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5.9.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 208 Erstes BLM Sonntag den 5. September IStrr

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Qieftener Anreigcr erscheint täglich, Wit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Aamikien bkälter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

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Gefunden: 1 Wagenkette, 1 Velociped, 1 Manschette «tt Knopf, 3 Ansichtskarten.

Gießen, den 4. September 1897.

Großherzogliche» Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

Politische Wochenschau.

Frankreich hat seinen Fan re wieder! Wie ein Sieger ist er etngezogen in sein Land, von stürmischem Bet« fall empfangen, gehuldigt gleich einem Herrscher von GotteS Gnaden. Da» war freilich der erste Freudenrausch, in welchem sich die Franzosen befanden, aber mir glauben, da» dicke Ende kommt auch in diesem Falle nach. Bereit» fängt man an, nach dem Inhalte des abgeschlossenen Allianz- vertrage» dringlicher zu fragen- ja, der Abgeordnete Mille- rand und seine Genossen wollen sogar in der Kammer über die Allianz eine Interpellation einbringen, damit die Regie­rung Farbe bekennt, was Frankreich denn durch die Ver­brüderung mit Rußland erreicht hat. Und wehe, wenn dann Felix Faure nicht bestehen sollte! Vorläufig ist freilich noch Alle» eitel Freude und Hoffnungsseligkeit. Ob die letztere auch den Mtnisterpräfidenten Msltne übermannt hatte, al» er auf die Telegramme mehrerer Einwohner Elsaß'Loth­ringens in einem Sinn antwortete, der sich keineswegs mit den Rücksichten auf die durch den Frankfurter Frieden ge­schaffenen Thalsachen verträgt? Wir wollen den Franzosen ihre Freude aber nicht verkümmern, insbesondere wenn sich die Nachricht bestätigt, daß Kaiser Wilhelm dem Director eine» großen industriellen Unternehmens gegenüber geäußert habe, in Rußland hätten die Deutschen nach seiner Urber­zeugung die Sahne abgeschöpft.

In Oesterreich hat Graf Badeni wieder Ober­wasser, seitdem er mit der Rechten eine Verständigung herbei­geführt hat. Die Deutschen werden also weiter unterdrückt, wenn nicht endlich Kaiser Franz Josef ein Einsehen hat und seiner Regierung auf die Finger klopft. Der Brief, welchen der Großherzog von Sachsen-Weimar in Sachen der Deutschen an den österreichischen Herrscher geschrieben haben soll, scheint ohne Eindruck geblieben zu fein. Im Uebrigen ist mit dem Erfolge BadentS nicht viel gewonnen, da die Situa­tion äußerst prekär bleibt, insbesondere hinsichtlich de» Ver­hältnisses zu Ungarn, welch' letzteres jetzt droht, sich auf gar keinen Ausgleich mehr etnlassen zu wollen.

Vor Constanttnovel nichts Neues", so könnte mit Fug und Recht jetzt täglich ein Berichterstatter melden. Wir wollen nur erwähnen, daß die Friedensverhandlungen noch immer auf demselben Flecke stehen und es noch immer eine orientalische Frage gibt. Eine Mimfterkrtsir ist jetzt in dem unter türkischer Oberhoheit stehenden Fürstenthum Bul­garien auSgebrochen. Stoilow muß anscheinend nun doch von der Bildfläche verschwinden, und vermuthlich tritt RadoS- lawow au seine Stelle. Ob die Corruptton, welche gegen­wärtig in vieler Hinsicht innerhalb der Sofioter Regierung-- kreise besteht, verschwinden wird, bleibt abzuwarten,- zu wünschen wäre e» jedenfalls, wenn dort wieder Zustände hergestellt würden, die dem Lande mehr als bisher die Sym­pathien Europas verschafften.

Die Welt ist recht nervös geworden, allerorten der- muthet man Unheil und Verderben. Darauf ist auch wohl die Meldung zurückzusühren, daß in Brüssel ein an- archtstische» Eomplott gegen da» Leben deS deutschen Kaisers entdeckt worden sei. Immer mehr kommt mau zu der Ueberzeugung, daß ein Jrrthum vorliegt und daß die Gemüther ohne Grund in Erregung versetzt worden waren.

Werfen wir nun zum Schluß noch einen Blick auf unsere innere Politik, so wurde die ganze abgelaufene Woche durch die Reisen deS Kaisers nach dem Rhein und nach Süddeutschland auSgefüllt. Zuerst ist der Aufenthalt de» Monarchen in Eobleoz zu registtren aus Anlaß der Ein­weihung de» Kaiser Wtlhelm-DenkmalS daselbst. Bei dieser Gelegenheit hat der Kaiser bekanntlich eine längere Rede ge­halten, welche in weiteren Kreisen viel commentirt wird. Hebet seine Auffassung vom Regentenberufe, über die Ver­antwortung, welche er persönlich trägt, über das Königthum von Gotte» Gnaden hat sich der Kaiser deS Längeren aus­gelassen. Viel ist an diesen Kaiserworten gedeutelt, viel Kritik an ihnen geübt worden. Auch die Rede beim Parade- diuer in Coblenz hat man eingehenden Besprechungen unter­zogen- aber noch immer ist man im Unklaren darüber, waS der Kaiser mit den Worten gemeint hat, eS sei seine Pflicht, die Armee gegen jeden Einfluß und Eindruck von Außen zu

vertheidigen. Man hat diese Worte vielfach auf die Resortn der Militärstrafprozeß-Ordnung bezogen und dahin auSgelegt, daß der Kaiser unter keinen Umständen der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Verfahren» zustimmen werde. Daher sind denn auch wohl die Meldungen vom bevorstehenden Rücktritt de» Fürsten Hohenlohe wieder aufgetaucht, welche besagen, daß zwischen ihm und dem Kaiser in der Frage der Militärstrafprozeß-Ordnung unüberbrückbare Gegensätze be­stehen. Die Anwesenheit deS Reichskanzlers in Homburg soll Gelegenheit zu einer entscheidenden Aussprache geben, welche die Demission deS Fürsten zur Folge haben würde. Für uns wird mit all' Diesem nichts Neues gesagt, da wir keinen Augenblick daran gezweifelt und wiederholt unserer Ansicht dahin Ausdruck gegeben haben, daß bis zum Wieder­zusammentritt der Parlamente die immer noch nicht voll­ständig beendete innere Krise mit der Berufung eines neuen Kanzlers erledigt werden dürfte. (xx)

Wolff» telegraphische» Corresoondmz-Bureau.

Berlin, 3. September. Die heute hier tagende Ver­sammlung der Rohzuckerfabrikanten genehmigte den vom deutschen Zuckershadikat den Fabriken vorgelegten Cartell« vertrag. Eine große Anzahl der anwesenden Fabrtkoertreter unterzeichnete den Vertrag sofort.

Breslau, 3. September. Wie dieSchlesische Ztg." meldet, hat sich im Auftrage der Regierung heute auch der Director deS hygienischen Institut» der Universität Breslau, Geh. Medicinalrath Professor Dr. Flügge, nach Beuthen (Oberschlefien) zum Studium der TyphuS-Epidemie begeben.

Essen a. d. R., 3. September. Der König von Siam ist heute Abend, von Hamburg kommend, zum Besuch de» Geh. Commerzteorath» Fr. Krupp auf Station Hügel angekommen und hat in der Villa gleichen Namens Wohnung genommen. Für morgen ist eine Besichtigung deS Krupp'schen Gußstahlwerkes geplant.

München, 3. September. Die Abendblätter melden aus Würzburg: Der Priuzregent wird auf besondere Einladung des Kaisers von Aschaffenburg aus dem kaiser­lichen Hoflager in Homburg an einem noch zu bestimmenden Tage einen Besuch abftatten und fich wahrscheinlich auch zu den Festlichkeiten nach Wiesbaden begeben.

Depeschen beö BureauHerold/

Berlin, 3. September. Anläßlich der Zusammen­kunft de» deutschen KatserpaareS mit dem ita- lientschen KöaigSpaar bringt dieNordd. Allg. Ztg." an der Spitze ihrer heutigen Nummer warme BegrüßungS- worte. U. Ä. heißt eS in demselben: Möge der König und die Königin von Italien die ihnen von unserem Herrscher- paare entgegengebrachte innige Zuneigung als ein Unterpfand der Sympathie betrachten, die diesseits der Alpen überall in deutschen Landen für Italien besteht. Möge der königliche Freund unsere» Kaiser» alS der Gast der deutschen Manöver auf» Neue einen lebendigen Eindruck von der unverminderten Vollkraft de» Reiche» gewinnen, da» mit seinem Eintritt in die Geschichte Europa» ein unschätzbare» Gut gebracht hat: den Frieden. fe, c

Berlin, 3. September. Dem Botschafter v. Bülow ist daS Großkreuz des siamesischen weißen Elephanten OrdenS verliehen worden.

Berlin, 3. September. Der Oberst und Flügeladjutant Graf v. Hülseu-Häseler, commandtrt bet der Botschaft in Wien, ist zum Commandeur deS Garde-Füfilier-Regiments ernannt und Oberst-Lieutenant Graf v. M o lt ke zur Botschaft in Wien commandirt worden.

Berlin, 3. September. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist, wie dieNordd. Allgem. Ztg." meldet, heute Morgen 6*/i Uhr von Schloß Werki in Rußland hier etugetroffen und wird sich morgen nach Homburg begeben.

Berlin, 3. September. Die Blätter melden aus A p o l d a, daß bet einem Marsch der zweiten Compagnie und der Regt- mentSmufik des 94. Jnfanterie-RegimentS über eine von Pionieren geschlagene Brücke diese zusammenbrach. Eine größere Anzahl von Soldaten und Hoboisten sei dabet ertrunken. Der Capellmeister Drehmann wurde von herab­fallenden Balken erschlagen.

Berlin, 3. September. DieNordd. Allg. Ztg." meldet aus Wien: Da» Subcomits der parlamentarischen Commission der Rechten hatte heute Vormittag eine neuerliche Berathung behufs endgiltiger Formultrung der Forderungen für die heute Nachmittag folgenden wetteren Unterhandlungen mtt Graf Badent. Die Rechte nimmt den Standpunkt ein,

sie wolle nicht die Majorität der Regierung, sondern die Regierung solle da» Cabinet der Rechten sein. Die jung- czechischen Abgeordneten theilten gestern Graf Badeni die Wünsche der czechischen Nation mit und forderten einen radt- calen Wandel in der nationalen Gleichberechtigung. Der Minister soll die vorgebrachten Forderungen anerkannt und deren Förderung zugesagt haben.

Berlin, 3. September. Wie bereit» bekannt, eröffnete am 1. d. Mts. der DirectionSpräsideot deS ungarischen Post« wesens, Peter Szalay, und der Vertreter de» deutschen ReichSpostamtS, Dtrector Scheffler, die Fernfprechltnte Berlin-Budapest. Herr Szaloy sprach dabei seinem Berliner Collegen gegenüber den Wunsch auö, daß diese» wunderbare Verkehrsmittel immer ein treuer Vermittler der Jntereffeu der Industrie, de» Handels und des Fortschritt» sein möge. Die ungarische Nation wünsche, daß der Deutsche Kaiser und der König von Ungarn und ihre Regierungen hochlebeu mögen. Herr Scheffler antwortete mit einem be­geistertenVivat, creacat, floreat und gab dem Wunsche Ausdruck, daß das Telephon auch auf dem dienstlichen Ge­biete ein Bindemittel der Freundschaft werden möge.

Berlin, 3. September. Die Entscheidung in der Frage de» Kanzlerwechsels wird, wie dieDeutsche TageS- Ztg." wissen will, in den nächsten Tagen in Homburg erfolgen.

Berlin, 3. September. DemBerl. Tagebl." wird ou» London telegraphirt: Der unter dem Verdacht eine» geplanten Attentats gegen da» Leben Kaiser Wilhelm» in Brüffel ver­haftete Anarchist Daubenspeck verließ Loudon mit der Angabe, die Herstellung eines von ihm erfundenen und patentirteu Glühkörper» in Belgien oder Deutschland ver­geben zu wollen. Seine Reiseroute war Brüssel, Lüttich, VervterS, Köln, Hamburg, Leipzig. Daubenspeck wird seit Jahren von den hiesigen Anarchisten al» unsicher und al» Spion betrachtet. Er reiste mit einem Vorschuß, den ihm eine City-Firma gab, die sein Patent erwerben wollte.

Homburg, 3. September. Der kaiserliche Sovderzug traf Mittag» 1 Uhr auf dem hiesigen Bahnhöfe ein. Zum Empfange des Kaiserpaares hatte sich die Kaiserin Friedrich und der Großherzog von Mecklenburg.Strelitz auf dem Bahnhofe etugefunden. Außerdem fand militärischer Empfang statt. Unter der EScorte der 4. EScadron de« 13. Husarenregiments fuhr das Kaiserpaar, nachdem der Kaiser die Front der Ehren-Compagnie abgeschritten hatte, unter dem Geläute der Glocken nach dem Pavillon vor dem Kurhause. Dortselbst begrüßte Bürgermeister Dr. Kotten­born das Katserpaar mit einer Ansprache, wofür der Kaiser dankte. Der Kaiserin wurde von Fräulein Deetz ein Blumen- bouqet überreicht. Hierauf setzten sich die Wagen nach dem Schloß in Bewegung, woselbst gleich nach dem Eintreffen großer Empfang stattfand. Gleich nach dem kaiserlichen Extrazug traf der König von Sachsen hier ein. Abends 8^/, Uhr findet großer Zapfenstreich statt.

Homburg v. d. H., 3. September. Das italienische KöntgSpaar traf pünktlich ö Uhr 20 Min. auf dem hie­sigen Bahnhose ein, auf welchem auch Kaiser Wilhelm in der Uniform des Garde-du CorpS mit italienischen Orden ge­schmückt, sowie die Kaiserin zum Empfang eingetroffen waren. Außerdem hatten sich etngefunden Prinz Albrecht von Preußen, der Herzog. bon Cambridge, sowie daS gesammte Gefolge. Die Ehrenwache auf dem Bahnhofe bildete die 3. Compagnie des 11. Jäger-BataillonS. Beim Einlaufen des Hofzuge» spielte die Bataillon».Capelle die italienische KöntgShymue. Der Kaiser begrüßte die Königin und den König aufs Herz­lichste. Auch die Begrüßung zwischen der Kaiserin und der Königin war äußerst innig. Nach dem beiderseitigen Vor­stellen de» Gefolges schritt der Kaiser mit dem König die Front der Ehrenwache ab und ließen dieselbe vorbetdefiltren. Die Kaiserin und die Königin bestiegen sodann die erste Equipage, in der zweiten folgten der Kaiser und der König, eScortirt von der ersten Escadron deS 13. HusarenregimentSj- der König trug die Uniform diese» Regiment». Im Kaiser­pavillon vor dem Kurhaus fand wiederum durch den Bürger­meister der Stadt officteller Empfang statt. Frl. Ulricke Schmidt überreichte der Königin ein Blumenbouquett. Auf dem Wege vom Bahnhof zum Schloß wurde von den Regi­mentern 166 und 167 Spalter gebildet. Nachmittag» 2 Uhr war bereits der König von Sachsen und die baye­rischen Prinzen, mit Ausnahme de« Prinzen Leopold, welcher schon da» Obercommando übernommen hat, hier eingetroffen. Um 6 Uhr traf der König von Württemberg ein. £>e£te Abend findet im Schloßhof große Serenade sämmtlicher Mufik- capellen deS 11. ArmeecorpS statt. Hierauf folgt ein Zapfen­streich durch die Straßen der Stadt.

Frankfurt a. M., 3. September. DaSFranks. Journ. meldet aus angeblich bester Quelle: Die Frage, warum der