mll seiner Freiheit bte Revision be» Prozesse» Drehfn» bezahlen, bie jetzt Niemand mehr hinbern kann. Bürger, vereinigt Euch m t unS zu einem großen Proteste, um bte Wahrhell zu verthttdigen! Außer von Daclaut ist ( bitter Aufruf von einet großen Anzahl Professoren unter» | zeichnet.
Pari», 27. November. Die aal bet Einnahme ber
Ian» bem verkauf bet bekannten Brofchüte Esterhazy» etztell werdenden Gelder sind von bem Vetter Esterhazy» b'S zu bem Betrage von 82,000 Franc» mit Beschlag belegt worden.
Lovdon, 26. November. In Birmingham, Manchester, Leicester unb Glasgow ist bet Verkehr burch großen Schneefall zum größten Theile gestört. Die Züge blieben thttlweife im offenen Felde im Schnee stecken. Ganze Vieh- heerden find ewgeschneit.
London, 26. November. Die Liga bet englischen Protestanten bereitet eine großartige Demonstration vor bem ParlamentSgebäube am Tage ber Wiedereröffnung bei Parlament» vor, am gegen bie neue Secte der Rttualisten, bte den katholischen Enltn» nachahmt, zu protestiren nnb baburch bte Regierung zu bestimmen, baß fie verhinbere, baß protestantische, vom Staate besoldete Vertreter be» nationalen EultuS Leremonten bet katholischen Kirche in den Protestantismus einführen.
Loudon, 26. Novembet. »Daily Lhronicle^ meldet au» Rom, e» fei zweifelhaft, ob die Anti-Anarchist en- Lonfetenz zu einem endgültigen Refultate gelangen werde. ES fei vielmehr wahrscheinlich, daß die Lvnferenz fich über einen philosophischen Beschluß verständigen und fich damit begnügen werde, daß die verschiedenen Regierungen fich gegenseitig über die anarchistische Bewegung unterrichten. Da» Blatt sagt, England habe keine Ursache gehabt, an der Lon- ferenz theilzunehmen, da die englischen Gesetze verbiet'n, Aul- nahme-Maßregeln gegen die Anarchisten in Anwendung zu bringen. DaS Blatt sagt weiter, in Deutschland sei augenblicklich eine revolutionäre Bewegung im Gange, deren Ende große Ereignisse nach fich ziehen dürfte.
CocaUs und provinzielle».
Gießen, den 28. November 1898.
** Okdeulverleihuug Seine Königs. Hoheit der Groß- Herzog haben Allergnädigst geruht, zum 25. November l. I. bem SraalSmintster nnb Minister be» Großherzoglichen Hause» unb be» Aeußereu Carl Rothe nnb bem Grafen Franz zuSolmS-Röbelhetm, Erlaucht, ba» Großkreuz deS ver- bteustorb-nS Phittpp» de» Grohmüchigen zu verleihen.
** Ordeulverleihuug. Seine König!. Hoheit ber Groß- Herzog haben Sllexgnädigst zu verleihen geruht ba» Ritterkreuz 2. Klasse be» Verdienstorden» Philipp» de» Groß- müthigen bem vortrageuben Rath bei ber Min sterial- abtbetlang für Forst- unb Lameralverwaltung Oberforstrath Wilh-iw Seyb.
*• Srueuuung. Seine König!. Hoheit bet Groß- herzog Haven Allergnäbigst geruht, am 25. November ben Forstaff'ffot Ernst Mettenheimer zum Domiuialcowm'ffat be» Dominium» Fischbach i. R. mit bem Amt»tttel ^Oberförster^ zu ernennen.
Feuilleton.
Meu Wiener Kunst.
(Zur «ufsuhruug be» Lustspiel» „Zur Fegefeuer") Bon Dr. M. Schilling.
Als Lesfiug in Dcutschlanb die Schaubühne von ber plumpen Nachahmung bet Franzosen befreite unb dem deutschen «ationaltheater seine Stücke schenkte, bie ehrsurchtgebieteub an bet Spitze unserer Dramatik stehen, al» dann unfete Alasfiket ihr neues Kunsttdeal ausstellten und eine zweite Blüthe unserer deutschen Literatur schufen, wie fie fie nicht ta ben Tagen Walther» unb Wolfram» erlebt hatte, sah e» mit ber Kunst In Oesterreich arg au». Nur die Mufik hatte von hier an» im 18. Jahrhundert einen neuen, ungeahnten Aufschwung genommen. Mozart hat die deutsche Oper tn Bahnen gelenkt, bie bi» zu Richard Wagner keiner verlassen hat. Beethoven hat fich in Wien so heimisch gesühll, baß er »icht mehr von ba wegging ähnlich wie «aut, ber kaum je über Königsberg» Weichbild h-nauSgrkommen. Unb In Franz Schubert entstand bem bentschen Liebe ber Meister. Aber wen hatten bie Oesterreicher gegen unsere Klassiker in» Felb zu führen? Den abgeschmackten Blumauer, beffen ncflätige AeneiS-Travestie boch nur Sekundauerherzeu fürder ergötzen tarnt; ben schwächlichen Sornelin» von Ayreuhoff, der in Bewunderung der wtragediee schwelgte. Nur die lllerarische Parodie, die fich auf dem vorstadttheater ellullstete, schoß üppig in» Kraut. Der Hanswurst, ein Sohn de» Ptckel- HSring», der bi» dahin nur ben episobifchen Spaßmacher
spielte, wirb zu einem iategrirenben Bestanbtheil ber Stücke. Selbst Lesfiug mußte fich solche Verhöhnungen gefallen lassen. Aber diese» Poffentheater, ba» nur bie eine Tenbenz kannte, ba» Zwerchfell zu erschüttern, hat auch sein Gute» gestiftet: an» ihm ging ein wirklicher Dichter hervor, Ferbinand Rai- munb, besten Kraft im Rührend-Komischeu, besten Bebentnng darin liegt, daß tt die Poste hob unb abelte. Wenn e» auch nur eine Legende ist, baß Raimnnb an Nestroh gestorben sei, so hat boch sactisch bie frivole Parobie, bie in Johann Nestrey, bem verfafler von „Lnmpaci vagabundu»", ihren zungengewandtesten Vorkämpfer fand, ber ernsteren Richtung be» Märchen», wie e» Raimnnb gepflegt, den Todesstoß gegeben.
Aber in Oesterreich, besten bramatische Kunst so lange brach gelegen hatte unb ba» Niemanb gegen Schiller in» Felb zu führen wußte, tarnen bie beibtn Männer zu Welt, bie nach Sch Her die bebeutendsteu Persönlichkeiten ber Schaubühne geworden find.
Franz Grillparzer, ein Abvokateusohn, ber an» einer bürgerlichen Sphäre hervorging nnb Zeit seine» Leben» au» bem Bearntenthurn, ja an» einem gewissen Philistertum nicht herauskam, ba» fich ergeben in bte Dinge schickt nnb blinbe Unterwerfung unter bte bestehenden Bräuche fordert, — Franz Grillparzer ist ein Schüler unserer Klassiker, aber er thut noch einen Schritt Über die Meister hinaus.
Mll Kleist, der einst in frevlem Uebermnth Goethen ben Kranz von ber Stirne reißen wollte unb ber nicht ganz ohne Goethe» Schuld elendiglich zusammenstürzte, nm erst nach 1870 zu neuem Leben zu erwachen und auf da» ihm
gebührende Piedestal erhoben zu werden, mit bem Norbdeut- fchen Kleist hat der Oesterreicher Grillparzer manchen Berührungspunkt, vor Allem tn ber Behandlung ber Sprache, bie vor Härten nicht zurückscheut und bereu vornehmste» Ziel die reallsttsche Eharacterifirung der Personen ist. Ader noch mehr al» Kleist r Lhert fich Grillparzer dem modernen Drama, ja man kann seine Trilogie ,T)al goldene Vließ" al» die erste moderne Tragödie, wenn auch tn antikem Gewände, ansprechen. Den Kern der Handlung, den eigentlichen Lonfltct, bildet die Enttäuschung in ber Ehe. Rachbem fich Iasott nnb Mebea gefunden haben, werben fie sich fremb, fie k-uneu fich is gut nnb kennen fich boch nicht mehr. Jason ist nicht länger ber Helb, ber Halbgott für Mebea, tote fie ihn erträumt hat, er finkt zum Durchschnittsmenschen herab, nicht ganz schlecht, aber auch nicht ganz gut; Mebea ist thm fortan nur bie Kolcherin, bte Halbbarbarin, alle ihre versuche, fich zur Höbe be» Griechenthum» emporzuschwingen, haben für ihs etwa» Lächerliche». Da» ist bte Enttäuschung in ber Ehe, bte Enttäuschung im Leben. Enttäuschung ist baS große Sch'agwort, baS fich wie ber rothe gaben burch unser »oberee» Leben htnburchzteht. Wie Mebea erlebt Nora an der Selle be» philiströsen Helmer bte Enttäuschung. Wie J-son erlebt Johanne» Bockerat tn Gerhart Hauptmann'» .Einsamen Menschen" an der Selle seine» Hau»Mütterchen» Käthe bte Enttäuschung.
Ja bemfelben Jahre, too Franz Grillparzer in Wien bahtnschieb, erkämpfte fich L. Gruber'» ,Pfarrer von Kirch- selb" einen ungeheuren Erfolg: Ludwig Anzengruber ist ba» größte Talent geworben, daS nach 1870 auf ber


