Mißliebigkelt bei den Herren Agrariern zog sich alsdann vor einigen Jahren die Reichsbank zu, als sie sich weigerte, den für Staatsanleihen des Deutschen Reiches und der Bundesstaaten eingeführten um 1/s pCt. ermäßigten Lombardzinsfuß auch für die Beleihung der landschaftlichen Pfandbriefe einzuführen. Die landschaftlichen Creditoereine waren durch keinerlei Abmahnungen von sachverständiger Seite da« von abzuhalten gewesen, in eine Converttrung ihrer 3t/2 pro» centigen Pfandbriefe in 3 procentige zu einer Zeit einzutreten, zu welcher eine solche Zinsherabsetzung noch gänzlich verfrüht war, weil der 3 procentige Zinsfuß eben noch nicht erreicht war. Da sich derartige Maßnahmen dem Geldmarkt nun einmal nicht aufdrängen lasten, waren so große Mengen 3 procentiger Pfandbriefe unbegeben geblieben, daß die Curse derselben ein.n Preissturz erfuhren, der jeglichen Nutzen aus der Converfion auch für die Schuldner illusorisch machte. Die Pfandbriefe wanderten in großen Beträgen in den Lombard der Reichsbank, und die Agrarier verlangten von dem Herrn Reichsbankpräsidenten eine Herabsetzung des Zinsfußes um Va pCt. zu Gunsten der landschaftlichen Pfandbriefe. Das Reichsbankdirectorium lehnte diese Ermäßigung gerade deshalb ab, weil zu befürchten war, daß die Reichsbank mit unplacirbaren Mengen dieser Pfandbriefe überschwemmt werden würde, und wie richtig die Ablehnung war, geht am besten daraus hervor, daß bald darauf das Reichsbankdirectorium sich veranlaßt sah, wegen zu starker Inanspruchnahme auch den Ausnahmezinssatz für die Staatsanlechen wieder aufzuheben. Geradezu falsch wäre es aber, wenn Jemand behaupten wollte, daß bei den Wechseldiscontirungen oder Lombardirungen die Landwirthschaft schlechter gestellt werde als Handel und Industrie. Wechsel, welche den legitimen Ansprüchen der Reichsbank genügen, die also z. B. gegen verkaufte Producte oder gegen gekaufte Düngmittel oder dergleichen gezogen find, werden von der Landwirthschaft ebenso bereitwillig genommen, wie von jedem anderen; ja die Landwirthschaft wird insofern thatsächlich bevorzugt, als bei gewissen Wechseln der Landwirthschaft auf Grund einer alten von der Preußischen Bank übernommenen Praxis eine einmalige Prolongation auf drei Monate bewilligt wird. Sind also auch alle diese gegen die GeschäftSgebahrung erhobenen Vorwürfe unbegründet, so will ich noch mit einigen Worten die großen Gefahren heroorheben, welche der Allgemeinheit aus einer Verstaatlichung der Reichsbank erwachsen würden. (Fortsetzung folgt.)
Gießen, 27. Mai 1898.
* * Sruauvt wurden Johann Friedrich Kersting zu Bad - Nauheim zum SaliueureutamtSgehtlfen, Johannes van Ba-Huiseu HI. zu Bad»Nauheim zum Heizer am ElectricitätSwerk zu Bad'Nauheim und die Cauzletgehilfen Hermann Waldmann au- Mühlberg (Kreis Ltebenwerda), Peter Krämer aus Rockenberg (Kreis Friedberg) und Friedrich Hallstein aus Dieburg zu Ministertalcauzlisteu bei dem Ministerium der Finanzen, sämmtlich mit Wirkung vom 1. Juni d. I. au.
* • Kunstvereiu. In der GemSlde'AuSstelluug im Thurm» Hans am Brand find diese Woche wieder 40 neue Bilder etugenoffen, so daß die gegenwärtige Ausstellung bereit- 100 Gemälde umfaßt. Zugleich sei noch bemerkt, daß die Ausstellung an den Feiertagen von 11—3 Uhr Mittag- ununterbrochen geöffnet ist.
* • Wahler-Berfammlaug. Die vom liberalen Wahlausschuß der freifinntgen und uatioualltberaleu Partei auf Donnerstag den 26. Mat, Abends 8% Uhr, in SteiuS Garten (Saalbau) anberaumte Wähler-Versammlung haue sich eines zahlreichen Besuches zu erfreuen. Herr Prof. Wtmmenauer begrüßte die Versammlung Namens der vereinigten Parteien, seiner Freude darüber Ausdruck verleihend, daß es endlich gelungen sei, ein Zusammengehen der bisher getrennt operireodeu beiden Parteien herbetzuführeu. Daß letzteres in der That der Fall sei, beweise ihm schlagend dass zahlreiche Erscheinen von Mitgliedern jeder derselben. Indem er hierfür verbindlich dankt, überträgt er da- Präsidium der heutigen Versammlung Herrn Fabrikant Georgi. Dieser wieS kurz darauf hin, daß es den vereinigten Parteien gelungen sei, tu der Person de- unserer engeren Heimath entstammenden Herrn Dr. ftxant in Enger- a. Rh. einen geschickten und würdigen Vertreter des ersten hessischen Reich-» tag-wahlkreiseS zu gewinnen. — Eine Interpellation de- Herru Scheidemann fand ihre Erledigung darin, daß ihm feiten- de- Vorsitzenden eröffnet wurde, e- liege nicht tu der Absicht des Wahlausschusses, erfolglosen Debatten Raum zu geben, dem zufolge auch dem Interpellanten das Wort keinesfalls ertheilt werden würde. Herr Schetdemanu verließ darauf mit seinem Anhänge die Versammlung. Sodann wurde Herrn Dr. Frank das Wort ertheilt. Nachdem derselbe für die ihm zugedachte Ehre gedankt hatte, legte er vor seinen Wählern ein politisches GlaubeuSbekenutuiß ab, derart, daß er zu den einzelnen Punkten des Programms Stellung nahm und seinen Standpunkt zu jedem derselben kurz motivirte- hervorhebeud, auch etwa neu in die Erscheinung tretende Gesichtspunkte würden ihn stets das Wohl des Vaterlandes über das der Partei stellen lassen, wie dies ja auch die Schlußworte des Programms, als für beide Parteien maßgebend, zum Ausdruck brächten in den Worten: „Dies Alle- in Treue zu Kaiser und Reich zum Wohle des Volkes und zum Heile des Vaterlandes." Anhaltender Beifall folgte dieser Programmrede. — Darauf ergriff Herr Rechtsanwalt Dr. Jung das Wort zu längerer Rede, in der er Berechtigung und Ziele, Kraft und seitherige Erfolge des Liberalismus eingehend beleuchtete und die Anhänger beider Parteien aufforderte, unter Hintansetzung persönlicher Interessen zielbewußte Einigkeit zur Geltung zu bringen, um so der gemeinsamen Sache zum Siege zu verhelfen. — Herr Dr. Fuhr, Vorsitzender des uatioualliberalen Vereins, bekundet seine Freude darüber, heute Hand in Hand mit Männern arbeiten zu können, die er, trotzdem er sie hoch-
fchätze, bisher politisch leider habe bekämpfen müssen. Er hofft, daß das trennende Moment nunmehr dauernd beseitigt sei und daß das deutsche Bürgerthum fortan etumüthig für des Vaterlandes Wohl eintreten werde. Der Candidat sei ein Manu, dessen Herkunft und Erfahrung dafür bürge, daß er seinen Wahlkreis mit Erfolg vertreten werde. — Herr Privatdoceut Dr. Peters aus Heidelberg, Mitbegründer des Vereins deutscher Studenten, verbreitete fich über den EutwickelungSgang desselben und befürwortete ebenfalls die Caudidatur Frank. — Der Vorsitzende Herr Fabrikant Grorgi äußerte sodann seine Genugthuung über den Verlauf der heutigen Versammlung und verspricht fich von derselben guten Erfolg. Mit einem Hoch auf daS Vaterland schloß er sodann die Versammlung. Hierauf brachte Herr Geh. Justizrath Battz mit zündenden Worten ein begeistertes Hoch auf die vereinigten beiden Parteien aus, welches kräftiges Echo fand. — Die noch folgenden Worte des Herrn Krumm blieben infolge des allgemeinen Aufbruches der Versammlung unverständlich.
• • Als Vertreter der Freiwilligen Feuerwehren Gießen- wird der Hauptmann der Gießener Freiw.ll. Feuerwehr den 15. deutschen Feuerwehrtag in Charlotten» bürg besuchen. Die Stadtverordneten - Versammlung hat beschlossen, einen Theil der Kosten auf die Stadt zu übernehmen.
Sin Gießener grand prix. Freunde des Radfahrsporte» beabsichtigen, für daS Herbstrenueu einen großen Preis zu stiften. Die bis jetzt gezeichneten Beiträge lassen die Verwirklichung der Idee erhoffen.
* * Wenig Zatereffe scheinen die Bauhandwerker für die BaugewerkS-Berufsgenossenschaft zu haben. Die ordentliche Versammlung der Sectiou VI (Gießen) der Hessen- Nassauischen BaugewerkS • BerufSgenoffenschaft, welche am verflossenen Sonntag im Restaurant Fetdel hterselbst stattfand, war außer vom Vorstände nur von etwa einem halben Dutzend Mitglieder besucht, obgleich die Tagesordnung wichtige BerathungSgegenstände aufwieS.
* * Innere Mission. Ein interessantes Programm hat die südwestdeutsche Conferenz für innere Mission ‘ für ihre 34. Jahresversammlung zu Frankfurt a. M. am 8. und 9. Juni aufgestellt. Landeskirche und Freikirche in ihrer Bedeutung für BolkSerztehung und innere Mission ist der Gegenstand der Verhandlungen der ersten Hauptversammlung, worüber der in Hessen wohlbekannte Ober- Confistortalrath Professor D. Sell - Bonn reden wird. Außerdem kommen eine Reihe wichtiger Fragen zur Erörterung, die mehr in daS praktische Gebiet eingreifen. Ueber VolkSvergnügungen und Familienleben spricht Pastor Schöttler-Barmen, über die Fürsorge für Kellner Pastor Schmidt-Cannes, über nationale Anfiedeluug und Wohnungsreform I. Latscha-Frankfurt.
In der 4. Klaffe. Die Belästigungen des reisenden Publikums in der 4. Wazenklaffe durch Haufirer, Zauberkünstler, Orgelspieler rc. find nunmehr bei Strafe 6t» 100 Mk. verboten. Das Zugpersonal ist angewiesen, jede Uebertietung zur Anzeige zu bringen.
* * Tabakbau in Hessen. Im Großherzogthum Hrssen gab es im Erntejahr 1896/97 2232 Tadakpflanzrr urd 75,654.67 Ar Flächeninhalt der mit Tabak bepflanzten Grundstücke. Der Werth der Tabakernte betrug 1,075,863 Mk.
* * Mir der Ertheilnng eines Erholungsurlaubs au die Unlerbeamteu hat die ReichSpostverwaltung gute Erfahrungen gewacht. Die Beamten find nach Beendigung des Urlaub- „metft mit erhöhter BerufSfreudigkeit und sowohl körperlich als geistig erfrischt in den Dienst zurückgekehrt, während andererseits durch die gegenseitige Vertretung der Unterbeamten besondere StelloertretungSkosteu häufig nicht entstanden find". Infolge dessen hat die Postverwaltung angeorduet, daß auch in diesem Sommer den Uoterbeamten, soweit angängig, ein Erholungsurlaub ertheilt werden soll.
* ♦ VerkthrSerleichteruugeu zum Deutschen Turnfest in Hamburg. Einer an den Vertreter des Mittelrheinischen TurvkretseS gerichteten Zuschrift des Hamburger BerkehrS- AuSschusse» ist zu entnehmen, daß eine am 17. Mai stattgehabte Conferenz der Deutschen Etsenbahn'Verwaltungen über Feststellung der Anzahl und Fahrzeiten der Sonderzüge nach Hamburg entschieden hat und daß, wenn auch noch einige Tage bis zur amtlichen Veröffentlichung der gefaßten Beschlüffe vergehen werden, doch jetzt schon feststeht, daß den Bedürfnissen der Turner im weitesten Umfange Rechnung getragen worden ist. Als Ergebuiß der Verhandlungen sei kurz mitgetheilr, daß sowohl für die Sonderzug-', als auch für die Anschluß Rückfahrkarten 50 pCt. Ermäßigung gewährt wird. Fahrtunterbrechung soll auf der Hinfahrt einmal, auf der Rückfahrt mehrmals gestattet sein. Sonder- zugS- und Anschluß-Rückfahrten aus Süddeutschland werden eine 45tägige, aus den anderen Theilen Deutschlands eine 30tägige Geltungsdauer haben, auch soll die Möglichkeit gegeben werden, die Rückfahrt über einen anderen Bahnweg anSzuführen und zwar, soweit erforderlich, gegen Nachzahlung des Fahrpreises für die Mehrentfernung oder gegen Lösung von bereits bei der Abgangsstation über den Umweg ausgestellten Fahrkarten. Die Fahrpläne für die Tonderzüge werden in Altona auSgearbeitet und erfolgt Mittheilung an alle Turnvereine seitens des Hamburger BerkehrS-AuSschuffeS, sobald dieser dazu im Stande ist.
Butzbach, 25. Mai. Heute wurde die Leiche des Wein- Händler- Herrn Karl Johann Wilhelm Kalbfleisch hier zur letzten Ruhe bestattet. Außer seinen Verwandten waren viele Leidtragende au- seinem Freunde-- und Bekanntenkreise au- Nah und Fern erschienen. Der verblichene war ein langjährige- eifriges Mitglied de- hiefigen Turnvereins- 20 Jahre gehörte er dessen Vorstand an und 12 Jahre war er erster Sprecher bei diesem Verein. Auch bei anderen Vereinen war er ein rühriges Mitglied und erwarb fich durch fein ehrenhaftes und charakterfestes Benehmen viele Freunde, demzufolge ihm verschiedene Ehrenämter über
tragen wurden. Die hiesige Gemeinde wird dem Entschlafener: ein ehrendes Andenken bewahren. Darmst. Zig.
n. Friedberg, 26. Mai. Der gestrige S ch weine - markt verlief bei starkem Auftrieb und großem Besuch von Käufern ungemein auimirt. Zu diesem Verlauf trug auch die vorhandene ausgesuchte Waare viel bei. Unsere Land- wirthe haben in den letzten Jahren erfreulicher Weise doch bedeutende Fortschritte in der Schweinezucht gemacht, die ihnen jetzt den wohlverdienten klingenden Lohn eiubriugen. ES fließt jetzt manches schöne Stück Geld in die Taschen unserer Landwirthe, da» früher aus Hessen hivauSwauderte, weil die Händler unsere Märkte mit schönen vom AuSlavde bezogenen Ferkeln besuchten. Diese Coucurrenz ist jetzt auS dem Felde geschlagen. — Trotz der hohen Kartoffelpreise bewegen fich die Preise für Ferkel beständig in aufsteigeuder Linie. Für daS Paar kleine Ferkel wurden gestern 25 bis 35 Mk., für mittelstarke 35—45 Mk. und für große 45 bis 55 Mk. bezahlt. Läufer waren wenige aufgetriebeu- doch konnte die geringe Nachfrage leicht befriedigt werden, weß- halb die Preise hier nicht hoch waren. Recht schöne Läufer waren schon zu 60 Mk. zu erhalten.
Griesheim, 25. Mai. Von einem Bierwagen der Hilde» braud'schen Brauerei in Pfungstadt wurde gestern ans der Darmstädter Chauffee ein sechsjähriges Bübchen über» fahren. Den Fahrburschen trifft keine Schuld, da der Kleine fich hinten an den Wagen hängte und dabei von einem Hinter" rad erfaßt wurde, das ihm über daS eine Bein ging. Die Verletzung soll eine sehr schwere sein. — Dieser Unfall sollte allen Eltern Veranlassung geben, ihre Kinder ernstlich wegen dieser Unsitte zu verwarnen.
A Mainz, 26. Mai. Die heftigen Niederschläge, von denen in den letzten Tagen ein großer Theil von Süd-> deutschland heimgesucht wurde, haben eine sehr rasche Au- schwellung des Neckars, Main- und Oberrheins zur Folge gehabt und bedrohen jetzt das Mittelrheingebiet mit Urber- schwemmung. Während schon am Dienstag vom Neckar rapides Steigen gemeldet wurde, nahm seit gestern früh der Rhein hier beträchtlich zu und zwar derart, daß der Pegel tuner- halb 24 Stunden einen Meter mehr zeigte und zwischen hier und Worms die flachgelegeuen Ufer theilweise schon unter Wasser setzte. Heute Morgen betrug der Pegelstand 3,25 Mir., und nahm daS Wasser bis zum Abend noch weitere 25 Ctm. zu. Seit 4 Uhr hat sich daS Steigen etwa- vermindert. Die amtlichen Nachrichten vom Abend melden vom Neckar Stillstand und vom Rhein bet Mannheim noch Wachsen- — Mit Rücksicht auf die gegenwärtigen hohen Getreidepreis e und den sich daraus ergebenden Brotaufschlag war Seitens der hiesigen städtischen Verwaltung angeregt worden, vorübergehend das Octroi auf Mehl aufzuheben, um hierdurch den Brotpreis etwas zu Gunsten der ärmeren Klaffen zu beeinflussen. Nun hat aber eine Berechnung ergeben, daß bei Aufhebung des Octroi- nur ein Abschlag von 8/< Pfg. für einen vierpfündigeu Laib Brod eintreten könnte, mithin nicht da- consumirende Publikum, sondern lediglich die immer ihre Preise nach oben abrundendeu Bäcker den Vortheil von der projectirten Maßnahme hätten. Man hat e- daher für gut befunden, da- Octroi nicht aufzuheben.
Wendelsheim, 25. Mai. „Abfahreu!" erklang am letzter. Sonntag Abend da- Commando de- dienstthuenden Stationsvorsteher- am hiesigen Bahnhofe. Darauf ertönte der schrille Ton der Signalpfeife de- Zugführer-, der von der Dampf- Pfeife der Lokomotive des letzten Personenzuges nach Armsheim pflichtgemäß erwidert wurde, worauf das Dampfroß fich langsam in Bewegung setzte. Weder Führer noch Heizer der Maschine bemerkten es, daß die dahinter befindlichen Personenwagen nicht vachfolgten, und bald war die Loco- motive den Blicken der enttäuscht zurückgelaffeuen Passagiere entschwunden. Erst beim Anhalten auf der nächsten Haltestelle in Uffhofen wurde der Locowotivführer darauf aufmerksam, daß er ohne den gewohnten Anhang gefahren war§ worauf er schleunigst wieder nach Wendelsheim zurückdampfte^ um seine dort fitzengelassenen Passagiere abzuholev. A. Z.
VeAU-ischtes.
* Kirchliude, 25. Mat. Die auf Zeche Zollern ver» unglückten 44 Bergleute wurden heute feierlich beerdigt. Bon dem Förderthurm der Zeche wehte eine mächtige schwarze Flagge, die Häuser zeigten Trauerschmuck. und der Weg vom Bahnhofe bis zum Krankenhause, in dessen Leichenhalle die Särge aufgebahrt waren, war mit Flaggenmasten besetzt, an denen halbmast gehißte Flaggen wehten. Aus allen Richt» tungen zogen Vereine mit Fahnen heran, darunter Knappenvereine in Uniform, Kriegerveretne, Gesang- und Turnvereine und namentlich Vertretungen der Gewerkschaften anS den benachbarten Städten. Die große Zahl der Verunglückten bedingte ein großes Trauergefolge. Die Leichen kamen nicht in ein Massengrab, vielmehr wurden die Tobten in den Gemeinden beerdigt, in denen fie ihren Wohnfitz hatten. So 20 Katholiken in Kirchliude, 11 Evangelische in Warten^ 5 Katholiken in Castrop, 3 in Huckarde, 4 Evangelische in Lütgendortmund u. s. w. Die 20 Leichen, die auf den katho lischen Friedhof in Kirchliude kamen, wurden von Bergleuten getragen und zuerst beerdigt, nachdem die kleinern Partien unter Mufikbegleitung und zahlreichem Gefolge abgegangen waren. Während der Zug, tu dem gegen 40 BeretnSfahneu wehten, fich ordnete, spielten sich vor der Leichenhalle erregte Auftritte ab. Eine Fran hatte eS durch Bitten ferttggebracht, daß man ihr den Sarg öffnete, in dem die Leiche ihres Gatten liegen sollte. Es ergab fich, daß eine Verwechslung vorgekommen war- die Leiche selbst war allerdings nicht recht zu erkennen, aber der betreffende Manu hatte fich erst wenige Tage vorher das Haar kurz schneiden lassen, die in dem Sarge ruhende Leiche hatte aber langes Haar. Nun mußten mehrere Särge wieder geöffnet werden, bis man die vermeintliche rechte Leiche fand. Auf dem katholischen Friedhöfe bestieg nach der Einseukung und Einsegnung Pfarrer Müller eine mit schwarzem Tuch behangene Kanzel und schilderte in packenden Worten den Schrecken, die Sorge und


