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20.2.1898 Drittes Blatt
 
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m beim Friseur Max 0 Psg. für eine Herren-

139T für den Fond zur Er« ^ien an die Oberfechterei Der Vorstand.

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Nr. 43 Drittes Blatt. Sonntag den 20. Februar

1898

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Aamlkkenvtätter werden dem Anzeiger wSchentlich viermal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Bezugspreis vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerloh«.

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

General-Anzeiger

Alle Anzeigen-VermittlungSstellen deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.

Asnts- und Anzeigeblsrtt fLv den TLveis Gieszen.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Kchukstraße Ar. 7.

Gratisbeilage: Gießener Familienblätter. Fernsprecher Nr. 51.

AnrtLichsv Ther!.

Nr. 5 bei Reichl Gesetzblatt!, anSgegeben den 15. d. M., enthält:

(Nr. 2445). Bekanntmachung, betreffend eine Abände« rung bei Verzeichnisses der gewerblichen Anlagen, weiche rtner besonderen Genehmigung bebihftn. Vom 9. Februar 1898.

Gießen, den 18. Februar 1898

Großherzoglickes KreiSamt Gießen.

v. Gayern.

Bekanntmachung.

Wir bringen zur ollpemeruen Kenntniß, daß der Avs- trieb von Vieh zu den am 22. und 23 l. Mrs. fiattfindenden Märkten nicht vor 7 Uhr Vormittags erfolgen darf.

B I zu dieser Zeit ist auch dal Aufstellen v « Vieh in den nach dem Marktplätze sühreuden Straßen verboten

Zuwiderhandlungen werden unaachstchtlich zur Blftrafuug angezetgt.

Gießen, den 18. Februar 1898.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.: Roth.

Politische Wochenschau.

Neuerdings find wieder Melsungen tm Umlauf, als hätte die Regierung die Abficht, den Reichstag und den preußischen Landtag recht bald zu schließ?«. Bekannt ist ja, daß eine lange Session nicht geplant war, und daß man den Parlamrnteu tu diesem lttz en Tagunglabschnitt nur die aller- norhwendigsten Vorlagen zugehen lassen wollte. Aber ei war doch ein ziemlich umfangreicher ArbettSstr-ff zusamwengekommeu, der fich durch die auS dem Hause eiugrbrachten Initiativ« anträge noch beträchtlich vermehrt hat. Die Flottenoorlage scheint nun doch nicht einen so glatten Verlauf zu nehmen, wie man ursprünglich und insbesondere noch der ersten Lesung im Plenum glauben durste - innerhalb drS Centrums machen fich mehr und mehr Stimmen gelteod, welche der Regierung!- forderung widerstreben, Wenigstens sind darüber jetzt Meldungen verbreitet, die aber auf ihre Richtigkeit nicht ge- prüft werden können,- man thut deßhalb gut, daran noch keine Schlüffe zu knüpfen.

Gleich zu Beginn der obgefaufinen Woche wurde be­kanntlich in der ReichShauptfradr die alljährliche General«

Versammlung des Bundes der Landwirthe abgehalten. Zu constattren ist, daß der Ton viel gemäßigter war als in den letzten Jahren und daß man anerkannte, was die Re­gierung bisher für die Londwirthschasr gethan hat. Freilich haben die Agrarier noch so manche Wünsche, von denen es fraglich ist, ob sie alle erfüllt werden, denn die Regierung befindet sich in der üblen Lage, Jedem gerecht werden zu müssen, und daS ist bekanntlich sehr schwer um so schwerer, all die Interessen von Landwirthschaft und Industrie, welche doch in den künftig abzuschließeudrn Handelsverträgen gewahrt werden tröffen, fich vielfach diametral gegenüberfiehen.

Noch immer liegt der Schwerpunkt der parlamentarischrn Arbeiten in den Commissionen. Diejenige del Reichltags zur Borberathung der Mtlitärstrafproceßreform beginnt dem- nächst ihre zweite Lesung, die Budgetcommisfion hat fich in dieser Woche mit dem Militäretat beschäftigt und die Com­mission zur Berathuvg der Civilprocehordnung ist ebenfalls fleißig bei der Arbeit. Sie hat u. A. den Antrag auf Ein­führung des Nacheides angenommen und verschiedene Be­stimmungen eingefügt, durch welche die Zahl der Erde ver­mindert wird. Und dal kann man nur gutheißrn, denn je weniger Eide überhaupt geschworen werden, desto weniger Meineide werden geleistet. Liu Beschluß aus der Com­mission del preußischen Abgeordnetenhauses für die Privat­dozentenvorlage ist noch erwähnenlwrrrh. Bekanntlich steht im Regierungsentwurf all zweite Instanz für dal DiSeipli- narverfahren dal Staatsministerium,- die Commission hat beschlossen, anstart desscn dal Oberverwaltungsgericht zu be­stimmen, trotzdem d r RegierungSvertrerer daS für unan­nehmbar erklärt. Wie erinnerlich, sprachen fich bereits bei der ersten Lesung im Plenum verschiedene Parteien für das OberverwaltungSgericht aus, die fonst dem Gesetze im Princip zustimmten, weshalb man annehmen darf, daß die Regierung im Jutereffe del Zustandekommens der Vorlage bei ihrer Wetgerung nicht beharren wird.

Ja unserem Nachbarstaate Oesterreich haben sich die Vtrhältnisse wenig geändert- noch find Hochschulen und Par­lament geschlossen. Die Angaben über den Wiederzusammen- tritt del letzteren gehen noch auseinander- jedenfalls thut die Regierung, wie wir das ja schon öfter ausgeführt haben, gut, die Leidenschaften nicht zu früh auseinander platzen zu lafsen. Jenseits der Leitha dauern die Bauernunruhen fort; die ungarische Regierung ist eifrig dabei, festzufiellen, ob mau es thatsächlich mit einer socialistischen Bewegung oder nur mit einerHur gerrevolie" zu thun hat.

Welches Resums soll man auS den bisherigen Verband- lungen deS Zola-Processel in der abgelaufeven Woche ziehen? Die Sympathien sür die Anhänger einer Revision der DreyfuS-Angelegenheit find jedenfalls nicht geringer ge­worden. Noch immer tagt der SchwurgerichtShof, aber die lärmenden ©eenen draußen vor dem Justizpalais und drinnen in den Wandelgängen haben längst aufgehört. Der Proceß dauert den Parisern schon zu lange. Jedenfalls hat der Aulgang desselben im Allgemeinen weniger Interesse all die Frage, was die Regierung wohl thun wird, ob sie die DreyfuS« und eventuell die Esterha-h Bache wieder aufnimwl oder nicht. Daß General Prllteux während seiner Aussage am Mittwoch den Krieg an die Wand malte, ist jedenfalls nur auS Verlegenheit geschehen.

Im Orient beginnt es wieder zu gähreu, besonders in Albanien- überhaupt treffen aul verschiedenen Gegenden der Türkei bedrohlich klingende Nachrichten ein. Nach Maze­donien ist der bisherige Obercommandireude in Thissalten, General Edhem Pascha, entsandt worden, woraus man schließt, daß dort die Lage recht kritisch ist. Der Sultan kommt aus den Sorgen gar nicht heraus.

Prinz Georg von Griechenland hat in seiner Eigenschaft als Candtdat für den kretenfischeu Gouverneurposten bereits einen Nacbfolger erhalten, den der Abwechselung halber dies­mal der Sultan präsentirt, also noch viel weniger Aussicht hat, all alle übrigen, den Posten zu erhalten. (xx)

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Februar. Der Kaiser fuhr heute Mittag unangemeldet und ohne Begleitung bei dem russische« Botschafter vor und hatte mit demselben eine dreioiertel- stündige Conferenz.

Berlin, 18. Februar. Dal Abgeordnetenhaus setzte heute die Etatberathung fort und genehmigte den Titel Mintstergehalt del Ministeriums bei Innern. Morgen Wahl­prüfung unb Fortsetzung ber Etatberathung.

Berlin, 18. Februar. Auf ein am 14. b. Mts. vom Vorstand bei evangelischen Bündel zur Wahrung der deutschen protestantischen Interessen an den Reichskanzler gerichtetes Schreiben, in welchem Beschwerde darüber geführt wird, daß bei der Feier bei Geburtstages bei Kaiser! in Rom vom preußischen Gesanbten ein Toast auf den Papst und den Kaiser, aber nicht ein solcher auf den König Humbert ausgebracht worden sei, ist an den unterzeichneten Grafe«

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Feuilleton.

Mein erster Msskendsll.

Eine Fastnachtsgeschichte von Frida Storck.

(2. Fortsetzung.)

Da zogen köstliche Bänkrlsängerihpen, die Dilettanten des Clubs, in den ©aal.

He, HanSwurst, halte mir die Noten!" rief der in Nankinghoseu, verschadtem Frack und mächiigen Vatermördern steckende Geiger.

Schön. Mein lieber Bruder Schwiilmrr muß aber helfen!" beharrte Vater in Fistelröuen, zerrte Grau in den sich schließenden Kreil ber Musikanten und drückte ihm das eine Ende del NotenhefteS in die Hand.

Der Lärm verstummte, die Musiker boten eine künst­lerische Leistung. Meine Augen suchten Lilli und den Postillon, sie fehlten im Saale. Ich schlich in den zugigen Flur, wo die Kutscher fich aufgepflanzt hatten, um gelegentlich etwas von dem Zauber zu erspähen Ich eilte in die Garderobe, sie war leer. Aul dem durch eine Thür getrennten Neben- raume, einem Fremdenzimmer, drangen flüsternde Stimmen, Lilli! und die erregte eine! Manuel. Plötzlich klang vom Flur her der dröhnende Baß bei alten Müller.

So, also hier herauf ist sie gegangen? Na, werd fie schon finden."

Jäher Schreck f faßte wich, ber Alte durfte Lilli nicht mit dem Fremden finden. Ich flog zum Eingänge und prallte auf den verblüfft zurückwetchenden Alten.

,CtHi ist hier, wir nähen etwa!," sagte ich hastig. Hier haben Herren keinen Zutritt, gehen Sie nur, wir kommen bald/'

So? Na, dann wollen wir auf sie warten, fie soll sich sputen."

Richtig pendelte er nun draußen hin und her. Zeit

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zum Nachdenken blieb mir nicht. Ich schob leise den Riegel vor, bann zwängte ich dal kle.nr Spind, dal die Thür ver­deckte, bei Seite und dal Schloß gab meinem Druck nach.

Inmitten bei dürftig mödlirten Raume! stand Lilli. Der Postillon hatte ben Arm um ihre zierliche Gestalt ge legt, ihr Köpfchen ruhte an seiner Brust, Er war unmalkirt. Sein schönes männliche! Gesicht neigte fich zu ihr. Sie weinte leise. Ich flog zu ihr und berührte ihren Arm.

Kommen Sie schnell! Ihr O^kel rennt wie ein an- geschossener Tieger vor ber Garderobe umher, ich sagte, ich wolle Sie gleich beraulschickeu."

Wie eine Erscheinung starrten mich die Beiden an, fie waren offenbar der Welt entrückt gewesen. Heftigrl Pochen an der Garderobethür schreckte uni alle auf.

Onkel!" stieß Lilli in angstvollem Tone hervor.

Gehe zn ihm, Liebling! Ich weiß nun, daß ich handeln muß!" flüsterte der Postillon, sie noch einmal in seine Arme ziehend.^

Diel war ein großer Moment für mich. Ich, die un­beachtet Gebliebene, spielte Vorsehung bet diesen Liebel- leuteu, meine Nixenhände griffen kühn in das Rad ihre! Schicksal!.

Auf der Schwelle der Garderobe überfiel uni Ovkel Müller, hochroth vor Grimm. Unb nun spielte ich erfolg­reich Komödie, indem ich unbefangen rief:

Da find wir schon! Dal hieß gesputet. So ein riesige! Ende Pelz hatte fich Lilli von der Jacke gerissen, als sie der tappsige Schwalmbauer an dal Ofengitter drängte. Zu weinen hätten Sie nicht brauchen, Sie haben im Saale nicht! versäumt in der Zeit."

Dabei riß ich absichtlich die Thür weit auf. Der ver­blüffte Müller warf einen fast gierigen Rundblick durch daS leere Gemach. Dann stotterte er:

So, so, Du hattest etwa! zerrissen. Na, ja denn! Tante sagte, ja Tante meinte bestimmt, sie sähe Dich schon lange nicht wehr."

Unb Sie sürchteten, einer der Z geuner, die heute hier ihr Unwesen treiben, habe Fräulein Lilli entsühn?" lachte ich spöttisch.

Lilli drückte mir dankbar die Hand, und so schoben wir durch da! Bollwerk staunender Dienstleute in ben Saal. Dort hielt noch der Schwälmer die Noten im Kreise brr Musiker. Vater hatte fich auf die Kante del Flüge!! ge­schwungen und birigirte mit der hocherhobenen Britsche. Mich ärgerte el nun nicht wehr, daß die Leute so wenig ver- ständriiß sür meine Nixenhastigkeit zeigten. Ich hatte nun ein köstliche! Abenteuer erlebt, wovon all die Phantasie- bäuerinnen in ihren golbborbirten Röcken und spitzenbesetzten Schürzchen keine Ahnung hatten.--

Wie im Fluge zogen die Bilder aus der Jugendzeit vorüber, nun weckten mich schmetternde Fanfaren. Ach so, ich stand ja nicht in dem kahlen, langgestreckten Saal mit den trübflackernden Kerzen, der feenhafte, wette Prnvkiaal umgab mich. Alle die farbenprächtigen, reichen Gestatten ringsum strebten zur Bühne, wo das Festspiel beginnen sollte. Aber die aufgestörten Erinnerungen ließen wich nicht lot, ich wußte sie weiterspinnen. In fahler, reiskalter Morgendämmerung hüllten wir uns srösteld in die Decken bei Familienschlittens. Der alte Conrad, ber wie üblich über Durst getrunken hatte, stand schwankend dabei, in Vaters grünem Tuchmautel aul der Jugendzeit, den er Conrad zn Lehen gegeben, so lange er fich würdig zeigte, diel Ehren­kleid zn tragen. Mutter bestieg schon mit der Ahnung eines Malheur! den Schlitten. Unb richtig Ind uni Conrad bet einer scharfen Curve in ben Schnee ab.

Noch während unsere! tastenden Prüfen! auf die Un­versehrtheit sämmtlicher Gliedmaßen tönte Schlitteugeläute hinter uni. Gin Borüberpassiren war in dem aul Schnee- massen getürmten Hohlwege unmöglich.

(Schluß folgt.)