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22.12.1897 Erstes Blatt
 
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N«. 300 Erstes Blatt Mittwoch dm 22. December 1897

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Girier A»»eiger erscheint täglich, mit Lll-uahme bei SR cm t agA.

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Gießener Anzeiger

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Abonnements - Einladung.

Zum Bezug desGietzener Anzeiger" für daS 1. Vierteljahr 1898 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten zuverlässiger telegraphischer Nachrich'en- Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorkommnisse in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch umsichttge Berichterstatter in allen Orten Oberhessens und in den bedeutenden Städten der anderen hessischen Provinzen, ist der Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge innerhalb unseres engeren Vaterlandes und der Nachbargebiete so frühzeittg wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, des­gleichen wird den Begebenhetten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wiffens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück- fichttgung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Kunst und Wissenschaft, Litteratur, Hauswirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge üegenes Feuille­ton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heüeren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Inhaltlich werden wir denGießener An­zeiger" vom 1. Januar 1898 ab in der Weise erweitern, daß derselbe einschließlich derGießener Familien­blätter" täglich mindestens 8 Seiten (2 Bogen) umfaßt. DieOietzener Familienblätter" werden vom gleichen Tage ab wöchentlich 4mal (Dienstags, Donnerstags, Samstags und Sonntags) erscheinen und neben den Erzählungen, Romanen und Novellen beliebter Schriftsteller anziehenden Unter­haltungsstoff aus dem Gebiete des Familienlebens und der Hauswirthschaft bringen, und somit namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zu- gestM, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements­betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtungsvoll

Verlag desGießener Anzeiger" Brühl'sche Unio.-Buch- u. Steindruckerei (Pietsch & Scheyda)._________

ReichStagsdiäten.

Wie in der vorigen Seifion, so ist auch während des bisherigen Verlauf» der di-sjährtgeu Tagung deS Reichstags der Uebelstand schwer empfunden worden, daß immer nur eine geringe Zahl Abgeoroneter den Verhandlungen beiwohnt. Die dem Retchstag-präfictum gegebenen Machtbefugnisse reichen nicht auS, um die Mitglieder zu regelmäßigem Besuche der Sitzungen zu veranlassen, und die Abänderung der Ge­schäftsordnung würde aus große Hindernisse stoßen. WM man eine« Uebelstande abhelfen, so muß man vor allen Dingen den Gründen auf die Spur gehen, auS denen heraus sich jene Mißstände entwickelt haben. Man sagt, tote bot Volk, so seien auch die Abgeordneten gegenüber den politischen Ereignissen indifferent geworden- eine gewisse Gleichgiltigkeit

habe fich Vieler bemächtigt, die in Worten ihren Ausdruck findet, welche etwa lauten:Wir haben ja doch keinen Ein­fluß auf den Lauf der Dinge- was die Regierung will, thut fie ja doch!" Daß eine solche Denkweise nicht richtig ist und fich in keiner Weise begründen läßt, muß Jeder einsehen, der unser parlamentarisches Leben verfolgt. Aber int Reichstage soll die Gesammtheit deS Volkes zu Rathe fitzen, nicht etwa soll nur ein geringer Bruchtheil desselben vertreten sein, dessen Beschlüssen fich dann die nicht vertretene große Mehr­heit zu fügen hat.

Bereits neunmal ist im Reichstage ein Antrag auf Ge­währung von Diäten an die Mitglieder etngrbracht worden, und ebenso oft hat der BundeSrath diesen Antrag abgelehut. Der BundeSrath stellt fich auf den Standpunkt, daß di? Zu­billigung von Diäten an die RetchStagSabgeordneten eine Aenderung der Verfassung bedeutet, da der Artikel 32 lautet: Die Mitglieder des Reichstages dürfen als solche keine Be­soldung oder Entschädigung b.ziehen." Wird also eine Ent­schädigung festgesetzt, so ist die Verfassung geändert. Außer­dem sagt man, daß daS Verbot der Entschädigung organisch zusammenhänge mit dem allgemeinen gleichen und dirrcteu Wahlrecht, daß demnach eine Aufhebung des Verbots eine Aenderung des Wahlrechts nach fich ziehen müsse. DaS mag dem Wortlaut der Verfassung nach richtig sein, aber es ent­spricht jedenfalls nicht der Abficht des Gesetzgebers. WaS mit dem Verbote erreicht werden sollte, ist nicht erreicht worden und kann thatsächlich auch nicht erreicht werden, da z. B. jede Handhabe fehlt, gegen den verdeckten Bezug von Tagegeldern vorzugehrn. Und liegt nicht ein gewisser Un­recht darin, daß Beamte ihr Gehalt auch wahrend der Zeit, in welcher fie an den Reichstag-Verhandlungen theiluehmen, fortbeztehen, während der kleine Mann, der nicht Beamter ist, eine Einbuße au Verdienst erleidet und vielfach große Opfer bringen muß, um daS ihm übertragene Abgeordneten­mandat ausfüllen zu können.

ES erregte vor einiger Zeit Aufsehen, al» dieKreuz- Zeitung" mittheilte, die Regierung sei auf dem besten Wege gewesen, den Diätenantrag zu acceptiren- dies sei aber in Folge heftigen Widerspruchs von conservativer Seite unter­blieben. Die Conservattven sind bekanntlich die einzigen Gegner der Antrages, dem fie auch im Reichstage ihre Zu­stimmung nicht gegeben haben. Sie treten der Behauptung, die Diäteulosigkrit habe auf die Vermehrung svctaldemo- kratischer Mandate keinen Einfluß auSgeübt, nicht entgegen, aber fie legen dar, daß die Socialdemokratie dirrcttn Nutzen von der Gewährung von Diäten haben würde, weil Bonn die Partetkaffe die Entschädigungssumme spart, welche fie an ihre Abgeordneten für die Aufwendungen behufs Ausübung des Mandats zahlt. Außerdem befürchtet man in confer« vativen Kreisen, daß die Wahlkämpfe heftiger werden würden, da eS fich später um die Erlangung eine» materiellen Bor- theil» handelt. Die genannte Partei würde nur dann einem Di tenb-zuge zustimmen, wenn eine Reihe von Eompensationen gewährt werden, als da find: Heraufsetzung der Wahlmündig, keit bis nach Vollendung des dreißigsten Lebensjahre», Ein- führung de» Wahlzwanges, Abschaffung der Stichwahlen und die Bestimmung, daß Abgeordnete nur in denjenigen Wahl­kreisen wählbar find, wo fie ihren Wohnfitz haben. Gegen die eine oder die andere dieser Bedingungen würde man nicht viel einwenden können. Die Einführung de« Wahl- zwangeS haben wir vor Kurzem erst ausführlich besprochen und find zu dem Resultat gelangt, daß derselben viel ge­wichtigere Bedenken entgegenstehen. Eher würden wir un» mit der Beseitigung der Stichwahlen befreunden können, vorausgesetzt, daß die Minderheiten ebenfalls eine Vertretung im Reichstage finden, also Proportionalwahleu etngeführt werden.

Unsere- Erachtens nach ist der Versuch der Einführung von Diäten unter allen Umständen vnzuratheu, da wir die- selbe als daS einzige Mittel ansehen, der Indifferenz unserer Abgeordneten ein Ende zu wachen. Finanzielle Bedenken dürften insbesondere bei der glänzenden Lage unsere» Reich»- Haushaltes kaum geltend gemacht werden können.

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Deutsches Reich

Berlin, 20. December. Nach der dem Reichstage zu- gegangenen Nachweisung der Rechnungsergebnisse der Berufsgenossenschaften auf da» Jahr 1896 find an EotschädigungSbeträgen 51,3 Millionen gegen 44,9 im Jahre 1895 gezahlt worden. Die BerwaltungSkosteu haben 7 Mill., die Ausgaben für Unfalluntersuchungen, Schiedsgerichts-, UnfallverhütungS- u. ). w. Kosten 3 Mill, und die Einlagen in die Reservefonds 4,9 Mill, betragen, so daß eine Ge-

sammtauSgabe von rund 67 Mill, festzustelleu war. Der Gesammtbetrag der Reservefonds belief fich am Ende de» Berichtsjahre» auf 133,8 Mill. JnSgesammt wurden für 1896, also auch von den AuSführungSbehördeu u. f. w. 85,272 Personen Entschädigungen festgestellt. Die Ver­letzungen hatten zur Folge in 6989 Fällen den Tod, in 1524 dauernde völlige, in 44,373 dauernde theilweise und in 32,386 vorübergehende Erwerbsunfähigkeit. Die Zahl der von den getödteten Personen hinterlassenen entschädiguug»- berechtigten Personen betrug 13,953, darunter 4505 Wittwen, 9194 Kinder und 254 Aicendenten. Die Anzahl sämmtlicher im Jahre 1896 überhaupt zur Anmeldung gelangten Unfälle belief sich auf 351,789.

In Deutsch-Ostafrika find die Grenzen der einzelnen B-zirke (Kilimandscharo, Mafinde, Tanga, Pangani, Saadani, Bagamoyo, DareS-Saalam, Ktloffa, Mwapwa, Kilimatinde, Tabora, Nhanza, Udjtdji, Jringa, Langenburg, Magwanwara, Kilwa, Lindt, Mikindaut) durch Runderlaß de» Gouverneurs neu festgesetzt worden. Die Ein- und Ausfuhr des Schutzgebietes hatte im September d. I. einen Werth von 701,341 und 641,216 Mk.- die Zollemnahmen betrugen im gleichen Monat 127,454 Mk., wovon auf Bagamoyo 46,535, Dar-es-Salaam 24,711, Kttwa 17,050, Tanga 14,312, Pangani 12,453 und Mtktndaui 12,391 Mark entfallen.

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Wolff» telegraphisches CorrefpondMz-Bureas

Wildparkstatirn, 20. December. Der Kaiser ist Abend» 11 Uhr mit Sonderzug nach Thorn abgereist.

Prag, 20 December. DasPrager Abendblatt" schreibt u. A.: Prag nimmt nach und nach seine alte Phhfiognomie wieder an. Wie wir vernehmen, werden demnächst die mili­tärischen Streifpatrouillen bei Tage aufhören. Auch sieht man wieder mehrfach solche deutschen Firmenbezeichnungen und GefchäftSaufschriften, die während der Exceffe ver­schwunden waren, ihre alte Stelle etnuehmen. Wir begrüßen auch diese Erscheinung mit Freuden. DaS natürliche Recht und die historisch fest begründete Bedeutung und Stellung der deutschen Sprache im Geschäftsverkehr der Landeshaupt­stadt kann und darf durch die jüngsten Ereignisse in keiner Weise geschmälert werden. Wir befürchten nicht, daß die Wiedrrgeltendwach'mg dieses Rechte» erst de» behördlichen Schutzes bedürfen wird.

Paris, 20. December. Die Kaiserin von Oester­reich traf gestern Vormittag 8 Uhr hier ein. Ein Empfang auf dem Bahnhofe fand dem Wunsche der Kaiserin gemäß nicht statt.

Pari», 20. December. Depot irtenka «wer. In der heutigen Bormtttagsfitzung wurde der Gesetzentwurf be- rathen, durch den die Zolltarife für Schweine, Schweiue- fleischwaaren und Schweineschmalz erhöht werden. Graux befürwortete die Vorlage im Interesse der Landwirthschaft und des Handel», während Jaurez gegen diese sprach. Möline meinte, die Erhöhung der Zölle auf lebende Schweine sei unnütz. Er schlage einen Zoll von 50 Franken auf Schweine- flftschwaaren anstatt de» von der Commission verlangten Zolles von 70 Fr. vor. Niemand werde gegen die Ab­änderung des Zolles auf Schweinefletschwaaren Ausstellungen erheben Schließlich nahm dir Kammer folgende Zollsätze an: Der Zoll für Schweine wird auf 12 Fr. erhöht, der­jenige auf Ferkel auf 3 Fr., der Zoll auf Schweiuefleisch- waaren auf 60 Fr., derjenige für Schweineschmalz auf 35 Fr. Der Gesetzentwurf im Ganzen wurde mit 418 gegen 97 Stimmen angenommen und sodann die Sitzung auf- geboben. Im Lause seiner Rede hatte Ministerpräsident Msline noch mitgethrilt, daß die Regierung einen Gesetz­entwurf gegen die Verfälschung von Schweineschmalz vor- bereite.

Paris, 20 December. Heute Mittag fand in der Kirche SainteClottlde die Leichenfeier für Alphonse Daudet statt. Die Betheiligung war außerordentlich groß- zahl­reiche Kränze waren gespendet worden. Al» Emile Zola fich vom Sterbehouse nach der Kirche begab, wurden einige feind­selige Rufe laut.

Paris, 20. December. Die heutige Verhandlung im Pauamaprozeß war wenig zahlreich besucht. Der Bor­fitzende befragte Arton über die seinen Mitangeklagten über­gebenen Summen - Arton wiederholte seine früheren Aussagen, während seine Mitangeklagten leugneten.

Madrid, 20. December. Eine Depesche au- New York meldet: Der amerikanische KüstenwächterMac<ane" beschlag­nahmte sechs spanische Fahrzeuge unter dem Vor­wande, daß diese Schmuggel mit Branntwein trieben. Maclane" handelte ohne jede Instruction der Regierung.