wohl die Grenze parlamentarischer Immunität Überschritten. (Brifall recht-.)
Geneea.major v. d. Baeck tritt ben Angabe» de- Ab» georbnden Kuvert Über die Arbeüsverhältniffe in Spandau entgegen.
Generallieutenant v. Bielbahn versichert, daß die Sonntagsruhe tm Heere so gewahrt werde, wie daS nur irgend mit den dieustltchrn Jntereffen vereinbar sei. Auch von den vom Abgeordneten Kauert behaupteten Unordnungen tu den FestuvgSgesängutffeo in Graudenz und Wetchselmünde sei ihm nichts bekannt. Jo Wetchselmünde sei tu deu letzten Jahrea uur eio einziger Malariafall vorgrkommeo.
Abg. Bebel (®oc.) geht auf seine Broschüre näher etu, tu welcher ausdrücklich betont werde, daß tu heutiger Zeit die Revolutiou keine gewaltsame sein könne, sie vollziehe sich vielmehr tu deu Köpfen.
Abg. Schall (cous.) versichert, daß die Spaudauer Militärwerkstätteu Musterwerkstätten seien.
Abg. Freiherr v. Stumm (Rp.) wendet sich gegen die Socialdewokrateu, die gar nicht berechtigt seien, im Reichstage zu fitzen, denn fie ließen sich Privatdiäteu zahlen. (Gelächter links.)
Nach einigen weiteren Bemerkungen der Abgeordneten Bebel und Kunert (Soc.) wird die Debatte geschloffen und der Titel „Gehalt des Kriegsministers" bewilligt.
E» folgen persönliche Bemerkuogeu -wischen deu Abgeordneten v. Kardorff (Rp.) uud Bebel (Soc.), worauf fich daS HauS auf morgen 2 Uhr vertagt. Tagesordnung: Fortsetzung der Etatsberathung.
Schluß 5«/4 Uhr. i ■ ■ . 1
Deretscho» Reich
Berlin. 21. Februar. Bon der angeblich bereits vollzogenen Ernennung des LapitänS zur See Roseudahl zum Gouverneur für das Kiaotsch au-Gebiet ist der „Post" zufolge au unterrichteter Stelle noch nichts bekannt.
Berlin, 21. Februar. Das „Berl. Tagebl." erhält von Lugen Wolf au- Lhioa die Meldung, daß eiuem in Shanghai verbreiteten Gerücht zufolge England nun doch die chinesische Anleihe übernommen habe. — AuS direkter englischer Quelle liegt noch keine Bestätigung vor.
Berlin, 21. Februar. Dem „Reichsanzeiger" zufolge beträgt die zur Reichskaffe gelangte I stein nähme von dem 1, April 1897 bis Ende Jannur 1898: an Zöllen 367 630164 Mk. (Plus 6 668845 Mk.), Tabaksteuer 10516441 Mk. (Plus 186469 Mk.), Zuckersteuer und Zu- schlag zu derselben 66 591315 Mk. (Minus 20 728 340 Mk)., Salzsteuer 37 673559 Mk. (Plus 336818 Mk.), Maisch- botttch» uud Branntwetnmatertalsteuer 12077521 Mk. (PluS 2051028 Mk.), BerkaufSabgabe von Branntwein und Zuschlag zu derselben 24 607 340 Mk. (Minus 833 720 Mk)., Brennsteuer 234660 Mk. (Minus 1744454 Mk.), Brausteuer und Uedergangsabgade von Bier 24584973 Mk. (MmuS 1419 002 Mk ).
Berlin, 21. Februar. Heute vormittag tagte im „Hotel Kaiserhof" die 29. Jahresversammlung deS „Deutschen Nautifcheu Vereins" unter Vorfitz des GeheimrathS SartoriuS-Kiel, zu welcher außer einer erheblichen Zahl von Vertretern der verschiedenen Refforts der Regierung sämmt- liche dem Verein angehöreaden Localvereine zahlreiche Dele- girte gesandt hatten. Die Sitzung wurde mit einem Hoch auf Se. Mas. den Kaiser eröffnet. Nach der Wahl des Vorstandes, die für den Vorfltzendeu wieder auf Gehetmrath Sartorius fiel, wurde bet Punkt „Ausbau der Flotte" eine Resolution angenommen, in welcher der Verein erklärt, daß die Zahl der Schiffe, ihre Leistungsfähigkeit uud der Werth der deutschen Flotte von großer Bedeutung sei, uud daß die Wechselbeziehuugeu des Weltverkehrs nebst denen der deutschen Lolonieu mit Deuschland immer zahlreicher werden und daß für die ununterbrochen wachsende Bevölkerung Deutschlands bezüglich deS Erwerbs und der Ernährung die Ausdehnung der HandelSsch.fffahrt zur Verbefferung der Weltmarktstellung des Exporthandels als Würde, sowie daß für daS Ansehen und den Schutz der deutschen Rheverei eine starke, leistungsfähige, aclionSbereite Kriegsflotte als ein nationales Bedürf- uiß zu erachteu sei. Der Verein bittet demnach, der Reichstag wolle dem von deu verbündeten Regierungen vorgelegteu Floltengesetzeotwurf seine Zustimmung ertheilen.
Saarbrücken, 21. Februar. Die Thphuserkrank- uugen im 3. Bataillon deS 70. Infanterieregiment» nehmen einen bedrohlichen Character an. lieber 300 Soldaten find erkrankt. Die Lazarethe stad überfüllt. Von den Erkrankten find 7 gestorben. Der Stabschef vom 8. Armeecorps uud der Generalarzt Dr. Lentze find hier etugetroffen. Dem Vernehmen nach sollen da» erste und das zweite Bataillon nach der Wahner Haide tranSporttrt werden.
Kiel, 21. Februar. Das ReichSmarineamt hat einen Frachtzuschlag mit dem Nordddeutscheu Llohd uud der Hamburg-Amerika-LtniesürKiaotschaumit 10 Mk. für 1 Cbm. oder 1000 Kgr. vereinbart. Die Güter gehen zu den bekannten Frachtsätzen zuerst nach Shanghai und werden dort für Kiaotschau umgeladen. Frkf. Ztg.
Brüx, 21. Februar. Nachmittags entstaub im ehemaligen Schwimmsandverbruchgebiet eine pingeuartize Erdsetzung von drei Meter Tiefe und ebenso großem Durch- meffer, die offenbar infolge Nachbrechens des schon vorhanden gewesenen unterirdischen HohlraumeS entstanden ist. Die Erdsetzung ist offenbar unbedenklicher Natur. Die Grubenwafferverhältniffe find vollkommen unverändert.
Prag, 21. Februar. Einer Wiener Meldung zufolge werden die neuen Sprachenverordnungeu nach Schluß der Sesfion des böhmischen Landtages veröffentlicht und zwar noch vor der Einberufung des Reichsrathes.
Budapest, 21. Februar. Der Obergespan von Szabolcz wurde heute vom Kaiser empfangen. In der
Audienz erstarrte er dem Monarchen Bericht über die Zustände im Szabolczer Eomitat. Ja militärischen Kreism gilt die Situation in deu von der Agrarbewegung ergriffenen Gebieten als ungemein ernst. Die Reise des KriegSwintsters nach Budapest ist hauptsächlich durch die im großen Stile zu treffenden militärischen Maßnahmen veranlaßt. Da die Truppen des zuständigen Eorp» nicht ausreichen, sollen von Nachbarcorps Truppen zur Dämpfung der Bewegung heran- gezogeu werden.
Rom, 21. Februar, lieber 30 Advokaten, die fich gestern versammelt hatten, schickten ein Sympathie-Telegramm au Labori, deu Bertheidiger Zolas.
CocaUt und provinzielles.
Sießen, den 22. Februar 1898.
* Militärdienstnachrichten. v. dem Busch, Hauptmann ä la suite des 1. Bad. Leib-Greu.-RegtS. Nr. 109 und vorn Nebenetat des großen GeneralstabeS, als Comp.-Chef in das Juf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Heff.) Nr. 116 versetzt. Weimer, Major und BatS.-Commandeur vom sFüs.-Regt. Graf Roon (Ostpreuß.) Nr. 33, auf sechs Wochen zur Gewehr- fabrik in Spandau und im Anschluß daran bis auf Weitere» zur Gewehr-Prüfungscommisfion commandirt. Brack, Hauptmann und Comp.-Chef vom Jnf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Heff ) Nr. 116, mit Pension der Abschied bewilligt.
• • Parlamentarische». Die Erste Sammer der Stände hält ihre 6. Sitzung Freitag den 25. Februar, Vormittag» 91/, Uhr, mit folgender Tagesordnung ab: I. Neue Einläuse. II. Berichterstattungen. DI. Brrathung und Abstimmung über: 1) Wahl eines stellvertretenden land- ständischen Mitglied» zur StaatSschuldentilgungScommiisiou (Bericht mündlich),- 2) Wahl eine» Mitglied» zum zweiten Ausschuß,- 3) Miitheilung der Zweiten Kammer bezüglich des schleunigen Anträge» der Abgeordneten Ulrich und Genoffeu, daS tm Reichstag beschlossene Vereinsgesetz bete.; 4) Mit- theilung Zweiter Kammer bezüglich der Vorlage Großh. Ministeriums de» Innern, den Gesetzentwurf, die Bildung der Stadtverordneten-Bersammlung der Stadt Worm» betr. ; 5) desgl. bezüglich der Vorlage Großh. Ministerium» deS Innern, den Gesetzentwurf, daS Radfahren auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen betr.; 6) de»gl. bezüglich deS Antrags der Abgeordneten Erck und Genoffen, Erhöhung der Staatssubvention für die Bienenzucht tm Großherzogthum betr.; 7) deSgl. bezüglich de» Antrag» des Abgeordneten Dr. Schmitt, die Errichtung eines Gestüts in Hechtsheim betr.; 8) desgl. über die Vorlage Großh. Ministeriums des Innern, dringliche bauliche Herstellungen betr.; 9) desgl. über die Vorlage der Großh. Ministerien deS Innern und der Finanzen vom 10. November 1897, die Entschädigung von Besitzern von Reblau» befallener Weinberge in der Gemarkung Schimsheim betr.; 10) desgl. über die Vorlage der Großh. Ministerien deS Innern und der Finanzen, daS Dienstgebäude des Großh. BerwaltungSgerichtShofs in Darmstadt betr.; 11) desgl. bezüglich der Vorlage Großh. Ministeriums der Finanzen, die für da» Hofbauwesen erforderlichen Mittel unter Cap. 118, Tit. 1 und 2, sowie Cap. 148, Tit. 1 und 2 betr.; 12) deSgl. über den Gesetzentwurf, die E nrichtung eines StaatSschuldbuchS bett.; 13) deSgl. über die Vorlage Großh. Ministeriums der Finanzen, ergänzender Nachtrag zum Hruptvoranschlag für 1897—1900, Cap 107, Staatsschuldenverwaltung betr.; 14) deSgl. über die Vorlage Großh. Ministerium» der Finanzen, dringliche bauliche Herstellungen und laufende Unterhaltungen betr.; 15) deSgl. über die Vorlage Großh. Ministeriums der Finanzen, die Verlängerung der Ladestraße bei Nierstein betr.; 16) desgl. bezüglich der Vorstellung der Gemeiudeforstwarte, die Verbefferung ihrer Lage betr ; 17) deSgl. bezüglich des Antrags des Abgeordneten Euler, den Bau einer normalspurigen Nebenbahn B:nS- heim—Lindenfels betr., sowie bezüglich deS Gesuchs deS dortigen Eisenbahn-CornitäS, denselben Gegenstand betr.
♦♦GL Liturgischer Gottesdienst. Am Sonntag Abend fand in der dichtgefüllten Stadtkirche ein liturgischer Gottesdienst statt, in welchem durch den evangelischen Kirchengesangverein in Abwechselung mit der Gemeinde Gesänge Gerhard TersteegenS zum Ausdruck kamen. Auf die hervorragende Bedeutung dieses Manne» als Dichter einer großen Anzahl erhebender, von tiefinnerlicher Frömmigkeit durchwehter Kirchenlieder ist kürzlich hier hingewieseu worden. Seine Dichtungen haben e» verdient, daß sie der Gemeinde auch durch die Kirchenmusik im Berständniß nahe gebracht worden sind und zwar durch Männer, die das reiche religiöse GemüthSleben TersteegenS, wie eS unmittelbar au» seinen Worten hervorbricht, meisterhaft durch die Töne zu un» sprechen laffen. So hat denn auch die Feier auf die Versammelten eine sichtlich tiefe und erbauliche Wirkung au», geübt. AuS den von dem Kirchengesangverein unter der bewährten Leitung des Herrn Lehrer Görlach zur Aufführung gekommenen Gesängen sei besonder» daS au» unseren Gottesdiensten un» wohl vertraute Lied: „Gott ist gegenwärtig" erwähnt, erst in jüngster Zeit „für Gemeindegesang und Chor mit Begleitung von Orchester und Orgel" componirt von Heinrich v. Herzogenberg. DaS Werk spricht gleich beim erstmaligen Hören nachhaltig zum Herzen, sowohl durch seine gewaltigen, erschütternden Töne, die die Allmacht und Majestät GotteS würdig preisen, wie durch seine zarte, innig empfundene, zur Stille und Andacht stimmende Art, in der da» Suchen und Leben des Einzelnen nach und in seinem Gott musikalisch edel zum Ausdruck kommt. Die Begleitung de» Werke» durch Orchester — im Rahmen gottesdienstlicher Feiern gerade nicht häufig — ist so durchgeführt, daß die gottesdienstliche Stimmung dadurch nicht beeinträchtigt, sondern nur beniest wird. Man darf hier wohl den Wunsch nach baldiger Wiederholung der Compofition aussprechen, deren Schönheiten bei öfterem Hören nur noch mehr zur Geltung kommen werden. Zwischen die Lieder eingeflochtene Schriftlectionen, sowie die au» dem Geiste der stimmungs
vollen Feier herauSgeborenen herzanfaffenden Worte des Herrn Geh. Kirchenrath D. ttöstlin erhöhten den Eindruck de» in fich harmonischen liturgischen Gottesdienste».
*• H. Stadttheater. Beim Lesen de» Theaterzettel», der für gestern Abend ein Stück de» seligen Roderich Benedix ankündigte, nämlich „DaS bemooste Haupt", werden wohl viele gedacht haben, wem ist mit solch altem Schmöker gedient. Nun, wir wollen annehmen, daß dadurch der Stimmung de» Fastnachtsmontag Rechnung getragen werden sollte, denn dem Benesicianten des Abends, Herrn Fritz schier, war damit wenig gedient, fich in voller Glorie zu zeigen. Doch fand die Aufführung eine sehr freundliche Aufnahme seitens de» ziemlich gut besetzten Hauses. Den Herren Studenten bieten diese ernsten und heiteren Bilder au- dem Burschenleben ein gute» Spiegelbild und dadurch ganz besonderen Genuß. Leider war durch sonstige am gestrige« Abend stattgefundene Veranstaltungen der größere Theil der theaterbesuchenden Musensöhne am Erscheinen verhindert. Die Handlung de» Stücke» ist durchfichtig, man kann schon au» den ersten Scenen den Zusammenhang bei Ganzen erkennen, eS lohnt deshalb nicht, weiter Worte darüber zu verliere«. Die Darstellung war flott und wurde im vierten Act noch durch da» von einigen Mitgliedern de» Bauer'scheu Gesangvereins im Chor gut gesungene herrliche Burschenlied „Nun leb' wohl du kleine Gaffe", sowie durch ein al» Einlage hinter der Scene von mehreren Herren de» Theaterorwester» in liebenswürdiger Weise zu Ehren de» geschätzten Benefieianten fein und exact gespielte» Ständchen verschönt. Herr Fritzsch- Ier in der Rolle de» AlSdorff, spielte mit Wärme und war ein würdige» „bemoostes Haupt", da» seinen Spitznamen „Der lange J»rael" respect»mäßig za Ehren brachte. Große Aufgaben traten mit dieser Rolle an den sonst tüchtige« Künstler nicht heran, doch im Hinblick auf seine arbeit-reiche Thätigkeit, die un» schon so viele gute Proben seiner Regie- kunst sowohl, al» auch der Leistungen in seinem Fache brachte, ließ e» sich verschmerzen, daß er an seinem Ehrenabend fich an weniger Bedeutsamem genügen ließ. Die üblichen Ehren de» Abend» wurden ihm de-halb nicht vorenthalten und die Beifallsbezeugungen, sowie die Hervorrufe waren stürmisch und aufrichtig. Die nächstbeste Rolle im Stück war die des Wichfier Strobel, welche Herr Dir. Helm in gewohnt vorzüglicher, wirkungsvoller Komik schuf und dem Humor auf die ©ehe half. Die übrigen Rollen waren paffend besetzt und befriedigend durchgeführt.
♦ * Stadttheater. Ende dieser Woche beginnt Clara Drucker vomLesfingtheater in Berlin, eine der berühmtesten Vertreterinnen ihre» Faches, ein auf drei Abende berechnetes Gastspiel. Die Künstlerin tritt hier in „Haubenlerche", in „Meineidbauer" und „Cameliendame" auf.
♦ •m. Riehsche-Bortrage. „Die Umwerthung aller Werthe" war da» Thema des dritten und letzten Vortrags von Dr. Horneffer, welcher in diesem die letzten und tiefsten Conseqaenzen der Nietzsche'schen Weltanschauung zog. Da» Ziel der Nietzsche'schen Sittenlehre ist die Erhöhung des Seins, der Macht. Der Begriff „Macht" gilt natürlich in seiner innerlichen Bedeutung, al» eine Erstarkung und Bereicherung der seelischen wie geistigen Functionen. Mit dieser Absicht und diesem Endziel dürften fich Manche, ja die Meisten einverstanden erklären. Den strittigen Punkt bilden jedoch die Wege, die zu diesem Ziel führen. Nietzsche hält die bisherige Tafel der Werthe von „Gut" und „Böse" iflr höchst verkehrt, er will fie in die Naturwerthe umschaffen, und da ist nun der Moment, wo er fich mit der christlichen Moral au-einanderzusetzen hat. Au» dem fortwährenden Kampf der Gegensätze, aus dem ständigen Wettbewerb der Leistungen entwickelt sich da» Hohe und Schöne, nach Nietzsche. Eine Lehre, die nur den Frieden predigt, statt dieses Kampfes löst au» dem Weltbild den Gegensatz aus und damit nach dieses Philosophen Anschauung die Bedingung der Fortent« w cklung. Auch sieht Nietzsche die Nächstenliebe und das mit ihr verbundene mitleidsvolle Schonungsbedürsniß in seinem letzten Grunde al» egoistisch an, wenn es auch dem Anschein nach das Gegentheil bedeuten möchte; Gefühle der Angst und des Mitleidens mit fich selbst lägen ihm in den meisten Fällen zu Grunde. Wer dagegen fich zum Kampf stellt und die Möglichkeit, in ihm zu unterliegen, nicht scheut, der besitzt die wahre Opferfreudigkeit, weil es ihm nicht an Muth -um Untergang gebricht. Jede Moral hat ihren Kern im Gedanken der Opferung, ja dieser ist der zuverlässigste Maßstab für ihren Werth, so auch die Nietzsche'sche. Nur ist es keine Aufopferung für den Nächsten, sondern eine für die Gattung. An die Stelle der Nächstenliebe tritt die Fernsten- Itebe. Nachdrücklichst betonte der Vortragende letztere als eine Vertiefung und Verfeinerung des sittlichen Gefühls. WaS er ferner über daS „Opfer" im Nietzsche'schen Sinne, unterstützt durch Citate au» den Werken diese» Philosophen sagte, über den Begriff der „Tugend", der ein höchstes KrästigungSvermögen bedeute, etwa daS, was die griechische 8prri) (aretd) ihrem ursprünglichen Sinne nach bezeichne, ferner der Kommentar, ben Redner zu der individualistischen, auf „Kampf" und „Auswahl" gegründeten Sittenlehre Nietzsches gab (nicht etwa Kamps durch beliebige Mittel, durch List oder Gewalt, sondern ein Kampf der Leistungen, ein Wettstreit der Tugenden), verbunden mit einer Wanderung durch die Weltgeschichte, um an Beispielen zu erläutern, an welchen geschichtlichen Wendepunkten fich im Sinne des Nietzsche'schen Ideals Aufstiege, wo Abstiege und verfall, also Niedergangswerthe ergeben — Alles dies war wieder in jener übersichtlichen Gruppirung und souveränen Meisterschaft des complicirten Stoffes gehalten, welche wir vom ersten Abend an bei diesem Redner bewundern mußten, dem e» keineswegs darum zu thun ist, Nietzsche kritiklos anzugreifen, der eS aber unbedingt für nöthig hält, daß aller Kritik über Nietzsche ein genaues verständniß feiner ausschlaggebenden Gedanken vorausgehen sollte.
♦ ♦ Concertverein Marburg. Wie auS dem heutige» Jnseratentheil unsere- Blattes erfichtlich, findet näqsten Donnerstag den 24. b». Mt»., Abends 7>/, Uhr, das vierte


