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27.11.1898 Fünftes Blatt
 
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Nr. S79 Fünftes Blatt. Sonntag den 27. November__________________1SOS

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Gießen, den 26 November 1898.

Großherzogliches Polizeiamr Gießen. Muhl.

Deutsches Reich.

Berli», 28. November. Die Eröffnung des Reichs­tag es wird nicht, wie bisher gemeldet wurde, am 2. De- rember erfolgen, sondern erst in der übernächsten Woche. Die Bestimmung des Tages unterliegt noch der katferltcheo Dotscheiduog.

Berlin, 25. November. Der ReichShauShaltS- Etat für 1899 wird eine Forderung von 100000 Mark zur Fortsetzung der deutschen Liefsee-Expeditiou enthalten. Diese unerwarteten Mehrkosten dürsten verzögernd auf die Einleitung der vüdpolarsorschuug rtllwirken. Bon den auf 5 Millionen bemessenen Mitteln für die Betheiligung deS Deutschen Reiches an der Pariser Weltausstellung sind noch 4 584000 Mark verfügbar. Davon find 8534000 Mark in den RetchshaußhaltS Etat für 1899 eingestellt worden.

Berlin, 25. November. Der dem Bundesrath vor­liegende Gesetzentwurf, betreffend die Ersetzung deS voreideS durch den Nacheid enthält, wre etn parlamentarischer Bericht­erstatter meldet, im Wesentliche» Alle», waS der im Reichs tage angenommene Antrag Gälisch verlang». Ja diesem ist uamentlich auch eint Einschränkung der Eidesleistung ans die wichtigsten Fälle und die Bestrafung von Aussagen, auch wenn fie nicht unter Eid gestellt worden stad, sobald fie sich als falsch erweisen, entfalten.

MPC. Im Zusommeuhange mit dem demnächstigen In­krafttreten des bürgerlichen Gesetzbuches «acht sich auch eine Abänderung der Seemannsordnung uöthig. Es haben dieserhalb in den letzten Tagen Sachverständigen-Berathungeu hier stattgefunden.

M P C. Uv dem Streben der Standord-Oil-Eompavy nach alleiniger Beherrschung deS Petroleummarktes in Deutschland ein Paroli zu bieten, werden neuerdings der ruffifchen Oel Production Avancen in Deutschland gemacht. W'e wir hören, wird u. S. Seitens der fiscalischeu Arbeits­stätten de« russischen Petroleuw der Vorzug vor de« ameri­kanischen gegeben.

Köln, 25. November. Zum gestrigen Kais er besuch in München wird der ,Röln. Zig." aus bester Quelle ge­meldet, daß, obwohl ti- Zusammenkunft nicht eigens zu diesem Zwecke herbeigeführt worden war, dennoch zwischen dem Kaffer und dem Regenten politische Fragen, insbesondere der Lippe'i'che Streitfall besprochen wurden.

Kol», 25. November. Zu der zwischen dem Kaiser und dem Prinzregenten von B.h'rn erfolgten Verständigung be­züglich der Militärstraf-Gerichtsorduung erfährt die ,R3ln. Ztg." aus Berlin, die verständigang werde formell ihren Ausdruck finden in dem Entwurf eines ReichsgefetzeS, welcher de« Reichstag in feiner nächsten Tagung zugehen soll »nd we'cher der Annahme sicher sein dürste.

München, 25. November. Zur Heimkehr deS Kaiser- paareS schreiben die ,M. N. 92 *: Heute in der Mittags stunde hat der Kaiser nach der glücklichen Beerdigung seiner Orientfahrt in München zum ersten Male wieder deutschen Boden betreten. Se. Kgl. Hoheit der Prinz Regent hat eS sich trotz entgegenstehender eigener Reisedispofitionen nicht nehmen lassen, bei dieser Gelegenheit, umgeben von dem ge­lammten königlichen Hause, den höchsten Staatsbeamten und den Vertretern der deutschen Höfe, dem Kaiser einen feier- Uchen Empfang zu bereiten. Utbex die Aeußerlichkeiten find unsere Leser bereits unterrichtet und finden auch noch an anderer Stelle eine Ergänzung zu dem bereits Mitgetheilten. WaS wir aber an dieser Stelle nochmals betonen wollen, ist die überaus große Herzlichkeit, mit der sich die heutige Entrevue vollzog. DaS ganze Arrangement de» Empfanges, von kurzer Hand vorbereitet und in aller Schnelligkeit ge- troffen, ließ Nichts zu wünschen übrig. Die damit betranten Organe haben das in der Kürze der Zeit überhaupt Mögliche geleistet. DaS Kaiserpaar war von de« Inständigen Aufeuthatt im Kreise der boyerischen Sönigsfamilie cif das Höchste entzückt und dankte wiederholt für die große Auf- »erksamkeit, die ihm hiebei erwiesen worden. Solche kurze

Begegnungen pstegeu sonst einen lediglich cerewoniellen Ver­lauf zn nehmen. Wir haben Grund zu der Annahme, »a^ die heutige Entrevue über den gewöhnlichen Rahmen solcher Zusammenkünfte hinausgegangen ist. ES ist klar, daß einzelne Frag-n der inneren Polittk bei der Kürze der Zeit u'cht ein­gehend berührt worden sind. Ader wir glauben, daß die heutige herzliche Aussprache zwischen Kaiser und Regeut für die Entwicklung nuferer innerpolitischen verhältuiffe nicht ohne Bebrnnn- war. vielleicht dürfte schon die nächste Zukunft darüber Näheres bringen. Ebenso hoch wie das E-gebniß der Eetrevne nach dieser Richtung hin, schlagen wir den Eindruck au, den der glänzende Empfang deS Kaisers durch den Regenten des zweitgrößten Bundesstaates nach Außen hin machen muß. Die Rückkehr deS Kaisers von einer politisch bedeutsamen Auslandsreise erschien besonders geeignet zu einer wiederholten Documentirnug der unlöslichen Freund­schaftsbande, die die dentscheu Fürsten mit dem Katierhause verbinden. Dafür, daß unser Prinz-Regent diele Gefühle heute in der bayerischen Residenzstadt zum feierlichen Aus­druck brachte, wird ihm nicht nur daS bayerische Volk, sondern ganz Deutschland Dank to ff.'n. In den heutigen Abend­stunden wird der Kaiser auch eine kurze Zeit in der lchwäbischeu Hauptstadt weileu und dort von dem König von Württemberg begrüßt werden. Spät Abends wird dann der Sa'ser in dem herrlich gelegenen Schlosse der Zähringer in der idyllischen Badestadt im Schwarzwald nach den Strapazen der Aus­landsreise die erste kurze Rast halten. In der wenn auch nur kurzen Begegnung des Kaiser- mit den drei süddeutschen Bundesfürsten vor dem Betreten der Reich-Hauptstadt er­blicken wir ein faches-euUches Symptom für die Entw'ckelnng unserer inneren Verhältnisse und eine bedeutsame Kundgebung nach Außen.______________________________________________

AusUrud.

Wien, 25. November. Ein kaiserlicher Gnaden­act erläßt allen wegen Desertion ober Flucht vor der Se- stelluna in Strashaft befindlichen Personen die Strase.

Wie» 25. November. Im Herrenhaus und Abgeordneten- hauS fanden heute außerordentliche Festsitzungen statt, in welchen beschlossen wurde, Deputationen anläßlich deS Regieruugsjudilänms des Kaiser- adzusenbeu. Im Ab- geordnetenhanS wählte die Schönerer-Grvppe einen Socialchen.

Budapest, 25. November. Dem ,Budop:sti Hirlop* zu­folge wird in Budapest ein Bureau des Auswärtigen Amte» errichtet, weil in Zukunft der Minister de- Aenßeren in Budapest auch während der Anwesenheit de-Kaiser-in Ungarn Aufenthalt nehmen wird.

Budapest, 25. November. Im Abgeordnetenhaus gab eS heute keine Siötteruog vor der Tagesordnung. DaS HauS trat sofort in die Bcrathuug des Vudget-Provisorium- etn. Auf der Straße vor dem AbeorduetenhauS herrschte Ruhe. Die Studenten begnügten sich mit der Promenade in der Nähe deS Abgeordnetenhauses. Die Vorlesungen an der Universität werden am 28. November wieder ausgenommen.

Beni, 25. November. Der Bundesrath hat zwei öster­reichische Anarchisten Namens Wolf und Harrich auSgewieseu.

Mailand, 25. November. Nach römischen Me düngen find dort vier Anarchisten eingetroffen, um ein Attentat gegen den König Humbert auszuführeu. Einer von ihnen, ein Italiener, heißt Liancobilla, einer ist etn Spanier mit dem Anarchistennamen Protos und die beiden Anderen sind Franioien. Die Behörden fahnden nach ihnen.

Brüssel, 25. November. Ja der heute Nachmittag statt- gefundenen Kammersitzuug interpellirte der Abgeorbvete Denis die Regierung über die geplante Abrüstung. Denis legte die Nothweudigkeit dar, anf der internationalen Abrüstungs-Eonferenz eine dauernde Einrichtung zu machen. Er befürwortete die Schaffung eines dauernden Fttedens-Ansschusses in Belgien.

P«i» 25. November. Präsident Faure präsidirte heute Nachmittag eine« Ministerroth, der beschloß, den Antrag deS Abgeordneten Doumer, Statthalter von Lonkiu, bezüglich einer Anleihe von 200 Millionen Francs anzunehmen.

Paris, 25. November. Der Eassationshof hat heute von 12 Uhr Mittags bis 6 Uhr Nachmittags Picquart verhört. Verschiedene Advokaten versicherten heute iw Justiz­palast, man habe eine Gesetzesformel entdeckt, woua» Gou­verneur Znrlinden nicht berechtigt gewesen sei, den Obersten Picquart vor ein Kriegsgericht zu stellen, vielmehr sei e» Aufgabe deS Sriegsministers gewesen, eine Entscheidung in der Angelegenheit Picquart zu treffen. Vs wird versichert, daß demnächst in der Sammer eine diesbezügliche Inter­pellation eingebracht werden soll.

M PC. Frankreich. De« »Echo de Paris* entnehmen wir dir Mtuheiiui'g, faß die Dtrectlon der Artillerie die Erfah'ung gewacht habe, daß die sür die »tuen Schnell­feuerkanonen constrnirte Granate nicht die genügende Wirkung besitze. Es soll jetzt ohne Verzug mit der Her- stellung schwererer Granaten begonnen werden. Die bereit» in großer Wenge gelieferten ersten Granaten sollen für Schießübungen aosgedrancht werden.

Ctcalc* ttnO propiitiitUc*.

Gründet», 25 November. Herr Lchramlsass'ssor Theodor Koch, der feil Ostern als Nachfolger deS Herrn Lehrer Faldner die Stelle de» akademisch gebildeten L'hrerS an der hiesigen höheren Bürgtschule verwaltete, hat einen dreijährige» Urlaub angetreten, u» sich an einer von Dr. M tzer- Leipzig geleiteten w ff ufchaftlichen Expedition in daS Innere Beafil'euS zu betheiligen. Am 1. Decemder werben sich die Rcifeodeo in Hamburg zur Erreichung des nächsten Reise­zieles Buenos Atzres, der Haupeftabt Argentinien» e'vsch ffen, woselbst sie mit dem Führer der Expedition zu- sammentreffen. Ein eigenes Zusammentreffen hat e» ge­fügt, daß ein anderer geborener G'ünderger, Herr Ernst Jöckel, zu glecher Zeit dieselbe Reiseroute zu verfolgen gedenkt, um an dtm letztgenannten Orte in de« botiigen Filialgeschäft eine» großen Berliner Kaufhauses eine Stellung zu übernedwen.

§ Ruppertenrod, 25. November. Die durch Schüsse und Säbelhiebe verwundeteu Zigeuner uebst ihre» nächste» Angehör gen weilen noch hier. Während einer der verletzten bereits wieder auf der. Beinen »st, ta?n de» Andere noch nicht feine Lagerstatt i« Wagen verlassen, unb die schwer ver­letzte Frau liegt noch im hiesigen Nachtlokale. Obgleich sonst die Zgeuoer ungern gesehene Besucher find, denen «an lieber auf den Rücken sieht, als ins Gesicht, ist die Barm­herzigkeit für die verwundeten Angehörigen der Zigeuner i» unterem Otte groß. DaS ist lodenswertheS practifcheS Ehristenthum. Nach Aussage der hier weilenden Zigeuner ist der En fiohene der andern Horde etn Deserteur. Letztere Bande hat auch vor einigen Tagen in einen Walde der Ge­meinde Groß Eichen Treibjagd abgehalten. Auf dort gehörte Schvsse eilte die OrtSbehörde an Ort und Stelle, worauf die Baude eiligst dos Weite suchte. Diese gefährliche Horde scheint demnach nicht nur mit Jgelbrateo vorlieb zu nehmen. In Sachen deS blutigen UeberfallS hat hier eine eingehende Untersuchung durch Großh. Amtsgericht Grünberg und weiter durch Großh. Staatsauwaltfchafc zu Gießru stattgesunden. Bis ans weitere O-dre sollen die Zigeuner hier verbleiben.

§§ Groß Felde 25. November. Hier wurde gestern unter einer zahlreichen Betheiligung von Trauergästeu der älteste Bürger unserer Gemeinde, Ronr. Seim II zu Grabe getragen. Derselbe war am 18. Februar 1808 geboren, hatte fomtt ein Alter von nahezu 91 Jahren erreicht. Er war in feine« Leben nicht krank gewesen und konnte In feinen letzten Lebensjahren, nachdem er früher eine Brille gebraucht, ohne Brille leim.

§§ Hattrrauusfai» (Kreis Schotten), 24. November. Heute übend wurde hler ein landwirthschaftlichrr (Lonsum- Verein im Gasthaus zumDarmstädter Hof* (Bürger- meister Schmalbach) gegründet. Zum Vorfitzeuven wurde der Landwirth Heinrich SLmalbach gewählt. Es wird beabfich- tigt, neben dem gemeinsamen Bezug von loudwirthschastlichen Bedarfs-Artikeln usw. der Mitglieder, auch eine allgemeine Verkaufsstelle für Nichtmitglieder zu errichten und durch größeren Bezug die Waareu billiger beziehen zu können.

Friedberg, 25. November. Der bereit» angefflublgte Sonderzug nach Darmstadt fuhr heute Morgen mit Ver­spätung im hiefigeu Bahnhof etn. Um die Friedberger Fahr­gäste (ca. 100 Personen) placiren zu können, mußten hier noch leere Wagen eingestellt werden. Der lange Zag, welcher zum größten Theil ou» Harmonika (!) Wagen bestand, sah imposant ans. Die Gi ferner Studenten in Wichs hatten wohl die HSlste des Zuges besetzt. Denn folgten mehrere Wagen Mädchen in ihrer Landestracht und sehr viele deea- rirte Herren. DaS allg-meine Unfall lautete, dafe diese» der schönste Zua gewesen sei, der jemals Friedberg paistrt habe.

Tarmstedt, 25. November. Die in den Grundzüge» schon telephonisch mit geteilte Enthüllung des Denk­mal» für Grofeherzog Ludwig IV. hatte, trotz bei zweifelhaften WinterwstterS, ein solche- Zusammenströmen vo» Menschen in unserer Stadt veranlaßt, wie die- lange nicht der Fall war. In finniger Verbindung erschien damit die Feier de» Doppelgeburtstage» de» Grofeherzog»- paare». Der festliche Tag ward durch Glockengeläute sowie