M 46 Erstes Blatt. Donnerstag den 24. Februar
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Der englifch-abeffynische Vertrag.
Nachdem der Kaiser von Aethiopien im Kampfe mit Italien seine Kraft gemessen und infolgedessen seine Macht befestigt und seinen Einfluß erweitert halte, da bemühte sich eine Reihe von Staaten um die Gunst des abessynischen Herrschers. Rußland war schon lange „lieb Kind" am Hofe Meneliks, seitdem dieser durch die Entsendung einer Gesandtschaft nach Petersburg Beziehungen zum Zaren angeknüpft hatte. Die Gesandtschaft war bekanntlich gut ausgenommen worden, und Rußland bezeugte sein Interesse für Abeffynien später dadurch, daß es während des italienisch-abeflynischen Krieges eine Abtheilung des russischen Rothen Kreuzes in das Lager Meneliks schickte. Dieser Expedition hat man vielfach politische Zwecke untergeschoben und sie als eine moralische Unterstützung Abeflyniens in jenem Kampfe angesehen. Später soll ja freilich der Zar seinen Einfluß bei Menelik im Sinne Italiens geltend gemacht haben, als es sich um die Freilassung der italienischen Gefangenen handelte.
Auch Frankreich hat seit langer Zeit mit Menelik gelieb- äugelt, und es ist noch in frischer Erinnerung, daß man es stark im Verdachte hatte, ihn mit Waffen und Munition unterstützt zu haben; wenigstens wollten die Italiener davon überzeugt sein, daß es französische Gewehre waren, deren sich die Schoaner bedienten. Daß der Herzog von Orleans eine wissenschaftliche Expedition nach Abessynien unternahm, die eine weitere Anbahnung der Beziehungen bitfcS Landes mit Frankreich bezwecken sollte, ist bekannt.
Wo Rußland und Frankreich Einfluß zu gewinnen suchen, darf natürlich England auch nicht zurückbleiben. Es entsandte vor einiger Zeit eine Mission zu Menelik, der man bisher jeden Erfolg abgesprochen hatte, umsomehr als jede Meldung darüber fehlte, daß es zu einem definitiven Vertrage zwischen beiden Ländern gekommen sei. Darin hat man sich aber doch im Jrrthum befunden, denn jetzt ist von der britischen Regierung das Uebereinkommen mit Abessynien veröffentlicht worden. Danach soll zwischen beiden Ländern freier Handelsverkehr bestehen und England bezüglich der Zölle dieselben Vergünstigungen genießen wie andere Staaten. Der Transport von Waffen und Munition für König Menelik durch britisches Territorium ist gestattet, dagegen verpflichtet sich der Letztere, dem Durchgang von Waffen rc. für die Madhisten alle nur irgend möglichen Hindernisse in den Weg zu legen.
Dieser Vertrag ist also für England ein Meistbegünstigungsvertrag und als eine bedeutsame Errungenschaft zu be zeichnen, daß es in handelspolitischer Beziehung Frankreich und Rußland gleichgestellt wird. Ob die Zusicherungen Meneliks bezüglich der Madhisten einen reellen Werth haben, erscheint etwas zweifelhaft, denn dem Negus ist nicht über den Weg zu trauen, und noch in der allerlttzten Zeit liefen einander widersprechende Meldungen über seine Stellung zu den Madhisten um. Er wird sich an das Zugeständniß nur solange gebunden erachten, wie es im Interesse seines eigenen Landes liegt. Im Uebrigen sind die Vortheile, die England als Gegenleistmlg gewährt, nicht sehr schwerwiegend. Die freie Durchfuhr für abessynische Waffen bedeutet für England nicht viel, und bei der in Aussicht genommenen Grenz, regulirung wird es jedenfalls nicht allzu kurz kommen, wenn rs auch wirklich ein kleines Gebiet an Abessynien abtreten muß. Alles in Allem genommen ist der Vertrag mit Abessynien ein Erfolg der englischen Politik, falls ihn Menelik unter allen Umständen respectirt. xx
Deutscher Stichtag.
47. Sitzung vom Dienstag den 22. Februar 1898.
Tagesordnung: Fortsetzung der EtatSberathung. Miliräretat. Kapitel Militär - Justizverwaltung.
Abg. Kuuert (Soc) fragt bet der sächsischen 8er- waltuug an, wer eigentlich in Sachen Uebertretung der Sonu'.agSvorlchriften in dem von ihm angeregten Falle bestraft worden sei. Redner behauptet sodann, in dem Falle rille» Soldaten Bachmann, der bestraft worden sei, fei nicht ordnungsgemäß verfahren worden.
Sächsischer Bevollmächtigter Graf Vitzthum von Eck- staedt erklärt kurz, in beiden Fällen sei ordnungsgemäß verfahren worden.
Beim Kapitel „Geldverpflegung", Titel Militärärzte, bestreitet Abg. Kopsch (frs. Bp.) die Richtigkeit der neu- lichen Versicherung de» KriegSmtnisterS, daß die Einstellung von Schwachsinnigen in das Heer nur sehr selten vorkomme. Die Mittheilungeu von irrevärztlicher Seite widersprächen dem.
KriegSminister v. G o ßl er entgegnet, der Borwurf, der den Militärärzten vom Vorredner gemacht werde, sei nicht
berechtigt. Jeder Ginzustellende werde dreimal genau untersucht. Daß Schwachsinnige in größerer Zahl eingestellt würden, sei ausgeschlossen. Die Aerzte würden auf dem Friedrich Wilhelm- Institute auch in diesem Specialgebiete ausgebildet und geprüft.
Abg. Bebel (Soc.) bemerkt, er fei doch erwiesen, daß nicht selten Schwachsinnige eingestellt würden. Uebrigen» rüge er, daß in der Armee jüdische Aerzte ferugehalteu würden.
Minister v. Goßler entgegnet, der Mangel an Militärärzten werde sehr bald schwinden, wenn der Reichstag die GehaltSverbesserungSvorschläge aanehme. ES gebe keine Verfügung, welche jüdische Aerzte auSschlteße.
Abg. JSkraut (Antis) polemifirt gegen den Philo- semitiSmuS de» Abgeordneten Bebel.
Abg. Lieber (Ktr.) dankt dem Minister für dessen Erklärung, die Militärärzte betreffend. Wa» die Gehalt»- verbefleruvgen für die Militärärzte anlange, so halte er e» für seine Pflicht, ihm auch dasür zu danken, daß er den Wünschen deö KenirumS nachgekommeu sei. Er hoffe, daß man nun allmählich ein zufriedene» und ausreichende» Aerzte- personal erhalten werde.
Abg. Bebel (Soc.) hält nach seinen Erfahrungen doch Zweifel für erlaubt, daß wirklich nur nach der Fähigkeit Militärärzte angrstrllt würden. Im Heere gebe e» sehr wenig jüdische Aerzte.
Abg. Richter (frs. 8p.) verliest eine Statistik, wonach 1870/71 au» 133 Ortschaften 2581 jüdische Soldaten den Feldzug mitgemacht haben. Davon hätten 83 da» eiserne Kreuz erhalten, darunter 38 jüdisch: Aerzte.
Diese Debatte wird jctzt geschloffen.
Beim Kapitel »Naturalverpfleguug", Tire! Mund- Verpflegung, weist Abg. Haase (Soc.) hin auf die gestiegenen Fleischpreise, welche auch auf dir Fleischratwnen im Heere zurückwirkten. Die Schuld liege an den Grenzsperren.
Generallieutenant v. Gemmingen gibt die Thatsachen zu, aber eine Rückwirkung derselben auf die Fleischratioueu ergebe fick nur für die Zett bi» zum 1. April. Bon da ab trete der Preise halber keine Erschwerung der 8erpflegung ein, denn alsdann würden den ßtcferantcn je nachdem die höheren oder niedrigeren Preise au» den vom Reichstage bewilligten Mitteln gezahlt.
Abg. JSkraut (Antis.) behauptet, daß die Schuld an der Steigerung drr Fleischpceise in Königsberg nicht an der Grenzsperre liege, sondern an einem Herrn Haase nahestehenden Konsortium, das da» beste 8teh auskaufe.
Abg. Haase (Soc.) erwidert, die Militärverwaltung in Königsberg kaufe nicht bei den Zwischenhändlern und müsse die vom Generallieutenant von Gemmingen zugestandenen hohen Preise zahlen.
Da» Kap-tel wird genehmigt.
Beim Kapitel „Artillerie und Waffenwesen", Titel Ersatz an Handwaffen, erinnert Abg. Richter (frs. 8p.) daran, daß Ahlwarbt neuerding» in Bersammlungen seine alten Behauptungen von den sogenannten Judknflinten mit der Bariatton erneuert habe, daß Loewe'.che Waffen wegen Unbrauchbarkeit hätten zerlegt werden müssen. DteMetalltheile seien in Hörde eingeschmolzen worden.
Generallieutenant v. d. Bo eck entgegnet, e» habe allerdings eine Zerlegung alter Waffen stattgesunden, die keinen Werih mehr hatten. Gewehre von 88, bei denen nur sogenannte Judenflinten gesucht werden könnten, feien nicht zerlegt worden, dieselben befänden sich vielmehr völlig in gutem Stande. Die Loewe'schen Waffen bewährten sich so gut wie alle anderen.
Da» Ordinarium wird nach weiterer kurzer Debatte bewilligt.
Morgen 2 Uhr: Extraordiuarinm de» Militäretats.
Schluß 5i/2 Uhr.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Februar. Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht folgende Danksagung: Zu meinem 70. Geburtstage find mir Glückwünsche und finnige Gaben au» allen Theileu Deutschland» von Freunden, Bekannten, Korporationen und Vereinen in so großer Zahl zugegangen, baß e» mir bei meiner großen Arbeitslast zu meinem tiefsten Bedauern unmöglich ist, allen Einzelnen besonder» meinen ergebensten Dank au»zusprechen. Ich bin daher gevöthigt, auf diesem Wege sür da» große mir bewiesene Wohlwollen und die gütige Theilnahme herzlich zu danken. Berlin, 22. Februar 1898. v. Miquel.
Berlin, 22. Februar. Die neue chinesische Anleihe tm Betrage von 16 Millionen Pfund Sterling, welche zur Zahlung der letzten an Japan schuldigen Rate dient, wird gemeinschaftlich von der „Honkong and Shanghai Banking Corporation® und der „Deutsch-Asiatischen 8ant* übernommen.
Berlin, 22. Februar. Zu dem Abschluß der chinesi- scheu Anleihe erfährt der „Berliner Börsen Courier", der Zinsfuß dürfte 4'/, Procent sein. Abmachungen seien getroffen, welche dem deutschen Handel und besonder» der Industrie erheblich zu Statten kommen würden.
Berlin, 22. Februar. Die Kommission de» Abgeordnetenhauses erledigte heute den Gesetzentwurf Über Beseitigung der Hochwasserschäden (Nothstandsvorlage) in zweiter Lesung nach den Beschlüssen der ersten Bcrathmtg. Bei dieser Gelegenheit machte die Regierung Mittheilungen, über die zu treffenden Maßnahmen behuf» künftiger Verhütung von Hochwasserkatastrophen. E» wurde auSgesÜhrt, daß allein 114 Thalsperren vöthig seien. Die Kosten für diese Ein- richtungen kaffen sich erst im Herbst übersehen._______________
Ausland.
Innsbruck, 22. Februar. Der Senat der hiesigen Universität forderte im Unterrichtsministerium die Aufhebung be» Prager Farbeuv erbot».
Prag, 22. Februar. Landtag. Abg. Richter bringt eine Interpellation Über den Eingriff in die deutsche Schule in Wrschowitz ein und bezeichnet da» Vorgehen der Wrschowitzer Gemeindevertretung al» die Interessen der dortigen deutschen Bevö.kerung schwer schädigend.
Petersburg, 22. Februar. Da» europäische Rußland war, tote der „Regierungsbote" meldet, im Jahre 1897 vollständig frei von der Rinderpest- letztere trat in Transkaukasien auf und zwar in den Gouvernement- Tiflis, Jellissawetpol, Kutade, Eriwan und Kar», hat jedoch dort infolge der getroffenen Maßnahmen an mehreren Stellen aufgehört, und ist an den übrigen Stellen bedeutend schwächer geworden.
Sanfibar, 22. Februar. Reuter. Die sudanesischen Truppen, die revoltirt hatten, haben, von Uganda kommend, den Nil Überschrittten. Sie hatten am 19. Januar Fort Lubwa» geräumt und wurden von einer englischen Streitmacht verfolgt, die sie verhindern wollte, den Fluß zu überschreiten.
Havana, 22. Februar. Da» amerikanische Unter- suchungsgericht zur Feststellung der Ursache be» Unfälle» be» Kreuzer» „Maine" ist gestern früh znsammeugetreteu. Gestern Nachmittag würbe da» Wrack in Augenschein genommen. Heute fanden die Taucher einen kupfernen Ky lind er, tote solche zur Heranschaffang der Geschosse an die Geschütze verwendet werden. Die Thatsache, daß dieser explodirt war, scheint zu beweisen, daß die Explosion im Munitionslager erfolgt ist._________________________________
Lscales utib j)rovlirzlelles.
Sieben, den 23. Februar 1898.
• * Parlamentarisches. Abgeordneter Dr. David und Genossen haben bet der zweiten Ständekammer beantragt, Grobherzogliche Regierung zu ersuchen, den Landständen ein Wahlreformgesetz vorzulegen, in dem eine den Veränderungen der BevölkerungSverhältniffe entsprechende Ber- mehrung der Wahlbezirke resp. Mandate vorgenommeu wird.
* verschiedenes ans dem Hesfischen BolkSfchnlvese». Die Osterferien an den Volksschulen unsere» Lande» werden in Zukunft vom Sonntag Palmarum bi» zum Sonntag nach Osterndauern. — Beider Abgang»prüfung Hessischer Seminaristen fallen sür die Folge deutsche Grammatik, physikalische und politische Geographie, Naturgeschichte und Chemie al» PlüfungSgegenstände beim SbgangSexamen au». Der Lehrplan der Seminare ist etwa» vereinfacht und sollen die Schüler der ersten Klaffe im letzten Halbjahre durch den Besuch der Schulen in der Umgegend einen Einblick in den practischen Schulbetrieb gewinnen. Auf eine Aufforderung de» Kolonialministers hin haben e» mehrere junge Lehrer unternommen, in den colonialen Schuldienst einzutreten, wozu sie vorher einen zweijährigen Kursus am Orientalischen Seminar in Berlin durchzumachen haben, um sich mit den nöthigsten Sprachkenntniflen zu versehen.
• V Saalbau-Concert am 27. Februar, Nachmittag» 5 Uhr, im Klubsaal. Durch genannte» Kvncert werden wir in Gießen einen durchaus eigenartigen Künstler kennen lernen,


