Ausgabe 
14.11.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 268 Zweites Blatt. Sonntag den 14. November

1897

Der

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Schnupfen und Catarrh.

Von Dr. med. R. Ebing.

(Nachdruck verboten.)

KO. Personen, welche ihre äußere Haut verweichlichen durch Tragen zu warmer Bekleidung, durch Meiden der frischen Luft und durch zu warmes Baden, erkälten sich bei der geringsten Gelegenheit stärker oder schwächer. Die Schleim häute, welche durch diese häufigen Entzündungen immer weniger widerstandsfähiger werden, erhalten so die Neigung, fast immer in einem katarrhalischen Zustande zu verharren. Die Entzündung der Schleimhaut der Nase und der Stirn­höhlen veranlaßt die bekannten Erscheinungen des Schnupfens, bestehend in trockener Hitze der inneren Nase, in mehr oder minder starkem Niesen und in Röthung und Trübung der Augen. Diesen Erscheinungen folgen, oft mit fieberhafter Unruhe und Kopfschmerz, das Gefühl von Verstopfung in der Nase; der Geruch und manchmal auch der Geschmack verlieren sich; es entsteht ein wässeriger, scharfer, die Nasen- bffnungen wund machender Ausfluß, bis endlich unter Nach- laffen der Reizung, ein Anfangs glasiger, allmählich dicker zäher Schleim abgesondert wird, bis gewöhnlich binnen 68 Tagen der normale Zustand zurückkehrt. Solch ein Schnupfen ist keine Krankheit zu nennen, sondern nur eine Störung der Gesundheit. Ist der Schnupfen nur einfach, ohne Ficbererscheinung, so kann man ihn sich selbst überlasten. Bei gutem Wetter ist Bewegung im Freien mit warmer Bekleidung bester als Stubensitzen, zumal, wenn das Zimmer gut geheizt und schlecht gelüftet ist. Ein beliebtes Riech- mittel, welches den Schnupfen oft in kurzer Zeit vertreibt, ist folgende Mischung:' Carbolsäure, Kölnisches Wasser und Salmiakgeist zu gleichen Theilen. Schwächliche Personen thun gut, gleich bei Beginn des Schnupfens eine Schwitzkur im Bette durchzumachen durch reichliches Trinken von Flieder- thee. Um das Wundwerden der Nasenöffnungen und der Oberlippe durch den scharfen Ausfluß zu vermeiden, reibe man die genannten Theile mit reinem Baumöl oder Gold< cream ein. Bei sehr starkem Schnupfen hütet man am Besten das Zimmer und zieht häufig tagsüber heiße Wasser­dämpfe in die Nase ein. Eine lästige Erscheinung ist das Kitzeln in der Nase und das Niesen, nach welchem der Aus fluß stets stärker wird und zum Schnäuzen reizt. Es ist aber unbedingt nothwendig, hier Selbstbeherrschung zu üben und das Schnäuzen möglichst zu beschränken. Thut man < das nicht, so wird die Entzündung, also auch der Schnupfen stets schlimmer, ja die übergroße Reizung kann sogar eine Nasenbeinentzündung Hervorrufen, die höchst schmerzhaft ist. Sollte dieser fatale Umstand eintreten, so bereite man Kamillenthee, in dem man auf eine Tasse eine Messerspitze

voll Borsäure löst und diese Lösung lauwarm m die Nase aufzieht. Dabei öffnet man den Mund, damit die Flüssig­keit nicht an unrichtige Stellen gelangt, sondern wieder durch die Nase oder durch den Mund abläust.

Beim Schnäuzen gebrauche man nur weiche, leinene Taschentücher, keine baumwollenen und auch keine seidenen.

Eine sonderbare, aber häufige Art von Schnupfen ist der Blitzschnupfen, der ganz plötzlich mit heftigem und häu­figem Niesen und Thränenerguß eintritt und bald wieder verschwindet. Er entsteht meistens durch vorhandene Blut­schärfe, die durch Gicht», Hämorrhoidal- oder Flechtenstoff hervorgerufen wird. Länger als eine Stunde dauert so ein Blitzschnupfen selten. Ein starker Schnupfen erstreckt sich gerne tiefer auf die Schleimhäute des Gaumens und des Kehlkopfes und hat dann Schluckbrschwerde und Hustenreiz im Gefolge. Bei solch einem tieferen Schnupfen ist Vorsicht von Nöthen, denn er kann leicht der Vorbote eines Brust- catarrhs sein, der sich durch Heiserkeit, Husten, sowie durch Druck, Rasseln und Wundgefühl in der Brust und durch Fiebererscheinungen kennzeichnet. Beim Husten stellt sich nach zwei Tagen ein dünner, salziger, klebriger Auswurfsstoff ein, der von Tag zu Tag zäher, dicker, reichlicher und beim Aus­husten leichter auswerfbar wird, worauf sich Fieber, Druck und Abspannung mildern. Durch Schweiß und Harn tritt die Krise ein, womit ein einfacher, gutartiger Brustcatarrh binnen 89 Tagen verschwindet.

Vernachlässigt man aber diesen Catarrh, so wird er leicht chronisch. Die Behandlungsweise ist und bleibt immer in erster Linie Diät und Wärme. Bei Fieber muß man das Bett hüten und durch reichliches Trinken von Fliederthee die Krise zu beschleunigen suchen. Auch kann man Bixchwein dem Thee zusetzen, zehn bis fünfzehn Tropfen auf eine Tasse und zwar drei- bis viermal täglich.

Nimmt aber trotzdem das Fieber zu, steigert sich der Blutandrang, die Congeftion, nach der Brust, tritt ein Ge­fühl von Wundsein und Athemnoth ein, dann wird der Catarrh höchst gefährlich, man rufe dann den Arzt. Sollte dieser nicht schnell genug zu erreichen sein, so lasse man dem Patienten Schröpfköpfe auf die Brust und zwar in der Gegend des Wundgefühls fetzen.

Chronische Brustcatarrhe werden durch anhaltenden täg­lichen Gebrauch von Selterswaffer und warmer Milch, zu ! gleichen Theilen gemischt, sicher gehoben.

Zuweilen bleibt nach einem Nasenschnupfen ein sogenann. ter Stockschnupfen zurück. Dieses geschieht meistens, wenn der Schnupfen in seiner Entwickelung ober Krise gestört wurde. Der Stockschnupfen besteht in einer bleibenden An­schwellung der Stirnhöhlen- und Nasenhöhlen-Schleimhaut

mit unterdrückter Absonderung. Sind keine Complicationen, wie organische Veränderung der Schleimhaut oder unterdrückte Fußschweiße vorhanden, so vertreibt man den lästigen Stock­schnupfen bald durch Schnupftabak, Riechen auf Kampfer oder warmen Kamillenthee. Auch Einspritzungen von kaltem Wasser sind heilsam. In ganz hartnäckigen Fällen muß der Arzt mit Höllensteinpinselungen helfend und heilend einschreiten. Um sich gegen jede Art non Catarrh zu schützen, ist die Ab­härtung der Haut das beste Heckmittel. Dieses geschieht nur durch allmählige Gewöhnung der Haut an Kälte und durch die gehörige Bewegung der unter der Haut liegenden Muskeln. Diese Kälte aber in Form des kalten Wassers oder der kalten Luft verlangt hinsichtlich ihres Grades und der Dauer ihrer Einwirkung nach und nach eine Steigerung. Kurze Zeit gebrauchte kalte Bäder und kalte Waschungen wirken wohl als Reizmittel auf die Nerven und Fasern der Haut, aber nicht als Kräftigungsmittel.

Bewegungen im Freien, besonders geregelte Turnübungen, auch das jetzt so sehr beliebte Radfahren, tragen zur Gesund- heit und Kräftigung der Haut viel bei. Wer seine Muskeln stählt, der kräftigt auch seine Nerven. Deshalb hinaus ti die frische freie Luft, so will es die Natur, auch für das zarte Frauengeschlecht. Selbst im Winter soll man nicht zu sehr eingehüllt gehen, damit die Haut ihren langsamen Aus- tausch mit der frischen Luft ausüden kann, und so der Kör­per auch selbst im Winter das so belebende Luftbad nimmt. Nicht Mantel und Pelz, sondern Athmen und Muskelbewegung find die natürlichen Wärmequellen des Menschen.

Literatur rsnd Kunft.

Katechismus der Heizung, Beleuchtung und Venti­lation von Tb. Schwartze. Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage. Mit 209 Abbildungen. In Origtnalleinenband 4 Mk. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Daß die Technik der Heizung, Lüftung und Beleuchtung in immer wetteren Kreisen großrs In­teresse erregt, ist eine Thalsache, besonders seit zunehmender An­wendung der Eentralhetzung und des electrtschen LichteS. Die be­trächtlichen Fortschritte aus diesen Gebieten waren aber auch für den Verfasser Veranlassung, dem Inhalt deS verdienstlichen BucheS eine vollständige Umarbeitung angedethen zu lassen. Das Werk gibt practische Fingerzeige hinsichtlich Ausnutzung der verschiedenen Brennstoffe, erörtert die Leistungsfähigkeit der Oefen, verbreitet fich über die mannigfachen Arten der Centralheizungen und wendet sich dann den Einrichtungen für Lüftungszwecke und Luftretnigung zu. Die Au"sührungen über die Lampen für flüssige Brennstoffe, die Verstärkung der Leuchtkraft deS Gases, das Gatzglühltcht, das electrtsche Glühltcht und da« electrische Bogenlicht, der reiche Jllu- strattonSapparat, das Alles wird diesen Band dieselbe günstige Auf­nahme finden lassen, wie desselben Versassers schon in sechs Auf­lagen erschienenen Katechismen der Electrotechnik und der Dampf­maschinen.

FettiUeton.

Petrus und Judas.

Von Hellmuth Ranegg.

Die Bibel möchte ich mit der Natur vergleichen: sie birgt eine Fülle von Schätzen, gehobene und ungehobene. Jahrhunderte hindurch hat sie den Menschen Erhebung, Trost und Freude gespendet, je tiefer wir in sie eindringen, desto mehr empfangen wir.

Die Bibel gleicht jenem wundersamen Mädchen, welche» für Jeden eine Gabe bereit hat. Dichter und Denker, Maler und Bildhauer, Könige und Geringe im Reiche deS Geistes, Greise und Kinder haben aus diesem ewigen Reichthum geschöpft, und im Mittelpunkte dieses Strahlenkreises steht die Gestalt deS Unvergleichlichen, welcher die große Macht der Liebe an die Stelle der Rache fetzte, der die trotzigen Herzen der irrenden, leidenden Menschen nicht zerbrechen, sondern erweichen wollte und die Schaar seiner Jünger au- den Reihen der Mühseligen und Beladenen erwählte. Von diesen AuSerwahlten treten uns drei besonder-klar entgegen: Johanne-, PetruS und JudaS.

Der edle, sauste Johanne- war der Jünger, den JesuS lieb hatte, aber nicht ihm vertraute er die Schlüssel des Himmelreiche- an, noch verlieh er ihm die Macht, zu binden und zu lösen.

Petrus, jener so oft Irrende, den die Evangelien und Legenden häufig al- zweifelnd, unzufrieden, ja eigensinnig schildern, er war derFelsen", auf welchen Christus seine Gemeinde baute, und er vergalt das Vertrauen seines Herrn damit, daß er ihn, den er liebte, verehrte, und dem er nach« zueisern gelobt hatte, verleugnete.

JudaS stand JesuS nicht so nahe, er trat nicht mit hervorragenden Eigenschaften auS dem Kreise der Jünger heraus, allerdings ist auch nichts von feinen Fehlem und Jrrthümerrr bekannt, welche auf Abfall und Verrath hätten

Hinweisen können, aber dem Verbrechen folgte die Zerknirschung unmittelbar und mit dem Sündeulohn warf er voll Ber- zwe'fluug sein entweihtes Leden von fich.

Petrus hingegen legte sich keine Buße auf, fein Ver­gehen fand keine Strafe, die Apostel entzogen ihm ihre Freundschaft nicht und heute noch nennt fich der Papst den Statthalter Petri, JudaS richtete fich selbst und fand keine Gnade.

JesuS, dieser größte aller Menschenkenner, erkannte in Petrus den echt menschlichen Character, leicht begeistert, von edlen Vorsätzen erfüllt, strauchelnd und fich muthig wieder erhebend. Jene Meerfahrt der Jünger kennzeichnet ihn: Getrieben von Begeisterung schwang er fich auS dem Schiffe, dem über die Wogen wandelnden Herrn entgegen und auch er schritt über daS Meer dahin, getragen von seinem Glauben, da sah er einen Sturm nahen, kleinmüthig begann er zu finken und rief die Hilfe dessen an, dem er zu folgen gewillt war, und er wurde gerettet. Der Zweifel ließ ihn unter- gehen, der Glaube hob ihn wieder empor.

Für unS Menschen wirken fehlerlose Vorbilder oft lähmend aus daS Selbstvertrauen, sehen wir aber einen Irrenden unermüdet wieder dem rechten Wege zustreben und ein hohes Ziel erreichen, so tröstet unS sein Beispiel iuAugen- blicken der Entmuthigung. Dennoch muß man fich fragen, ob jene Thränen, welche Petrus vergoß, eine hinreichende Buhe für seine niedere Feigheit waren, deren er fich schuldig machte, trotzdem er gewarnt war, und obgleich er warmherzig betheuert hatte, JesuS in unwandelbarer Treue ergeben zu bleiben und wenn Alle an ihm zweifelten, ihm treu zu bleiben undwenn er mit ihm sterben müßte." Wärme, jene treibende, Leben erweckende Kraft, mag zuweilen zur Lauheit herabfinken oder in aufflackernden Flammen zerstörend wirken, niemals aber kann fie die ertödtende, vernichtende Gewalt der Kälte haben und diese beiden Erscheinungen traten in den Jüngern hervor. Kalt blieb daS Herz deS VerräthetS während der prophetischen Worte bei dem Abendmahl, kühl und heuchlerisch

klang seine Frage:Herr bin ich eS?" Unter jenen milde» Augen, welche ihn erkannten, ohne ihn zu verbannen, form er auf Verderben, nahm Lohn von den Verfolgern seines Herrn und verrieth ihn mit einem Kusse, dem Symbol der Liebe. PetruS aber folgte in Angst und Sorge, ganz allein, ohne an seine eigene Gefahr zu denken. Er mußte Christus nahe sein, und während sorgende Liebe ihn erfüllte, überwand ihn feige, selbstische Schwäche, aber schon in dem Krähen be» Hahne» drang die Stimme seine» Herrn in fein schwaches, heißes Herz und bittere Reue erfüllte ihn. Während eine Reihenfolge schlechter Gedanken und Handlungen, wohl ersonnen nud erwogen, nur durch den Verrath de» JudaS geschloffen wurde, ließ keine Aufwallung ihn sündigen, sondern eine solche machte ihn verzweifeln.

An den Psorten deS Paradiese» aber steht nicht mehr ein Engel mit feurigem Schwert, sondern ein Geläuterter, dem menschliche Schwäche nicht fremd blieb, welcher aber in rastlosem Streben der Siege höchster errang, den über fich selbst. Nicht um in mißverstandener Askese fich selbst zu heiligen und eine Eitelkeit mit der anderen zu vertauschen, sondern um befähigt zu werden, seinesgleichen zu dem einzigen Kampfe zu führen, welcher geboten ist, dem gegen die mensch­lichen Leiden und Leidenschasten und dem Lichte folgend, welches die Erde bewegt, erwärmt und erhellt, der Sonne der Liebe.

Es mag in unseren Tagen seltsam berühren, solchen Betrachtungen zu begegnen, welche die Meisten als etwas Langbekanntes anmuthen werden. Die Bibel ist von un­zähligen Berufenen und Unberufenen beleuchtet und verdunkelt worden, Manche sehen auch in ihr nur daS ehrwürdige Denkmal überwundener Epochen. ES gibt aber auch eine große Gemeinde, welche weiß, daß echte Perlen ewig ihren Werth bewahren, daß fie aber ihren Glanz einbüßen, wenn man sie zu lange im festen Schrein verwahrt. Den wirk­lichen Kennern ist e» bekannt, daß Perlen auf der warm pulsirenden Haut des Menschen fich am herrlichsten erhalte«.