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10.10.1897 Drittes Blatt
 
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Nr. 238 Drittes Blatt. Sonntag den 10. Oktober

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Politische Wochenschau.

Zwei europäische Länder haben im Laufe der letzten Woche neue Cabinette erhalten: Griechenland und Spanten. Mit der Bildung des MtutsteriumS ZaimiS in Athen ist die orientalische Frage anscheinend um einen Schritt der Lösung näher gekommen, so daß ein baldiger Abschluß deS definitiven Friedens zwischen Griechenland und der Türket erwartet werden kann. Der griechische Unterhändler, Fürst Maurokordato, ist bereits nach Konstantinopel abgereist, wo er von seiner früheren Thätigkeit her er war längere Jahre Gesandter Griechenlands bei der Pforte in gutem Audenkeu steht und am besten die Jntereffen Griechenlands wahrnehmen kann. Man erzählt, die Türket zeige sich sehr entgegenkommend; das würde nur ihrem bisherigen Ver­halten während deS ganzen Streitfalls entsprechen, wobei sie eiue große Mäßigung an den Tag gelegt har. DelyanniS und die anderen Führer der Opposition haben sich jetzt bereit erklärt, das neue Cabinet ZaimiS zu unrerstützeu, so daß «au anuehmen darf, die griechische Kammer werde den Friedens­vorschlägen ihre Zustimmung geben und insbesondere der europäischen Finanzcontrole nicht länger widerstreben.

In letzter Zeit macht die Kretafrage wieder von sich reden. Raub und Plünderung find auf der Insel an der Tagesordnung trotz der Anwesenheit der internationalen Truppen, die nicht vermocht haben, Ruhe und Ordnung wtederherzustelleu. Man kann eS dem Sultan nicht ver­denken, daß er die Einmischung der Mächte ablehut, umso­weniger, als an den fortgesetzten Unruhen die Christen einen großen Thetl der Schuld tragen, welche am liebsten die Muhamedaner ganz aus Kreta verdrängen möchten.

Spanien hat jetzt wieder ein liberales Regiment, seit­dem Sagasta die Zügel führt. Daß nun auch in den dem­nächst neuzuwählenden Cortes eiue liberale Mehrheit erscheinen wird, ist so sicher wie daS Amen in der Kirche. Denn jede Regierung sorgt mit allen Mitteln dasür, daß sie im Madrider Parlament die Majorität besitzt. UebrigevS lauten die Nach­richten auS Spanien jetzt sehr optimistisch; Sagasta scheint der sicheren Erwartung zu sein, auf Cuba die Ordnung wiederherstellen zu können. Zu diesem Zweck hat der Minister­rath der Insel die Autonomie gewährt, aber den Fortbestand der Souzeränetät Spaniens ausdrücklich betont. General Wehler soll abbrrufeu und durch General B'ancS ersetzt werden, welcher den Auftrag hat, die brschlosienen Reformen zur Ausführung zu bringen. Hätte man schon längst das System der Grausamkeit und Ausbeutung aus Cuba abge­schafft, so würde man viel Menschenleben und großen Verlust au Nationaleigenthum erspart Haden. Der wirrhschaftliche Niedergang Spaniens wäre nicht so groß geworden, daß eS fraglich erscheinen muß, ob auch Sagasta in der Lage ist, die inneren Verhältnisse seines VaierianceS zu saniren. Etwas wird hierzu schon beitragen, daß das Selbstvertrauen wehr

und mehr wtederkehrt und daß anscheinend ein Confliet mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika auSgeschloflen ist.

Kritisch liegen fortgesetzt die Dinge in Oesterreich, wo Scandalscenen im Abgeordoetenhause an der Tages­ordnung find und immer wieder auf den Natioualitäteohaß zurückzuführen find. Zu Beginn dieses Jahres, als Graf Badent die Unmöglichkeit einsah, mit dem Parlament weiter zu regieren, reichte er sein EntlaffungSgesuch ein, welches leider nicht genehmigt wurde. Heute dürfte er wieder vor derselben Nothwendigkeit stehen, da die slavisch clericale Coalition im ReichSrathe auseinander zu gehen droht, womit die Regierungsmehrheit, welche Badent mit so vieler Mühe geschaffen hat, wieder zerstört werden würde. Jedenfalls liegen die Verhältnisse zur Zeit in Oesterreich äußerst schwierig, eine baldige völlige Systemveränderung erscheint dringend geboten.

Bei uns in Deutschland beginnt fich daS politische Leben wieder mehr bemerkbar zu machen. Der BundeSrath hat seine Sitzungen von Neuem ausgenommen, womit die Ge- setzgebungSmaschtne wieder in Gang gebracht worden ist. Wenn auch über den Termin deS RetchStagSbeginuS noch Nichts verlautet, so wird aber doch schon gemeldet, welche Vorlagen dem Reichsparlameute zugeheu sollen und welche nicht. Zu den letzteren gehören die VerficherungSnovelle und die Strafprozrßnovelle. Um dem allgemein hervorgetretenen Wunsch nach einer Ergänzung der strafrechtlichen Bestimmungen einigermaßen gerecht zu werden, soll dem Reichstag ein Ge­setzentwurf über die Entschädigung unschuldig Verurtheilter vorgelegt werden, der dem BundeSrath bereits überwiesen worden ist und von diesem voraussichtlich auch gebilligt werden wird. Im Uebrigen scheint die Regierung die Absicht zu haben, auf einzelne Wünsche deS Volkes mehr einzugehen. So soll ja, wie bereits gemeldet wurde, der Flottenbauplan nach seiner endgiltigen Feststellung der öffentlichen Kritik unterbreitet werden, und jetzt verlautet sogar, daß auS eigener Initiative der verbündeten Regierungen dem Reichstag ein Gesetzentwurf zugeheu soll, der das Verbot der Verbindung politischer Vereine unter einander aufhebt. Freilich hätte die Regierung diese« Ziel bequemer erreichen können, indem sie einfach der betreffenden Resolution deS Reichstags zustiwmte, aber wir find schließlich zufrieden, wenn auf anderem Wege jene veraltete Bestimmung aus der Welt geschafft wird.

Noch immer nehmen die Besprechungen über die Marine­baupläne einen breiten Raum ein, noch lebhafter wurde aber in der abgelausenen Woche die Frage behandelt, wie oft Reichskanzler Fürst Hohenlohe bereits sein EntlaffungSgesuch eingereicht habe. Ein Blatt hatte gemeldet, daß die- schon dreimal der Fall gewesen sei, worauf ein Demrntiren in der Prrffe entstand, daß eS nur so eine Art hatte. Wir wollen unS hier aller Erörterungen enthalten und ruhig abwarten, was die nächste Zeit bringt. Da selbst offic ös bediente Blätter zugebeu müffeo, daß bezüglich des Schicksals der

Militärstrafprozeßreform noch Alles unklar und unficher liegt, so wollen wir auch diese Frage hier nicht entscheiden. Die Angelegenheit soll ja an einer Stelle liegen, auf welche ei« Einfluß von außen her nicht auSgeübt werden kann, (xx)

Deutsche» Reich»

Zehnte General-Versammlung des Evan­gelischen Bundes zur Wahrung der deutsch- protestantischen Interessen in Cref.'eld. Den Abschluß deS 6. October bildete ein öffentlicher Festabend i« großen Saale der Stadthalle. Nachdem das Lutherlied, von der Festversammluog stehend gesungen, unter Orgel- und Posaunenbegleituug durch den Saal gebraust war, begrüßte der Vorsitzende, Pfarrer Lic. Eoerltng (Crefeld) die Ver­sammelten. Es folgten Vorträge der Gesangabtheiluug des Evangelischen Bürgervereins und des PosaunenchorS des Evangelischen Jüngltngsvereins, darnach eine Ansprache deS Frhru. v. Plettenberg-Mehrum über die Bedeutung des Evan­geliums und de« deutschen Protestantismus für unser Staat»- leben. Der Redner schilderte in großen geschichtlichen Züge» die Entstehung deS PapstthumS und des heil, römische« Reiches deutscher Nation, dem er als Gegeubild die Ent­wicklung des brandenburgisch-preußischen Volke» und daS neue deutsche Reich unter einem protestantischen Kaiser gegeuüber- stellte. Infolge deS fortwährenden Andranges war in­zwischen der anstoßende Theatersaal geöffnet worden, und eia Theil der Ansprachen wurde nun auch dort gehalten. I« Hauptsaale sprach zunächst Pfarrer Kremer» (Kirchenbollea- bach) und schilderte den UltramontaniSmuS als die schwerste Gefahr für unser Volk; denn die Socialdemokratie könne schließlich doch innerlich überwunden werden, der Ultramon- tantSmu» sei unheilbar, und die stramme Organisation der Socialdemokratie vur ein Spinngewebe gegenüber den eiserne» Ketten, mit welchen der PapiSmuS durch die religiösen Bruder­schaften die Gewtffen der Gläubigen unfehlbar binde. I« Nebensaale redete Profeffor D. Haupt (Halle) über den Un­glauben als die größte Noth der Zeit, eine Ansprache, die er auf allseitigen Wunsch schon zu vorgerückter Zett auch im Hauptsaale wiederholte. Er zeigte, wie der Unglaube nicht dlos im Materialismus besteht, sondern wie eS auch eiue Form giebt, wo er genau so ausfieht wie der Glaube, w» er himmlische Ziele mit irdischen Mitteln verfolgt. Dadurch werde tu der römischen Kirche die ganze Scclenpflege im Beichtstuhl nur zu einem Mittel für äußere Macht. Dem gegenüber müffe der Glaube eine persönliche That de» Ein­zelnen werden. In der römischen Kirche glaubte die Kirche, und der Einzelne habe sich nur von der Kirche leiten zu lassen. DaS stumpfe die Gewissen ab, und deshalb war der Aus­gangspunkt der Reformation die Wiedererweckung des Ge­wissens. Alle scheinbaren Niederlagen deS Christenthum» sind Siege geworden, denn durch Christum ist erst der Glaube

Feuilleton.

Seine kleine Cousine.

Bon Michel Triveley.

(Fortsetzung.)

Die Hand im Wasser, stand daS junge Mädchen da und dachte nach.

Also Jean sollte fich verheiratheu.

Seit den zwei Jahren, die fle im Hause der Tante war und für ihn sorgte und schaffte, hatte er nicht» gesehen, nichts erratheo.

9tin, geht» besser?" fragte Madame Clodat, al» Alice noch immer nicht zurückkam.

»Ja, liebe Taute; es ist gut. Noch ein bischen Heft- Pflaster, und es ist nichts mehr zu sehen."

In der That war der kleine Verband in einer Minute gemacht und Alice eilte wieder nach dem Eßzimmer.

Die beiden Damen saßen wie gewöhnlich am Tisch, mit tirct Handarbeit beschäftigt.

ES herrschte eine Weile Schweigen, das Madame Clodat -«erst unterbrach.

»UebrigeuS, liebe Alice, ich habe Dir etwas zu sagen."

»Was denn, liebe Tante."

Wegen Deines Verhaltens, daS Du Jean gegenüber «ach feiner Berheirathung anuehmen mußt. Ich habe Dir biis jetzt nichts gesagt, denn ich hielt die Sache für unwichtig, d,a Du ja noch ein Kind warst . . . Doch jetzt gehst Dn im Dein zwanzigstes Jahr und da ist eine größere Zurück- Haltung erforderlich"

Alice riß erstaunt die Augen auf.

Jawohl Du dutztest bisher Deinen Vetter mich gentrt es ja nicht, aber eS kann seiner Brau; doch un­angenehm sein."

Ich werde Jean nicht mehr dutzen, liebe Tante."

Du redest auch zu viel mit ihm. Du fragst ihn nach allem Möglichen. Manchmal streitest Du Dich sogar mit ihm herum. Allerdings antwortet er Dir mit der größten Zuvorkommenheit . . und ich gestehe Dir sogar, daß er fich im Allgemeinen nicht bei Deinem Gesrwätz zu langweilen scheint . . . Aber daS ist gleich, Du mußt den Schein wahren . . Ich möchte um keinen Preis, daß Fräulein Henriette, wenn fie hrrkommt, finden würde, daß Du im Hause meinem Sohne gegenüber eine Stellung eiunimmst, die Du in Wirklichkeit nicht hast."

Schön, liebe Tante I"

Und hüte Dich namentlich, Fräulein Henriette al» Deinesgleichen zu behandeln. Wenn fie die Frau meine» Sohnes wird, hat fie von Deiner Seite Rückfichten zu bean­spruchen."

Ja, liebe Tante!"

Gut, liebe Taute! . . . Ja, liebe Tante! Du gibst Deine Antworten mit einer Miene deS Widerspruch», liebe Alice, die durchaus nicht am Platze ist. Diese Heirath scheint Dir zu mißfallen? Soll Jean Dich etwa nm Deine Meinung fragen?"

Obwohl die arme Alice fich vorgenommen hatte, ihren Lummer nicht zu zeigen, brach fie doch bei den letzten Worten ihrer Tante in Schluchzen auS.

So! Jetzt weint fie auch noch! Ach, diese kleine GanS!"

Und als die Thränen nicht aufhörten, fuhr fir fort:

DaS Fräuleln ist heute Abend nervös, wie scheint ganz wie ein reiches junge» Mädchen! Na, wie Du willst, meine Kleine, wie Du willst! . . E» ist zehn Uhr, ich gehe zu Bett . . Wenn Du Dich beruhigt hast, kannst Du e» ebenso machen. Und wenn Dein Vetter nach Hanse kommt und Du zusälligerweise noch wach sein solltest, schicke ihn zu mir. Ich möchte wissen, wie die Sache ab- gelaufen ist."

Dann warf sie noch einen letzten Blick auf da» arme Siud:Noch immer weinen! Na, das werden wir aber gründlich ändern."

In diesem Augenblicke befand fich Jean auf dem Heim­wege von den Duboi», und zwar in ziemlich schlechter Laune.

Ist daS nicht albern," sagte er fich, seine Sigarrette rauchend,alles ging so gut! . . . Ich war fest entschlossen und brauchte nur daS entscheidende Wort zu sprechen. Da stockte ich im letzten Augenblicke, als ob eine höhere Macht mich gezwungen hätte, auf meine Pläne zn verzichten."

Sine Sekunde blieb Jean stehen, um fich eine neue Eigarrette anzuzünden. Dann fuhr er in seinem Mono­loge fort:

Aber waS habe ich diesem jungen Mädchen den« vor­zuwerfen? Nicht». Sie ist reizend ... Und vielleicht hätte fie mich glücklich gemacht ... Ja, vielleicht . . . Aber gerade dasVielleicht" ist sehr gefährlich, und wenn eS fich nm eine Heirath handelt, sollte man nicht vielleicht" sagen."

(Schluß folgt.)