Nr. 192 Zweites Blatt. Donnerstag den 18. August 1898
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
betreffend die Herbstübungen der Kgl. 21. Division in 1898.
Die Herbstübungen der König!. 21. Division finden im nördlichen Theile de» Kreise» in der Zett vom 24. August bi» 20. September statt. Um Flurschäden und Unglücksfälle möglichst zu verhindern, empfehlen fich die nachstehenden Maßnahmen, die zu ergreifen die Jntereffenlen hiermit ersucht werden.
1. Die reifen Feldfrüchte find, soweit ohne Schaden möglich, vor den Hebungen abzuerutcn und nach der Aberntung möglichst bald eiozufahreu bezw. auf Schober zu fetzen.
2. Die zu fchoueuden Grundstücke find zu bezeichnen und zwar:
a) Die vom Betreten durch die Truppen überhaupt auSgeschloffenenGärten, Parkanlagen, Holzschonungen, Pflanzgärten rc., sowie die Versuchs-Anstalten land- und forstwirthschaftlicher Lehranstalten und Versuch»« Rationen, soweit dieselben nicht al» solche abgezäunt oder von weither für Jedermann deutlich erkennbar find — vermittelst hochstehender Tafeln mit Auf- schrift.
b) Die vorzugsweise zu schonenden Felder (Zuckerrüben, Erb'en, Rap», Flachs Samenklee, Samenrübcn u. bergt.) mittelst etwa 2 Meter hohen Stangen mit Strohwiepeu.
3. Bei Kartoffeln, minderwerthigen Rüben, Dickwurz u. s. w. bedarf e» der Bezeichnung mit Wiepen nicht. Das unter« schiedlose Bestecken aller Felder mit Warnung»zeichen würde ben Truppen nur da» Erkennen der werthoolleren Felder erschweren.
Besonder» sei hervorgehoben, daß eine Vergütung für etwa entstehende Flurschäden auch bei solchen Feldern gewährt wird, welche nickt abgewiept waren.
4. Rach einer Verfügung de» Kriegsministeriums vom 30. 7. 95. darf da» Einebnen der etwa während der Herbst« Übungen au»gehobenen Schützengräben durch die Truppen selbst nicht mehr stattftnden. Die betreffenden Gelände- eigenthümer haben daher das Einebnen dieser Gräben selbst zu veranlaffen, wosür ihnen alsdann eine Ent
schädigung auf Grund des Naturalleistungsgesetzes seitens der FlurabschätzungS'Commisfionen zuerkannt werden wird. Das Einebnen der Koch« rc. Löcher in den Biwacks wird durch diese Bestimmung nicht berührt, sondern ist nach wie vor Sache der Truppen.
5. Um Unglücksfälle zu verhüten, find die Ränder von Steinbrüchen, Lehm-, Kies« und Sandgruben, Hohlwegen und Steinabfällen, außerdem sumpfige Stellen im Gelände durch Aufstellen schwarzer Flaggen zu kennzeichnen
Die Brückendecken find in Stand zu setzen, sodaß ein Einbrechen von Fahrzeugen und Durchtreten von Pferden verhütet wird. Sensen, Pflüge, Eggen find von dem Manöverfelde zu entfernen.
6. Schließlich werden die Bewohner des Kreises ausgefordert, bei allen Durchmärschen von Truppen durch Ortschaften von selbst möglichst viele Eimer und Gesäße mit gutem Trinkwaffer längs der Marschstraße aufzustellen, so daß die Truppen an möglichst vielen Stellen gleichzeitig Waffer schöpfen können.
Gießen, den 16. August 1898.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. B echtold.
Gießen, den 16. August 1898. Betreffend: wie oben.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
a» die Groffh. Bürgermeistereien deS Kreisel.
Wir empfehlen Ihnen, soweit Ihre Gemeinden dies betrifft, die vorstehende Bekanntmachung zweimal otsüblich veröffentlichen zu taffen und durch eigene Anregung für deren Ausführung zu sorgen.
Dem Aufsichtspersonal sind Weisungen zu ertheilen, mit den Gensdarmeriepatrouillen dahin zu wirken, daß durch Zuschauer keinerlei Flurschäden auf den UebungSfeldern und namentlich auch in der Nähe von Biwacksplätzen entstehen, und daß Uebertretungen zur Anzeige gebracht werden.
Ihr besonderes Augenmerk wollen Sie auf pos. 5 des obigen Ausschreibens lenken und sich selbst von der Ausführung dieser Bestimmung überzeugen.
v. Be chr old.
Gießen, den 15. August 1898.
Betr.: Lehrbücher für den Unterricht tu Fortbildungsschulen.
Die
Großh. Kreis-Schulcommission Gießen
au die Schulvorstände des Kreises.
Die nachstehende Verfügung Großh. Ministeriums de» Innern, Abthetlnng für Schulangelegenheiten rhetlev wir Ihnen zur Kenntuißuahme mit.
v. Bechtold.
Darmstadt, deu 9. August 1898.
Betr.: Wie oben.
Das Großh. Ministerium des Innern
Abtheilung für Schulangelegenheiten
an die Großherzoglicheu Kreisschulcommissioueu.
Im Verlag vou Paul Theodor Müller in Mainz ist erschienen:
der gewerbliche Aufsatz. Zum Gebrauch bei« Unterricht iu deu Fortbildungsschulen, Handwerkerschulen und zum Selbstunterricht bearbeitet von zwei hessischen Lehrrrn.
Wir machen Sie aus das Werkchrn unter dem AvfÜgen aufmerksam, daß c» al» zweckmäßiges Hilfsmittel für den Unterricht in den Fortbildungsschulen bezeichnet werden kann und den Lehrern bei ihrer Vorbereitung gute Dienste leisten wird. Auch bei Anschaffung von Prämien für tüchtige Schüler der Fortbildungsschule dürste e» Berücksichtigung verdienen.
I. v.: Dr. Eisrnhnt.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Keuntniß gebracht, daß der Großh. KreiSveterinärarzt, Profcssor Dr. Winkler zu Gießen vom 19. August bi» 19. September 66. I». beurlaubt und mit seiner Vertretung der Großh. KreiSveterinärarzt Neunhöffer zu Grünberg beauftragt worden ist.
Gießen, den 16. August 1898.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
v. Bechtold.
Feuilleton.
Ein Hag in Lothringen.
(Nachdruck verboten.)
Die Nacht war schon längst heretngebrochen, al» mein Zug Über die Grenze fuhr. Ich saß ganz allein im Coups. Mein Nach'quartier sollte Metz sein. Dichter Wald dehnte fich zu beiden Setten der Bahnlinie an», überragt von einer beträchtliche« Zahl steiler Berge. Die Insasse« de» Wagen» sprachen nur französisch. Da erscholl der Ruf „Stentfd)" und zugleich der zweite: „Zur Zoll Revision!" Eine der Frauen griff sogleich den zweiten Ruf auf und weinte, sie habe weiter nicht» verstanden ul» reviaion. Ich war der Letzte, der den Zollraum betrat. I« demselben gleich an der Thür stand ein GenSdarm, eine große, krSsttge Erscheinung. Der Stenerbrawte war ein Mann in mittleren Jahren mit einem sehr sympathischen Besicht. Er fragte eine französische Frau nach verzollbaren Gegenständen, benahm fich sehr höflich und verlangte nicht einmal, daß fie ihren -ugeschnürtrv Korb öffnete. Nun kam die Reihe an mich. Ich hielt meinen geöffneten Koffer hin und berichtete, wa» ich darin hatte. Ein zugeschnürteS Packet brauchte ich nicht zu öffnen, nachdem ich versichert hatte, daß e» nur Zeitungen und keine Der« botenen Bücher enthalte. Eine so humane Behandlung hatte ich al» Binnenländer nach deu Berichten mancher Zeitongen nicht erwartet.
Ich erkundigte wich gleichzeitig nach einem Schulfreunde iu Diedenhofen- der Beamte kannte ihn leider nicht, gab mir jedoch den Rath, den Bahnhof»wirth dort zn fragen.
Der Zug fuhr weiter. Auf den kleinen Stationen hörte man nur deutsche Befehle de» Vorsteher»- wa» an»stieg, redete französisch. Eine Bahnsteigsperre gab e» noch nicht. ES mochte etwa halb 10 Uhr sein, al» wir iu Diedeuhoseu ein« fahre«, wo ich mehr al» eine Stunde Aufenthalt hatte. Auf hem Bahnhofe erlebte ich eine charakteristische Scene. Ein Zug stand zum Abfahren bereit. Kurz vor der Lokomotive
befand sich ein Fahrweg, wie er von den Post« und Bahn« karren benutzt wird, um über die Schienen zu kommen. Ob nun jenseits des Geleise» ein Theil vou Diedenhosen liegt oder ein anderer Zug stand, weiß ich nicht, da e» schon z« dunkel war. Plötzlich sprang eia Mann Über diesen Weg hinweg. „Zum Donnerwetter!" rief ihm ein Beamter nach, „Sie wissen doch, daß daS verboten ist!" Natürlich wurde der erste Ausdruck von dem Franzosen ausgegriffen und kritifirt. Wem sollte aber bei solchen Fahrlässigkeiten nicht der Kamm schwellen! Pasfirt ein Unglück, dann ist natürlich ein großer Theil deS Publikum» geneigt, die Schuld dem Beamten -uzuschieben.
Ich ging nach dem BahnhofSrestanrant, da ich den ganzen Tag noch nicht» Warme» gegeften hatte. Die Wirthschast war leer und so leistete mir der Wirth tu der Heben»- würdigsten Weise Gesellschaft. Wir sprachen über da» Leben an der Grenze, die Berhältniffe in Diedenhofen. Al» geborener Luxemburger, als vielgereister Mann und mehrjähriger Inhaber der Restauration, konnte er genaue Auskunft geben. Auch «einen Freund kannte er und wachte wir die Mitiheilung, daß dieser wie die ganze Garnison in der Nähe von Metz im Manöver sei. Beim Eiufteigen in den Zug traf ich einen Feldwebel von seinem Regiment, der mir sein Bureau in Montigvy vor Metz genau bezeichnete.
Noch hielt der Zug, al» am Fenster de» Coupe» ein Bahnarbeiter erschien.
.Giebt» denn hier keine Bahnsteigsperre?" fragte ich ihn.
„Nein, wir find noch nicht so rasfinirt!" lautete die sehr freimütige Antwort.
Um Mitternacht fuhren wir in Metz ein. Nachdem ich mit dem Feldwebel im Bahnhofe noch „einen" getrunken hatte, ging ich durch da» imposante Prinz Friedrich Carl-Thor in die Stadt hinein. An» der Kriegsschule ertönte noch an» dem dritten Stock bei offene« Fenster daS bekannte Lied: „Im kühlen Keller sitz ich hier". Nach wiederholte« Fragen ka« ich gegen 1 Uhr an Hotel de France in der Nähe der
Kathedrale an. Auf wiederholte» Klopfen erscheint endlich der Hau»bursche, öffnet und läßt mich ein. Alle» war schon zur Ruhe gegangen. Ich fand noch ein Unterkommen. Al» ich gegen 8 Uhr erwachte und dann in da» Gastzimmer hinunterging, war der Wirth noch nicht da, wohl aber einer feiner Freunoe, der nur französisch sprach und dem ich meine Rechnung bezahlte. Dan« sah ich mir die Esplanade an, den schönsten Punkt der Stadt. Die Esplanade ist ein mit gärtnerischen Anlagen versehener geräumiger Platz, der auf zwei Seiten von öffentlichen Gebäuden eingeschloffen, an der dritten durch den Kaiser WilhelmSplatz von der Römerstraße abgeschloffen ist, mit der vierten, auf dem Walle ruhend, einen herrlichen Blick westwärts auf da» Moselthal gestattet, da» vom Hochliegenden Fort Steinmetz überragt wird. Wa» aber der Esplanade ihr charakteristische» Gepräge verleiht, find zwei Denkmäler: Marschall Nky und Kaiser Wilhelm L Der erstere erhebt fich in Lebensgröße auf hohem Postament. Den Säbel zur Seite, hat er in der Rechten da» Gewehr bei Fuß. Er blickt über den Kaiser WilhelmSplatz. Ihm entgegengesetzt erhebt fich da» Reiterstandbild Wilhelm I. in der Richtung nach Westen. Der Kaller fieht nach link» und ein wenig nach unten. Er ist so dargestellt, wie wir Ihn auf Manöoerblldern, die Im Anfänge der 70er Jahre angefertigt wurden, zu sehen gewöhnt find. In den Straßen wimmelt e» von Soldaten. Bekannt ist ja, daß die Metzer Garnison sehr stark ist- allein auch Diele Mannschaften waren wegen der Manöver hier elnquarttert. Auffallend in Metz find noch die mächtigen Wälle, die neuen schönen Kasernen, die zweisprachigen Straßenschilder, die vielen franzöfischen Firmen. Die Kathedrale habe ich nicht bekocht. Ich marschirte vielmehr wieder am Bahnhofe vorbei nach Montignh. Al» ich meinen Freund hier nicht antraf, seine Wohnung^ in Metz auch leer fand, mein Suchen am GouvernementSgebände, daS der Kathedrale gegenüberliegt und wo eben ParoleauSgabe stattfand, vergeblich war, fuhr ich gegen Mittag hinan» nach ArS an der Mosel, um von hier au» da» Schlachtfeld von Gravelotte zu besuchen.


