Nr. 226 ErstesBlatt.Dienstag den 27. September
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Die Neutralisirung Elsatz-Lothriugens.
Bet der Raschlebtgkeit unserer Zelt »ko viel zu wenig baren gedacht, daß die jetzt von Rußland wieder aufgerollte Krage der Reutralifirnng Elsaß Lothringens schon vor 27 Jahren bi» zur Genüge durchgesprocheo nab nach allen Veiten beleuchtet worden ist und daß schon damals jeder Halbweg» beruüaftige Politiker klar etnsehen mußte, daß durch einen Versuch, diese Idee practisch zu verwirklicht«, nicht etwa eine bessere Friedensgrundlage, sondern da» Segeutheil davon ge» schaffen würde.
Daß die »elsaß-lothringischen Vereine" In Frankreich, In denen übrigen», wie bekannt, neben wirklichen anSgewanderten Elsäffern auch genug rein französische Geschäftspatrioten da» größte Wort führen, sich der neu aufgeworfenen Frage be- rnächtigt haben — in der kürzlich zu Pari» gehaltenen ver- fammlung de» Centraleomtt4s dieser Vereine — ist erklärlich, ebenso characlerifttsch Ist aber auch, daß dabei viel weniger ba» verlangen nach einer Neutraltfirung, al» vielmehr gleich ba» verlangen nach »der einfachen, loyalen und großen Lösnng der Frage", da» heißt nach der »Rückerstatmng Elsaß Loth- ringen» aa Frankreichs geltend gemacht worden Ist. Ju den- jenlgen elsässischen Kreisen selbst, in denen man nicht au» Partei« oder geschäftspolitischeo oder auch wohl noch au» besonderen confesfiooellen Gründen ein Jntereffe daran hat, ba» Eintreten de» Ruhezustände» in dem agitatorisch unter- wühlten ReichSland möglichst lange zu verhindern, In diesen Kreisen ist man sich längst darüber völlig Im tt.aren, daß eine Neutralisirung de» jetzigen Retchslaudes — deren praktische Durchsührbarkeit Überhaupt einmal vorausgesetzt — nur die allergrößte Gefahr für da» Ländchen selbst, wie für btn allgemeinen Weltfrieden bedeuten müßte. Und e» war für uns überaus lehrreich, daß uns bei der Unterhaltung mit «aß- und einsichtsvollen Alt Elsäffern im Großen und Ganzen die gleichen Gesichtspunkte entgegengetreten find, die vor 27 Jahren Fürst Bismarck im Reichstag In glänzender und Prä- c'ser Form zusammengesaßt hat. Er hat damals offen und rückhaltlos darauf htngewtesen, daß eine solche Neutralität nur haltbar sei, wenn die Bevölkerung sich unbedingt und unter allen Umständen Ihre unabhängige nnb neutrale Stellung bewahren will, wa» in Belgien und in der Schweiz der Fall sei- im Reichsland aber würden »bit noch lange zurück- bleibenden starken französischen Elemente den neutralen Staat, wer auch immer deffen Souverän sein würde, bei einem neuen französisch-deutschen Kriege zum Anschluß an Frankreich drängen, nnb die Neutralität wäre nur et« für uns schädliches, sür Frankreich nützliche» Trugbild gewesen". Aus elsässischem Munde haben wir in den letzten Tagen mehr al» einmal die Ansicht au»sprechen hören, die mit unserer eigenen vollständig übereinstimmt: Bei einer Verwirklichung des Neu- 1ralität»gedanken» würde das kleine Land nur die Beute von schweren inneren Kämpfen, die bei der notorischen Abneigung brr mächtigen ultramontanen Partei gegen da» Dentschthum durch Verquickung mit confrsfionellen Frage« einer besonder» gehäsflgeu und gesährlichen Eharacter annehmen würden - diese inneren Kämpfe würden von Frankreich au» zweifellos in der maßlosesten Weise beeinflußt, und in sehr absehbarer Zeit würde das Deutsche Reich i« Jntereffe der Selbst« erhalkung einfach gezwungen sein, mit allen Mitteln und ohne Rücksicht auf einen neue« noch ungleich furchtbareren Krieg al» im Jahre 1870 dafür zu sorgen, daß der Landstrich am Oberrhein, deffen mit schweren Opfern wieder errungener Besitz die hauptsächlichste Sicherung Deutschland» gegen deu wälschen Nachbar bildet, diesem nicht wieder von Neuem tu die Hände falle.
Der ruhig und maßvoll denkende Eliäffer ist sich voll- -ständig klar darüber, daß die unbedingte Festhaltung Elsaß- Lothringens zu den allerersten Lcbensbedingungen des neuen Deutschen Reiches gehört und daß in diesem Punkte — eine »Frage" existirt auf diesem Gebiete nach dem Friedensver» trag von Frankfurt Überhaupt nicht — irgend eine Aenderung nur unter der Voraussetzung eine» neuen Krieges von nn» berechenbarer Tragweite denkbar ist. Wir haben aber noch keine« einzigen Elsäffer getroffen — extreme Chauvinisten gehören allerdings nicht zu unserem Bekanntenkreise —, der nicht mit tiefster Ueberzeugung die Erhaltung des Friedens als ersten und allein maßgebenden Wunsch fühlte. Wir sind auch fest überzeugt, daß die jetzt neuerdings in Frankreich größtentheils nur aus unverantwortlicher, gewinnsüchtiger Ab» ficht in Scene gesetzte Hetzerei auf die weitere« Kreise der -elsässischen Bevölkerung keinen Einfluß auSüben wird. In ihr wächst von Jahr zu Jahr der Umfang Derjenigen, die Immer klarer und deutlicher einsrhen, was es mit der Liebe ber Franzosen zu den entrissenen Brüder« im tiefsten Grunde
eigentlich auf sich hat- wächst ja doch auch von Jahr zu Jahr die Zahl derjenigen Elsäffer, die auf französischem Boden am eigenen Leibe die Erfahrung machen müffen, wie wenig vielfach diese zu gewinnbringender politischer Agitation benützte »Siebt zu den Elsäffern" der Behandlung im täglichen geschäftlichen Leben entspricht. M. N. N.
Deutsche» Reich.
Darmstadt. 24. September. Aus Breslau, 23. September, wird der »Darrnst. Ztg." gemeldet: Der Großherzog und die Großherzogin trafen 1 Uhr 49 Min. hier wohlbehalten et«. Zum Empfang am Bahnhof waren anwesend: der Erbprinz und die Erbprinzesfin von Sachsen- Meiningen, Prinz Heinrich XXX. von Reuß und Prinzessin Feodora von Sachsen-Meiningen, sowie der Ober«Präfident Fü,st Hatzfeld, Graf und Gräfin Schaffgotsch. Die Allerhöchsten Herrschaften empfingen hieraus gemeinsam die Prinzessin Heinrich von Preußen bet ihrer Ankunft. Die Prinzessin Heinrich, der Großherzog und die Großherzogin wohnen bei Graf Schaffgotsch.
Berlin,24.September. Da»Staatsministerium trat heute Nachmittag 3 Uhr unter dem Vorsitz des Finanz- Ministers Dr. Miquel in seinem Dienstgebäude zu einer Sitzung zusammen.
Berlin. 24. September. Bezüglich des deutsch-englischen Abkommens taucht jetzt die Nachricht auf, daß der Wortlaut des Vertrages erst dann bekannt gegeben werden soll, wenn die portugiesische Corte» ihre Zustimmung zu dem angekündigten euglisch-portugiefischen Abkommen gegeben habe. Diese Nachricht ist, tote die »Post" schreibt, ebenso erfunden, wie diejenige betreffs de» Inhalt» jene» Vertrages, denn über den Zeitpunkt der Veröffentlichung des Abkommen» ist bi» jetzt noch keine Bestimmung getroffen.
Berlin. 24. September. Die Beisetzung Theodor Fontanes hat heute Mittag unter zahlreicher Betheiligung der Künstler- und Schriftstellerwelt stattgefunden. Im Auftrage de» Kaiser» war der Chef de» Civtleabinets v. Lacauus erschienen, welcher einen kostbaren Kranz am Sarge nieder- legte.
Bulin, 24. September. Außer dem Chef de» Detectiv- Bureau» Greif, dem Ertminal-Commiffar a. D. Grütz- macher, der bekanntlich wegen Meineid bezw. Verleitung zum Meineid verhaftet wurde, find jetzt aus veranlaffung de» Lübecker Staat»a«walt» Frau Rosa Wehrauch und die 19jährige Klara Becker festgenommen worden.
— Ei« wirklicher Vertrauensmann BiSmarck». Der Bruder Lothar Bucher», der Hofrath Bruno Bucher tu Wien, hat dem Berichterstatter eine» hiesigen Blatt» auf die Frage, ob er im Besitz von Memoiren seine» Bruder» sei, erklärt, er besitze gar nicht» von seinem Bruder, wa» der Veröffentlichung werth wäre. Nach Lothar Bacher» Tode fand sich im Nachlaß ein versiegelte» Couvert, das Hofrath Bucher sofort Bismarck übersandte. Der Verleger Hirzel wollte schon damals Bucher» angebliche Memoiren veröffentlichen. Der Hofrath drängte seinen Bruder wiederholt, er möge Memoiren «iederschreiben, nnb dieser befaßte sich In seinem sogenannten Ruhestand längere Zeit damit, kam aber zu dem Entschluffe, den er in Goethe» Wort zusammensaßte: »Da» Beste wa» Du wiffen kannst, darfst Du den Buben doch nicht sagen." Später sichtete er seine Papiere und zerstörte Alle», deffen mögliche Veröffentlichung ihm al» Ber- trauenSbruch erschien.
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Wien. 24. September. Die Blattermeldung von einem angeblich beabsichtigten Strike der Sicherheitswach- beamten wird osficiö» dementirt.
Wien. 24. September. Bel Besprechung der « r e t af r a g e erklärt da» osficiöse Fremdenblatt, daß, nachdem die übrigen Mächte die wohlgemeinten Vorschläge Oesterreich» nnb Deutschlanb» behuf» Paeifiruug ber Insel nicht befolgt haben, bte letzteren zwei Mächte nunmehr nicht gesonnen sind, dir Berantwortuog über bte neuerlichen Schrecken»scenen in Kanbia zu übernehme«.
Rom. 26. September. Abmiral Panbriaui erhielt Befehl, sich mit seiner Flotte in bie Gewässer von Columbien zu begeben.
Mailand. 24. September. Die Verhaftungen von verbächtigen Personen bauern in ganz Italien fort. Alle von ber Schweiz abgeschobenen Jnbtvtduen werben an der Grenze verhaftet und in da» Gesängniß nach Como überführt.
Neapel. 24. September. Die Lawaströme bi» Vesuv werben Immer stärker. Der mittlere Krater wirft unter bonnerähnlichem Getöse fortwährenb glühende Asche und Steine au».
— Nach Meldungen au» Rom wird in dortigen Regierungskreisen betont, daß man den Eifer, den ba» römische Cabinet in Angelegenheiten ber Bekämpsung bei anarchistischen Propaganba entwickelt, überall begreiflich finden werde, wenn man erwägt, daß e» Italien Ist, da» durch die Umtriebe der Anarchisten ganz besonder» in Mitleidenschaft gezogen wird. Durch feine Nachbarschaft mit der Schweiz, die den Sammelplatz von subversiven Elementen au» allen Ländern und den nächsten Zufluchtsort für Italienische Revolutionäre bilde, durch die gefährlichen EivflÜffe, denen bte fr zahlreiche italienische Emigration Seitens aller Feinbe bei bestehende« Gesellschaftsordnung ausgesetzt ist durch den tief beklagten Umstand, daß e» Italiener waren, die fich wiederholt furchtbarer anarchistischer verbrechen schuldig machten, und durch die fich häastg daran knüpfenden Verfolgungen von Italienern im AuSlande wurde Italien in materieller wie ta moralischer Beziehung ausS Empfindlichste geschädigt. Diese Erwägungen seien eS, welche die italienische Regierung zu ihrer jetzigen Action bestimmt haben, die insbesondere auch darauf abzielt, mit der Schweiz Vereinbarungen zur Ein- dämmung deS Treibens der Anarchisten innerhalb der Republik herbeizusühren.
Paris, 24. September. Oberst Bonn al, Chef de» zweiten Bureaus deS Generalstabes ist plötzlich in die Provinz versetzt worden. — vor dem Militär-Gesängniß Cherche Midi sammelte fich heute eine große Menschenmenge an, um sofort nach Bekauntwerden des BeschluffeS des Mintsterrath» in der RevtfionSsache für Picquart eine Kundgebung zu veranstalten. Dem »Figaro" zufolge beschloß die Wählergruppe einer Pariser Vorstadt, Picquart als Candidaten sür die Geweinderathswahleu aufzustellen. Die Blätter berichten, die Einberufung der Kammer sei erst auf den 25. Oktober festgesetzt.
Pari», 24. September. Wie heute gegen Abend bekannt wurde, hat fich die Revisions«Commission in zwei gleiche Theile gespalten. Drei Mitglieder derselben erklärten fich für die Revision de» Dreysus-Proceffe» und drei gegen dieselbe.
Pari», 25. September. Auf dem Mont Teuere wurden gestern zwei Anarchisten verhastet. Man fand bei denselben mehrere geladene Revolver, eine große Anzahl scharfer Patronen, sowie anarchistische Flugschriften.
Pari», 25. September. Der Minister Peytral ist für die Revision gewonnen, bei Biger ist die» «och zwelfelhast. Eigentlich soll-« nur zwei Mitglieder der Som« Mission mit Entschiedenheit die Revision befürwortet haben, ein dritte» Mitglied ließ erst in letzter Stunde seine Bedenken fallen.
Pari», 25. September. Der »Gauloi»" versichert, Sarrien habe gestern erk ärt, er fühle fich durch das ge« theilte Gutachten deS RcoiflonS-AuSschuffeS nicht genügend gedeckt, um über das Gutachten hinweg die Revision anzuordnen. Wenn der morgige Mintsterrath fich seiner Meinung widersetze, so werde er einem anderen Justizminister die Verantwortlichkeit überloffen.
London, 24. September. »Daily Mail" meldet aus Peking, daß die letzten Ereigniffe in China das Resultat einer Jnttigue Lt-Hung-Tschaugs seien, welcher mit der russischen Partei verhandelt- habe.
London, 26. September. Wie auS Shanghai gemeldet wird, ist in Woosung der frühere vertraute des Kaisers von China, Rang, von dem englischen Riaonenbool »Esk an Bord genommen worden. Die chinesischen Behörden ver- langen seine Auslieferung, die aber von dem CommandaMe« de» »Esk- verweigert wurde.
Loudon, 25. September. Die Regierung erhielt ein Telegramm von Strdar Pascha, wonach er auf dem Wege nach Faschoda einen Dampfer deS Mahdi und 11 Boote mit Getreide erobert habe. Nach den letzten Meldungen war Skdar Pascha noch drei Tagereisen von Faschoda entfernt.
Madrid, 24. September. Die Untersuchung Über die gestern in Barcelona verhafteten Italienischen Anarchisten hat ergeben, daß mehrere derselben zu Luecheni in Beziehungen standen.
Ronflanttnopel, 25. September. Wie verlautet, werde« die vier kretamächte dem Sultan ein Ultimatum Überreichen, in welchem die sofortige Abberufung der türk,scheu Truppen von der Insel verlangt wird. Die Mächte bei»


