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Nr. 37 Drittes Blatt. Tstmtaa btn 13. Februar
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Die englische Thronrede.
DaS englische Parlament ist am DtrnStag mit einer Thronrede eröffnet worden, deren weitaus größter Thetl sich mit der Lage in den Colonien beschäftigt und nur im Allgemeinen die Beziehungen Englands zu den übrigen Staaten bespricht, die fie als freundliche bezeichnet. Aus dem, was die Thronrede enthält, wollen wir einige besonders bemerkenS- wertüe Punkte herauSnehwen und dieselben näher beleuchten. «L heißt da u. A., daß Angesicht» der enormen, von anderen Kationen unterhaltenen Rüstungen die Pflicht der vertheidi- gung de» Reichs Ausgaben mit sich bringen werde, welche über frühere -Aufwendungen hinauSgehen- die Stärke und Leistungsfähigkeit der Armee solle vermehrt und der militärische Dienst verbeffert werden. Bon der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht ist also noch keine Rede, und da» Anwerbe- lystem wird noch weiter beibehalten, denn für die persönliche Dienstpflicht dürste daS englische Parlament noch lange nicht gu haben sein. Aber e» herrscht im Lande Einmüthtg'eit darüber, daß daS britische Heer seiner Ausgabe nicht mehr gewachsen ist, und die Mehrsorderungen der Regierung werden ohne viel Zögern bewilligt werden, umsomehr da daS englische Volk von militärischen Dingen nicht allzuviel versteht »nd in dieser Hinsicht Alles ganz gerne den Fachmännern Lberläßt. Ob sich nun aber die Maßregel der Vermehrung -er Armee so leicht durchführen läßt, erscheint jedoch sehr fraglich, da eS an Material mangelt. So find z> B. die im vorigen Jahre bewilligten neuen Bataillone noch heute nicht gu einem Drittel gebildet, und der Mangel an Mannschaften dürfte immer fühlbarer werden, wenn nicht die Lage derselben «rheblich verbeffert wird.
Daß daS englische Heer, soweit eS die Gemeinen betrifft, fich keine» allzu großen Ansehen- im Laude erfreut, Laß e» vielfach au- der Hefe des Volke- besteht und daß in ßhm verlorene Existenzen ihre letzte Zuflucht suchen, ist ja be- lanut, und au- diesem Grunde hauptsächlich besteht die Abneigung aller gebildeten Gesellschaft-klassen gegen die all- xemrine und gleiche Dienstpflicht. Wie dieser Stimmung gegenüber die Armeeleitung eine durchgreifende HeereS- orgautsation in- Werk setzen will mit einiger AuSficht auf Erfolg, ist unerfindlich.
Eine wettere wichtige Vorlage kündigt die Thronrede an: rnäwlich Maßregeln zur Einführung einer localen Regierung tu Irland, ähnlich demjenigen, wa- in dieser Hinficht bereit« In England besteht. Die Homerule Angelegenheit hat lange
Jahre hindurch da» öffentliche Jutereffe in Großbritannien in Anspruch genommen, und die Einbringung der genannten Vorlage wird die Sache wieder auffrischen, und maa wird im Lause dieser Session wieder viel von Irland hören. Da die Regierung eine erhebliche Mehrheit besitzt und auch die Opposition dem Gesetze keinen großen Widerstand leisten wird, so dürsten jetzt die berechtigten Bestrebungen de- irischen Volke- mit der Einführung einer locale» Selbstverwaltung befriedigt werden.
Recht optimistisch sieht die Thronrede die Berhältuiffe ia Indien an, sowohl wa- den Aufstand der Eingeborenen, al- auch die Pest und die Hungersnot betrifft. Denn daß die zur Bekämpfung des Aufruhr- getroffenen Maßnahmen die »fast unüberwindlichen Schwierigkeiten" vollständig besiegt haben, laffeu wir un» nicht einreden.
Bisher haben wir uns mit dem beschäftigt, wa- in der Thronrede steht. Besonderer Beachtung Werth «st aber auch da-, wa- nicht in derselben enthalten ist, aber hinein gehörte. Denn da- Haupttntereffe Englands conceutrirte fich auf das, wa- über die ostafiatischrn Berhältniffe gesagt werden würde, und hierüber enthält die Thronrede nicht ein Wort. Daß die britische Regierung in Ostasten nicht gut abgeschuitreu hat, ist nicht fortzaleugneu, da» wissen auch die Engländer. Deshalb hätten sie Erklärungen de- Minister- fordern können über die Umstände, unter denen der Mißerfolg der englischen Politik fich vollzogen hat. Daß die Regierung sich nun vollständig auSschweigt, ist sehr symptomatisch- fie kann uumög. lich annehmen, daß die Sache im Parlamente todtgeschwiegen wird. Denn über den Rückzug der Regierung mit ihrer Forderung, daß Rußland auf jede- ausschließliche Recht in Talienwan verzichte, herrscht in England tiefe Mißstimmung. An die Ausrede, daß England die Freigabe von Talienwan überhaupt nicht gefordert habe, glaubt Niemand. Daß auch über den Erfolg Deutschland- in Oftafien bei den Engländern eine recht unbehagliche Stimmung herrscht, haben wir bereit- mehrfach au-geführt, wenn ihnen auch die Klugheit gebietet, ihrer Mißstimmung Zügel anzulegen.
Alles in Allem genommen ist die Thronrede ziemlich dürftig und entbehrt der stolzen, oftmals herausfordernden Sprache, welche man au den englischen Thronreden gewohnt war. Der Satz, daß England heute recht isolirt dasteht im Rathe der Völker, findet in dem Tone der Rede eine Bestätigung. Da» Ministerium Sali-bury wird in der Frage der auswärtigen Politik einen schweren Stand haben bei den Parlamentsverhandlungen, und e» ist leicht begreiflich, i
wenn sich der Premier nach dem Augenblicke sehnt, in de» er auf seinen »Lorbeeren" ausruhen kann. (xx)
Aus bett Verhandlungen der Zweiter» Kammer der hesstfcher» Stände.
G. Darmstadt, 11. Februar 1898.
Die Sitzung wird um 9 Uhr eröffnet. Die Kammer beginnt heute mit der Specialberar hung de- Etats. Die Haupt-Abtheilungrn 1 bi- 5 der Ausgaben werden ohne Debatte genehmigt. Bei Capitel 19, Verwaltung-- gerichtsyof regt der Abg. Christ die Brstellung eines Canzleidieners sür den Derwaltungsgerichtshof an. — Abg. Jäckel wünscht eine Beschleunigung der Geschäfte an dieser Behörde, die feiner Ansicht nach viel zu langsam arbeite. — SiaatSwiuister Finger versichert, die rückständigen Arbeite« seien bald aufgearbeitet und durch die Ernennung eines neuen Präsidenten werde der Geschäftsgang wieder ei« regelmäßiger.
Bei Capitel 20, Hau-- und Staatsarchive, ent- spinnt fich eine längere Debatte, weil der Finanz-Ausschuß beantragt, die für den zweiten Archivar angeforderte Summe von 5000 Mk. nur auf den dermaltgen Inhaber zu bewilligen, da derselbe nicht genügende Beschäftigung finde. — Staat-Minister Finger weist die Nothwendigkeit der Forderung in eingehender Weise nach. — Die Abgg. Köhler, Graf Oriola, v. Köth, Schmalbach find für die Bewilligung ohne jede Beschränkung. Dabei wurde der Wunsch geäußert, daß die Regierung auf die Herstellung von Ortsgruppen, den Schutz der alten Baudenkmäler u. s. w. ihre Aufmerksamkeit zuwenden soll. — Abg. Ulrich spricht gegen die Regierung-forderung da der zweite Beamte a« Hau»- uob Staatsarchiv dadurch nichts zu thun habe, und am Tag spazieren gehe. — Abg. v. Brentano wünscht ebenfalls, daß der Conservirung der Baudenkmäler u. s. w. besondere Aufmerksamkeit zugewendet werden möge. — Abg. Christ als Berichterstatter hebt hervor, daß der Ausschuß die Frage des zweiten Archivar- eingehend berathen habe und zu dem vorliegenden Antrag gekommen sei. Bei der Abstimmung findet der Au-schußantrag gegen zehn Stimme« Annahme de» Hause-. Die Capitel 21 bi- 23 finden ohne Debatte Annahme.
Zu Capitel 24, Ministerium de- Innern, bespricht Graf Oriola die während den Kaiser-Manöver» in Oberheffen entstandenen Flurschäden und fragt bei
Feuilleton.
GelüstktkS Gkheimniß.
Criwinal-Novellette von Fr. Ferd. Tamborini.
(3. Fortsetzung.)
Somit schien der Prozeß beendet. Schon schoben die Gericht-Herren ihre Papiere zusammen und die Geschworenen Meten sich zum Aufbruch, al» der Angeklagte, fich an den Gerichtshof wendend, da» Wort ergr'ff:
»Eine- abscheulichen Verbrechens angeklagt," begann ei, »erklärte eben der Herr StaatSprocuraror, die Anklage mangels der Beweise fallen lassen zu müssen. Wissen Sie, »eine Herren Richter, was es für einen Arzt bedeutet, al« Mfrmtcher angeschuldigt und losgesprochen zu sein? — Für nein Leben bin ich zu Grunde gerichtet, nie werde ich von dem Verdacht wieder frei! Aber an der Sache läßt fich oßchts mehr ändern. Aber ich glaube, daS Dorurtheil, welche- dieser Prozeß im Publikum gegen wich zurücklaffen vnß, doch erheblich abzuschwächen, wenn ich hier alle Zweifel a-skläre und volle« Ltcht auf daS werfe, wa« in der Sache llich dunkel und zweifelhaft erscheint."
Er bar um die Gnade, ihm eine genaue Darlegung bet Sache zu gestatten als eine Genugthuung für die harte Aischädigung.
Der Prästdent weigerte sich anfänglich, dem Verlangen bei Angeklagten, als den gesetzlichen Formen nicht entsprechend, fiattzngeben, doch auf dingendes Bitten des Vertheidigers »erde Dr. Henry das Wort ertheilt.
Er begann:
»Meine Herren! Ich hoffe, Ihnen voll und ganz meine Unschuld beweisen zu fihnen. E« ist nicht erwiesen, daß hier de Brai au Gift gestorben ist, aber wenn eS auch er- »Uesen wäre, warum soll ich gerade der Mörder sein? ES ekb behauptet, daß der Fremde, den ich für eine Rächt herbergte, über zwei Millionen Franc« in baarem Selbe
und viele Pretiosen, als der Königin Hortense gehörend, bei I sich gehabt habe. Hiervon hat wir der Manu nicht- gesagt, \ auch habe ich derlei nicht bri Ihm gesehen. Kann er nicht
auf dem Wege nach Delle bestohlen worden sein? Kann er nicht durch Selbstverschulden um die anvertrauten Schätze gekommen sein? Und wer beweist, daß er nicht gerade deß- halb Hand an sich selbst gelegt hat? Bedenken Sie, daß ich selbst Anzeige erstattete, selbst alle« Hinterlassene dem Gericht übergab, und daß bei mir nichts gefunden wurde, trotz eingehenden Nachsuchens Der Zeuge Blois behauptet unter Eid, in jener Nacht Licht bei mir gesehen zu haben, das hat seine Richtigkeit. Ich war in der Nacht nicht wohl und rief meine Wirthschasterin, um Feuer in meinem Zimmer anzumachen. Die Frau that die« — bevor fie aber kam, wartete ich auf dem Corridor mit dem Lichte so lange, bi« fie fich augekleidet hatte. So erklärt fich der Lichtschein. Was der Zeuge aber von einer Verdunkelung gesehen haben will, ist unzutreffend, denn in meinem Hause befindet fich nichts, um eine solche Wirkung hervorzubringen. Meine Haushälterin wird die« bestätigen, und da fie lange au« meinen Diensten ist, ist auch ihre Aussage unparteiisch."
Die Wirkung dieser Auseinandersetzung war großartig. Fest und ficher hatte der nunmehr Frelgesprochene geredet und der Prästdent befahl die Vorführung der Haushälterin.
Die Aussagen der Frau, auf deren Zengniß man gar keinen Werth gelegt hatte, deckten fich mit den Angaben de« Doctor«. Sie war geweckt worden und hatte Feuer an- gezündet, hatte fich wieder niedergelegt und cm anderen Morgen vom Diener den Tod de« Fremden erfahren.
Somit war, da alle Einzelheiten mit den Angaben Dr. Henry« übereinstimmten, die Unschuld des Angeklagten erwiesen. Die Zeugin wurde entlass,«.
Da — schon beim Weggange begriffen — rief der Staai-procurator die Zeugin zu fich.
»Al« Sie fich in dem Zimmer befanden," fragte er, »durch dessen Fenster man den Lichtschein gewahrt, hatten Sie da ein Licht in der Hand?"
»War der Doctor Henry zugegen!"
»Ja I"
„Hatte der auch ein Licht in der Hand?"
»Nein, eS stand auf dem Tische."
,/J» diesem Zimmer schlief der Fremde, oder Sie glaubten, daß er noch schliefe?"
-Ja!"
»Hatten Sic da baß Feuer im Zimmer Ihres Her»« schon angezündet?"
»Ja!"
»Weßhalb gingen Sie in da« Zimmer de- Fremde», was hatten Sie da zu thun?"
»Ich wollte Doetor Hemy fragen, ob ich wieder zu Beit gehen könne."
»Woher wußten Sir denn, daß Ihr Herr in jene* Zimmer war?"
//Er befand fich nicht wohl, und da dachte ich mir, er fei dorthin gegangen, um fich Arznei zu holen."
»Also hatte er die Arznei vorräthig? — Wohl in einem Schrarke?"
Die Frau antwortete nicht.
»Haben Sie wich nicht verstanden? Ich fragte, ob Ihr Herr die Arznei, die er hatte holen wollen, in einem Schranke aufbewahrte? Oder hat er fie wirklich genommen und dabei vielleicht die Thür deS Schranke« offen gelassen?"
»Als er ein Fläschchen Arznei herau-genommen hatte, schloß er die Thür wieder."
»Und dann öffnete er die Thür wieder, n« Meß Fläschchen hineinzustellen?"
«Wie lange blieb der Schrank offen?"
»Etwa eine Minute.",
(Schluß folgt.)


