Ausgabe 
4.2.1898 Erstes Blatt
 
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fassung, je nach seiner größeren oder geringeren Fähigkeit, den wissenschaftlichen oder künstlerischen Werth eines Werkes, seinen volkSthümlichlichen Humor oder seine durch drastische Darstellung bildende, belehrende und erziehende Tendenz zu erkennen, wird dasselbe Werk in dem einen Fall als grob, unanständig und geeignet, daS Scham- und Sittlichkeitgesühl zu verletzen, angesehen und unter Strafe gestellt, da- andere Mal al- vollständig unbedenklich zugelassen werden.

Berlin, 2. Februar. Gegenüber den beunruhigenden Blättermeldungeu über Deutsch-Südwestafrika erfährt diePost", daß der Aufstand im Süden des Schutzgebiets, bet besten Niederwerfung ein Offizier fiel, bereit- feit Mo­naten völlig beendet ist. Der Rest der Empörer wurde gefangen genommen und steht seiner Aburtheilung entgegen. Im Nordea griff Hauptmann Estorf eine Anzahl aufftäodischer Swartboi-Hottentotten au und zersprengte sie. Estorf wurde zweimal leicht verwundet, blieb aber dienstfähig. ES sei nicht anzunchmen, daß die flüchtigen Swartboi-Hottentotten mit den Ovambos sich vereinigen und daß die letzteren sich gegen die deutsche Regierung, die sie noch gar nicht kennen, erheben. Daß die OvamboS portugiesische Truppen überfielen, ist ebensowenig bestätigt, wie die Nachricht, daß Lieutenant Franke erschossen worden ist. Die letztere Nachricht ist nach Lage der einschlägigen Verhältnisse durchaus unwahrscheinlich.

Bremen, 2. Februar. Für die hiesige Kuusthalle haben, nachdem gestern schon der Kaufmann Schütte 200,000 Mk. gezeichnet hatte, heute der Fabrikant H as ch ez und der Kaufmann MelcherS je 100,000 Mk. gespendet.

Bremerhaven, 2. Februar. Capitän, Steuermann und Netzmacher des Ftscheretdompfer«Orion" llnd am Montag bet dem starken Seurme über Bord gegangen. Der Steuer­mann ertrank, während die beiden anderen Personen gerettet wurden.

Dresden, 2. Februar. Die Verhandlungen des con- servattven Parteitages für Deutschland begannen heute Vormittag hterselbst. Man bemerkte unter den zahlreich Anwesenden viele hervorragende Vertreter der eonservativen Partei, viele Mitglieder des Reichstag-, des preußischen Abgeordnetenhauses, des sächsischen Landtages und eine große Anzahl der Vertreter der Preffe aller Partei- richtuugen. Nach Eröffnung de- Parteitages durch Frhrn. v. Manteuffel begrüßte Hofrath Dr. Mehnert die Anwesenden Namens der Dresdener Eonservativen und betonte, daß be­sonders die Sozialdemokraten in den letzten Tagen für die RrichStagSwahlen die Parole: Gegen die Eonservativen aus- gegeben haben. Redner schloß seine kurze Ansprache mit einem Hoch auf Kaiser Wilhelm und König Albert. An beide Monarchen und den Fürsten BiSmark wurden Be­grüßungs-Telegramme gesandt. Dann sprach Frhr. v. Man­

teuffel über die allgemeine Stellung der Partei. Die frei- konservative Partei sei eng mit den übrigen Eonservativen verbunden. Bei den Nationalliberaleu sei ein erfreulicher unverkennbarer Wandel zu bemerken, die Eonservativen könnten sehr wohl an ein Hand in Hand Gehen mit den National- liberalen denken. Mit dem Ceutrum werde daS nicht ge­lingen, da die demokratische Seite de- katholischen Volke- mehr und mehr die Oberhand gewonnen habe. Er bestreite, daß die Sozialdemokraten an der Gesetzgebung theilnehmen dürften, da sie sich gegen die bestehende Gesellschaft-ordnung wenden. Auch die freisinnige Partei müsse bekämpft werden, da sie als die Vorfrucht der Sozialdemokratie bezeichnet werden müsse. Die Antisemiten seien nur in conservative Kreise etngedrungen, trotzdem die Eonservativen den berechtigten Antisemitismus zuerst erkannt haben. Nach weiteren Reden wurden folgende zwei Resolutionen angenommen, welche im Wesentlichen wie folgt lauten: Resolution A: Der Parteitag der Eonservativen erachtet es für geboten, daß gegenüber den vielfach vordringenden rein materialistischen Bestrebungen die idealen Ziele der Partei fester betont werden müssen. Eine Interessengruppe ist die Partei niemals gewesen. Sie wolle erhalten, aber nicht Alles waS ist, sondern nur waS gut ist. Sie wolle feststehen auf dem Boden von Christenthum und Monarchie, von Gesetz und Ordnung. Sie wollten keine Einschränkung der persönlichen Freiheit, sondern Aufrechterhaltung derselben, sie wollen aber auch keine Einschränkung, sondern Aufrechterhaltung der Kron­rechte. Resolution B: Der Parteitag der Eonservativen stellt heute die Erweckung, Erhaltung und Kräftigung der christlichen Lebensanschauungen al- da- Ziel seiner Aufgabe hin und erachtet den Kampf gegen die Socialdemokratie al» eine Hauptaufgabe der Partei und der Regierung. Der Versammlung wurden hierauf zwei weitere Resolutionen zur Annahme vorgeschlagen, welche u. A. erklären, die konservative Partei werde die Interessen der productiven Stände ein­schließlich der Arbeiterschaft pflegen. Entschiedene Verwahrung müsse dagegen eingelegt werden, daß die conservative Partei einen Stillstand oder gar einen Rückschritt der Socialreform herbeiführen wolle. Die andere Resolution verlangt, daß bei den nächsten Reichstag-wahlen als vornehmlichste- Ziel die Bekämpfung der Soctaldemokratie und ihrer Helfershelfer aufzufaflen fei.

Dresden, 1. Februar. Gestern Abend gegen 10 Uhr hörten Passanten, in der Eircu-straße neben dem Residenz- theater mehrere Schüsse fallen, ES stellte sich heran-, daß der in dem Hause Eircu-straße 18 wohnende Tifchlergeselle Schumann auf die Ehefrau de-Theatermeisters Kahlert zwei Revolverschüffe abgegeben hatte, von denen der eint den Arm der Frau durchbohrte. Schumann richtete dann die

gesangliche Virtuosität, die geschulteste Stimme, die Prevosti die meiste Wärme und die Bellinctoni da» fort- reißendste Temperament. Demgemäß gestaltet sich die Anlage der Partien. Gemma Bellinctoni, die wir vor etwa fünf Jahren in Frankfurt in Begleitung de- verstorbenen Tenoristen Stagno sahen und hörten, wird ihre ganze Kraft, gleichviel, ob sie nun die Kamelien­dame oder die Santuzza singt, llet» auf die Stellen con» centriren, wo entweder die Gluth der Leidenschaft oder die bittere Wahrheit der Situation ihr unverkürztes Recht zu fordern scheint. Da- Zarte, da- Weiche, das Knospenhafte in den Empfindungen ist weniger ihr Fall. Die Sellin* ctoni muß man vor Allem sterben sehen!! Wa- eine solche Kraft in dem Bereich der reproductrenden Kunst, ist Spinelli, der Componist vonA basso porto (Am unteren Hafen") in der producirenden. Da- Geheimniß der modernen italienischen Musiktragödie besteht vielleicht, um e» kurz zu sagen, darin: in der Fülle üppigsten Leben-rauscheS den Tod zu fassen, und zwar so, daß daS eine jäh auf daS andere folgt und der Zuschauer doch da- Gesühl eine- un­mittelbaren Zusammenhangs erhält.

Im Allgemeinen sind Operntextbücher keine fesselnde Lectüre, aber wenn man die 48 Seiten vonA basso porto durchfliegt, da- sich treu den aufregenden neapolitanischen BolkSscenen von Cognetti anschließt, wird man von An­fang bis zu Ende in unausgesetzter Spannung erhalten. Eugen Checchi, der Librettist, den Ludwig Hartmann mit gewohnter Kraft und Genauigkeit verdeutscht, hat e- verstanden, die Figuren und Vorgänge, welche ganz und zwar in die heißen Farben eine- südlichen Himmelsstrich- getaucht find, dramatisch zu verdichten und auf die Katastrophe, welche natürlich eine Messer­

affaire ist, zuzuspitzen. Man könnte glauben, ein Stoff, wie der der Sptnelltschen Oper, ließe eine Verklärung durch die Musik garnicht zu. In dieser Annahme würde man jedoch irren. Im Stoff selbst liegt trotz aller Rohheit und Wildheit ein ideales Moment: das ist die unauslöschliche Schönheit der Landschaft, von deren Hintergrund sich die ©eenen abheben und deren Zauber schon unwillkürlich dämpfend wirkt, und sodann der süditalienische Volkstypus selbst, dessen Leidenschaften nie ganz abgetrennt find von einem gewissen Sinn für Schönheit. Einen so rohen und fast verkommene» Gesellen, wie den jungen Luigino, der feiner hochherzigen Mutter namenlofe- Herzeleid bereitet, eine Mondscheinserenade singen zu lassen . . . wäre in unserem nordischen Klima ein­fach unmöglich und eine innere Unwahrheit. Ein solcher Bursche, wie dieser Spieler, stammte er aus einem schlesischen oder pommerschen Dorfe, würde allenfalls ein derbes Zoten­lied vortragen, wie er es unter ebenso derben Kameraden gelernt hätte, aber nicht diese warme, in Süße schwelgende Melodie:Sei mir gegrüßt, o Meer, eS glänzt mild wie ein Zauber dein Silberkleid. Trag', ach mein Liebe-leid seufzend ihr zu." Für den Neapolitaner paßt sie jedoch, und einer der musikalischen Glanzpunkte der Oper wird mit ihr erreicht. In der Darbietung des Herrn v. BandrowSkt mußte diese Cangometta sogar wiederholt werden. Die übrige» Hauptpartien: die Maria, eine Heldin der Mutterliebe, bereit Tochter Sesella, Ctcctllo, daS böse Princip, werden durch Frau Ende-Andrießeu, Frau Jäger und Herrn Pröll mit charakteristischer Leidenschaft gegeben.

Die Leitung der Oper ruht in den Händen von Herrn Capellmeister Großmann.

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Nr. 29 Erstes Blatt.Freitag den 4. Februar

1808

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Deutsches Reiche

Berlin, 2. Februar. Die Kaiserin hat im Jahre 1897 inSgesawmt 144 goldene Dienstbotenkreuze nrbü eigenhändig vollzogenen Diplomen an weibliche Dienst­boten für 40jährige Dienstzeit in derselben Familie der- l'-ehen. Hiervon entfallen auf Ostpreußen 8, auf West­preußen 5, auf Brandenburg 10 (darunter 1 für Berlin), auf Pommern 11, aus Posen 5, auf Schlesien 25, auf Sachsen 10, auf Schleswig «= Holstein 7, auf Hannover 5, auf Westfalen 3, auf Hessen-Nassau 9, auf die Rhein- prvvinz 29, auf Elsaß-Lothringen 17.

Berlin, 2. Februar. Der Etat für da- Aus­wärtige Amt wird sicherem Vernehmen nach am nächsten Montag zur weiteren Berathung im Plenum des Reichstage- gestellt werden.

Berlin, 2. Februar. Gegen die Privat doeenten- Vorlage haben zahlreiche ordentliche Professoren eine Petition an das Abgeordnetenhaus gerichtet, in der um Ab­lehnung de» Entwürfe» gebeten wird.

Berlin, 2. Februar. Der Friseur Perplies, der gemeinschaftlich mit dem bereit- verhafteten Posthilfsboten Srutzki Checks im Betrage von ca. 35000 Mark auf die hiesige Firma Wolf gefälscht hatte, ist in Köln ver­haftet worden.

Berlin, 2. Februar. Gegen bie lex Heinze wendet sich der Vorstand des Börsenvereins der deutschen Buchhändler zu Leipzig mit einer Eingabe an den Reichs­tag. Er erklärt, daß er zwar mit der Absicht, die Berbreit- arg und An-stellung unzüchtiger und da- SittlichkritS- und Schamgtsühl durch grobe Unanständigkeit verletzender Schriften und Darstellungen zu unterdrücken, Übereinstimme, weist aber zugleich nach, daß ein solches Gesetz wegen der zu großen Unbestimmtheit der im Entwurf gebrauchten Ausdrücke die größten Unzutraglichkeiten berbeiführen müßte. Die Eingabe verwirft vor Allem den § 148a, der daS Ausstellen von Schriften und Abbildungen, die nicht unzüchtig find, sondern nurburd) grobe Unanständigkeit da- Scham- und Sittlich- keitSgefühl zu verletzen geeignet sind", unter Strafe stellt, und bemerkt hierüber:Wir glauben, daß dadurch der ehrenhafte Buchhandel gefährdet wird, ohne daß durch die neue Bestimmung der verfolgte Zweck erreicht würde. Die Frage, ob eine nicht unzüchtige Schrift als grob, unanständig und als das SittlichkeitS- und Schamgefühl verletzend ange­sehen werden kann, wird sich nicht mit auch nur einigermaßen genügender Sicherheit beantworten laffen. Je nach dem subjektiven Ermessen des jeweilig ertennenben Richter», je nach seiner Stellung zu den Sittlichkeitsbestrebungen im All­gemeinen, je nach seiner mehr oder minder engherzigen Auf-

Feuilleton.

.frankfurter Theaterbrief.

(Origimllbericht für denGießener Anzeiger*.) (Nachdruck verboten).

Da» Gastspiel der Gemma Belliueioni.Am untern Hafen" (A basso porto).

Dr. M. Jede Zeit schafft sich die Kunst, die sie braucht. Nicht nur die Kunst, sondern auch die Künstler! müßte man diesen Satz, mit Recht, vervollständigen. In der Tonwelt dnel Haydn und Mozart hätte eine Erscheinung wie die Bellinctoni gar nicht auftauchen können. Die vollendete Lbenmäßigkeit de» Ton» und die Ausgeglichenheit in der Lantilene, welche dieser Gesangsstil erforderte, setzte dem elementaren Ausbruch der Affecte schon von vornherein einen Dämpfer auf. Die Sänger hatten viel zu viel ihre Stimme |U cultiviren, al» daß sie daneben ihrem Gebärdesptel und der dramatischen Auffassung der Partie anders als in zweiter, dritter Linie hätten Rechnung tragen können.

Da» ist nun schon seit zwanzig Jahren ander» geworden. Merkwürdig hat sich das Berhältniß verschoben. Gewiß, in Her Kunst verlangen wir die Schönheit, und besonder» auf ier Gesangsbühne, abe niemals mehr auf Kosten der Wahr- leit. Ehedem hatte die Coloratursängerin da» wohl respectirte Hrivilegtnm, kalt sein zu dürfen, wofern nur ihre Läufer und Triller tadellos herauskamen, heute beweist und eine -Sigrid Arnoldson und eine Prevosti, daß diese Toleranz auch zu den veralteten Dingen gehört. Durch den Namen der Belliueioni kommt daS Kleeblatt zu Stande. Wollen wir die drei vergleichen, so müssen wir, um Jeder äi8 Ihre zu geben, sagen: bie Arnoldson hat die größte