Ausgabe 
8.1.1897 Zweites Blatt
 
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von dem absehev/ was nicht absolut uöthig- er stehe betr. der V.chmarktverlegung auf demselben Standpunkte wie früher, eS liege keine Nothwendigkeit zur Verlegung vor. Der Verkehr über die Lahnbrücke vollziehe sich in den frühesten Morgenstunde«, der Abtrieb geschehe succesfive. Für Zuchtvieh seien Stallungen überflüssig, für Schlachtvieh seien die vor­handenen hinreichend. Im Falle Eintretens einer Seuche auf dem Blehhofe werde der ganze Markt brachgelegt, der­artige Gefahren solle man doch den Privatstallbesitzern über- laffen- er sei dafür, daß der Beschluß vom 18. Juni auf­gehoben werde.

Herr Dr. Gutfleisch w.ll es dahin gestellt sein lasten, inwieweit die gewissermaßen demagogische Behandlung der Sache von Setten der Gegner des ProjectS die Gemüther in der Stadt beunruhigt und zu falschen Ansichten über den Beschluß vom 18. Juni geführt hat. Er habe die Protest- Versammlung im Letb'schen Saale deshalb nicht besucht, weil deren Tagesordnung gegen den Beschluß der Stadtverord- neten-Versammlurg gelautet habe, sein Eingreifen sei zwecklos gewesen. Formell bedauere er, daß eine nochmalige Ver­handlung, eine Art zweiter Lesung stattfinde, er protesiire auch gegen die Art der Behandlung des Beschlusses vom 18. Juni. Der Beschluß über die Anlage einer Zusahrt- straße auf der Westseite des Bahndammes sei erfolgt, weil die preußische Regierung den Gülerbahnhof dort errichtet, womit schon ein gut Stück Verkehr nach dem Westen verlegt worden. Auch der Bau der Bteberthalbahn erfolge mit Zu­stimmung oer Regierung- weil nun das Gelände des alten Viehmarktes in die Bieberthalbahnanlage hereingezogen werde, müsse der Vikhmarkt an der dortigen Stelle fallen,' dies seien Punkte, welche Do* denen zu scheiden seien, für welche die Stadtverordneten-Veriammlung die Verantwortung zu tragen habe. Daß die Rindvlehmiukte den Verkehr in der Stadt beeinflussen könnten, bestreite er. Der Verkehr liege im Krämer- und Srpweinemarkt und dies sei auch in den Petitionen zum Ausdruck gekommen. Die bisherige Der- Milderung in den Viehmarkt-Verhältnissen, wozu er die Unter- brtvgung des Viehes in benachbarten Orten und den dort» selbst betriebenen Dorhandel rechne, schade dem Marktverkehr sehr, denn eS fehle ihm die Organisation. Mit Verbesserung der Verhältnisse werde sich der Marktverkehr in Gießen con- centriren, ein intensiveres Geschäftsleben platzgretfen. Werde der Markt verlegt, so werde sich der Verkehr auS Norden, Osten und Westen durch die Stadt bewegen, und was den Süden betreffe, so gebe er zu bedenken, daß der Viehhos ja nicht auf den Seltersberg komme, sondern er komme dem Hamm und der Neustadt infolge der neuen Verbtndungs- straßen näher, als man glaube- er glaube, daß der Verkehr in der Stadt mit besseren Verhältnissen auf dem Viehmarkt auswächst. Man müsse nur die Verkehrsstörungen über die Brücke an den Markttagen beobachten, um zu begreifen, daß gerade dadurch die Leute vom Markte fern gehalten würden. Die bisherige Erfahrung lehre, daß die Märkte mit Verboten nicht verschont würden, wenn nur in einem Privatstalle die Seuche ausbreche- öffentliche Stallungen ständen unter Auf­sicht der Behörden und seien infolgedessen und in ihrer Anlage gesicherter gegen Seuchengefahr. Gerade eine Verbesserung unserer Marklverhältnisse werde die Leute veranlassen, ihr Geld in der Stadt zu lassen. Die befürchtete Verschiebung der geschäftlichen Verhältnisse werde nicht schlimm sein- sobald man den Markt hinter das Schlachthaus lege, würden sich ebenfalls eine Menge Geschäftsleute, Wirthschaften u. s. w. ansiedeln. Angesichts der Behandlung, die das Projcct der Verlegung des ViehmarkteS von Setten der Gegner erfahren, hält auch er es für das Richtige, daß der Stadtverordnete sich unabhängiger macht von der Wählerschaft und lediglich für das eintritt, was seiner Ueberzeugung nach dem Ganzen zum Wohle gereicht- wenn die Wähler glaubten, daß er nicht

richtig handle, so möge mau ihn abrufeu, er sehe unbesorgt auf die heutige Abstimmung, in wenigen Jahren werde man zur Ueberzeugung gelangen, daß dlejeotgen Recht hatten, die den Beschluß am 18. Juni faßten.

Herr Em melius erklärte, daß für Lagerhäuser wohl ein Bedülfniß vorhanden sei, ebenso für Bahnanschluß an die Vtehhöfe, er constatire, daß eine Anzahl Städte ihre Viehhöfe mit GeleiSarlagen verbunden, und zwar Zuchtoteh- höfe. Eine Verschiebung der GeschäftSverhältniffe trete ein, aber lange nicht in dem Maße, wie die Petition besage. Die vorhandenen Mißstände, besonders aber der Vorhaudel in Wieseck usw., müßten beseitigt werden.

Herr Wallenfels legt dar, daß von einer Verlegung nach den Bahnhöfen nur die wenigen Großviehhändler Dor- rhetl hätten, die Hunderte von kleinen Händlern aber nicht, diese wollten einen näher an der Stadt belegenen Platz.

Herr Oberbürgermeister Gnauth erwidert, man habe von Lagerhäusern nicht gesprochen, weil neue« Material nicht vorliege, doch liege ein Bedürfniß hierfür unstreitig vor- es werde später, wenn das Gelände der Stadt gesichert sei, sich Gelegenheit finden, Erhebungen über das Bedürfnlß an zuftellen- die heutige Beschlußfassung solle daran nichts ändern. Der Herr Oberbürgermeister beleuchtete eingehend die Einstellung von Vieh in Privatstallungen- jedenfalls seien, was die Beobachtung und veterinärpolizetlichen Vorschriften betreffe, öffentliche Stallungen nicht gefährlicher als Privat« ftallungen- die öffentlichen Stallungen würden nach den neuesten Erfahrungen eingerichtet, der Verkehr in denselben durch ge­sonderte Eingänge vollzogen- in den bisherigen Stallungen würde Vieh eingestellt, ohne untersucht zu sein, wogegen den städtischen Viehhos kein Vieh betreten dürfe, das nicht vorher untersucht sei. Die Hauptsache sei, daß krankes Vieh bald entdeckt werde, die- werde aber verhindert, wenn das Vieh 3 bis 4 Tage in Privatstallungen stehe und dann auf den Markt komme, wo bei dem Zusammendrängen von allem möglichen Vieh in der kurzen Zett eine genaue Untersuchung unmöglich sei. Die Einrichtung eines mit Ställen versehenen Vtehhofes ermögliche auch das Verbot des Vorhandels.

Herr Heyligenstaedt constatirt ebenfalls, daß durch einen gut eingerichteten Biehhof die Einstellung in der Um­gegend verhindert werde- er hält den Platz hinter dem Güter­dahnhof für den geeignetsten, weil ein Bahnanschluß unent­behrlich sei. Es würden zwar Interessen durch die Ver­legung verletzt, allein sie würden Ausgleich in anderer Weise finden, diese Interessen seien aber nicht so schwerwiegend, um wegen ihnen zu verzichten auf Einrichtungen, die zum Wohle der Stadt gereichten. Das sich in Oberhessen aus- breitende Netz von Nebenbahnen bringe Gießen in eine kritische Lage, der Verkehr werde vielfach abgelenkt, deshalb müßte Gießen die Provinzbewohner heranzuziehen suchen und einer Verödung der geschäftlichen Verhältnisse vorbeugen. Er bitte um Annahme des CommisfionsantragS.

Herr Löb er machte Bemerkungen über die hohen Kosten von Vtehhofanlagen, es müßten, wollte man allen Eventuali­täten begegnen, für mindestens 1OOO Stück Vieh Stallungen beschafft und dafür 500,000 Mark aufgewandt werden- an­gesichts dieser Kosten und sonstigen Nachrheile sei die Auf­regung in der Bürgerschaft wohl zu begreifen, wer wolle die Verantwortung für Hunderte von geschädigten Existenzen übernehmen?

Herr Oberbürgermeister'Gnauth wendet sich gegen die Unterstellung, gesagt zu haben, das Gelände am Bahn­hof sei zu 35 Psg. per lH - Meter zu haben. Was die Bauten betreffe, so werde man sich vorher sichern, daß man auch davon verwiethe.

Herr Haubach erklärt, daß er sich, wenn er auf die Schädigung des Erwerbslebens in Folge Verlegung des Vtehhofes Hinweise, in voller Uebereinftimmung befinde mit

dem größten Theile der erwerbenden Einwohnerschaft. ES hf schon bei Anlage deS Bahnhofes etn Fehler dadurch gemacht worden, daß man ihn auf btc Höhe des Seltersberg gelegt, man solle deshalb nicht etn so wichtiges Institut auch noch dorthin legen, eS sei außerhalb der Stadtverordneten« Versammlung wohl Niemand, der für Verlegung nach oben stimmen werde. Ueber die Weitfichtigkeir deS Projekts denke er anders, man übersehe dabet das Naheliegende- es sei zweifellos, daß die Befürworter der Verlegung keine solche Versammlung zusammenbrächten, wie diejenige im Cafs Leib. WaS den Schweinemarkt betreffe, so sei dessen Cer« legung in dem ursprünglichen Proj cr vorgesehen gewesen- wenn der Rindvtehmarkt der Stadl keinen Verkehr bringe, so brauche man sich dafür auch nicht so zu engagiren- was die Stallanlagen betreffe, so könnten dieselben ebenso gut Himer dem Schlachthaus errichtet werden, man brauche nur einen guten Viehmarktplatz mit Unterstandshallen- auch gehörten Rindvieh« und Schweiuemarkt zusammen.

Herr Dr. Ploch beurtdeilt nach dem Zustande der Räume, in denen viele Händler selbst übernachten, die Privatviehställe als solche, die den Herd für Viehseuchen ab­geben, man müsse deshalb dafür sorgen, daß das Vieh gut untergebracht werde, dadurch trage man zur Hebung des Marktes und des Verkehrs in der Stadr bei.

Nach einigen persönlichen Bemerkungen zwischen dem Herrn Oberbürgermeister und Herrn Beigeordneten Grüne­berg erklärt Herr Dr. Gaffky, es habe ihm fern gelegen, einen engherzigen Standpunkt in Betreff der Kosten einzu- nehmen- die neu zu errichtenden Ställe würden so gebaut, daß sie leichter und gründlicher zu deSinfictreu seien als die Privatställe.

Herr Helfrich behauptet, daß auch auf dem Biehhofe der Ansteckungsstoff aus einem Stalle in den andern ge­schleppt werde, deshalb halte er große Stallanlagen für ge- jährlich - die Privatställe ließen sich ebenso gut überwachcn und Anordnungen zu ihrer Verbesserung könnten auch ge­troffen werden- der Bahnanschluß oben koste aber annähernd so viel wie unten.

Herr Petri präcifirt seine Stellung zur Frage nm 18. Juni und erklärt weiter, daß sich durch Wahl eines Platzes etwa zwischen Wieseck und Lahn alle Interessen ver­einigen ließen.

Herr Grünewald begründet nochmals die Petition, befürwortete die Ausarbeitung eines Projekts für einen Vtehhof hinter dem Schlachthaus und reichte hierauf den iu voriger Nummer d. Bl. mitgetheilten Antrag etn.

Nachdem sich die Versammlung damit einverstanden er­klärt, daß zuerst über den Antrag der Commission abgestimmt werde, welcher auf Ablehnung der Petition um Wiederaufhebung deS Beschlusses vom 18. Juni lautet, wird zur Abstimmung geschritten; der Antrag der Commission wurde mit 17 gegen 15 Stimmen abgeleh t. ES stimmten dafür die Herren Oberbürgermeister Gnauch, Beigeordneter Wolff, die Stadtverordneten Homberger, Scheel, Adami, Keller, Dr. Gaffky, Heichelheim, EmmeliuS, Schiele, Heyligenstaedt, Dr. Thaer, Dr. Ploch, Dr. Gutfleisch unb Vogt- dagegen die Herren Beigeordneten Georgi und Grüne­berg, die Stadtverordneten Wallenfels, Jughardt, Löber, Habenicht, Flett, Orbig, Helfrich, Faber, Haubach, LooS, Kirch, Grünewald, Brück, Schwall und Petri.

Gegen die Annahme des Herrn Oberbürgermeisters Gnauth, daß dieselben Herren, welche gegen den Com- misstonSantrag gestimmt, für den Antrag des Herrn Grüne­wald stimmen würden, ebenso dafür, daß das Gelände hinter dem Güterbahnhof alsbald auf dem Wege der Enteignung zu erwerben sei, wurde Widerspruch nicht erhoben und somit beide Anträge zum Beschluß erhoben.

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