Ausgabe 
22.6.1897 Zweites Blatt
 
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wann habe ihr früher öfters mir Erschießen und Erstechen gedroht, fo daß sie im gewissen Sinne Furcht vor demselben habe. Sie befinde sich augenblicklich in Bad Nauheim, könne aber vorerst ihrem Erwerb als Köchin nicht nachgehen, weil ihr Arm in Folge der Wunde im Rücken steif geblieben wäre.

Herr Kliniksverwalter Keller deponirt, daß der Ange­klagte bei dem erstmaligen Besuch ihn gebeten, zwischen ihm und seiner Frau zu vermitteln, gleichzeitig habe aber Koch ihm, einem Fremden, gegenüber wegen der Eigenschaften feiner Frau Reden geführt, welche diese als leichtsinnige und schlechte Person charakterisieren. Er müsse der Frau Koch wegen ihrer Thätigkeit alS Oberköchin sowohl, als auch in sittlicher Beziehung, so lange dieselbe tu der Klinik war, daS beste Zeugniß geben. Herr Gastwirth Seibel erinnert sich, daß Koch am 24. März seine Ecke der Klinik- und Frank­furterstraße belegene Wirthschaft betreten, eiligst ein GlaS Grog verlangt und das Erhaltene hastig hinunter gestürzt habe. Der Mann sei ihm sehr erregt vorgekommen. Eine Stunde, nachdem der Gast ihn verlassen, habe er von dessen Thal im Küchengebäude der Klinik gehört. Die Ehefrau Schmiege! von Sachsenhausen hatte an die Koch'schen Eheleute ein Zimmer vermiethet. Der Ehemann kam NachtS häufig spät nach Hause und ließ seine Frau, wie diese ihr oft ge­klagt, Noth leiden. Mitte des MonatS wurde vom Ehemann schon begonnen, alles Werthvolle nach dem Pfandhause zu tragen. Die Ehefrau war fehr ordentlich und fleißig und

habe «achmal hungern müssen. Die Zeugin erinnert sich eineS Falles, wo Fran Koch schwer krank darnieder lag, ohne einen Pfennig Geld zu besitzen. Da habe der Mann bie Nähmaschine für 8 Mk. versetzt, seiner Frau 5 Mk. gegeben und mit dem Rest sei er Abends fortgegangen, um einen Schoppen zu trinken. Die Schwester der Frau Koch, Wittwe Kretschmar, verweigert da- Zeugniß. Kaufmann Ferd. Stadt von Fulda, bei dem Koch zuletzt in Stellung gewesen, gibt diesem in jeder Beziehung ein gutes Zeugniß. Anna Kollinger au- Fulda, welche als Klnderfräulein in Gießen beschäftigt war, wurde von Koch besucht und veran­laßt, doch seine Frau zur Rückkehr nach Fulda zu bewegen. Dieselbe hat dann mit ter F-au Koch auch gesprochen und deren ablehnende Ansicht über diesen Punkt erfahren.

Die an die Geschworruen gerichteten Schuldfragen lauten : 1. Ob der Angeklagte schu'dig, daß er zu Gießen am 24. März 1897 den Entschluß, seine Ehefrau zu tödten, durch vorsätzliche nicht mit Ueberleguug auSgesührte Handlungen, welche einen Anfang der Ausführung des Verbrechens deS Todtschlags enthalten, bethätigt habe. 2. War der Angeklagte ohne eigene Schuld durch eine ihm von seiner Ehefrau zugefügte Mißhandlung oder schwere Beleidigung zum Zorne gereizt und hierdurch ans der Stelle zur Thal hingerissen worden, oder find andere mildernde Umstände vorhanden.

Auf Antrag de- BertheldigeiS wird für den Fall der Verneinung der Frage 1 an die Jury die weitere Frage

gerichtet: Ob der Angeklagte schuldig der Körperverletznng mittelst gefährlichen Werkzeuge- und ob dann mildernde Um» stände vorhanden seien.

Herr Staatsanwalt Koch plaidirt auf schuldig deS ver­suchten TodtschlagS, aber auch für Bejahung der Mil­derungsfrage.

Der Bertheidiger, Herr Rechtsanwalt vr. Jung, tritt warm für seinen Elienten ein- derselbe habe nicht die Ab­sicht gehabt, seine Frau zu tödten. ES handele sich im vor­liegenden Falle nur um eine Körperverletzung mit einem gefährlichen Werkzeuge, die auch mildernd zu beurtheilen sei, weil sie der Angeklagte in der Erregung über daS unbegreif­liche Verhalten der Frau begangen.

Nach erfolgter RechtSbelehrung durch den Vorsitzenden und nach >/,stündiger Berathung verkündet der Obmann, Herr Theobald von Bad-Nauheim, den Wahrspruch der Geschworenen, der dahin geht, daß der Angeklagte schuldig de- Versuchs deS Todtschlags und daß weiter mildernde Um­stände vorhanden.

Der Staatsanwalt beantragte 1 Jahr 6 Monate Ge- fängniß. Herr Rechtsanwalt Dr. Jung überließ die Aus­messung der Strafe dem Gericht, beantragte aber die Unter­suchungshaft in Anrechnung zu bringen.

Das Urtheil lautete auf 1 Jahr 3 Monate Gefängniß und Anrechnung von 2 Monat der erlittenen dreimonatlichen Untersuchungshaft.

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