Nr. 2tS Erstes Blatt. Samstag deu 18. September
Der
Kliener Anzeiger erscheint täglich, eilt Ausnahme des Montags.
Die Gießener
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Gießener Anzeiger
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Alle Annoncen-Bareaux deS In- und Auslandes nehme» i Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgeh».
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Sonn. 10 Uhr.
Grotzherzogliche Fachschule für Elfenbeinschnitzerei und verwandte Gewerbe zu Erbach i. Odenw.
Die Anstalt stellt fich die Ausgabe, tüchtige Elfenbein» und Holzschnitzer heravzubtlden, denen eine vollständige theo- retischc und praktische Ausbildung geboten wird- in gleicher Weise dient fie zur Ausbildung von Drehern, Ctseleuren, Stuckateuren und verwandten Berufsarten.
DaS Wintersemester beginnt
Montag den 4. Oetober.
Unterrichtet wird von drei Fachlehrern und zwei Hilfs- lehrern in folgenden Lehrfächern:
Freihand- und Ltnearzeichnen, kunstgewerbliches Zeichnen und Entwerfen, Modelliren nach ornamentalen und figürlichen Motiven, Borträge über plastische Anatomie, Sttllehre, Materialienkunde, Aufsatz, Buchsühren, Rechnen, Geometrie, Veranschlagen und Wechsellehre- Schnitzen, Drehen undFatzon- uiren in Elfenbein, Horn, Holz, Perlmutter, Schildpatt- Kerb- und Flachschnitt, Holzbrand, Etnlege- arbeit (Intarsia, Boulle)- Ctseliren in Silber,
An Versuchen, die Beziehungen zwischen Deutschland und England zu besiern, hat es bisher nicht gefehlt, aber es ist bisher immer noch nicht der warme Ton wtedergefunden, welcher früher die unter beiden Ländern bestehende Freundschaft wiederspiegelte. Ob cS König Humbert gelungen ist, in dieser Beziehung mit Erfolg thättg zu sein, steht dahin. Jedenfalls liegt eS an den Engländern selbst, daß wir ihnen heute so kühl gegenüberstehen- eine Einschränkung ihrer An. spräche würde sofort dazu angethan sein, ihr Verhältnis zu uns zu beffern. (xx)
Bekanntmachung.
ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht:
1) daß Gesuche um Bewilligung voa Subventionen zum Besuche von Ackerbauschulen, sowie des Odstbaumwärter- CursuS zu Friedberg bis zum 15. October 1897 bei dem Unterzeichneten einzuretchen find-
2) daß zur Bestreitung der Kosten der Impfung der Ge- meindebullen mit Tuberkalin 50 Mk. in Ausgabe vorgesehen find und daß jeder Gemeinde, die ihre Bullen impfen läßt, ein Zuschuß zur Bestreitung dieser Kosten tn dem Betrage von 12 Mk. aur der Bezirksvereins- kaffe entrichtet werden wird.
Anträge sind alsbald nach vollzogener Impfung der Bullen mit Tuberkulin unter Angabe deS Resultats der Impfung einzuretchen.
:‘3) daß die für Hebung der Rindviehzucht vorgesehenen Mittel in folgender Weise verwendet werden sollen:
a) zur Abhaltung einer ViehprelSvertheilung in Grünberg 500 Mk.,
b) zur Subventionirung von Gemeinden, welche Bullen rein Vogelsberger oder Simmenthaler Raffe auschaffen und dieselben nur zur Rein- zücht verwenden laffen oder tn denen Viehzuchtvereine gegründet werden, 800 Mk.
Zar Bestreitung der durch den Ankauf von reinen Bullen entstehenden höheren Kosten wird aus der land- wirthschaftlichen BezirkSvereinSkasse ein Zuschuß nicht unter 50 Mk. bewilligt, wobei im Eoncurrenzfalle die ärmeren Gemeinden vorzugsweise berücksichtigt werden sollen.
Anträge find unter Vorlage der Körscheine alsbald nach dem Ankauf der Bullen an den Unterzeichneten einzuseuden.
-4) daß zur Hebung der Ziegenzucht 100 Mk. in Ausgabe vorgesehen find und daß hieraus Gemeinden, welche Ziegenböcke rein Schweizer Raffe anschaffen, zur Be- streitung der hierdurch entstehenden Kosten eine Sub- veution bis zu dem Betrage von 25 Mk. bewilligt werden soll. Im Covcarrenzfalle werden die ärmeren Gemeinden vorzugsweise berücksichtigt. Anträge sind unter Angabe deS AnkausSpreffes deS Ziegenbocks ein- zureicheu-
5) daß für Abhaltung von Wandervorrrägen 200 Mk. tn Ausgabe vorgesehen sind. AuS diesem Betrage sollen die Diäten der Wanderlehrer und dre Kosten deS Transports derselben auf der Eisenbahn bestritten werden.
Die Großh. Bürgermetftereteri, welche wünschen, daß in Lhren Gemeinden derartige Vorträge gehalten werden sollen, werden ergebenst ersucht, mir dies unter Angabe deS Themas, über welches der Wanderlehrer einen Vortrag halten soll, sowie des TageS und des LocalS, an reip. in welchem der Vortrag gehalten werden soll, mitzutheilen.
Gießen, den 6. September 1897.
Der Director des landwirthschaftlichen BezirkSveretuS.
C. Jost, RegierungSrath t. P.
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Wolff« telegraphtsche» Correspondenr-BureLu
Berit«, 16. September. Gegenüber der Blättermelduvg, daS Schulschiff „Nixe" halte fich in den marokkanischen Gewässern wegen des räuberischen AuftretevS der Riff- Piraten auf, conftatirt die „Nordd. Allgem. Ztg", die Reise der „Rixe-, die fich bis Kamerun erstrecke, unter Anlaufen einer größeren Anzahl von Häsen, darunter einiger marok- kantsche, bezwecke nur die Ausbildung von Seekadetten und Schiffsjungen. Zu einer politischen und militärischen Action sei da« Schulschiff in keiner Weise geeignet.
Wien, 16. September. Bet der Station der Südbahu, Bruck an der Mur, holte eia Schnellzug tben mit Ber- spätung tn deu Bahnbof einfahrenden anderen Schnellzug ein. Hierbei erlitten vier Reisende leichte Eontufionen. Das Fahrmatertal wurde nicht beschädigt, nur einige Feusterschetbeu wurden zertrümmert.
Depesche» de» Bureau »Herold."
Berlin, 16. September. Das StaatSministertum trat heute Nairmittag 2 Uhr in seinem Dteustgebäude unter dem Vorsitz des Ftnanzminifters Miquel zu einer Sitzung zusammen. M „
Berlin, 16. September. Wie dem „Berl. Tagebl. auS Madrid gemeldet wird, leitete, wie daselbst verlaut», die spanische Regierung Verhandlungen mit Frankreich ein über einen Vertrag zur Auslieferung von Anarchisten.
Berlin, 16. September. Der „Local-Anzetger" melder aus Petersburg: Auf der Wolga tu der Nähe von Astrachan stießen die Dampfer Zarewitsch und Mayutka zusammen. Plötzlich ertönte der Ruf: Der Zarewitsch finkt. Infolge deffen entstand eine furchtbare Panik unter dem Publikum. Viele sprangen in die Wolga und erreichten schwimmend das User. 40 Personen ertranken.
Berlin, 16. September. Dem ständigen Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt, Geh. Legationörath Ernst v. Wilden- bruch, ist der Titel Geh. LegationSrath mit dem Range eines RatheS 3. Klaffe verliehen worden.
Berlin, 16. September. Auf Grund neuer hier ein- getroffener Depeschen wird noch gemeldet, daß der Mörder des stellvertretenden Landeshauptmanns v. Hagen auf Neu- Guinea derselben Bande angehört, welche s. Z. den Welt- reisenden Otto EhlerS umS Leben brachte. Durch Ein- geborene müffen Durchstechereien vorgekommeu sein, wodurch es den an Händen und Füßen mit schweren Ketten gefeffelteu Verbrechern gelang, fich davon zu befreien. Sie überfielen dann die Wächter, entriffeu ihnen die Gewehre und flüchteten in die Büsche. Dorthin wurden die Flüchtlinge von der Schutztruppe verfolgt und es entspann fich ein Gefecht, bei welchem v. Hagen durch eine Kugel getödtet wurde.
Berlin, 16. September. Wie dem „Local-Anzeiger^ auS Newyork telegraphirt wird, dürften die bekannten blutigen Metzeleien in Hazleton wahrscheinlich auch den deutschen Behörden noch Beranlaffung zum Einschreiten geben. Zwei verwundete Arbeiter behaupten nämlich, deutsche Unterthanen zu sein.
Aachen, 16. September. Das „Aachener Pol. Tagebl. , welcher gestern die Nachricht von einer morganatischen Vermählung des präsumtiven Thronfolgers von Oester- retch-Ungarn, deS Erzherzogs Franz Ferdinand Este brachte, meldet heute weiter, daß die Braut die Tochter einer Aachener Familie Namens Hußmann und 25 Jahre alt ist. Dieselbe weilte in letzter Zeit in Essen, wo fie dem Haushalt ihres Bruders, eines Krupp'schen DtrectorS, vorstand. Bor zwei Jahren lernte die Braut den Erzherzog gelegentlich eines Jncognito-BefuchS deffelben kennen. Der Erzherzog mach» ihr Besuche, bei welchen er fich als Arzt auSgab, bis WtcBiti« in der letzten Woche im Geheimen tn London die Trauung PaltfflMl«tu6e, 16. S-Pt-mb-r. In der heu-ig-n l-tzl-n Sitzung dir 22. Haupt.Versammlung des d-utiqe Vereins sllr ii,senil«»- ® e f u n b 5 = ritten Professor Dr. v. ESmarch und Oberbürgermeister
Treiben tn Kupfer, Monnren in Edelmetall in | Verbindung mit Elfenbein, GlaS, Achat usw.
Der Unterricht wird durch eine reiche Modell- und Vorbildersammlung, sowie gut ausgestattete Werkstätten unterstützt.
DaS Schulgeld beträgt 10 Mark im Halbjahr.
Unbemtttelten Schülern kann die Entrichtung des Schulgeldes nachgelaffen, sowie Auswärtigen der Besuch der Schule durch einen Unterstützungsbeitrag erleichtert werden. Bei Gesuchen um Gewährung der einen oder anderen Art dieser Erleichterungen werden neben der Vermögenslage des SchülerS auch die VerwögenSverhältniffe der HeimathSgemeinde oder das Vorhandensein geeigneter StiftuugSmittel in Betracht gezogen.
Anmeldungen und Gesuche find an die Unterzeichneten zu richten, welche weitere Auskunft ertheilen.
Erbach, im September 1897.
Der Vorsitzende des AusfichtSratheS: Der Großh. Hauptlehrer: Steg müller. Gärig.
Deutschland und England.
Die von eimm österreichischen Blatte gebrachte Meldung, daß König Humbert bei seinem Besuche in Homburg seinen Einfluß aufgeboten habe, um auf eine Befferung der Beziehungen zwischen Deutschland und England hinzuwtrken, ruft die Erinnerung daran wach, daß daS Verhäitniß der beiden Staaten unter einander keineswegs der alten traditionellen Freundschaft entspricht, welche von jeher zwischen ihnen bestanden hat. England steht heute völlig isoltrt da, nur mit Italien verbinden eS noch gemeinsame Jnteresftn, seit letzteres auf dem Punkte steht, mit seiner Afrikapolittk tabula rasa zu machen. Schon mehrfach ist gemeldet worden, daß Italien Kaffala an England abtreten wolle- wenn fich auch diese Nachricht bisher nicht bestätigt hat, so kann man doch als sicher annehmen, daß England auf die B.sitznahme Kaffalas j wartet, da dieser Punkt ihm für die Abwehr der Derwische äußerst wichtig sein muß. Daß beide Länder in letzter Zeit besonders imim find, geht auch aus den Besuchen hervor, welche die beiderseitigen Flotten in dem andern Staate abstatteten. Besonders die Engländer waren mehrfach als Gäste Italiens in Spezia erschienen und documentirten damit, daß die Beziehungen zu Italien herzliche und die Interessen der beiden Länder gemeinsame seien. ES ist aus all' Diesem begreiflich, daß König Humbert sehr wohl die Gelegenheit wahrnehmen konnte, beim deutschen Kaiser auf eine bessere Gestaltung des Verhältnisses seines Reichs zu England hin- zuwtrken.
Wir haben schon oben gesagt, daß zwischen Deutschland und England von jeher eine Freundschaft bestanden hat, die niemals durch ernstliche Differenzen getrübt worden ist. Erft in neuerer Zeit hat sich eine Mißstimmung herausgebildet, die ihren Grund einestheilS auf politischem Gebiete hat, andererseits aber dem Concurrenzneide entsprungen ist. Solange wir den Engländern im AuSlande keine Concurreuz machten, hatten dieselben ja auch keinen Grund, neidisch auf unS zu sein. Aber mit der Gründung des Deutschen Reiches blühte unser Handel auf, unsere Waaren wurden im AuSlande begehrt, und wir erweiterten unsere Absatzgebiete und machten den Engländern daS Dominium streitig, welches sie bisher für sich allein beansprucht hatten. Sogar die englischen Colonien blieben nicht mehr vor unseren Waaren sicher, welch' letztere überall Anklang sanden und die englischen mehr und mehr verdrängten. Das ist die Ursache, welche die Spannung auf handelspolitischem Gebiete zwischen beiden Ländern erzeugte und schließlich in der Kündigung deS deutsch-englischen Handelsvertrags ihren Ausgangspunkt fand.
Deutschland hatte aber auch Colonien erworben und sich dadurch die Mißgunst Englands erworben, welches bisher daS erste Anrecht auf alle „herrenlose»" Länder zu haben glaubte. Außerdem war daö Deutsche Reich mächtig geworden, es hatte ein Anrecht darauf, ein Wort mtrzusprechen in internationalen Dingen, und im Rathe der Völker gehört zu werden. Bisher hatte England nach eigenem Gutdünken und willkürlich schalten und walten können, jetzt war aber ein deutscher Kaiser da, welcher nicht nur zum Prtnzipe sich gewacht hatte, Europa den Frieden zu erhalten, sondern auch nicht dulden konnte, daß Unrecht geschah und daß Schwache vergewaltigt wurden. Der Einfall deS englischen Schützlings Dr. Jameion in Transvaal hatte den Gerechtigkeitssinn Wilhelms II. mächtig erregt, und es folgte jene bekannte Depesche an den Präsidenten Krüger, die in England so großes Aussehen erregte. Seit dieser Zeit ist uns die Londoner Regierung erst recht gram, und das umsomehr, als sie einfieht, daß Deutschland im Rechte ist und als sie erkennt, daß es für alle Zeiten mit der englischen Willkür auf ' internationalem Gebiete vorbei ist.


