Nr 219 Drittes Blatt.______Sonntag den 18. September
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Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger
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Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.
Amtlichem Theil.
Bekanntmachung, betr.: Die Herbstübungen der 21. Division- hier: die Abschätzung der Flurschädeo.
Durch Verfügung Großh. Ministerium» des Innern vom 16. September l. I. zu Nr. M. d. I. 22057 wurde der Großh. kkrei-amtmaun Freiherr Schenck zu Schwetn»berg da- hier zum Eivil-Commtffär für die Flurschadensabschätzung tu deu Kreisen Alsfeld und Gießen bestellt.
Gießen, deu 17. September 1898.
Großherzogliche» Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Qbstverwerthungscursus für Männer au der Grobherzoglichen Odftbauschule und laodwirthschaftlicheo Wioterschule zu Friedberg.
Der Lnrsu», in welchem speciell der Obstwein, seine Darstellung uud seine Fehler behandelt werden, beginnt am Montag den 19. Tepteruber, vormittag» 9 Uhr, und endet Samstag deu 24. September, Mittag». — Honorar 10 Mk.
Anmeldungen hierzu werden an die unterzeichnete Direktion erbeten.
Friedberg, den 16. September 1898.
Großh. Direktion der Obstbau- und laudwirthichasiltchen Winterschule Friedberg. Dr. v. Beter.
politische Wochenschau.
Lin grauenhafter Mord, der fich al» eiu politischer herau»gestellt hat, beschloß dir vorige Woche uud liegt wie ein Schatten über diesen Tagen. Da» Ereigniß am Genser See, dem die hoLbetagte Kaiserin Elisabeth von Oesterreich zum Opfer fiel, ist fo entsetzlich, daß rö die ganze Welt in Erregung versetzt hat. Haben denn die Anarchisten, so muß man stch fragen, daS Morden zum Handwerk fich erwählt, daß fie eine unschuldige Frau, welche niemals den geringsten E nfluß auf die Politik, auf den Gaag der Weltgeschichte begehrte, dem Tode weihten? Wahr- lit, fie konnten ihrer Sache nicht mehr schaden, als durch diesen Meuchelmord; denn wer will der Ex stenz der Anarchisten noch irgend welche vrrechtigung zuerkenven, wer will nicht wünschen, daß mir allen Mitteln zur Ausrottung dieser
^euilltten.
Anter der Sonne Palästinas.
Eindrücke un h Erinnerungen.
Von Karl Böttcher.
(Nachdruck verboten.)
VIII. Nachts im Chau.
Ein Chan — ja, was ist da» ?
Eine überaus dürftige, weltentlegene Herberge im Orient, eine Karawanserei, eine Spelunke, wo Wagen rasten, müde Pferde ausschnaufen und Reisende, deren Knochen auf der holprigen Straße gründlich durchrüttelt wurden, mit einem Schimmer von Freude von den Sitzen springen, aufathmend die Glieder recken und dann in der niedrigen Thür verschwinden.
Solche Chans giebt es in Palästina an einsamer Sttaße, oft in der Wüste oder tief im Gebirge, gar viele. . .
Zumeist immer die gleiche Scenerie: ein alte», verfallene» Gebäude mit dicken Mauern, etwa angeschmiegt an zerklüftete Felsen, welche Schutz verleihen gegen Sturm und Wetter; dann eine knarrende, schlechtschließende EingangSthür, die in einen fensterlosen Raum führt und wohin da» Tageslicht durch die zumeist offene Thür dringt.
Der Chan ist Herberge, Kaffeehaus, Kneipe, Kameel-, Maulthier-, Ziegen^ und Pferdestall zugleich. —
Nachts komme ich im Wagen von Jericho herauf, unter Glöckchengebimmel der langgeschweiften Pferde und Peitschen- knall. Kühn steigt die holprige Straße aufwärts, finkt manchmal wieder tief hinab, um dann umso mächtiger emporzustreben. Kräftig schnaufen die dampfenden Perde, und immer langsamer rollt der schwankende Wagen. Pechschwarz
Menschrnplage geschritten wird? ©ton mthren fich die Stimmtn, welche diese» Ziel vermittel» einer internationalen Vereinbarung herbeigeführt sehen möchten, und e» ist nicht unmöglich, daß schließlich doch einmal eine derartige Eon- serenz zu Stande kommt, wie fie nach jeder anarchistischen Thar in» Auge gefaßt worden war. — Kaiser Franz Josef hat, tief gebeugt durch den schweren Schicksalsschlag, alle anläßlich feine» RegterungSjubtläum» geplant gewesenen Festlichkeiten adbestrllt, und recht still und ernst werden die Tage dahingehen, die der Freude und dem Jubel gewidmet waren. Ob fich in Oesterreich unter dem Zeichen der Trauer wohl die Herzen zusammenfiaden werden? Schmerz läutert bekanntlich die Gemüthrr und bringt die Menschen einander näher. Sollte e» gar nicht möglich fein, daß dem Kaiser anstatt der rauschenden Feste zu seinem Jubeltage die Einigung der Rationalitäten dargebracht wird? Freilich gehört auf der einen Seite Selbstverleugnung, auf der anderen diel guter Wille dazu- aber wie segensreich würde nicht eine solche politische Einigung auf die weitere Entwickelung Oesterreich» wirken!
In Frankreich bereitet fich allem Anscheine nach eine Krifi» vor. Während da» Labinet, mit Ausnahme de» neuen Kriegsminister» Zarlinden, einer Revision des DrehsuS- ProzeffeS nicht mehr widerstrebt, «acht daS Oberhaupt der Republik, Präfident Faure, Front gegen eine solche und sucht fie zu verhindern. Da» ist natürlich nicht verfaffungSwLßig, und e» würde eine PrLfidentenkrifis entstehen, wenn Faure auf diesem Wege weitergeht. Eigentlich ist fich heute jenseit» der Vogesen Niemand so recht klar darüber, wa» die Zukunst bringen wird; daß trotz aller osfik'öfen Dementi» die Ansichten in den höheren Regionen über otc DnhfuSaffaire anletranbergetjen, darf al» sicher gelten, und wenn die „Agener HavaS" schreibt, e» sei dem Präsidenten Faure nicht eingefallen, in die Befugnisse de» Ministerrath» einzugreifen, so ist damit nicht gesagt, daß der versuch nicht gemacht worden ist.
In Spanien waren Kammrrscandale auf der Tagesordnung. Wir hatten schon früher vorhergesehen, daß die Parteien fich in den (Sorte» gegenseitig die Schuld zuschiebea würden an den schweren Schlägen, welche da» Land getroffen haben. Außer diesen Anklagen haben die (Sorte» bisher nicht viel geleistet, und e» verschlägt dehhalb auch nicht viel, daß die Sitzungen bi» auf Weitere» aufgehoben worden find.
Die italienische Regierung fahndet jetzt wieder stark auf Anarchisten und e» ist wahrscheinlich, daß die dortigen Gesetze eine weitere Berschärsung erfahren werden. Italien ist ziemlich verseucht durch die Anarchisteubewegung,
und von feuchter Kühle überschauert dehnt fich die Straße, welche tagsüber in glühender Hitze daliegt.
Manchmal wimmert da» Geheul der Schakale durch die Schluchten, und von Felsen zu Felsen fliegt der wie gellende» Lachen klingende Schrei einer Hyäne, nicht zu vergeßen da» Flügelrauschen de» herumflatternden Gesindels von Uhu und Fledermaus.
Die Nacht, die schwergeheimnißvolle, sie lebt. . .
Endlich heißersehnte Rast. Wir halten vor dem Stein- bau einer Art Chan.
Jetzt die Thür geschloffen, und kein Lichtschimmer, der durch die breiten Fugen dringt. Energisch kracht und donnert mein arabischer Kutscher an die Pforte.
Drinnen schlaftrunkene» Knurren, dann da» Aufblitzen eine» Lichte» — man öffnet.
Dichte» Gewölk von allerhand durcheinandergemischten Gerüchen brodelt wir entgegen. Da» duftet nach Kameel, nach wildem Thier, nach saurem Syrvp, nach Schweiß, während mich verschlafene» Schafgeblök willkommen heißt.
Ein paar unheimliche Gestalten, die in Decken gewickelt am Boden lagen, erheben sich. Im Halbkreis nimmt man Platz auf kleinen, niedrigen Strohseffeln. Bald kommt, wenn auch in eigenartig gedrückter Stimmung, die Unterhaltung ein wenig in Gang, während der rasch bereitete Kaffee in winzigen Taffen herumgereicht wird und Cigaretten und Wafferpfeifen aufqualmen. Im dunklen Hintergrund befi unheimlichen Gemachs ruht schwerathmend ein Kameel; daneben schnauft ein Maulthier.
Das fie in solcher Nacht erzählen, diese Araber — es find zumeist Gruselgeschichten, jede» Wort tief in Schauder und Entsetzen getaucht. Wie eine Binde fliegt» dabei von ihren Augen; da» unheimliche Weben der Furcht zeigt ihnen tausend Schreckbilder. . . .
lbreffe für Depeschen: *■!<<»<< Otetzs»» Fernsprecher Nr 61.
und die Regierung hätte schon lauge die Nothwendigkttt einsehen «Affen, dem verbrecherischen Treiben energisch einen Damm eutgegeuzuietzen.
Uncle Sam beginnt Farbe zu bekennen, verschiedene New Korker Blätter wollen fich nicht mit der Insel Luyor begnügen, sondern die gesawmten Philippinen annectirt wissen. Wie die Dinge heute liegen, dürften die Friedensverhandlungen fich ungemein hinausziehen und fich sehr schwierig gestalten.
Auf dem Gebiete der inneren Politik herrschte im Lause dieser Woche ziewliche Rahe. Die Parteipresse batte noch reichlich mit der Besprechung der Kaiserreden in Westfalen zu thnn, ober da» Ereigniß in Senf nahm doch da» Hauptinteresse in Anspruch und wars auch einen Schatten auf die Fortsetzung der SrönungSfeierlichkeiten im Haag. ______________________________(xx)
Deutsches Reich.
Darmstadt, 16. September. Se. Exc. Herr Oberhof- rnarschall General der Infanterie z. D. v. Westerweller hat fich auf Allerhöchsten Befehl gestern Abend nach Wien begeben, um Seine Königliche Hoheit ben Großherzog bei den Beisetzungsfeierlichkeiten für Ihre Majestät die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich zu vertreten.
Berlin, 16. September. Der Kaiser begibt fich heute Abend 11 Uhr mittelst SonderzugeS von Potsdam zu den BeisetzungSseierlichkeiten nach Wien. Er nimmt sür den Sarg der Kaiserin Elisabeth ein große» Palmen-Arrange- ment mit, welche» au» mehreren kostbaren Cycoswedeln besteht, die am unteren Ende durch ein mächtige» Bouquet au» weißen Rosen zusammengehalten werden.
Berlin, 16. September. Die „Nordd. Allgem. Ztg." bestätigt, daß der Reichskanzler Fürst Hohenlohe heute Abend, au» Auffee kommend, in Wien eintrifft, um dort morgen bei der Ankunft Kaiser Wilhelms zugegen zu sein und der Feier der Beisetzung der Kaiserin Elisabeth beb zuwohnen.
Berlin, 16. September. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung de» Minister» des Innern vom 16. September, wonach al» Wahltermin für die Wahlen der Wahlrnänner der 27. October und für die Wahlen der Abgeordneten der 3. November b. I. festgesetzt wird.
Berlin, 16. September. Da» Kriegsministerium hat angeordnet, daß in allen Militär«erkst ätten während des Winters, vom 1. October bi» 1. April, keine Arbeiterentlassungen stattfinden sollen. Die Directioneu der Fabriken haben die vertheilung der Arbeit danach ein- zurichten. — Da» unlängst gegründete franzöfische Blatt
Schatienhände längst verstorbener Räuber langen ander Dunkelheit; gespenstige Karawanenzüge, denen in den Lüften weiiklafternde, nackthalsige Geier nachschweben, ziehen dahin im lodernden Gelb der Wüste; böse Geister treiben ihr grauenvolles Spiel. . . .
Wäre es Heller im düstern Chan, man würde sehen, wie sich die einzelnen Gesichter entfärben, wie Angst über die braunen Stirnen huscht und derbe Fäuste sich verstohlen zur Bertheidigung ballen.
Im Mittelpunkt all dieser Geschichten steht stet» die Hyäne. Diese Bestie ist für die Araber der Inbegriff alle» Schrecklichen.
Halt, jetzt kommt wieder eine solche Hyänengeschichte! Lauschen wir. . . .
--Nacht. Kohlschwarze Nacht.
Wieder befällt die Hyäne der Appetit nach Menschenfleisch. Das Waffer läuft ihr förmlich im Maul zusammen, und schmatzend fährt ihre knallrothe Zunge über die Schnauze. Nie aber greift die roilbe Bestie einen Menschen birect an. Hinter einem Fels legt sie fich auf bie Lauer und schießt bann plötzlich beim Nahen ihres ahnungslos baherschreitenden Opfers mit einem burchbringenben Schrei, vielmehr einem gellenben Auflachen, au» bem Versteck hervor. In biefem Moment furchtbaren Erschreckens bohren sich ihre Blicke, böse, giftige, wie in Schwefelsäure getauchte Blicke, tief, tief hinein in bie Blicke be» Menschen, bringen im Nu fein klares Denken aus ben Fugen, verwirren, hypnotifiren ihn, so baß er ihr sofort willenlos folgt.
Gierig trottet bie Hyäne, mit glühenben Augen, steifohrig unb die dicken Borsten auf dem Rückgrat gesträubt, voraus; hastig steigt da» arme Opfer durch pechschwarze Finstemiß im Taumel hintennach, über Steingeröll, den Abhang hinab, die Felrschlucht hinaus, bi» in ihre Höhle. Dort


