Mr. 260 Erstes Blatt
Freitag den 5. November
1897
Der
Gielen er Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme bei Montags.
Die Gießener
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Gießener Anzeiger
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Amtlüche»' Theil.
Bekanntmachung, betreffend: die deutsche Rück- und Mttverficherungs-Gesellschaft tu Berlin.
Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß Grohherzog- liches Ministerium deS Innern die der deutschen Rück- und MitverftcherungS-Gesellschaf» in Berlin ans Widerruf ertheilte Erlaubniß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum zurück- genommen hat, da die Gesellschaft innerhalb der ihr bestimmten Frist keinen Generalagenten für baß Großherzogthum bestellt bat.
Gießen, den 2. November 1897.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. G a g e r n.___
Netzen, 2. November 1897^ Betreffend: Die Einführung einer Bezeichnung für
100 Kilogramm.
Die
Owtzh. Kreis-Sch ulcommisßon Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Nachstehendes AuSschreibeu Grohherzogl. Ministeriums deS Innern vom 16. October d. I. zu Nr. M. d. I. S. 20164 rhellen wir Ihnen zur Krnntnißnahme mit.
v. Gagern.
Darmstadt, am 16. October 1897.
Zu Nr. M. d. I. S. 20164.
Betreffend: Die Einführung einer Bezeichnung für 100 Kilogramm.
Das Grotzh. Ministerium des Innern
Abtheilung für Schulangclegenheiten
an die Großherzoglichen Direetioneu der Gywuafien. Real- gymuaflea. Realschulen, Schullehrersemiuarieu, höheren Mädchen- schulen, Taubstummeu-Anftalteu, der Blindenanstalt, die Vorsteher der Präparanden - Anstalten und die Großherzoglichen Kreisschuleommiffioueu.
Die nachstehend adgedruckte, tm R-gterungSblatt Nr. 34 veröffentliche Bekanntmachung, die Einführung einer Bezeich- nung für 100 Kilogramm berrrffend, vom 5 September d. I. theilen wir Ihnen zur Keunrnißnahme und Nachachtung mit.
v. Knorr.
Dr. Weber.
Abdruck.
Bekanntmachung.
Eß wird hierdurch zur öffentlichea Kenutniß gebracht, daß nach dem Beschluß des BundeSrathS vom 8. April l. I. im amtlichen Verkehr, sowie bet dem Unterricht in bn öffentlichen Lehranstalten als Bezeichnung für 100 kg daß Wort „Doppelzentner" mit der Abkürzung „dz* in Anwendung zu bringen ist.
Darmstadt, den 5. September 1897. Großherzogliches Ministerium des Innern, (gez) Finger.
Graf Goluchowski in Monza.
Am heutigen Freitag tritt der österreichische Minister des Aeußern seine Reise nach Italien an, um dem König Humbert, welcher augenblicklich in Monza weilt, seine Aufwartung zu machen. Wenn Minister, besonders solche in so verantwortlicher Stellung wie Graf Goluchowski, reisen, dann pflegen immer höhere Staatsintereffen tm Spiele zu sein, weshalb denn auch über die Fahrt des Grafen, über die Veranlaffuog und die voraussichtliche Wirkung mancherlei gemunkelt wird. Einige behaupten, König Humbert habe den dringenden Wunsch, den österreich-ungarischen Minister, deffen außerordentliche diplomatische Befähigung die Cabinette wäh- reud den letzten Krisen tm Orient kennen gelernt haben, einmal persönlich zu sprechen, andere wollen wieder wissen, Graf Goluchowski sei dazu auSersehen, einer Zusammenkunft der beiden Herrscher von Oesterreich und Italien die Wege zu ebnen. Wieder andere versteifen sich darauf, daß eS nöthig sei, eine directe Aussprache zwischen den Regierungen deS Dreibundes herbeizusühren aus Anlaß der letzten Enthüllungen ehemaliger italienischer Staatsmänner. Daß König Humbert den Wunsch hegt, Goluchowski kennen zu lernen, finden wir recht begreiflich. Bekanntlich ist daß Berhältniß zwischen den beiden Höfen von Rom und Wien nicht besou-
derß herzlich, seitdem Kaiser Franz Joseph den Besuch, den ihm König Humbert bald nach feiner Thronbesteigung abge- stattet hatte, unerwidert ließ. Oesterreich, so eng eß jetzt mit Italien liirt ist, billigt daß Vorgehen der italienischen Regierung gegen den Vaticau nicht, und Kaiser Franz Joseph ist ein viel zu strenggläubiger Katholik, alß daß er tu dem Confi'ct zwischen Vatican und Quirinal nicht auf der Sette deß ersteren stände. Auß diesem Grunde hat er auch dem König Humbert noch keinen Gegenbesuch abgestattet- denn kommt er nach Rom, so muß er, seinen Pflichten alß Katholik folgend, zuerst dem Papste seine Aufwartung machen, während die internationale Höflichkeit verlangt, daß er zuerst denjenigen aufsucht, dem die Anwesenheit gilt. Ein Anerbieten, welcheß Kaiser Franz Joseph gestellt hat, nämlich den Besuch in einem anderen Orte Jtalienß zu erwidern, hat König Humbert an- geblich abgelehnt, und so stehen wir vor der seltenen That- sache, daß die Beziehungen zweier Höfe, deren Reiche einen Bünduißvertrag mit einander abgeschlossen haben, recht kühle find. Und eß ist auch keine Aussicht vorhanden, daß daß Berhältniß bald ein anderes wird, da beide Thetle auf ihrem Standpunkte beharren. Deshalb ist die Ansicht, Graf Golu- chowskl sei nach Monza gereift, um die Modalitäten für eine Zusammenkunft der beiden Herrscher zu vereinbaren, auch nicht alS richtig auzusehen, wohl aber ist eß begreiflich, wenn die beiderseitigen Leiter der auswärtigen Politik in directe Verbindung mit einander treten wollen. Zwischen Italien und Deutschland findet öfter ein derartiger Gedankenaustausch statt, indem Kaiser Wilhelm häufiger seinem italienischen Bundesgenossen einen Besuch abstattet, bei welchen Gelegenheiten auch die Staatsmänner der beiden Länder in gegen- fettige Fühlung zu treten pflegen. Das gleiche Bedürfniß liegt für Italien und Oesterreich vor- und wenn auch Kaiser Wilhelm bisher den Vermittler gemacht hat, z. B. nach letner letzten Anwesenheit in Venedig, von wo er direct nach Wien fuhr, so läßt sich doch füglich eine Aussprache der italienischen mit der österreichischen Regierung nicht länger hinauSschieben, besonders angesichts einer vielleicht bevorstehenden neuerlichen Wendung in der orientalischen Frage, bei welcher Oesterreich und Italien mehr tnteresfirt find, als Deutschland.
Der Anficht, daß es sich bet der Retse GoluchowSkis um einen reinen Höflichkeitsbesuch handelt, können wir also nicht beitreten- dem widerspricht auch die Tharsache, daß sowohl der italienische Ministerpräfident, als auch Visconti di Benosta nach Monza berufen wurden, um während der Anwesenheit des Grafen daselbst gegenwärtig zu sein. Aber wir glauben hinwiederum nicht, daß etwa der Besuch nöthig ist, um eine neuerliche Spannung zwischen Italien und den übrigen Dreivundmächten zu beheben. Dafür Legt kein Grund vor, denn die mancherlei „Enthüllungen", welche in letzter Zeit in Italien über dessen DretbundSpolitik in die Oeffent- lichkeit gedrungen waren, haben bet den befreundeten Mächten keinen wesentlichen Eindruck gemacht und jedenfalls nicht dazu betgetragen, daß Berhältniß zwischen ben drei Regierungen zu trüben. Die von König Humbert vor einigen Wochen in Homburg dem deutschen Kaiser gegebenen Verficherungen der Bundestreue waren auch für die Wiener Hofburg bestimmt und haben auch dort Widerhall gefunden.
Ebenso wie in Berlin zu Beginn dieses Jahres wird Graf Goluchowski auch am italienischen KöntgShofe eine ehrenvolle und glänzende Aufnahme finden. Auch wir haben Ursache, den Grafen mit unseren Sympathien zu begleiten, da die Mission, welche er in Monza auszuführen hat, nur dazu angethan ist, den Bund, welchen die drei mitteleuropäischen Staaten zur Erhaltung des Weltfriedens geschlossen haben, zu festigen und zu kräftigen. (xx)
Ausland.
Southampton, 2. November. Der Schnelldampfer deS Norddeutschen Lloyd „Kaiser Wilhelm der Große" passirte die NeedleS um 9 Uhr Morgens. Am 27. v. MtS., als der Dampser sich 600 Meilen votflNewyork befand, brach das obere Ausblaserohr beß HochdruckcyltnberS der Backbord- maschine, wodurch daß Schiff genöthtgt war, den Rest der Retse unter reductrtem Dampf zu machen. Die Distanz betrug 3062 Meilen, die DurchschuittSschnell'gkeit 19.78Kaoten. Daß Sch>ff geht in Southampton ins Trockendock, um den Rumpf streichen zu lassen. Die Wetterfahrt nach Bremen erfolgt morgen früh.
Washington, 2. November. Der Antrag auf Einstellung deß Robbenfang eß auf hoher See soll am Freitag von den Dertretern der Bereinigten Staaten, Rußland und Japan unterzeichnet werden. Biß dahin sollen die Vertreter in den Rang außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister erhoben werden.
Wolffs telegraphisches Lorrespondmz-Burem».
Wien, 3. November. In einer Besprechung des Handschreibens beß serbischen Königß an den Ministerpräsidenten und deß jüngsten Rundschreibens au die Vertreter Serbiens im Auslände, billigt baß „Fremdeublatt" durchaus den kundgegebenen Entschluß, die freundlichen Beztehungeu zu allen Mächten zu pflegen. Die Zeit, wo Rußland und Oesterreich-Ungarn rivalifirten, sei vorüber. Oesterreich- Ungarn strebe keine Vorzugsstellung tu Belgrad an und begnüge sich gern mit guten Beziehungen. Das Blatt ist überzeugt, baß russische Cabinet stehe auf dem gleichen Standpunkte. Die beiden Cabinette wollen Frieden auf der Balkan- Halbinsel - somit werde ein friedliche Politik treibendes Serbieu die Freundschaft beider besitzen. Daß nüchterne ArbeitS-- programm beß serbischen Kö. igS entspricht durchaus einer neuen Phase, die vorschretbe, die hohe Politik zurückzustelleu und durch eine fruchtbarere zu ersetzen, sowie Resorwen und die innere Consolidtrung in erste Linie zu stellen.
Jassy, 3. November. Gestern Vormittag wohnten König Karol und die Königin Elisabeth der Einweihung der neuen Universität bei. Nach der kirchlichen Feier und den Festreden des Rectors und eines Studireoden hielt der König eine Ansprache, in ber er hervorhob, nicht nach bet Zahl der Soldaten und ber Entwickelung beß wirthschaftltchen Lebens allein messe man heute die Macht ber Staaten. Ein Factor erster Orbnung, vielleicht der bedeutendste, sei der Grad der imettectueHen Cultur einer Nation. Eine gesunde nationale Richtung in den höheren Univerfitätsstudien sei daher die unerläßliche Bedingung beß wahren Fortschrittes. Die Bedingungen des sozialen Lebens hätten fich erweitert unb vervielsacht. Das Land bebürfe neuer Kräste zur Siche- rung des ununterbrochenen Ganges der nationalen Entwicke« lung und bedürfe Elemente wetser Erwägung, welche in der politischen und sozialen Leitung moderner Staaten vorherrscken müßten. Das Land erwarte solche von dieser Universität. Der König gab sodann seinem Bedauern Ausdruck, daß Prinz Ferdinand der Feier nicht beiwohnen könne. Die Königin sei glücklich, daran theilnehmen zu können. Das Königspaar erflehe vom Himmel alle Segnungen für die theure zweite Hauptstadt.
Windsor, 3. November. Heute Vormittag fand die feierliche Betsetzung der Herzogin von Teck in der St. GeorgS-Capelle statt unter Teilnahme beß Prinzen und ber Prinzessin von Wales unb vieler anderer Mitglieder des Königlichen Hauseß. "Alle fremden Höfe waren vertreten, Se. Majestät der deutsche Kaiser durch Se. König!. Höhest Prinzen Heinrich von Preußen.
Bilbao, 3. November. Der Ausstand der Bergarbeiter ist beendet. Die Arbeitgeber haben den Forderungen ber Ausständigen nachgegeben.
Newyork, 3. November. Nach enbgUtiger Feststellung wurden bei der gestrigen Bürgermeister wähl für den Richter van Wyk 235 181 Stimmen, für Seth Low 149873, für Tracy 101 823 unb für Henry George jr. 20 727 Stimmen abgegeben. Den Posten beß Oberrtchters des Appellhofes im Staate Newyork gewannen die Demokraten mit einer Mehrheit von etwa 40 000 Stimmen. Im Staate Ohio wurde der Candidat der Republikaner mit geringer Majorität zum Gouverneur gewählt. In Massachusetts siegten die Republikaner mit großer Majorität- 8/i der dortigen Legislatur sind Republikaner.
Depesche» des Bure«, „Herold *
Berlin, 3. November lieber Politik und Wissenschaft sprach gestern Abend im social-wissenschaftlichen Studentevverein der Naitonal Occonom an der BreSlaner Universität, Professor Dr. Som bart. Die Politik, so führte er auß, gleicht dem unruhigen Feuer der Fackel, die Wissenschaft dem abgeklärten Licht der Sterne. Letztere muß als gleichberechtigte Beratherin neben die Politik treten. Sie soll politische Utopien vernichten, ihr Prestige aber nicht dadurch verlieren, daß sie politische Ziele stellt, zu welcher Thätigkeit der Verstand allein überhaupt nicht außreicht. Gewiß hat auch jeder Gelehrter daß Recht, für bestimmte politische Ideale eiuzutreten, aber er hat klar die Grenze zu bezeichnen, wo er als Gelehrter aushört und alß Politiker anfängt. Er soll Politik da treiben, wo sie angehört. Die Univerfität muß frei bleiben von jeder politischen Richtung. Die Studentenschaft soll von Politik fich ganz fernhalten.
Berlin, 3. November. Wie die „Poft" meldet, wttd Major Leutwein, zunächst biß Weihnachten, seine Kräfte in den Dienst der Colonialoerwaltung hier in Berlin stellen und an den Vorarbeiten für die Etataufstelluug persönlich


