Ausgabe 
26.3.1898 Erstes Blatt
 
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Nr 78 Erstes Blatt. Samstag den 26. März 1808

erscheint täglich mit Ausnahme de- Montags.

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Gießener Anzeiger

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Aitttlicho» TheU.

Gießen, den 24. März 1898. Betr.: Verwendung von Schlackensteinen zu Massivbauten. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Gr. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 14. d. Mt-. Gießener Anzeiger Nr. 64 benachrichtigen wir Sie weiter, daß nicht nur die Schlackensteine derBuderuS'schen Eisenwerke, Wetzlar" und der Firma Albrecht Stein L Comp., Wetzlar, sondern auch diejenigen derEisenwerke Hirzen» Hain und Lollar" unter den tm vorigen Ausschreiben näher angegebenen Bedingungen zu Massivbauten verwendet werden können.

_________ v. Gagern.

Zrrm 60jährigen Militärjubiläum des Fürsten Bismarck.

Au eine ruhmreiche Zeit mahnt nrS derAlte tm Sachsenwalde", an glanzvolle, nun schon über ein Btertel- jahrhundert hinter un- liegende Tage, in denen die Kraft deS deutschen BolkeS sich spannte, in denen die Herzen höher schlugen, da unser Heer den deutschen Namen mit Ruhm be­deckte. Fest hat der erste deutsche Reichskanzler die Fahne in drn Händen gehalten - n cht nach rechts oder nach links blickend, sondern immer vorwärts schauend, so strebte er dem Ziele za, die deutsche Einheit sicher zu stellen, daS Vaterland groß und stark zu mach n und ihm den gebührenden Platz unter den Nationen zu verschaffen.Diel Ehr', viel Fttnd'", sagt ein bekanntes Sprichwort, welches in hervorragender Weise auch auf den Fürste« BiSmarck angewmdet werden kann. Kaum je ein Staatsmann ist, nachdem er so Großes geschaffen, so heftigen Angriffen au-grsetzt gewesen, wie der erste Kanzler des neuen deutschen Reiches, und trotzdem steht er noch heute da als ein Fels, unerschültert und fest- denn seine Größe mußten auch die Feinte anerkennen. Mögen auch körperliche Leiden auf ihn einstürmen, mag da« Aller seine Wirkung auf die physischen Kräfte deSAlten" auS- üben, sein Geist ist noch klar und frisch, seine Augen leuchten noch im alten Glanze, und wohl kaum an einer andere« Stelle deS deutschen Reichs werden die politischen Vorgänge so aufmerksam verfolgt wie Im FrirdrichSiuher Schlöffe.

Fürst BiSmarck war in erster Linie Staatsmann- in dieser Eigenschaft entwickelte er unvergleichliche Eigenschaften- als Staatsmann erwarb er sich den Weltruf, der nicht ver­dunkelt werden kann, mögen auch Jahrhunderte vergehen. Aber er war auch Soldat mit Leib und Seele, und Jeder­mann kennt ihn meistens in der Uniform der Halberstädter Kürassiere, die er mit Vorliebe trug und in der er auch im Parlamente die heftigsten Frhdrn auSgekäwpst hat. Mit besonderem Jmeriffe wird man deshalb deS heutigen 25. März gedenken, an welchem Fürst Bismarck vor sechzig Jahren in die Armee einirat, um alt Einjährig-Fre-Williger feiner Mtlilärdtenstpflicht zu genügen. Wer konnte damals ahnen, daß er, trotzdem er nicht die militärische Laufbahn eiuschlug, die ganze Stufenleiter derselben erklimmen und eS bis zum Generaloberst bringen werde!

Er ist jedenfalls interessant, die hauptsächlichsten Daten aus der M'lttärlaufbahn des Fürste« kennen zu lernen. Wie schon gesagt, trat er als Einjähriger in das Garde Jäger- datatllon ein, wurde am 12. August 1848 zum Srcoude- lieuteuant der Landwehr-Jnjanterie ernannt und im darauf folgenden Jahre zur Cavallerie versetzt. Am 18. November 1854 erfolgte seine Beförderung zum Premierlieutcnant, am 28. October 1859 zum Rittmeister und am 18. October 1861 zum Major. Nach dem siegreiche« Feldzüge deS JahreS 1866 avancirte er am 20. November zum Generalmajor, und es erfolgte gleichzeitig feine Ernennung, zum Chef deS 7. schweren Lan: wehr - Reiterregiments. Die Erfolge deS : Feldzuges 1870/71, an denen Fürst Bismarck so hervor­ragenden Anthctl hatte, brachten seine Beförderung zum Generallieuteuavt und der Geburtstag deS alten Kaisers im Jahre 1876 feine Ernennung zum General der Cavallerie. Bei seiner Verabschiedung im Frühjahr 1890 erhielt der Fürst gleichzeitig mit der Ernennung zum Herzog von Laueu- burg die Beförderung zum Generalobrrstrn ver Cavallerie.

Wer da behaupten will, daß diese Beförderungen deS Fürsten nur Acte der Courtoifie waren, um ihm einen seiner Civilstellung entsprechenden militärischen Rang zu geben, wer da sagt, daß er keine militärischen Talente hatte, der irrt

sehr. Ob Fürst BiSmarck auch die staatsmännische Laufbahn eivgeschlageu hatte, so war er doch Soldat geblieben, immer an der Sette deS Königs auch in den Schlachten, tm dichten Fener. Und daß er militärischen Scharfblick hatte, die Be- dürfoiffe des Heeres wie nur Einer kannte, das hat er ge­nugsam tm Reichstage bewiesen.

Deshalb kann Fürst BiSmarck mit Stolz fein heutiges Militärjubiläum feiern und mit Genugthuung auf die langen Jahre zurückblicken, io denen er den Ehrenschtld der Armee gehütet und redlich da» Setnige dazu beigetragen hat, daß unser Heer der Stolz der Natwn geworden ist. Und ob eS auch heute au rauschenden Festlichkeiten tm FrirdrtchSruher Schlöffe fehlen wird, im Hrrzen ist die ganze Armee heute bei dem Jubilar, und nicht minder auch dar Volk, welches dieser Armee und damit dem Fürsten Bismarck so unendlich viel verdankt. (xx)

Deutsch«» U«ich»tag.

69. Sitzung vom DovuerSlag den 24. Marz 1898.

Am BuudeSrathStische: Staatssekretär Graf PosadowSkh, Staatssekretär Tirpitz.

Tagesordnung: Fortsetzung der zweiten Lesung deS Flottengesetzes.

Zum § 8 ist inzwischen noch ein Antrag Richter eiu- gegangen, betr. Einführung einer Reichsvermögenssteuer.

StaatSsecretär Tirpitz bezeichnet zunächst den gestern vom Abg. Schädler dem früheren StaatSsecretär Hollmann gemachten Borwurf, derselbe habe sqon früher den Inhalt der jetzigen Vorschläge kennet müffen, habe ihn aber ver­schwiegen, als durchaus unberechtigt.

Abg. Hilpert (bahrr. Bauernbündler) lehnt im Namen seiner Partei § 1 und das ganze Gesetz ab.

Abg. Richter (frs. Vp.) führt aus, daS, was man hier fordere, fei noch in keinem andern Parlament verlangt worden. Hier handele es sich um eine dauernde Einrichtung, um eine Festlegung des Etats für den Reichstag. Er (Redner) be­streite, daß ein Bedürfniß für eine solche Vermehrung der Flotte erforderlich sei, trotzdem man eine ganz besondere Agitation entfaltet habe, um zu beweisen, dag Avslandöschiffe nölhig seien wegen unseres SeehaudelS. Aber die Kreuzer feien heute schon alle vorhanden. (Rufe: Sehr wahr!) Nur drei derselben bedürften biS 1903 einen Ersatz. Die ganzen Neubauten sollten also einzig und allem der Schlachtflotte zu Gute kommen. Die 16 Sch-ffe, die man bauen wolle, kosteten zusammen 200 Millionen Mark. Redner behauptet des Wetteren, der Abg. Rickert habe sich im Jahre 1888 ganz ander- als gestern in Bezug auf die Küftenvertheidiguug ge­äußert- damals habe er jede Landungsgefahr bestritten. Von einer solchen Gefahr könne überhaupt nicht die Rede fein, daS fei ja auch in der Commission zugegeben worden. Was die Bindung betreffe, so habe der frühere StaatSsecretär Holl­mann eS noch im Vorjahre als ganz unmöglich bezeichnet, sich auf zehn Jahre an eine Denkschrift zu binden. Ja, wenn nicht einmal au eine Denkschrift, dann noch viel weniger an ein solches formelles Gesetz. (Reichskanzler Fürst Hohenlohe betritt den Saal.) DaS Hauptgewicht gegen die Vorlage lege seine Partei auf die coustitutionelle Bindung. Hier handele eS sich außerdem nicht bloS um eine Bewilligung für mehrere Jahre, sondern um ein Aeternat, eine dauernde Festlegung des MindefibestandeS an Schiffen. Der Berufung auf Wtndlhorst, als ob sich daS jetzige Verhalten des CrntrumS mit dem Standpunkt Wmdt« I Horsts decke, müsse er (Redner) entschieden widersprechen. - Die Bindung grenze anS Absurde, daS habe noch am 21. October 1897 Herr Barth in seinerNation" gesagt, und dieses Absurde solle jetzt bewilligt werden! Redner legt weiter dar, daß die Abkürzung der Limttirungsperiode, durch ein S'xtennat stait eines SepteunatS, sogar ein Nachtheil in finanzieller Hinsicht sei. Wenn der Marineetat soviel tu Anspruch nehme, was bleibe da für die anderen, für die Cultur-Aufgaben übrig? Wenn e- wahr sei, daß Seegewalt RetchSgewalr fei, jr dann werde sich die Regierung nicht mit einer Flotte begnügen können, sondern mehrere Flotten brauchen. Alles laufe doch darauf hinaus, Deutschland zu einer Seemacht ersten Ranges zu machen. Darüber dürfe man sich nicht täuschen. ES bestehe nicht nur Neigung zum Absolutismus, sondern schon zum MilitärabsolutiSmuS. Redner schließt sodann: Meine Freunde und ich, wir wollen die konstitutionellen Rechte wahrrn und stimmen deshalb gegen die Vorlage. (Lebhafter Beifall links).

StaatSsecretär Tirpitz wendet sich gegen den Bor« redner, der gar keine sachlichen Gründe vorgebracht habe.

Die Schlachtflotte sei in erster Linie nöthig, um unsere Meere freizuhallen, die Blockade zu verhindern und unsere AuS- vnd Einfuhr zu ermöglichen. Durch eine ausreichende Gchlachiflotte werde auch der Gesammlwrrth unserer Küften- befcsti ungeu gehoben.

Schatzsecrerär v. Thielmann bemerkt, die Mariue- k auleihe in den nächsten sieben Jahren sei nicht auf 190, I sonder« nur auf 160 Millionen zu taxireu.

Abg. v. Bennigsen (nl.) bemerkt, eS sei wieder von Gefährdung deS ConstitutionalismuS geredet worden. Die einzige Gefahr aber für denselben würde nur darin liegen, wenn ein Reichstag wiederholt für Zwecke der LandeSvcr- theidiguug die Mittel versage und sich dann die Nation von dem Reichstag und dem Parlamentarismus abwende. (Leb Hafter Beifall rechts) Nachdem Redner noch gegen die Aus­führungen des Abg. Richter gesprochen, legt er näher dar, daß eine solche Bindung, wie sie hier verlangt to:>bc, keine Schmälerung deS ElatsrechteS sei. Die Forderungen der Vorlage gingen keineswegs zu wett- sie hielten sich viel­mehr innerhalb ganz mäßiger Grenzen. Deutschland sei auch für die hier geforderten Mittel leistung-fähig genug. Nunmehr schildert Redner daS große Wachschum unseres Auslandshandels, welcher schon bei einem Kri.ge zwischen anderen Seestaaten dringend deS Schutzes bedürfe. Deutschland müffe alsdann seine Neutralität wahren können. Eine Ablehnung der Vorlage, etwa mit nachfolgender Auf­lösung deS Reichstage-, würde ttn großes nationale« Unglück fein- e- mihbe baS eine große Schwächung des EivflaffeS Deutschlands und seiner Bedeutung tm Au-lande nach sich ziehen. Erst wenn Deutschland neben «in* in starken Land- Heer e«ne solche Flotte habe« werde, werde es vollwenhig in Krieg und Frieden sein. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Bebel (Soc.) weist zunächst darauf hin, wie miß­achtend das deutsche Parlament von d?n Regierungen be­handelt werde. Wünsche, die der Reichstag ausspreche, wanderten beim BundeSrath in den Papierkorb. In jedem anderen Lande würde das Palament darauf auch den Regie­rungen ander- antworten. Dem Centrum raihe er, sich doch nochmals zu überlegen, ob es wirklich in die Faßftapfeu der Nationalliberalen treten solle. Wivdthorst habe jederzeit solche Aeternate verworfen. Mit der Entwickelung deS Handels habe die Flotte gar nichts zu thun. Wer da meine, daß Deutschland tm Kriege mit England mit seiner Flotte etwa- auSrichte, gehöre ins Irrenhaus. (Hetterk-tt.) AndetrrseitS würde Deutschland niemals allein mit Frankreich und Ruß­land Krieg zu führen haben. Redner wendet sich nun den Agrariern zu, die überall für höhere Getrede- und höhere Fleischzölle agitirten, um die Einfuhr davon zu verringern. Und da 500 Millionen für Schiffe auSzugrben, fei einfach verrückt. (Stürmische Heiterkeit. Beifall bet den Social- demokraten.)

Abg. v. Kardorff (Rp.) tritt lebhaft für die Vor­lage ein.

Abg. Spahn (Ctr.) wendet sich gegen den foc'albemo» kratischen Redner und betont dann, für seine Freunde handele e* sich hier nicht nm Flotten Enthusiasmus, sondern um eine dira necessitas, und trotzdem der Culturkampfwind noch immer scharf wehe, bewilligten sie, wa» im Jntereffe des Vaterlandes nöthig sei.

Nunmehr wird, um 4V2 Uhr, ein Schlußantrag an­genommen.

Abg. Barth (frs. Vg ) erklärt, er werde auf die Aeuhe- rung des Abg. Richter über seine Stellungnahme bet § 2 zurückkommen.

Abg. Richter (frs. Vp.) antwortet auf die Rede bei Staatssekretärs Tirpitz, bet ja im parlamentarischen Leben noch zu neu sei. (Heiterkeit.) Den Abg. v. Bennigsen wolle er daran erinnern, daß er, Redner, auch stets angesichts bet rothen Mappe opponirt habe, wo er das für geboten ge­halten habe.

Nachdem der Referent, Abg. Lieder, nochmals daS Mort genommen, folgt die namentliche Abstimmung über § 1. Dieselbe ergibt die Annahme des § 1 mit 212 gegen 139 Stimmen.

Nunmehr vertagt sich das Haus auf SamStag 11 Uhr. Tages-Ordnung: Fortsetzung der heutigen Berathung und Marine-Eiat.

Schluß gegen 6 Ub^._______________

Deutsches Aetch»

Berlin, 24. März. DemBerl. Tagebl." wird aul bester Quelle gemeldet, daß die Reife der Kaisers nach Jerusalem bestimmt bis October hiuausgeschobcn wird.