Ausgabe 
17.10.1897 Drittes Blatt
 
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Mr. 241 Drittes Blatt. Sonntag den 17. Oktober

1897

Der OKtzer Anzeiger erschein» täglich, «V LuSnahmr des Montag».

»k Gießener Üe*Ui<*lf4t(rt crtai dem Anzeiger »Gchentlich dreimal deigelegt.

Gießener Anzeiger

Kmerat-Wnzeiger.

vierteljähriger AsonmementspreiH» 2 Mark 20 Pfg. *16 Bringer lohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 W

»ebaction, Expedttio» und Druckerei:

Ach»rstr«tzeMr.H«

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Amts» und Anzcigeblatt für den Kreis Gietzen.

Austllcher Tbeil.

Gießen, 16. Oktober 1897.

Bett.: Die Feuerwehrzeituog.

tel Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

e* Ht Grstzh. BiteermdH«** lei »nettes.

Mit Bezugnahme auf da- nachstehende Ausschreiben Großherzogltchen Ministeriums de» Innern empfehlen wir Ihnen daß Halten der Feuerwehrzeituog, sofern die- bi- jetzt noch nicht in Ihren Gemeinden geschieht.

v. Gagern.

Darmstadt, am 8. October 1897. Bett.: Die Feuerwehrzettung.

Das Großh. Ministerium des Innern

an die Großherzogltchen Kreisämter.

Die feit 12 Jahren als Organ der hessischen Feuer- wehren bei SB. Jeckel in Büdingen zum jährlichen Adonne- ment-pret- von 6 Mk. erscheinendeFeuerwehrzeitung für das Großherzogthu« Hessen" hat sich alS ein geeignetes Förderung-mittel für die Zwecke und Interessen der Feuer­wehren, wie de- Feuerlöschwesen- überhaupt erwiesen. Str hat jedoch bi- jetzt nicht die wünscheuSwerthe Verbreitung unter den Feuerwehren de- Landes gesunden, was haupt­sächlich in dem Mangel aa Mitteln bei den meisten Feuer« wehren seinen Grund haben dürfte. ES ist deßhalb von dem LaadeSau-schuß hessischer Feuerwehren bet un- darum nach' gesucht worden, baß die Gemeinden zum Halten der Feuer- wchrzeituug veranlaßt werden möchten.

Wir glauben in Ueberetustimmung mit der Großherzogl. BraudverficherungSkammer dieser Anregung Folge geben zu sollen und empfehlen Ihnen daher unter Bezugnahme auf die lithographtrte Verfügung vom 22. October 1891, zu Nr. M. I. 28287, bei den Ihnen uaterstellren Bürger­meistereien darauf htnzuwtrken, daß die Fenerwehrzeitung zu Lasten der Gemeiudekasie gehalten und ven Leitern der Feuer­wehren zugänglich gemacht werde. Inwieweit hierbei auch solche Gemeinden in Betracht zu ziehen find, in denen die Zeitung bereits von den Feuerwehren gehalten wird, bleibt Ihre» Ermessen überlassen.

Finger.

Dr. Liu ß.

Feuilleton.

Die beiden Vice-Feldwedel.

lil den Briefen von Fräulein Anna Schröder an ihre Freundin Gustel mitgethellt von Fritz Wold eck.

(1. Fortsetzung.)

Während deS Essens verhielt er sich ziemlich schweigsam und antwortete nur, weun eine» von un» ihn etwas fragte. Daß er da» Messer öfters benutzte, wo sich der Culturmensch der Gabel zu bediruen pflegt, setzte mich nicht zu sehr in Erstaunen. I« dieser Hinsicht bin ich durch unsere Nachbarn nicht verwöhnt auch mein lieber Papa macht in dieser Hinficht zuweilen einen Schnitzer.

So viel bekamen wir heraus, daß unser Gast im Ctvil- verhältuiß Maschinenbauer sei- er hätte auchIngenieur" sagen können da» klingt doch viel hübscher, dachte ich in meiner Unschuld. Er trank cur zwei GlaS Wein- er wäre da» nicht gewohnt, entschuldigte er sich, al6 ihn Papa zum Trinken vöthigte. Wahrscheinlich hat e» der arme Mensch nicht übrig, dachte ich wieder. Nach Tisch stand er auf, ver­beugte sich und verschwand- Papa konnte ihm gerade noch eine Cigarre anbieten.

Dann sahen wir ihn nur noch, als er seine Leute auf dem Hofe antreten ließ und fie von allen Seiten auf da» Peinlichste musterte. Dabei ging e» nicht ohne eine ganze Anzahl Flüche und einige Püffe ab. Papa meinte, der Herr Bicefeldwebel schieue zwar kein große» Kirchenlicht, aber ein tüchtiger Soldat zu sein, und e» ginge wohl jetzt etwa» strammer her, wie damal», als er selbst sein Jahr abge- dient habe.

Al» wir hiuüberschickten, um ihn zu« Abeudbrod ein- zuladen, war der Herr Vice Feldwebel mit de« Sergeanten in denKrug" gegangen, wie Friedrich berichtete- dabei grinste er über das ganze Geficht. Papa schüttelte den Kops. ES hätte doch olle- seine Grenzen, meinte er- wenn

Politische Wochenschau.

In HubertuSstock haben fich anscheinend wieder wichtige, vorläufig für die Oeffentlichkeit noch recht geheimntß- volle Dinge abgespielt, we-halb den Vermuthungen und Sombinationen wieder Thor und Thür geöffnet find. Daß der Vortrag, den die Shef» der Marine und der Armee dem Kaiser in dem Jagdschlösse hielten, von größerer Be­deutung war, wird auf allen Selten angenommen. Daß aber auch Herr v. LucanuS in Thätigkeit treten mußte, will man ebenfalls wissen, denn man sieht in dem Urlaub, welchen der commandirende Admiral Knorr so plötzlich augetreten hat, mehr als eine ihm gewährte ErholungSsrtst. Immerhin erscheint die Sache auffällig, und eS ist nicht unmöglich, daß Diejenigen Recht behalten, welche da meinen, der Admiral Knorr werde nicht wieder auf seinen Posten zurückkehren. Freilich wird officiö» in Abrede gestellt, daß der Urlaub deS commandirenden Admirals irgend welche politische Bedeutung habe- damit ist aber immer noch nicht gesagt, daß eS nicht doch der Fall ist.

Größere Bedeutung noch als die Vorträge in HubertuS­stock dürste der K r o n r a t h gehabt haben, welcher am Donnerstag im Neuen Palais bei Potsdam unter Vorsitz des Kaiser- stattfand. Die schwebenden politischen Fragen dürften nunmehr in- Rollen gekommen sein- man kann fich immerhin auf Überraschungen gefaßt machen.

Wie Recht Diejenigen hatten, welche behaupteten, mit der Militärstrafprozeßreform habe r- noch lange Beine, geht aus den Erklärungen de- bayerischen Krieg»« Ministers im FinanzauSschuffe der bayerischen Kammer her­vor. Die Augelegeuhcit ist im Plenum de« BundeSrathS noch gar nicht verhandelt- nur die Ausschüsse haben fich bisher damit beschSstigt und scheinen auch noch nicht zu einem Resultat gekommen zu sein. WaS der Minister dann weiter sagte bezüglich der Wahrung der Reseroatrechte Bayern», eröffnet keine günstigen Aussichten auf eine baldige Ber- ständiguug über den obersten Militärgericht-Hof. E- ist demnach nicht unmöglich, daß auch die nächste RrichSragS- taguog vorübrrgeht, ohne mit der Militärstrafprozeßreform befaßt worden zu sein. Daß die« auf die nächsten Wahlen einen erheblichen Einfluß auSÜben würde, liegt auf der Hand, und die Regierung hat alle Ursache, zu überlegen, ob eS nicht besser wäre, unter allen Umständen ein Resultat ihrer Berathungen vorzulegen oder wenigstens der VolkSvertretuag reinen Wein darüber etnzuschänken, an welcher Klippe die Reform gescheitert ist. Daß die Wahrung oder Ntchtwahrung der bayerischen Reservatrechte die Durchführung der Reform

auch der Etvjährige mal mit den Unterosfizieren kneipeu wüßte, so hätte da- doch ein Btce-Feldwrbel nicht nöthig. Wahrscheinlich hätte er aber daS Exercter-Reglemeut nicht so recht im Kopf und müßte fich deßhalb mit seinem Flügel- Unteroffizier gut stellen, damit der ihm durch Winke am Rockschoß den richtigen Platz und durch Sousflireu die rtch- ttgeu Cowmaudo» angäbe. So viel von den Geheimnissen des Dienstes hat Papa doch noch behalten.

Am anderen Morgen rückte die Einquartierung natürlich in aller Herrgott-frühe au», und wir sahen unfern stummen Gast erst wieder an der Mittagstafel. ES war wieder die- selbe Geschichte- nur als Papa ihn fragte, wie eS ihm im Rnigt" gefallen habe, wurde et verlegen. ES schien mir damals noch, al» ob er fich bewußt wäre, daß er dort nicht an richtiger Stelle gewesen sei.

Plötzlich klopfte eS, und ehe wirHerein!" rusen konnten, ging die Thür auf und ein Hauptmann trat ein. Unser Vice.Feldwebel sprang auf, machte drei Schritte auf den Hauptmann zu und meldete: Da- Gut ist belegt mit einem Bice Feldwebel, drei Unterosfizieren, einem Spielmaun und sechsunddretßig Mann al« ob da- ein ordentlicher Hauptmann nicht ohnehin wissen müßte. Er sagte aber doch: Dante, lassen Sie die Leute antreten." Dabei lachte er so still vor fich hin, stellte fich dann aber vor:Haupt- mann von Gelltn" und sügte hinzu: »Ich bedauere, weun ich gestört habe- ich glaubte, daß die Mannschaften schon gegessen hätten." _ n . .

Papa erwiderte natürlich, daß da- auch der Fall sei, worauf der Hauptmann meinte, er habe vermuthet, daß der Vice.Feldwebel nicht ander- verpflegt würde, als die übrigen Unteroffiziere. Papa bekam einen ganz rothen Kopf - al- früherer Einjähriger konnte er doch diese »aristokratische Ueberhebung" nicht ruhig hinnehmen, und er entgegnete nicht ohne Schärfe, daß ein Vice.Feldwebel al« OffizierS-ASpirant nach seiner bescheidenen Meinung wohl das Recht hätte, an dir Tafel de» Besitzer- gezogen zu werden.

nicht hindern sollte, daß e- schließlich ganz gleichgiltig ist, ob ein oberster Gericht-Hof für da» ganze Reich eingesetzt wird oder ob fich Bayern einen besonderen Gerichtshof leisten will, darüber find fich «eite volkskretse einig.

Die Beziehungen zwischen Kaiser Wilhelm und der Königin Victoria von England sollen wieder intimer ge­worden sein. Da- Berhältntß war bekanntlich stark getrübt, setdem Kaiser Wilhelm für die Buren gegen den räuberischen Einfall der Engländer in der Transvael-Republik etngetreten war. DaS hatte den englischen Dünkel verletzt, und eS hat langer Zett bedurft, ehe man in Großbritannien die Sache mit nüchternen Augen ansah. Im Uebrigen hat England jetzt neue Sorgen durch da- Vorgehen der Franzosen in Westafrika erhalten. Eine französische Expedition war von Porto Novo aufgebrochen und hatte den Ort Niki am Niger- fluffe besetzt, worauf aber die Engländer Anspruch erheben nach dem bekannten SprüchwortWer zuerst kommt, mahlt zuerst". Denn schon Ende de- Jahre- 1884 soll t» ihr Major Lugard besetzt und mit den Häuptlingen Verträge ab- geschloffen haben, während bi» dahin noch kein einziger Franzose das Land besucht hatte. Al- aber Lugard abge­zogen war, besetzten Franzosen da- Gebiet und zwangen den König, sein Land unter französischen Schutz zu stellen. In England herrscht wegen dieser Vorgänge starke Erregung, wobei es aber auch sein Bewenden behalten dürste- jeden­falls wird fich die Angelegenheit auf friedlichem Wege regeln laffen, wa- um so wahrscheinlicher ist, als der Aufstand in Indien noch lange nicht sein Ende erreicht hat und die Eng­länder weiter auf eine harte Probe stellen wird.

Ju Italien liegen die Verhältniffe neuerdings wieder recht unficher, wenn auch die Tumulte vom letzten Montag ohne nachhaltige Folge geblieben find. Die Stadt Rom ist wieder vollständig ruhig, die zertrümmerten Fensterscheiben find eingesetzt und über die Verhafteten dürfte bald abge- urtheilt werden. Aber da- Volk hat Blut gesehen, ein Todter und eine größere Zahl Verwundeter haben den Kampf­platz bedeckt, und das macht immer einen schlechten Eindruck, wird auch so leicht nicht vergeffen.

In der Orientfrage find keioe besonderen Ereignisse zu verzeichnen. Die Friedensverhandlungen dauern fort, und man hofft, dieselben bald zu Ende bangen zu können. Die neue Grenze zwischen der Türkei und Griechenland ist bereit» provisorisch festgesetzt und wird auch wohl die definitive Ge­nehmigung der beiden Staaten finden. Anscheinend ist der Credit Griechenlands in letzter Zeit stark gestiegen, da fich ein Consortium gefunden hat, welche- dem Staate eine er»

Herr v. Gellin lachte wieder leise vor fich hin, dann aber erklärte er uns, daß es zwei Sorten von Vice-Feld­webeln gäbe- die einen wären die OffizierS-ASPiranten, wie Papa fie nur zu kennen schiene, die anderen wären einer­seits solche Unterosfiziere, die tüchtig genug wären, daß man ihnen die Führung eine- ZugeS aavertrauen könne, anderer­seits ältere Sergeanten von tadelloser Führung, die man wegen Unbehilflichkeit mit der Feder nicht zu Feldwebel» und wegen Mangel an Umficht und Initiative nicht zu Zug­führern machen könne, und zu dieser Kategorie gehöre auch der wackere Gericke. UebrigenS vertraue man einem Osst- zierS-A-piranten ein solches detachirte» Commando von vierzig Mann nur selten an - dazu fehle den Herren doch die dienst­liche Erfahrung.

Diese lange Explicatiou machte mir Muth, mein Er­staunen auszusprechen, daß diese drei Kategorien nicht durch besondere Abzeichen gekennzeichnet wären. Darauf erwiderte der Hauptmann nicht», sondern trank nur gedankenvoll da» GlaS Wein au», daS ihm Papa angeboten hatte. Dann verabschiedete er sich höflich, aber ich merkte wohl, wie um seinen Mund ein verhaltene- Lächeln zuckte. Wahrscheinlich freute er fich schon, seinen Kameraden erzählen zu können, waS diese Hinterwäldler für einen faux-pae begangen hätten.

So viel ist sicher: Ich taffe mich, so lange da» Manöver dauert, vor keinem Soldaten mehr sehen. Da- ganze Armee- Corp- wird ja Über uns lachen. Uebermorgen bekommen wir neue Etnqartierung- wenn nur keine Offiziere habet find! Ich zittere bei dem Gedanken wie Espenlaub. Papa hat übrigen« bestimmt, daß, wenn wieder ein solcher Sice» Feldwebel kommt, er beim Verwalter einquartiert wird und mit den anderen Unteroffizieren bei ihm fpetst.

Deine fehr verdrießliche

Anna.

(Fortsetzung folgt.)