Nr. 143
Der
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Zweites Blatt. Dimstag d« 22. Jmi____________________
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Schwurgericht.
W. Gießen, 19. Juni.
Die heutige letzte Sitzung begann erst gegen 10 Uhr, weil der Borfitzende dandgertchtSrath Do rufet ff plötzlich erkrankt war- als drffeu Stellvertreter leitete Herr Land« gerichtSrath vr. Linken Held die Verhandlung, welche fich gegen den 24 Jahre alten noch unbestraften Kaufmann August Koch von Fulda richtet. ES handelt fich um da» Verbrechen deS TodfchlagSverfuchS, welches der Angeklagte am 24. März b. I. gegen feine Ehefrau, die in der neuen Klinik hierfelbft al» Oberköchtn bedienstet war, begangen hat. Die Anklage wird von Herrn Staat-auwalt Koch vertreten. Al» Bertheidiger fungirt Herr Rechtsanwalt vr. Jung. ES sind neun Zeugen und ein medicinifcher Sachverständiger gu hören. Der Angeklagte erklärt, gelernter Lackirer zu fein und später als Kaufmann bei deu Höchster Farbwerken eine Stelle innegehabt zu haben. Der Angeklagte hat feine Frau in Fulda kennen gelernt, er hat mit feiner Braut kurze Zeit in wilder Ehe gelebt. Nachdem fie ver- heirathet, zogen fie zu einem Major nach Frankfurt a. M., dem gegen freie Wohnung die Ehefrau Koch die Wirthfchaft zu führen übernahm. Koch behauptet, feine Ehefrau habe mit dem Major unerlaubten Verkehr getrieben und trennte fich infolge dessen von derselben. Die Eheleute vereinigten fich jedoch wieder und zogen nach Sachsenhausen, wo die Frau ihren Mann nach dessen Darstellung sehr vernachlässigte, «r beschloß deshalb, nach Fulda zu ziehen, seine Frau erklärte, dorl nicht mit hinziehen zu wollen. Abends vor der beab- fichtigteu Ueberstedelung fand Koch seine Wohnung leer, seine Ehefrau war verschwunden und hatte da» Kind bei einer Nachbarsfrau hinterlassen. Der Angeklagte will nun Tage lang die Frau gesucht haben. Da er sie trotz aller Mühe nicht ermitteln konnte, zog er nach Fulda, wo er erfuhr, daß feine Gattin in Gießen in der Klinik als Köchin angestellt fei. Der Angeklagte reiste hierher und nach langem Zureden und Verhandeln willigte seine Frau ein, am 1. April ihre Stelle aufzugebeu. Zwei Tage später erhielt der Angeklagte von seiner Fran einen Brief, worin ihm dieselbe «ittheilte, daß fie doch nicht zu ihm nach Fulda kommen wolle und diese Zusage nur gemacht habe, um ihn los zu werden. Hierauf will Koch wieder nach Gießen geeilt sein, seine Frau habe ihn freundlich empfangen uad er sei am Morgen in Frieden von ihr geschieden- acht Tage darauf habe er von einem Anwalt RamenS seiner Frau einen Brief bekommen, worin ihm mitgetheilt wurde, daß feine Frau weder seinen Besuch «och Briefe von ihm mehr annehmen wolle und fich jede Be
lästigung verbäte. Auf diesen Brief war der Angeklagte | wieder nach Gießen geeilt, wo er erfahren habe, daß seine : Frau fich von fremden Herren nach Hause begleiten ließ. 1 Er ging nach dem Küchengebäude der Klinik und wurde dort von einem Mädchen in das Zimmer seiner Frau gewiesen, kurze Zeit nachher trat die Frau ein, der Angeklagte schildert, wie er ihr freundlich entgegengetreten, dieselbe habe ihn schroff abgewiesen, ihm inS Geficht geschleudert, er sei gar nicht der Vater ihres Kindes, da habe ihn die Wuth übermannt und ohne recht zu wissen, was er thue, habe er setneu Revolver gezogen und mehrere Schüsse auf seine Frau abgegeben.
Der Angeklagte erklärt auf Befragen deS Vorsitzenden, er habe keines Falles, als er nach Gießen gefahren, die Ab- ficht gehabt, feine Frau zu tödten. Nach der That ist der Angeklagte geflohen und hat sich mehrere Stunden im Wald aufgehalten, wo er die Waffe fortgeworfen, dann ist der Angeklagte zur Polizei gegangen und hat sich freiwillig gestellt. Herr vr. Brandenburg, Assistenzarzt der Neuen Klinik, alS Sachverständiger vernommen, hat der Verwundeten Frau Koch deu ersten Verband angelegt. Dieselbe war am Halse durch eine Kugel getroffen. Eine Kugel war in deren Rücken eingedrungeu, ferner hatte die Verletzte noch einen Streifschuß an der Hand und einen ebensolchen am Ohr erhalten. Der Sachverständige ist der Anficht, daß die Wunden der Frau Koch nicht unbedingt tödtlich gewesen seien, doch würde die Affaire für Frau Koch möglicher Weise später üble Folgen haben, da beide Kugeln noch im Körper stecken und wegen der Gefährlichkeit der Operation nicht entfernt worden sind. — Frau Koch betritt als Zeugin den Saal, fie wird vom Vorfitzendeu darauf aufmerksam gemacht, daß fie gegen ihren Ehemann nicht zu zeugen brauche. Frau Koch erklärt, Zeugniß ablegen zu wollen und bemerkt, daß sie 1893 nach Fulda gekommen sei, nachdem fie vorher ihren jetzigen Mann kennen gelernt hatte. Sie blieb in Fulda nur einige Tage und nahm dann in Frankfurt eine Stelle an, von hier aus theilte die Zeugin dem Angeklagten mit, daß fie in gesegneten Umständen sei. Beide zogen dann in Frankfurt zusammen. Nach der Geburt des Kinde» hätten fie die Wohnung aufgegeben, die Zeugin ging in Stellung, das Kind wurde nach Hanau zu Kochs Mutter gegeben, welche dafür pro Monat 20 Mk. erhalten sollte. Die Zeugin will dem Koch regelmäßig Geldbeträge zum Unterhalt des Kinde» gegeben haben, deren Höhe sie auf 12—18 Mk. pro Monat normirt. Im Februar 1896 hätte fie ihren Manu gehet- rathet, und sie seien nach Griesheim gezogen. Zum Ankauf der Möbel, die auf Abzahlung gekauft seien, habe auch sie Geld hergegeben. Die Zeugin erzählt, wie fie fleißig nähen
gegangen, um zum Unterhalt der Familie betzutragen, da der Gehalt ihres Mannes nur schwach war. Bet ihrer Beschäftigung kam fie auch zur Frau de» Major von Bieberstein in Frankfurt. DaS Bteberstein'sche Ehepaar war uuetnS und wollte fich trennen, und die Ehefrau empfahl der Frau Koch, nach ihrem Haushalt, wenn fie abgeretst fei, zu feheo, fo fei es gekommen, daß Herr v. Bieberstein mit ihrem Mann abmachte, das Koch'fche Ehepaar solle zu ihm hinziehe«, wogegen Frau Koch ihm die Wirthschaft zu führen hätte. Die Ehefrau erklärt, daß hier wie schon früher öfter Differenzen in ihrer Ehe entstanden. Ihr Mann sei jeden Abend auSgegangen, das Geld, was er verdiente, laugte nicht, er versetzte dann Alle», waS ihm in die Hände fiel. Die Zeugin weist eS entschieden zurück, daß fie mit dem Major in unerlaubtem Verkehr gestanden. Ihr Mann ließ durch einen Rechtsanwalt die ersten Schritte zu einer Ehescheidung bei einem Anwalt gegen sie einletten. Ihr Manu verstand fich utcht einzurtchten, er brauchte sür fich viel Geld, und war nicht im Stande, fie zu ernähren, darum hat fie ihn verlassen und ist nach Gießen gegangen, weil fie das Der- hältntß utcht mehr ertragen konnte. Ste habe tagelang hungern müssen. Die Zeugin bestreitet entschieden, dem Ehe- manve gegenüber behauptet zu haben, er sei utcht der Vater ihre« Kinde». Sie will auch ernstlich beim ersten Besuch ihre» Mannes die Abficht gehabt haben, zu diesem nach Fulda zurückzukehren. Ste habe aber, nachdem derselbe abgereist, erfahren, daß er fie beim Verwalter Keller schlecht gemacht und da sei ihr die Sache leid geworden.
Die Scene am 24. März, am Tage der That, schildert die Zeugin im Gegensatz zu ihrem Ehemann in der Weise, dieser sei auf fie eingedrungen und habe fie hart augefahreu und zwar mit den Worten: „Wie kannst Du mir einen solchen Brief schreiben lassen, Du verworfenes Mensch." Sie will darauf geantwortet haben: ,®n kannst mich ja doch nicht ernähren, wenn ich wieder zu Dir komme, geht da» Elend von vorne an." Koch soll darauf erwidert haben „Du mußt im Zuchthaus sterben, wenn Du jetzt nicht tobt gehst, Du wirst Dein Kind nicht wieder sehen." Ihr Mann habe darauf in die Ueberziehertasche gegriffen und einen Revolver daraus hervorgezogen. Die Zeugin depouirt weiter, wie fie die Waffe gefaßt habe, um ihren Mann am Schießen zu hindern, es habe ein kurzes Ringen um den Revolver gegeben. Sie habe zur Thüre hinaus gewollt und habe diese bereits geöffnet gehabt und um Hilfe gerufen. Da habe fie den Schuß in den Rücken bekommen, gleich darauf den zweiten Schuß in den Hals, worauf sie ohnmächtig zusammen- gebrochen wäre. Auf Befragen erklärt die Zeugin, ihr Ehe-
Feuilleton.
Der Herr Attache.
Humoreske von Franz Herczeg.
Autorifirte Ueberfetzung aus dem Magyarischen von vr. Ad. Kohut.
(Nachdruck verboten.)
Die Dame deS Hause» winkte dem Shes der Lakaien- fchaar, der in schwarzen Schuhen und Gamaschen ehrfurchtsvoll dastaud, und flüsterte ihm einige Worte zu. Daun wechselte sie einen Blick deS Einverständnisses mit ihrem Gatten, dem Grasen, und hob mit einer anmuthigen Be- wegung die Tafel auf. Die Gräfin war keine junge Frau wehr, um ihre hübschen Augen gewahrte ein genauer Beob- achter einige verrätherische Fältchen, aber mit ihrer könig- lichen Erscheinung harmonirte die reizvolle Bestimmtheit ihrer Bewegungen außerordentlich.
DaS heitere Geplauder verstummte und man rückte von dem laugen Tische die Stühle weg- daun öffneten die Lakaien die Flügelthüren, welche in den Salon führten. Nur einige junge Herren am Ende der Tafel trafen keine Anstalten, fich zu erheben: fie waren in gar heiterer Stimmung. Der kleine Graf goß seinen Kameraden ein GlaS Champagner nach dem andern ein, dem tüchtig zugesprochen wurde. Auch der Herr Attachs, welcher trotz seiner vierzig Jahre noch stet» unter der Jugend seinen Platz einnahw, obschon er mit lauter Stimme versicherte, daß er nicht trinke und nie zu trinken pflege, blieb wie ein Fels festgewurzelt auf seinem Platze fitzen, während sein Schnurrbart deutlich genug die Spuren de» ChampagnerrauscheS verrieth. Dieser Diplomat glich in keiner Beziehung einem Tallehraud oder einrm Metternich. Für ihn war die Sprache nicht da, um die Gedanken zu verbergen- eine vierschrötige Gestalt mit vertrauen- erweckenden Blicken, hatte er in seinem Wesen absolut nichts Geheimnißvolle».
Die Dame de» Hause» flüsterte dem jungen Grafen, ihrem Sohne, einige Worte auf Englisch zu, die er aber nicht verstehen wollte. Der Hausherr, der Graf, kümmerte fich nicht um seinen Sohu, er war ja nur sein Adoptivsohn. Endlich machte eine schöne, rothhaarige Baronin dem Streit ein Ende. Sie trat hinter den Stuhl des jungen Grasen und stresste mit ihrem Ellenbogen die Schulter desselben.
„Kommen Sie, meine Herren, nach dem Salon," sagte ste, „Sie bekommen Cognac."
Der Herr Attachö versicherte lachend, daß er keinen Cognac trinke, aber auf die übrigen Jünglinge wirkte die Prophezeihung der rothrn Baronin electrifirend.
Sie ließen fich im Salon nieder. Die gnädige Frau war ein wenig ungehalten Über die jungen Leute und igno- ritte fie. Mit umflorter Stimme unterhielt fie fich mit ihren Freundinoen und bewegte mit unnachahmlicher Grazie ihren Fächer. Ihr Gatte sprach seiner Gewohnheit gemäß mit Niemand (Übrigens war er so taub wie eine Haubitze), son- dern preßte seinen dicken Körper seufzend in einen Lehnstuhl und blickte wie verzweifelt um sich. Erst dann beruhigte er fich und lächelte freundlich, al» man ihm eine torpedosörmige Cigarre io den Mund steckte und eine Tasse schwarzen Kaffee vor ihn hinstellte.
Die rothe Baronin postirte fich am Kamin, den um sie gruppirten jungen Leuten Cognac in kleinen Gläsern ein- schenkend. Am meisten bevorzugte sie deu Husarenrittmeister, der, auf einem Sessel fitzend, ihre schönen Füße anstauute.
„Und der Herr Attachs?" fragte Jemand.
„Jawohl, der Attachö, wo ist er?" riefen die jungen Leute.
Eben trat er ein. Draußen hatte er erst seinen Bart schneidig gedreht. Er sah au» wie ein Eisenfresser.
„Ein Gla» Cognac gefällig, Herr Attachä?"
„O nein, ich trinke nie."
Aber er leerte efl doch und auf da» erste GlaS folgte ein zweites.
„Nun noch eins," animirte ihn der kleine Graf. „Du siehst, ich habe vier hinter die Binde gegossen."
„Ja, Du, das ist etwas ganz anderes. Du darfst ei thun. Ich aber nicht. Sin Diplomat muß immer nüchtern sein, sonst plaudert er aus der Schule. Ein Diplomat mnß viele Geheimnisse zu bewahren wissen ... Auch ich habe «ich einmal verplappert —"
„Wirklich?" fragte die rothe Baronin erstaunt.
„Freilich, Frau Baronin, sonst wäre ich jetzt nicht auf Urlaub."
Er verstummte plötzlich, knöpfte seinen Frack zu und machte ein ernstes Geficht, denn er fühlte, daß er eine Dummheit gesagt hatte. Die übrigen lachten und bet kleine Graf zwinkerte schelmisch mit den Augen und schenkte ihm munter ein.
„Erzähle doch, wie die Sache zuging."
„Ich werde mich hüten."
Aber er erzählte doch . . . Er wollte erst schweigen, jedoch die neugierig auf ihn gerichteten Blicke brachten seine Zunge in Bewegung. So ging es ihm immer, wenn er des Guten zu viel gethan hatte- bann fühlte er deutlich, daß in seiner Brust zwei Seelen wohnten: die eine, der Attachö, bewahrte ihre amtliche Nüchternheit und bemerkte entsetzt, wa» die andere zuwege bringe- die zweite, ein lüderlichet Cumpan, saß mit gekreuzten Beinen auf dem Divan, sprach überlaut, ja, schrie saft und bewegte beide Hände wie ein Mühlrad. Der nüchterne Mensch in ihm war entsetzt, und kalter Angschweiß perlte von seiner Slirn, wenn er sah» daß die Herren ringsum verlegen an den Spitzen ihre» Schnurrbart» kauten und die Damen erregt ihre Fächer bewegten, . . . aber dennoch redete der zweite Mensch in ihm mit lallender Zunge immerfoit, denn er wollte beweisen, daß auch er nüchtern sei.
(Schluß folgt.)


