Ausgabe 
5.11.1897 Erstes Blatt
 
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theilnehmen. Er erscheint nicht ausgeschlossen, daß er auch bei den Beratungen im Reichstage persöalich anwesend sein werde.

Wie«, 3. November. Der morgen stattfindenden Abge- ordnetenhauS-Sttzung, welcher auch der dieserhalb seinen Urlaub unterbrechende Abgeordnete Schönerer bei­wohnen wird, fiehr mau mit großer Spannung entgegen. DieNeue Freie Presse" bemerkt dazu: Die Majorität werde, erbittert durch die vorwöcheutliche Niederlage und auf­gestachelt durch die Regierung, die endlich einen Erfolg auf weisen möchte, voraussichtlich alle Mittel in Anwendung bringen, um da- Au-gletchsprovisortum durchzubrtugen. Die Opposition wird aber im Angriff und in der Verteidigung ebenfalls nicht lässig sein, nachdem der Erfolg, den sie am letzten Freitag erzielt, sie gelehrt hat, wa- durch Zähigkeit und Ausdauer erreicht werden kann.

Prag, 3. November Die Socialdemokraten halten am Sonntag auf der Sophten-Jnsel ein Mafsenmeeting ad wegen Abschaffung de» Zeitungsstempel» und Aufhebung de» Lolportage-Verbot».

Fiume, 3. November. Japan und Frankreich er- theilten der hiesigen Lorpedofabrtk große Bestellungen auf Torpedos. Für Frankreich müffen binnen kürzester Frist 200 Stück geliefert werden.

Pari», 3. November. In hiesigen diplomatischen Kreisen wird versichert, daß bereit» alle Mächte der Ernennung de» Obersten Schäffer zum Gouverneur von Kreta zu- gestiwmt haben. Dem Protest der Pforte gegen diese Er­nennung wird gar keine Bedeutung beigelegt, da die Pforte überhaupt gegen jeden von den Großmächten vorgeschlagenen Gouverneur protestirt. Ueber die Ausstellung de» Eandtdaten Schäffer wird mitgetheilt, daß der Oberst im Frühjahr beim Minister Hanotaux diesem seine bisherige Thätigkeit im Orient dargelegt und ihm dann seine Dienste für Kreta an­geboten habe. Hanotaux war der Annahme nicht abgeneigt, da der Lapttän einen guten Eindruck auf ihn machte, und gab diesen Eandtdaten den Mächten bekannt, welchem heute bereits sämmtliche Mächte zustimmten.£

Paris, 3. November. Infolge der angeblich zahlreichen Verhaftungen von Elsaß-Loth rin gern durch die deutschen Behörden hat der Präfecr von Nancy die französische Regierung gebeten, den Jutereffenten jede Aus- kunst zu ertheilen, damit diejenigen Elsaß Lothringer, welche nie französische Nationalität erlangt haben, ein für allemal wissen, ob sie Franzosen oder Deutsche find.

Kopenhagen, 3. November. Eapträn Sverdrup ist gestern hier etngetroffen, nm die Veranstaltungen zu seiner Eismeer-^Expedition zu treffen. Die htefige Gröu- ländische Handels Compagnie hat ihm angeboten, ein größere» Depot an der grönländischen Küste anzulegen. Sverdrup reist jetzt nach Petersburg, um mit dem Admiral Makorow zu verhandeln. Letzterer hat einen neuen Plan gefaßt, das Eismeer mittelst größerer Eisbrecher zu untersuchen. Er wünscht hierüber mit.Sverdrup zu unterhandeln.

Madrid, 3. November. Die Carliften führen noch fortwährend Waffen in Spanien ein.

Berlin, 4. November. Aus Bochum wird demBerl. Tagebl." gemeldet: Bon bin gegenwärtig in dem Industrie- bezirk auf Anordnung der Regierung vorgenommenen Massen- auSweisungen russisch-galizischerArbeiter wurden hier viele Familien betroffen. Die Polizeiverwaltung hat jedoch die Ausweisungsbefehle noch nicht auSgegeben, sondern sich bet der Regierung um die Betreffenden verwandt mit dem Bemerken, daß fich die Leute hier ruhig und anständig verhielten und kein ersichtlicher Grund zur Ausweisung vor- liege. Ein Bescheid der Regierung ist hierauf noch nicht etn­getroffen.

Coeales unt prooinjielte»,

Gießen, 4. November 1897.

«u8 dem Znstizdienst. Se. Kgl. Hoheit der Groß- berzog haben Allergr.ädtgst geruht, den GerichtSaffeffor Richard Schudt aus Gießen zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Homberg, den GerichtSaffeffor Gustav Brüel aus Gießen zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Lorsch, und den GerichtSaffeffor Eugen Funk ans Friedberg zum Amts­richter bei dem Amtsgericht Gernsheim zu ernennen.

Versetzung. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, den Obersörster der Obersörfterei Ortenberg, Ernst Emil Hoffmann zu KonradSdorf, in gleicher Diensteigenschaft in die Obersörfterei Butzbach zu versetzen.

Die deutsche Kriegsflotte. Nächsten Montag Abend wird im Saale des GasthofsZum Einhorn" Herr Capitän- lieutenant a. D. Weher einen Vortrag über die deutsche KriegSslotte halten. Herr Weher hat in einer ganzen Reih- größerer Städte, so in Berlin, München, Leipzig, mit seinen Vorträgen großen Eindruck gemacht,- seine eingehende Sachkenntniß in Marinefragen, die Gründlichkeit seiner Vor- tragSweise, die fich von jeder Uebertreibung fern hält und allein die Thatsachen wirken läßt, wurden allgemein anerkannt. Herr Weher erläutert seine Ausführungen über den Nieder- gang der deutschen Seemacht durch überau» anschauliche Tabellen, die da» Berhältniß unserer Flotte zu denjenigen anderer Staaten mit einem Blick, und ohne daß man fich durch ein mühseliges Labyrinth von Zahlen durchwinden muß, zu erfaffen gestatten. Der Vortrag wird vom Alldeutschen verband veranstaltet- der Zutritt ist sür Jedermann frei. Wir verweisen auf die Anzeige de» Vortrag» in unserer heutigen Nummer.

*H Stadttheater Unstreitig ein großer Verdienst har fich Aug. Wilh. v. Schlegel durch seine Urbersetzung Shake- speare'scher Dramen erworben. Für seine Fähigkeit, Fremdes sich anzueignen und nachzuewpfinden, ist damit der bedeutendste Beweis geliefert, denn die überall vortreffliche Form, in welcher er den Geist der englischen Tragödie ans die deutsche

Bühne verpflanzte, enthält da» ganze Gehaltvolle der Schöpfungen de» unsterblichen Briten. Davon konnten fich die Besucher der gestrigen Aufführung von Shakespeare» ,Kaufmann von Venedig" überzeugen. Shakeipeare zeichnet sicher und trefflich seine Eharactere, die verblüffende Wahrheit tritt al» wirksamste» Motiv hervor. In seinem Kaufmann von Venedig" schuf er mit Shylock, dem Juden, da» Spiegelbild einer ganzen Raffe. Daß solche Inhumanität, wie sie In dieser Person an den Pranger gestellt wird, auch in unserer Zeit verabscheut wird, ist klar. So wenig aber Rassen fich gänzlich verändern, so wenig verändern fich ihre besonderen Elgenthümlichkeiten, solche lassen fich z« allen Zeiten wieder erkennen und ausfinden. Doch ist e» unsere Aufgabe nicht, einen neuen Shakekpeare-Commentar zu schreiben, zumal gerade über diesenSby'.ock-TypuS" schon genug ge­schrieben wurde. Die Darstellung war im Ganzen aner» kennen-werth- die Mitwirkenden, angeeifert durch die lohnende Aufgabe eines solchen Drama», setzten ihre volle Kraft ein und boten fast ausnahmslos Gute». Für die Hauptrolle des Stückes, Shylock, war vor einigen Tagen ein Gast angekündigt, der jedoch für den gestrigen Abend verhindert war. Doch warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah", so dachte wohl unsere Dtrection und übertrug die Rolle Herrn Liebscher. Wenn nun der geschätzte und Überaus befähigte Künstler damit auch nicht als Stern erster Größe glänzte, so möge man bedenken, daß ein Provinztheater Forderungen an seine Mitglieder tagtäglich in veränderter Form stellt und deren Kräfte in Folge dessen durch die E le, mit welcher eine Einstudtrung der anderen Platz machen muß, nie recht erstarken können. Ja Werke, welche da- größte, eingehendste Studium erforbern, finden meist nur eine einzige Wiederholung. Mit Berücksichtigung solcher Factoren stehen wir nicht an, die Leistung deö Herrn Liebscher als eine ganz vorzügliche hier anzuführen. Er schuf seinen Shylock in einer Gestalt, die characterlsttsch richtig erfaßt und mit jeder Scene in der Wirkung wachsend, seine volle künstlerische Individualität in großer Weise offenbarte. Den Höhepunkt seines Können» erreichte er in der Schlußscene vor dem Richtertribunal, hier bot der Künstler geradezu Vollendetes. Wir gratuliren zu dem Erfolge, der durch wiederholt ge­spendete stürmische Beifallskundgebungen selbst bei offener Scene anerkannt wurde. Als ganz vortreffliche Schauspielerin bewährte fich Frl. Marlo ff in der zweitwichtigsten Rolle des Stücke-, der reichen Erbin Porzia. Sie spielte mit einer Innerlichkeit, Wahrheit und Frische, durch welche ihre Befähigung immer mehr schätzen gelernt wird. Ihre Metamorphose als urtheilsprechender Doctor der RechtSgelehr- samkeit war von vortrefflicher Durchführung und ebensolchem Gelingen. Die Herren Fritzschler (Kaufmann Antonio), Forsch (Doge), Böhm (Bassanio), Janson (Graziano) und Fellner (Lorenzo) trugen daS Ihre zum Gelingen deS Ganzen in zufriedenstellender Weife bei, desgleichen die Damen Frl. Biotti (Jessica) und Frl. Berner (Nariffa). Frl. Viotti erfreute diesmal ganz besonders durch lebhaftes, degagirteS Spiel. Vorzüglich war auch diesmal Regie und Jnscenirung. DaS zahlreich anwesende Publikum lohnte mit reichen Beifallsbezeugungen und wird fich diese» Shakespeare- Abends noch oft freudig erinnern.

* Dringliche Staatsbauten. An die Zweite Kammer der Stände de» Großherzogthum» richtet daS Großh. Mini­sterium des Innern das Ersuchen, für im Hauptvoranschlag für 18971900 vorgesehene Arbeiten, deren Ausführung ihrer Dringlichkeit wegen nicht bis zur beendigten Berathung und Feststellung dieses Voranschlags verschoben werden sollte, eine beschleunigte Berathung und Beschlußfass­ung herbeizuführen und die für dieselben verankchlogten Summen vorläufig bewilligen zu wollen. Für die Neuen Kliniken zu Gießen werden als erforderlich in dieser Beziehung bezeichnet: Weganlage von dem pathologischen Institut nach der Frankfucterstraße für die Leichenwagen und Erwerbung von Gelände 23,000 Mk. Sehr dringlich wegen Ablauf der Fristen Über die genehmigten Kaufverträge (der Vertrag mit Katzenstein ist am 1. August d. I und derjenige mit Weidmann am 1. October d. I. abgelaufen); Mehrkosten Ür die nach verändertem Entwurf zu errichtende Keller- und Schuppenanlage 7100 Mk. Eine baldige Unterbringung der Heizer in diesem in der Nähe de» Kesselhauses zu er­richtenden Wohngebäude ist im Interesse der BetriebSfähig- keit erforderlich.

* * Wetterbericht. Im Westen und besonders im Süd- westen finkt da» Barometer langsam, während über den contlneataleu und nordöstlichen Thetlen Europas hoher Druck ortbefteht. Sein Kern liegt heute über Süd Skandinavien. Für unser Gebiet bleibt zunächst noch der Einfluß des hohen Barometerstandes maßgebend. Im Osten und Norden war bereits am Morgen theilweiseS Aufklaren eingetreten, während Iber dem Alpenvorland noch eine Nebeldecke ausgebreitet lag. Im größten Theile Deutschlands sowie in Central-Frankreich bestand am Morgen leichter Frost. BorauSsichtliche Witterung: TheilS nebeliges, theils hellere», ziemlich kühles Wetter.

B. M. Neuhof (bei Lang-GönS), 2. November. Am Sonn­tag den 31. Ociober feierte Herr Brennmeister Winter ein 25jährigeS Dienstjubiläum. Der Jubilar ist bei der Herrschaft sowohl wie bet seinen Mitarbeitern sehr beliebt. Son der Familie Müller wurde ihm ein schöne» Geschenk iberreicht. Herr Müller sprach seine volle Anerkennung über )ie treue Dienstleistung Winter» und die Hoffnung au», daß die» auch in Zukunft der Fall sein möge. Herr Tchuchhardt |ab ebenfalls seinen besten Wünschen Ausdruck und veran- leitete ein Festesten für sämmtliche auf dem Hofe beschäf­tigte Leute.

+ Hungen, 1. November. Vieh- und Krämer­markt. Der heutigeAllerheiligen-Markt" war recht gut besucht. Aus dem Schweinemarkt waren zahlreiche Ferkel und Läufer aufgetrieben und entwickelte fich ein lebhafter Handel. Bezahlt wurde da» Paar Ferkel mit 3550 9Xf.,

je nach Alter und Qualität. Läufer tarnen entsprechend höher. Auch der Krämermarkt war gut besucht und wurden zahlreiche Einkäufe, nämlich in Winterartikeln, gemacht. Dieser Markt ist immer einer der verkehrsreichsten unter den hiesigen Märkten.

-t- Schotten, 4. November. Die beiden Kreise Schotten und Büdingen haben vor einer Reihe von Jahren, al» die Nebenbahn Stockheim Gedern erbaut wurde, den nam­haften Betrag von 24 600Mk. zu den Bau-und Herstellungs­kosten beigetragen. Da die verschiedenen Gemeinden, welche durch diesen Bahnbau berührt werden, in armen Gegenden liegen und nur ein mäßiges Verwögen besitzen, so war die Aufbringung dieser Summe für manche der Gemeinden, die den Segen deS Bahnbaue» stet» dankbar anerkennen, doch keine Kleinigkeit. Bei den Verhandlungen über den Ankauf der Hesfischen LudwigSbahn war auch von diesen Beiträgen die Rede, da» sieht man au» Artikel 7 de» Gesetze» vom 3. Gelobet 1896, wonach die Beiträge zu den Nebenbahnen wieder zurückgezahlt werden sollen, wenn sie noch nicht bei der Staatskaffe getilgt find. Eigentlich hätten die Kreise Schotten und Büdingen 30000 Mk. bezahlen müssen, fie konnten vor Jahren aber nur 24600 Mk. zusammenbringen, der Rest wurde damals schon von den Landständen zur Lieber« nähme auf die Staatskasse bewilligt. Nun wird auch die Hauptsumme wieder an die Kreiskassen in Büdingen und hier­her baar zurückbezahlt. Da die Summe gleichsam schon ver- schmerzt war, ist ihr Wiedererscheinen doppelt erfreulich, ähn­lich wie es dem Weibe im Gleichniß ging, da« seinen Groschen verloren httte, aber wiedersand.

Bad-Nauheim, 3. November. Die Gesammtfrequenz betrug in der Saison 1897 17 847 Personen - in der Saison 1896 15288 Personen, 1897 mehr 2559 Personen. ES wurden 1897 227338 Bäder, darunter 11528 Freibäder, 1896 200282 Bäder, darunter 11134 Freibäder gefertigt, 1897 mehr 27 056 Bäder, darunter 394 Freibäder.

Vad-Nouheim, 3. November. Der vor einiger Zeit von unS besprochene Prozeß Schulhof Friedberg und Strauß dahier wegen Vergehen» wider das Gesetz betreffend deS un­lauteren Wettbewerbs wurde von Großh. OberlaadeSgericht Darmstadt an die Großh. Strafkammer Gießen zurück- verwiesen und kommt demnächst zur nochmaligen Verhandlung. Der Angeklagte Strauß hatte bekanntlich gegen da» ihn ver- urtheilende Erkenntniß Großh Strafkammer Revision ein­gelegt.

Bad-Nauheim, 3. November. Da» Haus des Herrn Rich. Wörner in der Weinbergstraße ging für 26500 Mk. in den Besitz des Herrn Werner au» Gießen über. Da» Reuter'sche Hau» in der Hauptstraße (gegenüber der Turn­halle) wurde an Herrn Philipp Kramm für 17 000 Mk. verkauft.

Dorheim, 2. November. Gestern früh wurde in der Wetter eine aufrecht stehende, an einem Baume fich fefthaltende männliche Leiche vorgefunden. Die nähere Persönlichkeit ist bis jetzt noch nickt festgestellt.

Darmstadt, 3. November. DaS Comits für Ver­abreichung eine» warmen Frühstück» an arme und kränk­liche oder schwächliche Schulkinder hat seine gemeinnützige Thätigkeit wieder aufgenommen. Im verflossenen Winter wurden vorn 23. November bis 20. März 1009 Kinder ter sechs städtischen VolkSschulgruppen an zusammen 92 Tagen mit dem Frühstück, das in je 1/i Liter abgekochter Milch und einem Wasserweck von etwa 85 Gramm Gewicht bestand, be­dacht. Dazu waren 23 833 Liter Milch und 93135 Wasser­wecke erforderlich. Die Ausgaben beliefen fich auf 7146 35Mk.

Darmstadt, 3. Novtmber. Einen verhängnisvollen Sprung machte der Maurer Georg Hönig von Semd auf der Kirchweihe. Derselbe wollte einen Bekannten nicht bemühen und sprang daher über einen Tisch, um fich hinter diesen zu setzen. Dabei bängte er die an der Decke hängende brennende Lampe auS, die herab fiel und da» Oel hauptsächlich auf einen dasitzenden Mann ergoß, dessen liefe» Bein vom Knie abwärts in schrecklicher Weise verbrannt wurde. Der Herrnite liegt, trotzdem die Sache am 7. Juni geschah, heute noch im Spital und hatte surcktbare Schmerzen auszuhalten. Hönig wurde wegen fahrläsfiger Körperverletzung zu ein Monat Gefängniß verurtheilt.

Au» dem Weschnihthal, 3. November. Ein Kirch- weihkuchenbacken mit Hindernissen. In dem Orte «. ist es noch Sitte, daß die Frauen ihre Kuchen selbst im eigenen Backofen backen. Als nun diese» Jahr die Kirchweih- kuchen zum Einschießen bereit waren, fehlten allenhalben die Schießer. Ein Frau sprang in der Verzweiflung vergeben» zur anderen, um den doch so nothwendigen Schießer leihen zu wollen. In der größten Verlegenheit erbarmten fich noch die Bäcker und liehen ihre alten Schießbretter her. Anderen Tag» fand man oben im Thale auf einer Wiese die Schießer, in einem Kreise im Boden steckend ausgepflanzt. Ob ein Bubenstreich vorliegt oder ob vielleicht die geschädigten Bäcker fich einen Scherz erlaubt haben, konnte bi» jetzt nicht fest- gestellt werden. Die Frauen aber wollen für die Zukunst ihre Schießer sicherer aufbewahren, damit ihre Kuchen nicht wieder überreif werden. (N. Hess. volkSbl.)

Mainz, 3. November. Die 14»/,jährige Arbeiterin -eybold hat sich gestern im Rhein ertränkt. Die Kleine oll, wie die anderen Arbeiterinnen der Bandagenfabrik, wo die Lehbold beschäftigt war, auSsagen. fick vor ihrem Tode»- gange auSgedrückt haben, daß ihr gar schlimm ginge. Jetzt am Abend, wo sie so müde sei, müsse fie, wenn fie nach Hanse käme, noch einen großen Kübel Wäsche auSwascheu, onst bekäme sie nicht» zu essen. Lieber, ehe fie da» Leben so weiter ertrage, ging sie in» Wasser. Und da» 14»/, Jahre alte Kind führte diese Abficht au».

Obertiefenbach bei Limburg a. d. L., 29. October. Eine schauerliche Mordthat versetzte unseren Ort in große Aufregung. Vorletzte Woche verbreitete fich da» Ge­rücht, der von Steinbach hierher verheirathete Landwirth