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Zweites Blatt.
Jreitag den 8. Januar
1897
Kichener Anzeiger
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Sitzung der Stadtverordneten
am 5. Januar 1897.
(Schluß.)
(In der Liste der anwesenden Stadtverordneten in voriger Hummer ist aus Versehen der Name des Herrn Faber foeggelasien worden- derselbe war, wie sich aus dem am Schlüsse deS heutigen Berichts befindlichen Verzetchniß der Abfttmmenden ergibt, anwesend.)
Nachdem nunmehr in die Berathung eivgetreten, erhielt Herr Grünewald daS Wort. Er betonte, daß die heutige Versammlung über die Frage der Verlegung des Viehhofes ortentirt sei, die vom 18. Juni sei es nicht ge- wesen- Bedenken gegen eine nochmalige Berathung beständen mcht, ebensowenig liege ein rechtskräftiger Beschluß vor, da derselbe angefochten worden sei. Er legt die Stellung der Petenten gegen den Beschluß dar und betont, daß die Petitiouen hätten zur Kenntnis der Stadtverordneten-Versamm- lang gebracht werden müßen, selbst wenn sie bereits in den Blättern gestanden- er constatire, daß neue Gründe gegen den Beschluß vorgebracht worden, wogegen genügende Gründe für eine Verlegung des ViehmarkteS nach den Bahnhöfen nicht vorlägen. Der Hauptgrund, daß die Viehhändler die Verlegung gewollt, sei mit der Petition von über hundert Viehhändlern gefallen- aber auch die Eingabe des Detaillisten- Vereins, in der daS Schädigende der Verlegung so eindringlich dargelegt worden, sei für ihn bestimmend, gegen den Beschluß vom 18. Juni zu stimmen. Nicht auf die Interventen der Altstadt sei daS Jntcreffe zu loctren, sondern auf die ganze Stadt- alle hätten Umsatz durch den Verkehr nicht nur mit den Händlern, sondern auch den Marktbesuchern. Werde der Viehmarkt nach oben verlegt, so bleibe von dem verlebr in der Stadt wenig übrig, wenn auch Einige vielleicht daraur Vortheil. hätten, doch sei dies kein Anlaß zur Verschiebung altgewohnter Verhältnifie. Er bedauere, daß zur Beurtheilung der sanitären Fragen Herr Prof. Winkler nicht zugegen sei- erweist ferner auf die Kosten der Quaran- tafcne, der Tödtung und Obduction von der Seuche befallenen Viehes hin, für welche nach dem Gesetz der Eigenthümer der Stallungen auskommen müsse. Herr Profesior Dr. Winkler
habe sich nicht für Verlegung des VtehmarUes hinter die > Bahnhöfe ausgesprochen- der Bahnanschluß, aus welchen so großes Gewicht gelegt worden, fehle den meisten Viehmärkten, sollte der Bahnanschluß dennoch für unentbehrlich erachtet werden, so bemerke er, daß der heutigen Technik fast nichts unmöglich sei, daß dieser Anschluß auch bei Anlage des Vieh- Hofes an der Lahn herzustellen sei, jedenfalls könne ein dahingehendes Project nicht an der Frage scheitern, wie mit dem Vieh über die Lahn zu kommen sei. Auch an den Bahn« Höfen würden sich Schwierigkeiten finden, aber diese dort wie hier zu überwinden, sei lediglich Sache der Ausführung- hier handle es sich um eine Angelegenheit, die die Interessen der Stadt tief berühren, die Verlegung des ViehmarkteS nach den Bahnhöfen bedeute den Ruin einer Anzahl von Existenzen - in seiner Meinung gegen den Beschluß vom 18. Juni werde er noch bestärkt durch die Kundgebung sachverständiger, erwerbender Mitbürger aus allen Klasien der Bevölkerung und oller politischen Ansichten.
Herr Sch mall erklärt, daß die nochmalige Berathung der Frage beantragt sei in Wahrung berechtigter Jntereßen der Bürger und Steuerzahler, es sollen die Quellen erhalten bleiben, aus denen man die Steuern schöpft, daS Geschäftsleben der Stadt, und vermieden werden eine Belastung durch Anlagen, die den Verkehr und Erwerb schä« digen - daß der Verkehr in der Stadt durch Verlegung des Viehmarktes nach den Bahnhöfen geschädigt werde, sei gar nicht zu bestreiten- aus Erwerb und Verdienst erwachse die Steuerkraft, nicht aus Rentnern, in Gießen habe sich ohnedies das Steuereapital am allerwenigsten gegen andere Städte vermehrt. Die früheren Berechnungen betr. Geländeerwerbs usw. erwiesen sich heute schon als hinfällig, da das Gelände kaum für das Dreifache des ursprünglich angenommenen Preises zu haben sei- eS bleibe von diesen großen Summen (270000 Mk) allerdings ein großer Theil zu Lasten der Lagerhäuser, aber auch ein dickes Ende für die BiehhofSanlage, au deren Rentabilität nicht zu denken fei; solchen negativen Ausfichten gegenüber solle man in einer Zeit, in der die Viehmärkte darniederliegen, solche Pläne nicht machen, kein Industrieller schaffe in Zeiten des Rückganges seiner Industrie Anlagen, die vom Capital zehren-
solcher Capitalaufwand für Vtehmarktzwecke lasse fich nicht rechtfertigen, denn er zehre am Mark der Steuerzahler. Diesen stünden aber andere Dinge bevor, er erinnere nur an die Canalisation, welche außerordentliche Summen erfordere. Dies seien nöthige Ausgaben, denen gegenüber unnöthige, wie die Verlegung der Viehmärkte, zurückstehen müffen. Faße man alle gegen das Project schwebenden Gründe zusammen, so komme man zu dem Resultat, daß durch daffelbe kem Aufschwung der Märkte, sondern nur Schaden für die Stadt und das Erwerbsleben derselben herbeigeführt wird. Herr Schwall legt weiter dar, daß nur wenige Garantiezeichner für die Lagerhäuser heute ihre Zeichnung noch aufrecht erhielten. Beide Fragen müßten mit der Reserve behandelt werden, welche die Steuerkraft der Einwohner der Stadt auflege, nicht in Ueberstürzung, sondern in ruhiger Weise solle die Entwickelung des Gemeinwesens gefördert werden, deshalb seien alle Ausgaben für ViehmarktSanlagen hinter den Bahnhöfen abzulehnen.
Herr Scheel bestreitet, daß der in den Vordergrund gestellte Stadttheil geschädigt werde- er wisse aus Erfahrung, daß nur der Mittwochsmarkt Einfluß habe auf das Geschäft in der Stadt und auch nur dann, wenn Krämermarkt damit verbunden sei, die Lage des ViehmarkteS sei darauf ohne Einfluß. Die Stallbesitzer würden vielleicht etwas geschädigt, die Logirwirthe nicht, da mit Wegfall des Austreibens von Vieh in den Nachbarorten die Händler genöthigt wären, hier zu übernachten- ihm sei versichert worden, daß die hiesigen Privatstallungen ungeeignet seien.
Herr Helfrich bedauert ebenfalls, daß Herr Professor Winkler nicht zur Versammlung hinzugezogen- die Ställe seien durch Ansammlung großer Viehmassen gefährlich- wolle man aber auf Stallungen verzichten, so falle seiner Ansicht nach das ganze Project. Der Bahnanschluß solle auch nicht am Schlachthaus erfolgen, sondern am alten Viehmarkt, wo eine Rampe für die Normalspurbahn angeschlossen werden könne.
Herr Wallenfels erklärt, die Sachlage betr. der Lagerhäuser sei heute eine andere, sodaß wohl nur wenige Geschäftsinhaber Anspruch darauf machten. Angesichts der sonstigen Ausgaben, die der Stadt bevorftehen, solle man
Feuilleton.
Die Niagara-Fälle als Kraftquelle.
(Nachdruck verboten.)
Am 16. November v. I. kam ein Werk zur Vollendung, welches mit vollem Recht als eins der Meisterstücke menschlichen Geistes gelten kann.
ES galt die ungeheuren Kräfte, welche die Niagara Fälle entwickeln, so zu zähmen und zu regultren, daß sie für den Menschen nutzbar gemacht werden können. Schon seit längerer Zett wurde ein Thetl dieser Kräfte zum Treiben von Mühlen verwendet, dies konnte jedoch nur in bedeutender Entfernung geschehen, da nahe an den Fällen die Wasserkraft zu vehement war. Ein zur besseren Regultrung derselben vor etwa 80 Jahren angelegter Tunnel, nach seinem Erbauer der Evershed-Tunnel genannt, hatte auch nur einen partiellen tzrfolg.' Es lag tu der Natur der Sache, daß bei dem Unternehmungsgeist der Amerikaner man schon seit längerer Zeit darauf ‘ bedacht war, dieser ungeheuren Verschwendung von Kraft Einhalt zu thun, und namentlich seit eS uns gelungen ist, eine andere Naturkraft, die Electricität, zu zwingen, uns Dienste zu leisten, trat die Sache immer mehr in den Vordergrund.
Im Jahre 1889 formirte fich eine Compagnie, die „Niagara-Falls Power Co.", mit einem Capital von zwei Millionen Pfund Sterling (etwa die Hälfte davon ist bereits verausgabt) mit der Absicht, die Wasserkräfte der Fälle in höchstmöglicher Weife auszubeuten und diese als bewegende Kraft zur Treibung von DhnamoS und der Erzeugung von Electricität zu verwenden.
Besonderes Augenmerk wurde darauf gerichtet, Mittel und Wege aufzufinden, die Electricität nicht allein an Ort und Stelle, sondern auch auf weite Entfernungen hinaus sowohl für Beleuchtungszwecke als auch zum Treiben von Maschinen für Hüttenwerke, Wärmeerzeugung und alle Industriezweige dienstbar zu machen. Letztere» schloß ein neues Problem ein, nämlich die Regulirung des für die einzelnen Verwendungen abzugebenden electrischen Stromes, da fast für eine jede eine mehr oder minder große Starke erforderlich ist.
Die Erzeugung von Electricität durch Wasserkraft war damals nur an einem Orte zur practischen Ausführung ge
kommen, und zwar war dies in Ohannaz, einem Dorfe an der Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich. Dies war jedoch nur für Beleuchtungszwecke; daS neue Unternehmen erforderte schon allein durch seine Großartigkeit, durch das projectirte Weiterleiten deS Stromes und dessen verschiedene Verwendungen weit größere HilfSquellenund die Compagnie appellirte deshalb an den menschlichen ErfindungSgeift der ganzen Welt. Eine internationale Preisbewerbung wurde ausgeschrieben, an der die größten Capacitäten der electrischen Wissenschaft aller Länder zum Theil als Bewerber, zum Theil als berathende Mitglieder Antheil nahmen. Lord Kelvin, unbedingt der erste Electriker Englands, wurde zum Präsidenten des Consul- tationSrathes erwählt.
Behufs der Weiterleitung deS Stromes und dessen Regulirung zu größerer oder geringerer Stärke proponirte Mr. ForbeS, ein Schotte, einen alternirenden, im Gegensatz zu einem permanenten Strome und die Regulirung am Orte der Verwendung. Sein Plan fand allgemeine Opposition, und für einige Zeit war die Wissenschaft aller Länder, selbst Lord Kelvin, gegen ihn; als er aber durch Experimente zeigte, daß er den electrischen Strom unbeschadet seiner Stärke auf 112 englische Meilen fortleiten könne, war die Opposition geschlagen und sein Plan wurde acceptirt.
Eine weitere internationale PreiSauSschreibung war eine solche für die zu errichtende Maschinerie, und darin würde die Schweiz gesiegt haben, hätte der ungeheure EingangSzoll für Maschinen in Amerika die Sache nicht unmöglich gemacht. Und auch in diesem wurden die Pläne deS Mr. Fordes als die besten befunden und angenommen. Die größte Schwierigkeit in dieser Beziehung war das Schwungrad, welches möglichst groß, doch verhältnißmäßig leicht sein mußte und welches wiederum nach gänzlich neuem Princip construirte Dynamos erforderlich machte.
Da sowohl die canadische Regierung auf dem einen Ufer deS NiagarafluffeS als auch die amerikanische auf dem anderen weit ausgedehnte öffentliche Gärten und Parks angelegt hat, konnten die Werke nur in bedeutender Ferne errichtet werden. Die Compagnie kaufte daselbst, in weiser Voraussicht der Zukunft, große Länderstrecken und erstand ebenfalls den Evershed-Tunnel, den sie in ihr Anlagesystem einrethte. Sv weit das Auge reicht, ist jetzt Alles Eigenthum der Compagnie.
Ein weiter Canal leitet das Waffer des Flusses in da»
ungeheure Wafferthurmhaus, in welchem drei Turbinen errichtet find, die drei Dynamos von je 5000 Pferdekraft treiben. Auf einer Brücke wird das Kabel nach dem Trans- formattonShause geführt.
Neben den schon erwähnten, durch Wasserkraft getriebenen Mühlen sind bereits verschiedene industrielle Werke erbeut worden, die auf die Zuführung deS electrischen Stromes warten. Eine derselben erfordert 3300 Pferdekraft, eine andere 300 und wieder andere 1500 ober 1000.
Gleichzeitig mit der Errichtung der Werke geschah auch der Bau eines Modelldorfes für die Arbeiter, in welchem wir alle hygienischen Verbesserungen und Erfindungen der Neuzeit, vollständige Drainirung, Wasserleitung, electrischeS Licht und wohlgepflasterte Straßen finden. Am Flusse sind Docks und Werften angelegt, wo Schiffe von allen Theilen der großen Seen anlegen können, und die industriellen Unternehmungen find fämmtlich durch eine sieben Meilen lange Eisenbahn mit den Hauptlinien verbunden.
Für jetzt beabsichtigt die Compagnie nicht, den Strom auf lange Entfernungen zu entsenden, sondern sie will nur in ihrer unmittelbaren Nähe eine rein industrielle, völlig rauchfreie Stadt gründen.
Am 21. November v. I. verkündeten 21 Kanonenschüsse der Stadt Buffalo unter großem Enthusiasmus der Bevölkerung die Vollendung des ersten ActeS dieses Riesenwerkes. Der electrische Strom hatte aus einer Entfernung von 26 Meilen die Stadt erreicht. Gegenüber der ungeheuren Wasserkraft der Fälle, die, wie man berechnet, stark genug ist, um alle Maschinen in den ganzen Vereinigten Staaten zu treiben, war dies allerdings nur ein winziger Anfang, aber es war ein Vorbote des Kommenden. Nur eine der drei Maschinen, die eine Gesammtllärke von 15 000 Pferdekraft erzeugen, war im Gange. Das Wasser trieb die Welle des Schwungrades mit einer Schnelligkeit von 250 Umdrehungen per Minute und setzte einen Dynamo in Gang, der 5000 Pferdekraft electrischer Energie erzeugte.
Wir dürfen nicht vergessen, daß wir noch in der Kindheit der electrischen Wissenschaft sind, daß aber täglich unsere Kenntniß dieser Naturkraft größer wird. Der Fortschritt, welcher am Niagara jetzt gemacht worden ist, wird jedenfalls nur der erste Schritt zu kaum geahnter Entwickelung sein.
Rudolph Schück.


