Ausgabe 
21.9.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 221 Erstes Blatt.

Mittwoch den 21. September

1SOS

Ufln4 mu Luloahme M Äentogl.

Die Gießener yeetrteeirattcr crbm dem Anzeiger «Schnttlich viermal beigelegt.

Gießener Anzeiger

AktvAvpreiB vierleljüdrlich

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»ikNeltthrüch.

«»nah m» von Anzeige» zu der Nachmittag» für den gvlgenden Tag erscheinende» Nummer des Barm. 10 Ufer.

General-Anzeiger

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Zum Bezug desGieszener Anzeiger" für >xi6 4. Vierteljahr 1898 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten zuverlässiger telegraphischer Nachrichten- Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorkommnisse in demselben auf dem Lausenden. Unterstützt durch umsichttge Berichterstatter in allen Otten Oberhessens und in den bedeutenden Städten der anderen hessischen Provinzen, ist der ^Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge innerhalb unseres engeren Vaterlandes und der Nachbargebiete so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, des­gleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wiffens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden laffen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Kunst und Wissenschaft, Litteratur, Hauswirthschast, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge negenes F e u i 11 c ton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten ünterhaltungsstoff bieten. DieGietzener Familienblätter" werden dem Anzeiger wöchentlich 4mal (Dienstags, Donnerstags, Samstags und Sonntags) beigelcgt und neben den Erzählungen, Romanen und Novellen beliebter Schriftsteller anziehenden Unter­haltungsstoff aus dem Gebiete des Familienlebens und der Hauswitthschaft bringen, und somit namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswüttige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neühinzutretende hiesige Abonnenten er­halten vom Tage der Bestellung bis 1. October den Anzeiger kostenfrei zu gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe-Nummern nach auswätts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnementsbettag durch Quittung erheben laffen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtungsvoll

Verlag desGießener Anzeiger" Brühl'sche Univ.-Buch- u. Steindruckerei (Pietsch Erben).

Deutsche* Reich.

Darmstadt, 19. September. Au» Jagdschloß Wolfs, garten, 18. September, wird derDarrnst. Ztg." berichtet: Seine Kaiserliche Hoheit der Großfürst Michael von Rußland traf heute Mittag zum Besuch der Höchsten Herrschaften hier ein und kehrten Abends nach Wiesbaden zurück.

Berlin, IS.Septenber. DaS staats Ministerium trat heute Nack-wiltag 3 Uhr unter dem vorfltz de» Finanz« Ministers Dr. Miquel in seinem Dienstgebäude zu einer Sitzung zusammen.

Berlin, 19. September. Wie die «ittheilt, hat sich der Kaiser über die Strikevorgänge in Spandau telegraphisch berichten laffen. Oberbürgermeister Soltze hat als Polizetchef an den Kaiser berichtet. Auch der RegierungS« Präsident in Potsdam hat eingehenden Bericht verlangt. Die i)o« Regierungspräsidenten angebotene Unterstützung durch uuSwärlige Polizeikräfte wurde als nicht erforderlich erachtet. '

Die Ordnung ist nicht wieder gestört worden, tudeß werden ! die Maßnahmen der Polizei zum Schutz: der italienischen Maurer aufrecht erhalten. Auch werden die Bauplätze, auf denen Italiener arbeiten, Nachts bewacht, darunter der Bau bei Lastno für dal Offizier LorpS des Garde.Fuß«Artillerie. SegimentS von einem Militärposten. Man befürchtet nämlich, daß Versuche zur Schädigung bei Mauerwerks und der Rüstungen gemacht werden könnten. Die von dem EinigungS- amt del Gewerbegerichts angestrebte Vermittelung zur Bei« legung del StrikeS ist gescheitert, weil die Arbeitnehmer socialistische Agitatoren zu den beabfichtigten Verhandlungen entsandten, die von den Arbeitgebern aber nicht all die be« rechtigten Vertreter der Gesellen anerkannt wurden. Die Meister-Deputation lehnte eS daher ab, mit den Delegirteu der Strikenden zu verhandeln.

Berlin, 19. September. DieNattonal-Zettnng* schreibt: Um den in gewissen Blättern immer wiederkehrenden willkür­lichen und übertriebenen Schätzungen deS vom Fürsten Bismarck hinterlassenen Vermögen! und den dazu beliebten Kommentaren entgegenzutreten, find wir von best- unterrichteter Seite zu der Mittheilung ermächtigt, daß da! ganze Kapital, und Baarvermögen deS Nachlasses noch nicht 2y8 Millionen Mark beträgt. An Pretiosen find nur mehrere Orden und Brillanten und eine Anzahl unveräußerlicher silberner Schaustücke vorhanden, deren Geldwerth inSgesammt erheblich unter 160000 Mark angenommen ist.

M.P.C. Berlin, 19. September, von dem preußischen UnterrtchtSminister wird in den ersten Tagen des October die längst in Aussicht genommene Konferenz der Rectoren der preußischen LandeS-UniversitSten abgehalten werden. ES steht zu erwarten, daß im Anschluß on die neuerdings geschehene Neuregelung der GehaltSverhältoiffe der Universitätslehrer neue, gemeinsame Bestimmungen über die Höhe der vorlesungShonorare, sowie auch betreffend die Stundung, bezw. den Erlaß d«S Honorar! für alle preußische Universitäten beraten und dann eventuell eingefsihr» werden.

M P.C. Die Wichtigkeit einer besseren Regelung bei Arbeitsnachweise! wirb immer mehr erkannt. Zu der am 27. September in München sttttfiabenden ersten Verbandlversammlung de! verbandel deutscher Arbeits­nachweise werden nicht nur die preußischen Minister für Handel und Gewerbe, sondern auch der österreichische Handels« Minister offizielle Vertreter entsenden.

Rechnungshof für das Deutsche Reich. Dem vernehmen nach wird ein Gesetzentwurf vorbereitet, der einen besonderen Rechnungshof für das Deutsche Reich vorfieht. Bekanntlich beschäftigte eine solche Vorlage bereit! in der Tagung von 1872 den Reichstag und scheiterte damals, ebenso wie ein in der Tagung von 1874 vorgelegter Ent­wurf vornehmlich an dem Widerspruch deS Ministers Delbrück gegenüber den »zu weit gehenden Forderungen- des da- maligen Abgeordneten Dr. M quel. Man hat sich bis jetzt damit beholfen, daß alljährlich durch besonderes Gesetz die Vollmacht für die preußische Oberrechnungskammer verlängert wird, dte Obliegenheiten eines Rechnungshofes für da! Reich wahrzunehmen. Mit der Länge der Zeit haben fich aber die UnzutrSglichkeiten dieser verhältniffe gesteigert, und der preußische Ftnanzminister drängt darauf, in Wahrung seine! seit 25 Jahren eingenommenen Standpunkt!, auch hier dem Reiche zu geben, wa! ihm gebührt. Deshalb ist auch die Neubesetzung der Khespräfidentenstelle bei der preußischen OberrechnungSkammer, die seit dem Tode de! Herrn v. Wolff erledigt ist, noch nicht erfolgt.

AuS Kiautschou berichtet derOstas. Lloyd*: »Erfreulich ist der Zudrang chinesischer Schüler zu der hier errichteten und von einem deutschen protestantischen Miffionar geleiteten Schule- die Fortschritte, welche die Jungen im Deutschsprechen machen, find ganz erheblich und berechtigen zu den schönsten Erwartungen. Die Schüler werden zugleich praktisch zu dem Dienst bet Deutschen heran« gebildet- die englischen Brocken, die man im Anfang vielfach als Umgangssprache wählte, verschwinden, an ihre Stelle treten deutsche Redensarten, die wenigstens den Bortheil haben, daß fie bei einer Seite verständlich find, viel benutzt wird die von der Garnison unterhaltene Poliklinik, in der Khinesen zu bestimmten Stunden am Tage gegen geringes Entgelt Arzneien und ärztliche Hilfe gereicht werden. ES ist allenthalben Fortschritt bemerkbar; wer die ersten Wochen nach der Befitznahme Tfintau! diese! durchwandern konnte und nach längerer Abwesenheit jetzt wieder hierher zurück« kehrt, wird über da! gänzlich veränderte Aussehen er« staunt sein.

Att-Uruo

toten, 19. September. Heute Mittag find unter dem Vorsitz deS Kaiser- in der Hofburg ein Ministerrath statt.

Wien, 19 September. DieWiener Zeitung" ver- öffentlich ein aus Schönbrunn vom 16. September battete* Handschreiben des Kaisers Franz Josef an den Ministerpräsidenten Grafen Thun, worin derselbe beauf« tragt wird, seine an die geliebten Völker gerichtete Danksagung für die in rührender und erhebender Weise geäußerte Liebe und Theilnahme sowie für die Pietät für die verstorbene Kaiserin bekannt zu geben. Die Danksagung lautet:

An meine Völker!

Die schwerste und grausamste Prüfung hat Mich und Mein Haus heimgesucht. Meine Frau, die Zierde Meine* Thrones, die treue Gefährtin, die Mir in den schwersten Stunden Meines Lebens Trost und Stütze war, an der Ich mehr verloren habe, als Ich auszusprechen vermag, ist nicht mehr. Ein entsetzliche- Verhängniß hat sie Mir und Meinen Völkern entriffen, eine Mörderhand, das Werkzeug des wahn- sinnigen Fanatismus, der die Vernichtung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung sich zum Ziele setzt, die sich wider die edelste der Frauen erhoben und in blindem ziellosem Haffe das Herz getroffen, das keinen Haß gekannt und nur für das Gute geschlagen hat. Mitten in dem grenzenlosen Schmerze, der Mich und Mein Haus erfaßt hat, angesichts der unerhörten That, welche die ganze gesittete Welt in Schauder versetzt, dringt zunächst die Stimme Meiner ge« liebten Völker lindernd zu Meinem Herzen. Indem Ich Mich der göttlichen Fügung, die so Schwere- und Unfaßbares über Mich verhängt hat, in Demuth beuge, muß Ich der Vor. sehung Dank sagen für das hohe Gut, das Mir geblieben ist: Für die Liebe und Treue der Millionen, die in der Stunde des Leidens Mich und die Meinen umgiebt. In tausend Zeichen von Nah und Fern, von Hoch und Niedrig, har sich der Schmerz und die Trauer um die gottselige Kaiserin und Königin geäußett. In rührendem Zusammen, klang ertönt die Klage Aller über den unermeßlichen Verlust, als getreuer Widerhall alles dessen, wa- Meine Seele bewegt. Wie Ich das Gedächtniß Meiner heißgeliebten Gemahlin heilig halte bis zur letzten Stunde, so bleibt ihr in der Dank, barfeit und Verehrung Meiner Völker ein unvergängliches Denkmal für alle Zetten errichtet. Aus den Tiefen Meines bekümmerten Herzens danke Ich Allen für da- neue Pfand hingebung-voller Theilnahme. Wenn die Festklänge, welche dieses Jahr begleiten sollten, verstummen müffen, so bleibt Mir die Erinnerung an die zahllosen Beweise von Anhäng« lichkeit und warmem Mitgesühl die werthvollste Gabe, dte Mir dargebracht werden konnte; die Gemeinsamkeit Unseres Schmerzes schlingt ein neues inniges Band um Thron und Vaterland. Aus der unwandelbaren Liebe Meiner Völker schöpfe Ich nicht nur das verstärkte Gefühl der Pflicht, aus- zuharren in der Mir gewordenen Sendung, sondern auch die Hoffnung des Gelingens. Ich bete zu dem Allmächtigen, der Mich so schwer heimgesucht hat, daß er mir noch die Kraft gebe, zu erfüllen, wozu ich berufen bin. Ich bete, daß er Meine Völker segne und erleuchte, den Weg der Liebe und Eintracht zu finden, auf dem fie gedeihen und glücklich werden mögen.

Schönbrunn, 16. September 1898.

Franz Josef, (m. p.)

toten, 19. September. Gestern Nachmittag fand in bet Brigittenau eine von der socialbemokratischen Parteileitung etnberufene, stark besuchte Protestversammlnng gegen das Genfer Attentat und gegen den Anarchismus Über- Haupt statt.

Anläßlich de- neuen furchtbar erlchütternben Schick­salsschlages, der ben Kaiser Franz Josef jüngst betraf, konnte man nicht selten die Bermnthung hören, baß ber greife Herrscher nunmehr vielleicht zu ernsten RÜcktrittSgebankeu gelangen und unmittelbar nach Abschluß seines Regenten- Jubiläums bie Krone nieberlegen könnte. Diesen Muth- maßuugen entzieht nun aber bie heute veröffentlichte Kund­gebung des Monarchen ben Boden. Der Kaiser will den RegierungSgeschäften nicht entsagen, vielmehr Trost für feint Heimfuchung in ber Arbeit suchen. Gleichzeitig hat ber Monarch seine Völker zum Frieden gemahnt. Wiederholt hatte eS ja auch ben Anschein gewonnen, als sollte baS große Unglück, von welchem daS Kaiserhaus und ber Staat ge­troffen würben, mindestens bie nationalen Gegensätze mildem. So viel ist auch gewiß, an einer einmütigen Trauerkund­gebung wird es auch ber ReichSrath nicht fehlen laffen. Aber barüber hinaus, wa! nämlich da- Begraben ber Streitaxt