zwischen den Nationalitäten betrifft, werden starke Zweifel noch am Platze sein. Die Tschechen thun, als wollten fie die Versöhnung- in ihren Augen aber sollen die Deutichen eS sein, welche uachgebeu, bann wollen die Tschechen großmüthig wieder gut sein. Auf diese Weise wird eine Versöhnung nicht zu Stande kommen. Am vergangenen Montag begannen die Verhandlungen der Führer der Rechten mit dem Grafen Thun. In dem deutschen Parteilager gibt man fich aber bezüglich einer Aenderuug der inneren Lage keinerlei Hoffnungen hin.
Triest, IS. September. Eine Baude slowenischer Bauern überfiel einen einzeln stehenden Bauernhof tu Domtlo und richtete große Verwüstungen an. Sie drohte dem Besitzer, einem Italiener, ihn sammt seiner Familie zu verbrennen. Herbetgerufene Polizei und Militär sprengten die Bande und nahmen mehrere Verhaftungen vor.
Rom, 19. September. Der Papst hat den Grafen Murawiew von seinerThetlnahme an der Abrüstungs- Confer enz durch einen besonderen Bevollmächtigten verständigt.
Rom, 19. September. CanevaroS Vorschlag hinsichtlich Kreta bezweckt hauptsächlich die Theilnahme Deutschland» und Oesterreich» au der gemeinsamen Action.
Zurich, 19. September. Bon der Spitze de» Charmerz stürzte der englische Alpinist Bimu» mit seinen Führern ab. Die Leicbe de» Bimu» ist bereit» aufgrfundeu.
Parts, 19. September. Die Rev ision»-Commissiou hat ihre Arbeiten damit begonnen, baß zunächst der Referent Ceuturier da» Aetenwatertal für den mündlichen Rapport durchfieht. Anfang October findet dann unter dem Borfitz de» Justizmtnister» die entscheidende Sitzung statt. Alsdann beginnt die Thätigkeit de» Caffation-Hofe», zu welcher jeden» fall» die Anwesenheit von Dreyfu» erforderlich sein wird. E» sollen bereit» diesbezügliche Ordre» nach Cayenne ab- gegangen sein. Auch die Vernehmung Esterhazy», der fich wieder in der Umgegend von Pari» aufhält und durch die „Libre Parole" sein angebliche» Gespräch mit einem Londoner Journalisten dementtren läßt, soll nothwendig sein.
Parts, 19. September. „Soleil" versichert, dte Regierung habe beschlossen, Dreyfu» von der Teufelsinsel zurückzuberufen, ohne den Beschluß ^deS SaffationShofeS abzuwarten. DaS Blatt „Journal" will au» sicherster Quelle erfahren haben, daß Esterhazy fich gegenwärtig tu der Umgegend von Pari» aufhalte. Demselben Blatte zufolge ist der Oberst, von dem die Blätter meldeten, daß seine Verhaftung bevorstehe, nicht der Oberst Berlin Maurot. Letzterer sei im Generalstabe auf dem vierten Bureau thätig, wo man entschieden die Meldung dementirt, daß dieser Oberst jemal» mit der DreyfuS-Sache etwas zu thun gehabt habe.
MP.C, Frankreich. Seit 14 Tagen arbeiten zahlreiche Leute auf dem unterseeischen Boote „Gustave Beb6", welches bei dem abermaligen Aufenthalt de» Marineministers in Toulon interessante Manöver auSsühren soll.
MP.C. In diplomatischen Kreisen möchte man glauben, daß auf dte neuere Entscheidung de» französischen Ministerrath» eine zuvor stattgefundene Sondirung Rußland» einen starken Einfluß mit auSgeübt habe.
Athen, 19. September. Der englische Admiral drohte mit dem Bombardement Kandia», fall» mehrere türkische Notablen, die mehrfache Maffacre» angestiftet haben, nicht ausgeliefert würden.____________________________________
Localer rrird j)ror>inrleller.
Sietzen, 20. September 1898.
— Unserem nuvergeblichen Grotzherzog Ludwig IV. wird in feiner Residenz Darmstadt ein Denkmal errichtet, zu welchem morgen (Mittwoch) Vormittag 11 Uhr der Grundstein gelegt werden soll. Dieser Act geht ohne besondere Feierlichkeit vor fich, er erhält aber die Weihe dadurch, baß die Herzen aller treuen Hrffeu ihrem geliebten, leider zu früh Heimgegangenen LandrSfürsten noch ebenso entgegen» schlagen, wie zu der Zeit, in welcher er noch unter ihnen weilte. Wa» Großherzog Ludwig IV. al» LandeSsürst ge- thau, wird von seinem Heffenvoike nicht vergeffcn werden, und wie er fich vor dem Feinde anSgezeichnet, al» e» galt, da» Vaterland zu Vertheidigen, wurde oft und laut verkündet von seinen tapferen Kriegern. Möge da» Denkmal glücklich vollendet werden und bis in die fernsten Zeiten sein ein Zeichen der Dankbarkeit und dauernd ehren den Fürsten, deffeu Andenken es gewidmet, und da» Volk, das e» ihm errichtet, (von vorliegender Nummer des „Gießener Anzeiger" wird ein Exemplar in den Grundstein de» Denkmal» mit ein« gefügt werden. D. Red.)
• • Erueuuuug. Seine Königliche Hoheit der Groh- herzog haben Allergnädigst geruht, am 7. Septembers. I. den Ingenieur Heinrich Joutz zum Etseubahndirector mit dem Range der RegierungSräthe und zum Mitglied einer Eisenbahndtrrctton in der Hessisch-Preußischen Eisenbahn- Gemeinschaft zu ernennen.
* * Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten- verfammlnng Donnerstag den 22. September 1898, Nachmittags 31/, Uhr pünktlich. 1. Dte Kretsstraße von Gießen nach Wißmar- hier: Anlage von Abfahrten. 2. Den ordnungswidrigen Zustand der Rittergaffe vor dem Hause de- Hoflohnkutscher» Huhn. 3. Herstellung von Anlagen auf dem vorderen Theil drs Trieb. 4. Ausbau der Hammstraße; hier: Straßenkostenbeiträge der Anlieger. 5. Den Bebauung«, plan für da» Hamm. 6. RechnungSabschlüffe des GaS- und WafferwerkS für da» Jahr 1897/98. 7. Uneinbringliche Posten und Nachläffr. 8. Die Handhabung der Localpolizei- hier: Antrag der Stadt Gießen auf Uebertragung einzelner Theile der Polizei an den Bürgermeister.
• • Der diesjährige FortbilduugScursus für Orgauisteu »kd Saulorrn des Großherzogthum» Heffen, an dem fich
18 hessische Lehrer und Schulverwalter betheiligen, wurde heute Vormittag zu Darmstadt in den AmtSriiumen de» OberconststoriumS mit einer Ansprache des Herrn Ober- confistorialrathS Waa» eröffnet. Der CursuS, der von Herrn Ktrchenmustkmeister Mendelssohn geleitet wird, dauert bi« zum 8. October.
• * Die WohuuugSverh'ältuisse im Großherzogthum Heffen war da» Thema, welche» Herr Oberbürgermeister Dr. Gaßner- Mainz auf der 28. Versammlung de» „Deutschen Senin» sür öffentliche Gesundheitspflege" in Köln behandelte. Er sagte nach einem Bericht der „Köln. Ztg.": Man hatte e» allseitig als Aufgabe de» Reiche» erachtet, die Verhältniffe zwischen Vermiether und Miether günstiger zu gestalten, den Bau ungesunder Wohnungen zu verhindern und den Bau gesunder Wohnungen zu fördern. Wenn gleichwohl die hessische Regierung ein Einschreiten de» Reiche» nicht abgewartet hat, so geschah da» in richtiger Würdigung der ernsten Gefahr. 1879 wurde mit Ermittelungen begouuev und da» Ergebnih war: die meisten Arbeiterwohnungen genügen zwar, aber immerhin muß Abhilfe geschaffen werden, und eine gesetzliche Regelung ist geboten, um eine wünschenSwerthe Befferung herbeizuführen. Da» 1893 erlaffene Gesetz leidet an Schwächen. So erscheint nicht ganz einwandfrei die Bestimmung über die Frist zur Räumung von ungesunden Wohnungen, die bi» fünf Jahre verlängert werden kann. Da» geschah, um eine WohnungSuoth zu vermeiden. Die Polizeibehörden machen davon umfaffenden Gebrauch, so daß eine Befferung nur langsam eintreten kann. Auch die Anzetgepflicht der Vermiether leidet an Schwäche. Da ist nicht ersichtlich, warum die Bestimmung erlassen ist, daß dir Vermiether sogenannter möblirter Wohnungen von dieser Anzeigepflicht befreit find, wenn und so lange der Miethprei» für da» Zimmer den Betrag von 8 Mk. überschreitet. Auch daß da» Gesetz nur für Gemeinden von mehr al» 5000 Seelen gilt, ist bedenklich. Nur 15 Gemeinden werden dadurch de» Nutzen» de» Gesetze« theilbaftig, obwohl die Verhältnisse auf dem Lande oft noch bedenklicher find al» in den Städten. Wenn daher auch nicht alle Erwartungen in Erfüllung gegangen find, so ist durch da» Gesetz doch ein entschiedener Schritt zur Befferung ge- than und kann ein hoffnungsvoller Versuch zur Hebung der WohnungSverhältniffe der ärmeren BolkSklaffen genannt werden. E» ist kein Zweifel, daß ein anhaltender WohnungS- mangel und eine steigende Theuerung der Wohnungen ein- treten wird, und deßhalb wirb ein reiche« Feld für den Bau gesunder Wohnungen gegeben sein. Zur Durchführung de« Gesetze» in der Stadt Mainz wurde die Stadt in vier Bezirke grthült und in jedem Bezirk ein Armenarzt mit der Besichtigung der Wohnungen betraut. Zuerst waren mit Hilfe der Schutzmannschaft eingehende Erhebungen über Mieth- Wohnungen und Schlafräume veranstaltet. Dann wurde da» Ergebuiß von den Aerzten einer materiellen Prüfung unterzogen, und die beanstandeten Wohnungen wurden unter Zuziehung Bauverständiger besichtigt. Ein Theil der beanstandeten Wohnungen wurden wieder freigegeben, die erhobenen Anstände waren zum größten Theil nicht gesundheit- schädlicher Art. Jedenfalls find die wohlthätigen Wirkungen drs hessischen Gesetze« unverkennbar, aber trotz der Erfolge muß noch bessernde Hand angelegt werden. Daran tragen mehr die Verhältniffe al» das Gesetz die Schuld. Der Bau gesunder und billiger Wohnungen ist hinter den Anforderungen zurückgeblieben, die billiger Weise gestellt werden können. Da« erklärt die Milde der Anwendung de« hessischen Gesetzes. E« ist ein Vorzug des Gesetzes, daß e« die Mittel au die Hand gibt, die kraffesten Zustände bloSzulegen- denn wenn 2683 Wohnungen ermittelt worden find, die nur au« einem einzigen Raum für eine Familie bestehen, in denen diese wohnt, kocht und schläft, so ist e» selbstverständlich, daß an die Ab- stellung solcher Mißstände gegangen wird, da kann nur eine Radicalkur Helsen. Da« Reich könnte bei einer gesetzlichen Regelung nur allgemeine Gesichtspunkte aufstellen, denn am Bodensee sind die Verhältniffe ander« a!« an der Ostsee. Auch ein Land wie Preußen kann die Sache nicht einheitlich regeln, man muß das den einzelnen Verwaltungsbezirken Überweisen. Die DereinSthätigkeit kann bei Schaffung billiger Arbeiterwohnungen nicht allein helfen, da bietet fich für staatliche und communale Socialpolitik ein weite» Feld, da« noch recht fürsorglicher Pflege bedarf, wenn man den bestehenden mißlichen Verhältnissen gründlich abhelfrn will.
• • Wetterbericht. Die nördliche Depresfion ist von Schottland her nach dem mittleren Scandinavieu vorgedrungen. Der ihr südlich vorgelagerte Ausläufer hat dabei unser Gebiet gestreift und vorübergehende Trübung mit leichten Niederschlägen gebracht. Ueber Frankreich ist jedoch bereit« der Luftdruck wieder stark gestiegen. Im Allgemeinen dürfte daher bald wieder heiteres Wetter eintreten, welche« aber die frühere Beständigkeit nicht mehr erreichen wird, da fich von Westen her den britischen Inseln neue Depressionen nähern. Die Temperaturen find gegen gestern wenig verändert. — Voraussichtliche Witterung: Zunächst wechselnde Bewölkung und stellenweise leichte Niederschläge, dann wieder Befferung.
Bad Nauheim, 15. September. Vom 9. bis 15. September 1898 find 335 Badegäste augekommen- verabfolgt wurden 7391 bezahlte Bäder und 394 Freibäder. Die Zahl der vom 1. April bi« 15. September angenommenen Badegäste beträgt 19,001, der verabfolgten Bäder 233,925 bezahlte und 11,235 Freibäder.
Büdingen, 19. September. Die Vorbereitungen zu der nächsten Donnerstag stattfindenden Viehausstellung find fast vollendet, von 137 Ausstellern find 264 Stück Großvieh, 26 Stück Schweine mit Ferkeln, 23 Stück Ziegen und 60 Stück Schafe angemeldet. ES wird mitgetheilt, daß großartige Schaustücke zur Ausstellung gelangen. Mehrere Au«, fieller muhten wegen verspäteter Anmeldung abgewiesen werden.
Darmstadt, 19. September. Am SamStag Abend war der 20 jährige Karl Köhler auS Beffungen auf einem Zimmer- Platze beim Ausladen eine« EtchenstammeS beschäftigt, dabei
rutschte eine Walze ab, Köhler gerieth unter den Stamm und war sofort tod»._________________________________
Vermischter.
• Koblenz, 17. September. Ein in Lützel-Coblenz wohnender Photograph wurde gestern Abend, als er radfahrend einen Eis-nbahnübergang bei Godesberg passirte, von einem Zuge überfahren und sofort get ödtet. Wie festgestellt wurde, war die Barriöre nicht geschloffen.
* Genf und die Fremden in älterer Zeit. Auf der letzten Jahresversammlung des Genfer Instituts sprach Herr Universitätsprofeffor Eugöne Ritter über „Genf und Italien". Die „Züricher Post" berichtet über den Vortrag: „Die Stadt der Mißvergnügten" hieß Genf einst in dem Nachbarland, und sehr frühe schon fiedelten Italiener fich daselbst an; noch vor dem Jahre 1535 hatten ihrer vierundachtzig das Bürgerrecht erworben. Sie stammten aus dem Aosta-Thal und aus Jvrea, auch aus Turin, Mailand, Lucca, Bologna und Venedig. Die Reformation hatte zur Folge, daß das italienische Element in der Rhonestadt bedeutend sich verstärkte. An die siebzehnhundert Flüchtlinge suchten hinter ihren Mauern Schutz; kaum eine Stadt, kaum eine Provinz Italiens, welche nicht vertreten war. Es mehrten sich die Beziehungen; zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts etablirten fich auch zahlreiche Genfer in den italienischen Verkehrscentren und in neuerer Zeit wirkte mancher Genfer Theologe in den protestantischen Kirchen der italienischen Diaspora. Jetzt find in Genf wohl siebentausend Italiener, überwiegend Arbeiter, von denen Viele andere Reviere aufsuchen dürften, sobald das seit einigen Jahren herrschende Baufieber sich wieder etwas legt. Daß die Leute beim letzten Strike sich betheiligten, mußten politische Flüchtlinge, welche der Mailänder Aufstand hierher getrieben, büßen; man wies fie rücksichtslos aus, und das unselige Attentat auf die Kaiserin von Oesterreich dürfte die Stimmung noch verschärft haben. Von 1724 bis 1734 erschien in dem calvinistischen Rom sogar ein italienische Bibliothek — eine Art Revue — zur Besprechung aller wichtigeren Bücher, die in Italien herauskamen. Seither haben viele Genfer Autoren^ darunter solche von Rang — Sismondi, Lullin de Chateauvieux, Galiffe, Didier, Coindet, Töpffer, Marc Monnier, de la Rive, Dubois, Melly, Cherbuliez, E. Rod und Andere — über Italiens Kunst, Geschichte und Litteratur, Land und Bewohner bemerkenswerthe Studien und Schilderungen verfaßt. Vor ungefähr sieben Decennien war der berühmte Rechtsgelehrte Rossi — im Revolutionsjahr 1848 zu Rom erdolcht — Professor in Genf und nach dem Friedensschluß von Villafranca suchte Graf Cavour auf Genfer Boden Erholung. Mazzini conspirirte mehrmals von Genf aus; Garibaldi ward im Triumph empfangen, da er 1867 zum Friedenscongreß eintraf. In Schaaren klopften einst die französischen Hugenotten an den Thoren Genfs an. Meist brachten sie nichts aus der Heimath mit als ihre Familien, waren entblößt von Allem und tief erschöpft von der anstrengenden Flucht, auf der sie mit jeder Gefahr zu ringen hatten. Wenn unter den altgenferischen Familien zuweilen ob der Zuvorkommenheit, mit der diese nicht immer bescheidenen, oft etwas stürmisch und prätentiös auftretenden Gäste ausgenommen wurden, Unwillen fich erhob, ließ die gastliche Fürsorge doch nicht nach. Diese Einwanderung dauerte lange. Das Edict von Nantes unterbrach sie während sechzig Jahren; als dasselbe widerrufen ward, hob fie wieder an, um bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hinein nie gänzlich aufzuhören. Viele dieser von Auswärts Gekommenen rückten sehr bald in die patrizische Zone ein; die um Einlaß gefleht, fühlten sich sehr, verstärkten vielfach die Rechen des Herrenthums. Bei der Gewährung des Asyls verfuhr man mit einer Weit- Herzigkeit, die während der Regierung Ludwigs XIV., der keine Mißachtung seines Willens duldete, oft bedenklich war. Mehrmals liefen beim Magistrate drohende Noten ein. In solch kitzlichen Situationen, erzählt Joöl Cherbuliez, ein Con- servativer — „Gendve, ses institutions, ses moeurs, son dtiveloppement“ — „wurde den Refugiss durch einen Erlaß geboten, unverzüglich den Fleck zu räumen. Am Hellen Tage vollzog man das Edict mit erbarmungsloser Strenge, ließ aber nach erngebrochener Nacht die Ausgewiesenen Einen nach dem Andern heimlich wieder ein, ihnen allerdings einschärfend, sie möchten so wenig als möglich sich außerhalb ihrer Wohnungen begeben. Offener Widerstand gegen den mächtigen Nachbar wäre unnütz gewesen; ein Brief, welcher in jenem servilen Ton gefaßt war, den die Etikette des Königs forderte, beschwichtigte deffen Verdruß, und war der Kniff nicht eben sehr würdig, so rettete er doch das Recht der Menschlichkeit, ohne die Unabhängigkeit der kleine» Republik zu gefährden. Die Schwachen sind entschuldbar, wenn sie der Ungerechtigkeit der Gewaltigen gegenüber zur List Zuflucht nehmen." Die Revolution von 1789 fegte au» Frankreich Diejenigen fort, die ehemals Andere hinausgetrieben : Adlige und Kleriker, hernach auch Glieder des dritten Standes suchten Zuflucht in der Schweiz, und Genf beherbergte deren viele, bis spitzige Reklamationen erfolgten und Genf auf eine Reihe von Jahren die Unabhängigkeit verlor. Doch es ward später aufs Neue die Stätte, wo die Verfolgten aus ganz Europa zusammenströmten; es verspürte jede revolutionäre Zuckung des Continents. Vornehmlich unter dem Regimente James Fazys waren Fremde willkommen; man erleichterte ihnen die Niederlaffung und die Erwerbung des Bürgerrechts um so bereitwilliger, als sie durch den Anschluß an den Radicalismus diesen, oder, was eine Weile dasselbe war, die Herrschaft FazyS befestigten. Das waren nun freilich nicht Gäste, wie sie der CalviniSmus fich wünschte; sie halfen vielmehr, ihn an die Wand drücken und untergraben, weshalb auch Cherbuliez ihnen grollte. „Um ein Genf nach seinem Gepräge zu schaffen," schreibt er, „mußte Fazys das alte an Calvin hängende zerstören. Die frühere Sittenstrenge wich, die Polizei drückte die Augen zu. Viele Fremde der schlimmsten Sorte, Jndustrieritter, Vagabunden und gewesene Sträflinge eilten herbei, weil keine Papiere, keine Garantien von ihnen gefordert wurden und ein Auf-


