Vellerhof erhielt Wolff (natl.) 180 und Kellerhoff (Ltr.) 64 Stimmen. Wolff ist somit gewählt.
Hamburg. 6. October. Der soetaldemokratische Parteitag setzte heute Vormittag seine Berathuogeu fort. Abg. Liebknecht trat in der Debatte über die Retchfltagß- Wahlen für eine lebhafte Agitation tu Polen etu. Abg. Schippel-Berlin ergriff sodann da« Wort, um sich gegen die ihm gewordenen Angriffe zu vertheidigeo wegen seiner Stellungnahme hinsichtlich der Bewilligung der neuen Feldgeschütze. Aus weitere Angriffe gegen Schippel antwortete Abg. Auer Namen« der Parteileitung und in demselben Sinne vertheidigte auch Liebknecht da« Verhalten der Fraction gelegentlich der Bewilligung der neuen Schoellfeuergeschütze in der Budget« Commission bei Reichstage«. Der Streit unter den Social« demokraten tu Solingen, welche zwei einander bekämpfende Blätter besitzen, wurde durch den Rücktritt Schumachers von der Landidatur und durch die Vereinigung der beiden Organe erledigt.
Hamburg. 6. Oktober. In der heutigen Nachmittags« sitzuug del socialdemokrattschen Parteitage! er« stattere Abg. Bebel das Schlußreferat über die Vorberathung für die nächsten Reichstag-Wahlen. Hierauf wurde deschloffen, daß für die Wahlagitation der Partei ein Bericht über die Thätigkeit des Reichstage- in seiner letzten Legislaturperiode heranSgegeben werden soll, ähnlich wie die! 1890 geschehen ist. De- Weiteren erklärte sich der Parteitag gegen die Aufstellung von Doppelcavdidaturen, welche in solchen Wahlkreisen vermieden werden sollen, wo die Wahl eine- Candtdaten möglich ist. Schließlich gelangte die gestrige Resolution Bebel unverändert zur Annahme. Desgleichen wurden zwei Amende« mentS Katzensteio angenommen, die dahin gehen, daß der Candidal der fremden Partei, für welchen die Socialdemokraten in der Stichwahl eintreten sollen, darauf verpflichtet werde, gegen jede Erhöhung des stehenden Heeres und der Marine zu stimmen, sowie die Einschränkung de- Arbeiterschutzes und der Berficherung-gesetzgebung nicht zu gestatten. Abg. Förster erstattete Bericht über die Maifeier 1898 und brachte eine Resolution zur Annahme. Am Schluß der Sitzung berichtete Molkenbuhr über den Arbeiterschutz«Coagreß in Zürich.
Coburg. 6. October. Der russische Minister de« Auswärtigen, Graf Murawjew, trifft am nächsten Freitag hier ein.
Wie«, 6. October. In ganz Oesterreich-Ungarn ist starker Frost und Schneefall eingetreten. Aus vielen Gegenden werden Verkehrsstörungen gemeldet. Inden Weinbergen ist großer Schaden angerichtet.
Bruffel, 6. October. Die Bergwerke lehnten die Forderung de« Lütticher Bergarbeiter CongreffeS auf eine löprocentige Lohnerhöhung ab, sodaß der Ausbruch eines GeneralstrikeS am 1. November erwartet wird.
Newyork, 6. October. Die Zurückberufung de- Generals Wehler von Euba wird hier mit Ungeduld erwartet. In den hiesigen Handelßkreisen ist das neue Ministerium mit großer Befriedigung begrüßt worden, da man sicher ist, daß oer Aufstand auf Cuba bald ein Ende nehmen und die Insel durch die liberalen Ideen des jetzigen Ministerpräsidenten die Autonomie erhalten werde.
Berlin. 7. October. Auch die „Berl. Polit. Nachr." erklären, e« sei völlig aus der Luft gegriffen, daß der Reichskanzler Fürst Hohenlohe schon dreimal seine Entlastung erbeten habe. Weiter besagt die Correipondenz, daß daS preußische StaatSmiuistertum sich gestern mit der Floltenfrage beschäftigt habe.
Berlin, 7. October. Die Verhandlungen zur Beilegung deS FormerstrikeS, die zwischen der Firma Borsig und ihren Arbeitern stattfanden, find, wie in der gestrigen Versammlung der Metallarbeiter mitgetheilt wurde, nicht zu Ende geführt worden. Die Firma hat sich eine end- gütige Erklärung bi« SamStag Vorbehalten.
BreSlan, 7. October. Die hiesige Strafkammer ver- urthrilte den Kaufmann Max Kaplan, Inhaber der in ConcurS befindlichen Firma Kaplan u. Comp., wegen Wechsel- fälschungeu im Betrage von 400,000 Mk. zu vier Jahren Zuchthaus.
Wien. 7. October. Der gemeinsame Minister- rath unter dem Borfitz des Kaisers findet am Sonntag statt. Uebereinftimmeud gestehen die Mehrheitsparteien ein, daß durch den Sprachenantrog Dipauli eine Krise innerhalb der Rechten entstanden sei.
Brüssel, 7. October. Die Verhaftung der Frau eines hohen Staatsbeamten, welche unter dem Verdacht steht, Mitglied einer Diebesbande zu fein, erregt hier großes Aussehen. Die Verhaftete besorgte den Verkauf italienischer Werthpapiere.
Athen, 7. Oktober. Gestern wurden die Gesandten der Mächte angewiesen, mit der griechischen Regierung die Verhandlungen über die Ausführung der Friedens« dedivguugen zu beginnen. Der deutsche und der englische Gesandte weilten wieder längere Zeit bei dem Finanz« Minister.
8. Darmstadt. 7. Oktober. Der König von Siam ist gegen halb 12 Uhr hier eingetroffen. Ec wurde am Bahnhofe von Kaiser Nikolaus und dem Großherzog em- psangen und fuhr sodann nach dem neuen Palais.
Schwurgericht.
W. Gießen. 7. Oktober. Verhandlung gegen den Keffelschmied Georg Everl von Schwetzingen wegen TodtschlagS, TodtschlagSversuch und gefährlicher Körperverletzung.
Fortsetzung auS dem Zweiten Blatt.)
Heute Morgen wurde zuerst der Verletzte PH. Seck- inger al! Zeuge vernommen, derselbe giebt an, er sei am Abend der Kirchweih angetrunken gewesen, er habe drei ver« letznngen bei der Affaire bekommen. — Die Kur sch Eh>- fr an von Rödgen bestätigt, daß, al« fle mit ihrer Schwester
und der Oehm am Tische geseffen, der Angeklagte der Oeh« zugerufen, „wenn Du aufstehst, bist Du eine Leiche." Sie habe nicht gehört, daß Euer« beschimpft worden sei. Als ihr Vater, der alte Seckinger, die Stiche erhalten, habe fie den Tanzplatz verlassen. — Die Fr iedrtch Hofmann Ehefrau von Schwalheim sagt, als der Angeklagte sichtbar wurde, habe die Oehm ihr, der Zeugin, ängstlich gesagt, fie wolle nach Hause. Inzwischen sei der alte Seckinger gekommen und habe den EoerS mit den Worten angeredet „waß willst Du von meiner Tochter", dabei wurde von Seckinger dem EoerS die Hand auf die Brust gelegt.
Anna Rühl von Rödgen war dabei als der alte Seckinger dem EoerS einen Stoß gab. EoerS sei dann im Gang nach dem Tanzboden zu gegangen. Seckinger ging hinterher, hier müsse der S'.ich erfolgt sein, denn eS habe kurz nachher geheißen, dieser sei gestochen.— Ed. Scheurich von Friedberg war ebenfalls dabei, als die Drohung gefallen. — Fr. Klee von Friedberg hat genau beobachtet, wie der Angeklagte nach dem Tanzboden zu ging, gefolgt vom alten Seckinger. Da sah der Zeuge, wie Evers mit der Hand eine Bewegung nach hinten zu machte, und darauf hieß es, Seckinger fei gestochen. — Wtlh. Müller von Schwalheim will gesehen haben, daß Evers auf dem Gange nach dem Tanzplatz das offene Messer aus der Tasche gezogen und dann hinter sich mit demselben gefuchtelt und dabei dem Seckinger die Stiche versetzt. EoerS ist ruhig dabei weiter gegangen. Der Zeuge hat den Bürgermeister kommen sehen, aber nicht beobachtet, wie dieser verletzt wurde. Der Zeuge hat gesehen, wie, nachdem der Bürgermeister gestochen war, Evers ordentlich geprügelt wurde, wer denselben verhauen, kann er nicht sagen,- er hat später gesehen, wie EverS sich eilig entfernt hat,- derselbe hat geblutet. — Gg. Krauch von Rödgen schildert den verstorbenen Bürgermeister al« einen tüchtigen, energischen Mann, er hat manchen Streit geschlichtet. Die verwtltwete Fran Bürger« meister Hartmann ist schon feit zehn Jahren krank, der Ehemann wäre in seinem Haushalt noch recht lange sehr nöthig gewesen. Der Verlebte bat da« Vertrauen der ganzen Gemeinde besessen. Diese« Urthetl über Hartmann wird von anderen Zeugen voll unb ganz bestätigt. (Fortsetzung folgt.)
CoceUs unO proHiQktkfo
Gieße«, den 7. October.
* • Empfang. Seine König!.Hoheit der Großherzog empfingen am 6. October u. A. den Professor Dr. Speogel, Rector der Landesoniverfität Gießen.
• • BeamtenbesoldungSgefeh. (Telephoumeldung.) Sicherem Vernehmen nach hat der Finanzausschuß der zweiten Ständekammer mit Majorität beschlossen, in die Beraihung bei von der Regierung vorgelegten Beamtenbesoldungsgesetzes nicht einzutreten.
Ernannt wurden am 29. September l. I.: 1) der Heinrich Appel von der Weidwühle bei Eichrnrod zum Forst- wart der Forstwartet Gehespitz, Oberförsteret Mitteldick, 2) der Georg Spam er au« Schotten zum Forstwart der Forstwartei Vadenrod, Oberförsterei Vadenrod.
• * Militardienstnachrtcht. Faulsttch, Zahlmeister vom 3. Bataillon Infanterie Regiment« Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, auf seinen Antrag mit Pevfion in den Ruhestand versetzt.
• • Schuldienst-Nachrichten. Am 21. August wurde dem SchulamtSaSpiranten Franz Haber aus Darmstadt eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Dorheim, Kreis Friedberg, — an demselben Tage wurde dem SchulamtlaSpiranten Wilhelm Sacks auS Walo-Michelback die 2. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Rockenberg, KreiS Friedberg, übertragen- — am 25. August wurde der von dem Herrn Grafen zu Erbach-Fürstenau auf die 1. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Rothenberg, Kreis Erbach, präsentirte Schulverwalter Johann Friedrich Ku back zu Habitzheim für diese Stelle bestätigt- — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Georg Kalbfleisch zu Landenhausen eine Lehrer« stelle an der Gememdeschule zu Butzdach, Kreis Friedberg, — am 6 September wurde dem Schullehrer Matthias Lamberth zu Dexheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ober-Olm, Kreis Mainz, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Georg Heinrich Seibert zu Würz« berg die Lchrerstelle an der Gemeindeschule zu Etchenro", Kreiß Lauterbach, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Carl Jüngst zu Etchenrod die 2. Lehrerstelle an der Ge- meindeschule zu Würzberg, Kreis Erbach, — an demselben Tage wurde dem SckulamtSaSpiranten Dito Lentz auS Aulendiebach die Lchrerstelle an der Gemeindeschule zu Rebge«« Hain, KreiS Schotten, — an demselben Tage wurde der SchulamtSaSpirantin Margaretha Volk auS Groß-Steinheim eine Lehrerinnenstelle an der Gemeindeschule zu Bieber, KreiS Offenbach, — am 15. September wurde dem Schulamts- aSptranten Ludwig Dem au« Rockenberg eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ulfa, Kreis Schotten, Übertragen- — an demselben Tage wurde der von dem Herrn Grafen zu Erbach-FÜrstenau auf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Kailbach, Kret« Erbach, präsentirte Schul« amlSaSpirant Wilhelm Bet sch aal Hohenstedt für diese Stelle bestätigt- — am 18. September wurde dem Schul« amtSa-piranten Wilhelm Uhl au« Michelnau eine Lehrer« stelle an bet Geweinbeschule zu Angenrod, KreiS AlSseld, — an demselben Tage wurde dem SchulamtSaSpiranten Johannes Klein au« Gau Obernheim eine Lehrerstellen an der Gemeindeschule zu Jügelheim, Kreis Offenbach, — an demselben Tage wurde dem SchulamtSaSpiranten Johann Müller au« Zotzenbach eine Lehrerstelle an der Gemeinde« schule zu Kirtorf, Krei« AlSseld, übertragen.
•♦H. Stadltheater. Der gestrige Abend bot eines der besten deutschen Lustspiele, eine« der Meisterwerke Lessing»: „Minna von BaruHelm". Dieser klassischen Schöpfung, welche schon mehrere Aufführungen hier erlebte (so zuletzt auf Anregung deS htefigeu Theaterverein- in wuftergiltiger Weise durch da- Frankfurter Stadttheater-Ensemble), widerfuhr auch diesmal die Seuugthuung, daß ein gut besetzte»
HauS sich daran erfreute, lieber die Wiedergabe durch die heimischen Kräfte läßt fich in der Hauptsache nur Gote« berichten. Die Besetzung der Rollen war eine glückliche, die Eiustudirung zeugte von Sorgfalt und die Regie waltete ihres Amte« mit Umficht und Geschick. WaS nun die Einzel- leistungen betrifft, so sei mit Lust der Vertreterin der Hauptrolle deS Stückel, Frl. Marie Marloff, gedacht. Die junge Dame, von der wir gestern zum ersten Mal in einer größeren Rolle Proben ihre- künstlerischen Talenti sehen konnten, ist auf dem besten Wege, der Liebling unseres Theaterpublikuw« zu werden. Ihre „Minna von Barnhelrn" vereinigte all die Vorzüge, die da- Gesagte gererechtfertigt erscheinen lassen: eine reizvolle, aornuthige Erscheinung, ein sympathischer Wohlklang der Stimme und ein feine- verständniß für die Ad- ficht de- Dichters, da- stet- den richtigen Ton zu finden weiß. Die noch auszugleichenden Lücken werden bei dem Eifer und Streben der Künstlerin fich in nicht zu ferner Zeit verlieren. Eine solche Lücke störte besonder- in der Schlußscene mit Tellheim im letzten Acte, und efl ist schade, daß dadurch die auf den Effcct de- Ganzen berechnete Wirkung so sehr abgeschwächt wurde. Ob efl wohl an dem Spiel ihre« Partner« lag, von dem in dieser Scene da« Gleiche zu sagen ist — ich wage nicht zu entscheiden. Der „Major von Tellheim" de- Herrn Boehm war im großen Ganzen eine verdienstvolle Leistung. Die Wiedergabe sowohl de- in seiner Ehre getrantten Soldaten, wie die Leidenschaft befl Liebhaber« war eine ganz vorzügliche. Wohl ist zu wünschen, daß Herr Boehm mit noch mehr Feuer die Extasen der Liebe ausgestalten möge, er wird dadurch nur gewinnen. Da« Kammerkätzchen „Franziska" des Frl. von Winterstein bekundete all die Vorzüge, die diese Rolle zum Gelingen nöthig hat: Munterkeit, Grazie, Naivität. Besonders die Scenen mit dem neugierigen Wirth waren von bester Wirkung. Der „Just" des Herrn Forsch war ein Brdienter von echtem Schrot und Korn. Die Rolle des Wirths, gegeben durch Herrn Doser, hätte mehr gewonnen, wenn fie weniger zappelig durchgeführt worden wäre. Der Charakter diese» Wolf« im Sckaskleide kann nur durch markante Gestaltung zu voller Geltung gelangen. Einige Momente gelangen dem Künstler recht gut und gaben überzeugende Proben eine« durch Studium außretfenben Können«. Der Wachtmeister Werner des Herrn Fritzschler war kernig, in bestimmter Form angelegt und gut durchgeführt. Herrn Liebscher lag die Rolle deS Riccaut de la Marlimäre nicht besonder«, trotzdem führte er dieseselbe zufriedenstellend durch. Dieser schwierige Part fordert zum guten Gelingen die Geschmeidig- kett und vollendete Courtoisie eines franzöfischen Höfling- in Haltung, Sprache und Geberden. Al- „Dame in Trauer" erschien wirkungsvoll Frl. Hervad, allein fie sprach zu leise. — N.cht nur die zahlreich vertretene begeisterung-fähige Jugend, auch alle übrigen Anwesenden zollten nach jedem Actschluß reichsten Beifall.
Stabtiheater. Die Aufführung de« neuen Niemann 'schen Lustspiele- „Wie bte Alten sungen" findet am Freitag ben 8. October statt.
** Von dem Sammeln von Anfichtlkarten kann man wohl behaupten, daß durch diese Anfichtflkarten, die auf dem schmalen Raume einer Correspondenzkarte die Schönheiten einer Gegend, zumeist in reckt schmeichelhafter Form, wiedergeben, da« Reisen im Allgemeinen insofern eine neue Nliacce gewonnen hat, al- kein Mensch mehr, der unterwegs ist, einen regelrecht ausgewachsenen Brief schreibt, man greift zur Anfichtlkarte- angeblich damit der, welcher zu Hause bleiben mußte, doch „auch etwa- davon hat" und daß er bte prächtige Gegend, in der fick bet Andere gütlich thut, wenigsten« im Bilde mit« genießen könne. In Wahrheit aber ist die Ansichtskarte, wie ein Wiener Blatt richtig bemerkt, nichts anderes, al« ein geschickt maflkirter „Faullenzer". Ihr schmaler, von Bildern garnirtcr Raum genügt gerade für die Worte: „Mir geht eö gut, zwei Kilo Gewicht verloren, Du hoffentlich auch, Nähere« brieflich." Dieses „Nähere" bleibt eben gewöhnlich aus, unb eß folgen nur wieder Ansichtskarten mit neuen Gewichtsabnahmen unb neutn Zusagen, die nicht gehalten werden. Da- bunte Blatt ist heute überall zu Hause, in der Stadt im tiefsten Thale, auf höchster Höhe, zu Wasser und zu Lande, und in der Reisesaison ergießen fich von den berühmten „sckönev Punkten" wahre Sturzbäche von farbigen Ansichtskarten über die daheimgebliebene Mehrheit, welche die Briefträger zum stillen Wahnsinn bringen, da sie die Zahl der abzugebeuden Correspondenzen in« Ungemessene steigern. Die Genesis dieser papierenen Stnrzbäche kann man am Besten an den Endstationen unserer Gebirgsbahnen wahrnehmeo. Der Zug ist auf der Höhe angelangt, die Waggons entleeren fich, aber fast Keiner denkt an da« Herr- liche Panorama ober an« Essen. Alles stürzt zuerst in da» Hotelbüreau, kauft Anfichtflkarten unb schreibt krampfhaft, daß man nächsten« wieder schreibe. Und welche Karten gehen da öfter in die Welt! Da eß ja so schwer ist, die Majestät eine- Gebirgßpanorama« oder den Ausblick auf eine viel« thürmige Stadt in den Raum weniger Zentimeter einzufangen, so begegnen un« auf den Ansichtskarten Bilder, bte an bte Phantasie des Empfänger» große Anforberungen stellen. Mächtige Berge sehen wie verunglückte „Guglhupfe", grüneudi Thaler wie eine kleine Strafportion Spinat auß, während welthistorische Sckloßruinen sich wie außer Aeiivität gesetzte Kachelösen au-nehmen. Seit einiger Zeit allerdings ist i» die äußere Ausstattung der Anfichtflkarten ein wirklich künstlerischer Zug gekommen, da« dargestellte Object ist mit Treue wiedergegeben, maß früher nicht immer bet Fall war, und so gewinnt bie Karte thatsächlich ein Interesse, ba« fich nunmehr zu einem viel betriebenen Sammelsport heraus- gewackien bat.
•• Falsche Zwavzig-Markstncke find in letzter Zeit ausgetaucht. Sie sind ben echten Münzen ziemlich gut nachgebildet unb nur bei genauer Prüfung al» falsch zu erkennen. Sie haben ba« Gewicht bet echten Münzen, find auß einer Mischung von Kupfer und Blei mit starker Vergoldung hergestellt, tragen daß Bildniß Kaiser Wilhelm» I.,
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