Ausgabe 
1.12.1897 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 282 Erstes Blatt

Mittwoch de« 1. December

1897

Der fU|ewer A«»ei,er erscheint täglich, »it Ausnahme bet Montag«.

Die Gießener ^««tkie»-rt1ter werden dem Anzeiger wächemlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerak-Mnzeiger.

viertelsährig« ASoanemeutsprei«^ 2 Mark 20 Pfg. ertt Bringerlohn. Durch die Post bezöge, 2 Mark 50 Pfg.

Webaction, Expedition und Druckerei:

Kchulstrahe Ar.H» Fernsprecher 61.

Anrts- und Anzeigeblutt füv den Tkveis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Hratisöeitage; Hießener Kamikienötatter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« i Anzeigen für de»Gießener Anzeiger- entgetz«.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

bett.: Maul- und Klauenseuche zu Wieseck.

Nachdem in einem Gehöfte zu Wieseck die Maul« und Klauenseuche amtlich festgestellt worden ist, wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Gehöft­sperre angeordnet worden ist.

Gießen, den 30. November 1897.

Großherzogliches KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsches Mei0ftag.

erofftmngSfitzuug Dieultag den 30. November, Mittags 12 Uhr.

Die Thronrede weift auf die not Hw endige Ver­stärkung der heimischen Schlachtflotte und die Vermehrung der für den Auslandsdienst im Frieden be­stimmten Schiffe hin. Die verbündeten Regierungen erachten e- für geboten, die Stärke der Marine für einen Zeitraum, in dem diese Stärke erreicht werden soll, durch eine Vorlage festzulegen. Der Entwurf zur Reform des Militär- strafprozesseS wird unter möglichster Anlehnung an den bürgerlichen Strafprozeß den für die Erhaltung der Manns- zücht unbedingt nothwendigen Forderungen Genüge leisten. Die Thronrede verkündigt sodann Gesetze über An­gelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit, bei Livilprozeß- und LoncurS-Verfahrens, die Entschädigung unschuldig Berurtheilter, fie bezeichnet die Finanzlage als besriedigend und schließt: Die Ermordung deutscher Missionare und die Angriffe auf unter meinem Schutze stehende, mir am Herzen liegende MisstouSanstalten in China nöthigten das ostafiatifche Ge­schwader, in Kiaotschou Truppen landen zu laffen, um volle Sühne und Sicherheit gegen eine Wiederkehr der beklagens« werthen Ereigniffe zu erlangen. Die politischen Be­ziehungen zum AuSlande find durchaus ersreulich. Der glanzende, herzliche Empfang in Peterhof und Budapest lieferten hierfür aufs Neue werthvolle Bürgschaften. Alle Anzeichen berechtigen zur Aussicht auf die fernere friedliche Entwickelung Europa- und des deutschen Vaterlandes.

Der Sturz Badenis-

Abzug BadentI Nieder mit öabenU" so haben in dieser Zeit Tausende und Abertausende Deutscher in Oester­reich gerufen, und fast schien eS so, als sollte der Ruf un­gehört verhallen, als sollte unseren Landsleuten keine Hülfe zu Theil werden. Wir haben schon zu oft die Lage der Deutschen Oesterreichs ausführlich geschildert, als daß es nothwendig wäre, die Ereignisse der letzten Zeit noch einmal an uns vorüberziehen zu laffen. ES liegt unS deßhalb nur ob, dem Grafen Badeni eine Grabrede zu halten.De mortuis nil nisi bene, dieses Wort wollen wir berück­sichtigen, wenn wir hier einen Blick werfen auf die Thätig- keit Badenis als Ministerpräsident. Ehe er zur CabinetS- bildung berufen wurde, war er längere Jahre Statthalter von Galizien, zu welchem er sich infolge seiner polnischen Abstammung brffer eignete als zum CablnetSchef und Minister des Innern. Die Epoche seiner Ministerschaft kann als Ruhmeszeit für Oesterreich nicht angesehen werden, denn seit dem Jahre 1848 ist die innerpolitische Lage daselbst niemals so verworren und so gefahrvoll gewesen, wie sie eS seit dem Jahre 1896, in welchem Badeni die Regierung übernahm, geworden ist. Man muß freilich anerkennen, daß die Ver- hältniffe in Oesterreich derart lagen, daß auch einem anderen Manu die Lösung der Schwierigkeiten wahrscheinlich mißglückt wäre- aber dem Grafen Badeni ist zur Last zu legen, daß er, um sich die Gunst der Czechen zu erringen, jede Rücksicht außer Acht setzte und in gesetzwidriger Weise gegen die den Czechen verhaßten Deutschen vorging und eine Gewaltpolitik verfolgte, die ihres Gleichen in der Geschichte sucht. Es ist ja nicht zu leugnen, daß Badeni sich eine Zeit lang große Mühe gab, auf legalem Wege die Pläne der Regierung durch- zusetzen, und daß er sogar im März dieses JahreS seine Demission gab, als er mit dem Abgeordnetenhause sich nicht verständigen konnte. ES war ein Unglück sür Oesterreich, daß Kaiser Franz Josef diesen Mann damals wiederum mit der CabinetSbildung betraute, da schon in jenen Tagen sest-

stand, daß die Regierung BadentS niemals zum Heile Oester- reich- sich gestalten würde. DaS Land sollte aber den Kelch vollständig leeren, der ihm in der Person del polnischen Grasen überreicht worden war- bis zur Neige hat eS ihn auStrinken müffen.

Bekanntlich gaben die Sprachenverordnungen, welche jeden Beamten in Böhmen, Mähren und Oesterreichisch-Schlefien zwingen, das Czechische zu lernen und zu beherrschen, auch wenn in seinem Bezirke nur ein einziger Ezeche wohnt, den Anlaß zu dem beispiellosen ParlamentSkampse, in welchem die Deutschen zu unterliegen drohten. Aber sie haben nun doch schließlich den Erfolg davongetragen, und froh konnten fie aufathmen, als am Sonntag Nachmittag in Wien aller Orten verkündet wurde, daß der Kaiser die Demission deS Gelammt- cabinetS Badeni angenommen habe. Was den Monarchen bewogen hat, feinen Günstling nun doch fallen zu laffen, ist noch nicht bekannt. Sah Kaiser Franz Josef etwa die BolkS- haufen, welche sich um die Hofburg versammelten, und fürchtete er, daß seine Dynastie in Gefahr sich befinde? AlS er den Thron bestieg, da erzitterten ebenfalls die Grundvesten der Monarchie, und heute find zu den damals vorhandenen Ge­fahren noch einige andere getreten. Jedenfalls war eS eine gute Stunde, als der Kaiser das Abschiedsgesuch Badenis bewilligte und damit den Deutschen die Zuverficht nahe legte, daß die Zeiten der Unterdrückung vorüber find.Wo ist Kaiser Franz Joses?" so fragte mau in den letzten Tagen in Oesterreich und in Deutschland.Gibt eS denn keinen Kaiser mehr?" so erklang eS fragend durch die deutsche Preffe. Die Antwort ist am Sonntag erfolgt, und dieselben Stimmen, welche fich gegen die Urbergrtffe der Badeni'schen Polizei er­gingen, ließen bann, als die Allerhöchste Entschließung ge­fallen war, in freudiger Begeisterung den Ruf erschallen: Hoch lebe der Kaiser!

Der ReichSrath ist vertagt worden, so daß an eine Er­ledigung deS vieluwstrittenen Ausgleichs nicht gedacht werden kann, und wiederum muß eine kaiserliche Verordnung daS Berhältniß der beiden Reichshälften zu einander regeln. Vielleicht gelingt es dem neuen CabtnetSchef, dem bisherigen CultnSminister Frhrn. v. Gautsch, eine Klärung der inneren Situation herbeizusühren. Die ersten Amtshandlungen deS jetzigen Minifterpräfidenten dürften einen Schluß auf feine künftige Wirksamkeit gestatten. (xx)

Wolffs telegraphische- Correspond mz-Bureem.

Berlin, 29. November. DieKreuzzeirung" hört aus ficherer Quelle, daß die Ernennung des Superintendenten U mb eck zum Generalsuperintendenten in der Rheinprovinz feststehe.

Bremen, 29. November. Die Rettungsstation Mellne- loggen telegraphirt unlerm 29. d. MtS.: Bon dem nahe der Nordmole bet Memel gestrandeten deutschen Schooner Ernst", Capttän Jensen, wurden vier Personen durch daS Rettungsboot der Station gerettet.

Bremen, 29. November. Der SchnelldampferKaiser Wilhelm der Große ist am 29. November, 9 Uhr Morgens, nach einer Durchschnittsfahrt von 22,10 Seemeilen Lizard pasfirt. Der Dampfer hat damit die schnellste Über den Ocean gemachte Fahrt Übertroffen und den Record sämmtlicher Schnelldampfer-Reisen nach beiden Richtungen Übertroffen. Die bisherigen schnellsten Reisen waren die­jenigen derLucania" und zwar WestwärtS-Reise nach New- York mit 22,01 und OstwärtS-Retse nach Newyork mit 21,82 Seemeilen Durchschnittsfahrt, wobei zu berückflchtigen ist, daß diese Reise von derLucania" in der günstigsten Jahreszeit (Sommer) gemacht wurden, während derKaiser Wilhelm der Große" seine Reise in der ungünstigsten Jahres­zeit zurückgelegt hat.

Madrid, 29. November. Die Carlisten haben be­schlossen, gegen die Autonomie CnbaS zu protestiren- ebeuso hat eine Versammlung von Vertretern der con- stitutiouellen Union beschlossen, gegen die kubanische Auto­nomie Protest einzulegen, besonders gegen die Einleitung-- Worte der auf die Einführung der Autonomie bezüglichen Decrete, sowie Elktärungen Über die Entwassnung der auf Cuba befindlichen Freiwilligen zu verlangen.

Bukarest, 29. November. Heute Vormittag um 8 Uhr 15 Min. wurde ein leichtes Erdbeben verspürt.

Sidney (Australien), 29. November. Nach Schätzungen de«Daily Telegraph" beläuft ficv der Ertrag der Weizenj- ernte trotz des schlechten Wetters auf 11 Millionen Bushels. Man nehme an, daß in Australafien 5 Millionen Bushels zum Export verfügbar fein werden.

Depeschen M Bure«» ,vrteü>.

Berlin, 29. November. DaS Staatsministerin« trat heute Nachmittag 2 Uhr in feinem Dttustgebäude unter dem Vorsitz de» Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen. In derselben wurde der Wortlaut der Thronrede zur Eröffnung des Reichstages festgesetzt.

Berlin, 29. November. Die deutsch-conservative Fraktion de» Reichstages hat bereits für heute Abend eine Sitzung einberufen. Da» Centrum und die Social- demokraten für Mittwoch - alle anderen Parteien treten morgen zusammen.

Berlin, 29. November. Einer hiesigen Correspondenz zufolge ist Crimtnalcommiffar v. Tausch nunmehr vom Polizeipräsidium vom Amte sulpendirt worden.

Berlin, 29. November. DeaBerl. Reuest. Nachr." zufolge wird daS SchiffOldenburg" demnächst als Ersatz für dieKaiserin Augusta" in das Mittelmeer abgehen. Der Kreuzer wird übermorgen für Mittel- und Südamerika in Dienst gestellt.

Berlin, 29. November. An der gestrigen Frühstücks­tafel beim Kaiferp aare nahmen u. A. Staatssekretär v. Bülow, der Chef de» Marinecabinet« Freiherr v. Senden- Bibran, sowie der Botschafter Fürst Radolin Theil. Heute Morgen hörte der Kaiser den Vortrag des Chefs de» Civil- cabinetS v. LucanuS und daran anschließend die Borträge del commandirenden Admirals v. Knorr, del Staatssekretärs Tirpitz und des ContreadmiralS v. Senden-Bibran.

Berlin, 29. November. Die Ernennung deS Direktor- Fritsch zum UnterstaatSsecretär im Reichspostamt, sowie die Ernennung der bisherigen Oberposträthe Rr atte und Sydow zu Directoren im Reichspostamt wird heute imReichsanzeiger" amtlich publicirt.

Berlin, 29. November. Die Commission für Arbeiterstatistik trat heute unter dem Vorsitz deS Unter* staatSsecretärS Fleck zusammen. Die Tagesordnung bildete die Vernehmung von Auskunft-Personen über die Arbeitszeit in Getreidemühlen.

Berlin, 29. November. Der für Deutschland neu ernannte chinesische Gesandte Lu-Hai-Hnan wird fich am 3. December auf dem ReichspostdampferBayern" des Nord­deutschen Lloyd nach Europa einschiffen, um seinen Berliner Posten anzutreten.

Berlin, 29. November. DemKl. Journ." zufolge ver­anstaltete Minister Thielen gestern einen diplomatischen Bierabend, zu welchem sämmtliche Minister eingeladen waren. Auch Reichskanzler Fürst Hohenlohe war erschienen.

Berlin, 29. November. Gestern Abend gegen 11 Uhr hat der Pferdetransporteur Kleemann ans Hamburg die Wirthschafterin Margarethe Weise im Hause Möckern- straße 85 durch Stiche in die Lunge und Würgen am Halse getödtet. Der Grund zu der That ist verschmähte Liebe. Der Mörder wurde heute Vormittag verhaftet.

Saarbrücken, 29. November. Der Gefängnißwärter Krob wurde heute am frühen Morgen auf offener Straße vor der LudwtgSkirche augenscheinlich durch einen Axthieb ermordet. Man vermuthet einen Racheact von einem ent- laffenen Gefangenen.

Wien, 29. November. In der Stadt herrscht über den Sturz Badenis allseitig eine gehobene Stimmung. In parlamentarischen Kreisen verlautet, daß der Sturz des CabinetS vollständig unerwartet kam. Der Rücktritt jdel Präsidiums des Abgeordnetenhauses und die Wiederkehr KathreinS ist vollständig sicher. Die Fortschrittspartei und die italienischen Clubs versammelten fich heute zur Berathnng über neue Maßregeln. Die Vorstände und Obmänner der OppofitionSparteien bleiben trotz der Schließung des Parla­ments in Wien.

Wien, 29. November. Sämmtliche Personen, welche in den letzten Tagen bei den Demonstrationen dem Landgericht eingeliefert find, etwa 60 bi» 70, werden noch heute auf Weisung der Staatsanwaltschaft in Freiheit gesetzt werden.

Wien, 29. November. Heute Vormittag wurde dal Präsidium des Abgeordnetenhauses vom Kaiser in Audienz empfangen. Eine politische Aeußerung ist bei dieser Audienz nicht gefallen. Der niederösterreichische Landtag wird eine DankeSkundgebung an den Monarchen für die An­nahme der Demisfion Badenis richten. DieArbeiterzeitung" fordert in einer Extraausgabe die Bevölkerung auf, heute Abend zu illuminiren. Die Studenten planen einen Fackelzug vor der Wohnung einzelner Abgeordneter.

Wien, 29. November. In der heuttgen Sitzung bei niederöfterreichifchen Landtages kam es zu stürmischen ©eenen, weil der Landmarschall einen Dringlichkeitsantrag eine! liberalen Abgeordneten über die letzten Vorgänge im