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Der Hießen er Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Anmtliendtälter werden dem Anzeiger «Schmtlich dreimal beigelegt.
Dienstag den 3L December
Erstes Blatt.
Kießener Anzeiger
Kemrat-Mnzeiger.
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folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. ^HUll2>VCllUyC. ^rUHUlICIIVlUlltl. Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. December. Freiherr von Hammerstein ist nach einem Telegramm des Berliner Tageblattes ans Athen gestern dortselbst durch den Berliner Polizei-Commisiar Wolff mit Hilfe des deutschen Consulats und der griechischen Polizei festaenommen und per Schiff nach Brindisi befördert worden. Hammcrstein hielt sich in Athen unter dem Namen Hrrbart auf. (Durch Anschlag an unserer Expedition bereits bekannt gegeben. Red.)
Berlin, 28. December. Wie es heißt, ist ein Vertreter der New-Aorker StaatS-Regierung hier eingetroffen, um der preußischen Regierung mitzutheilen, daß Amerika die deutschen Versicherungs-Gesellschaften ausschließcn würde, wenn die preußische Regierung das Verbot gegen die amerikanischen Versicherungs-Gesellschaften nicht spätestens bis zum 1. Februar aufhebt.
Berlin, 28. December. Wie daS Blatt „Die World" meldet, wird die Königin von England die zweite Hälfte des April, wenn sie von bet Riviera zurückkehrt, in Deutschland weilen. ES heißt, daß zehn Tage in Coburg und der Rest in Cronberg zugebracht werden sollen.
Berlin, 28. December. Die Militärverwaltung geht, wie die „Post" erfährt, mit der Absicht um, zum möglichst vollkomm'nen Schutz der schießenden Truppen und besonders auch der Umwohner und des benachbarten Geländes die Sicherung aus den Ächießftänden noch wesentlich zu verstärken.
Berlin, 28. December. Die Ne uj ah rs fei er bei Hofe wird auch im kommenden Jahre durch eine Reveille um acht Uhr eingeleitet werden. Auf zehn Uhr ist Gottesdienst in der Schloßcapelle anberaumi. ; wird sich die große Defilircour im Weißen Saale schließen. Um 12 Uhr findet in Gegenwart des Kaisers im Lichthofe des Zeughauses Parole-Ausgabe statt.
Berlin, 28. December. Der „Reichs anzeig er" veröffentlicht die Allerhöchste Verordnung, wonach die beiden Häuser deS preußischen Landtags auf len 15. Januar etnberufen werden.
Berlin, 28. December. Der Kaiser ließ auf den Sarg deS verstorbenen Generals der Infanterie Freiherrn von M eerfcheidt-Hüllessem ein kostbares Blumenarrangement niederlegen. Uebrigens wird zu dem Ableben des Generals noch gemeldet, daß ter Kaiser dem Verstorbenen als Weihnachtsgeschenk sein Porträt in Lebensgröße übersandt hatte, wofür sich der General noch persönlich bedankte.
Berlin, 28. Dectmber. Wie aus FriedrichSruh gemeldet wird, hat Fürst Bismarck die WeihnachtSfeiertage tu stiller Zurückgezogenheit verlebt. ES waren in FriedrichSruh anwesend Graf Rantzau und Graf Herbert Bismarck mit ihren Familien. Der Fürst befindet sich im besten Wohlsein, ist aber verschlossener und stiller geworden als ehedem. Während
der Wtihnachtsfeiertage hatte sich Geh. Rath Swwrnninger in FriedrichSruh beurlaubt, doch wird er am 30. d. Mts. zurückcrwartet. Sein Assiste^arzt Dr. Eisenberg vertritt ihn bis dabin.
Att-land.
Wien, 28. December. Die Landtage von Nteder- Oesterreich, Böhmen, Galizien, Ober-Oesterreich, Steiermark, Krain, Mähren, Schlesien, Görz und Gradtsca sind nach vorhergegaugeuem Gottesdienste in üblicher Weise eröffnet worden.
Wien, 28. December. Sammtliche Blätter besprechen die Anwesenheit des deutschen Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe in Wien.
Prag, 28. December. In der heutigen ersten Sitzung des böhmischen Landtages kam es zu einem argen Sc and al infolge des Auftretens der jungtschechischen Abgeordneten gegen den Statthalter Grafen Thun. Als der Oberst Land-Marschall und dessen Stellvertreter Begrüßungsreden gehalten hatten und Graf Thun daß Wort ergriff, tief Dr. Engel mit weithin schallender Stimme: Wir werden diesen Vertreter der Regierung niemals anhören. Drohende Fäuste erhoben sich. Man rief u. A.: Wir würden uns an seiner Stelle schämen, hier zu sitzen. Die Abgeordneten Träger und Vasacky erklärten das Erscheinen des Statthalters für einen Scaudal, den man sich nicht gefallen lassen werde. Als der Lärm einige Zeit gedauert hatte, verließt die Jungtschechen den Verhandlungssaal.
Haag, 28. December. Die erste Kammer genehmigte den Gesetzentwurf, betreffend die Couoertirung der 3^/,procentigen Staatsschuld <n eine 3 procentige.
Rom, 28. December. In allen Städten werden den nach Afrika abgehenden Soldaten von den Bewohnern Ovationen bereitet. Wie. verlautet, sollen, sobald die gegenwärtigen Verstärkungen in Afrika eingetroffen sind, wettere 10000 Mann folgen. Gegen den 5. und 6. Januar werden die eriten Verstärkungen in Afrika etntrcffen.
Pari-, 28. December. Der Kriegsminister, der Colonien- mintstcr und der Ftnanzminister erklärten im parlamentarischen Ausschuß, daß auf MadagaScar demnächst französische Gerichtshöfe «-'»geführt werden sollen.
Paris, 28. December. Der Dampfer Italic ist gestern tm Hafen von Toulon mit 640 Soldaten, darunter 7 höhere Osfiziere, von Madagascar eingetroffen. Von denselben wurden 281 in Toulon, die übrigen in Marseille gelandet.
Madrid, 28. December. In der Provinz Orense wurde gestern ein heftiges Erdbeben verspürt. In den meisten Orten ging die Bewegung von Westen nach Osten. In der Provinz Leün wurden die Erdstöße ebenfalls wahrgenommen.
Loudon, 28. December. AuS Konstantinopel wird der
„Times" gemeldet, daß der französische Botschafter die Nachricht erhielt, 2000 Armenier, welche von Zeitun nach Messina geflohen waren, seien von Türken umgebracht worden.
Konstantinopel, 28. December. Für vier in der Türkei getöbtete amerikanische Missionare verlangen die Vereinigten Staaten von Nordamerika eine hohe Geldentschädigung. Es ist nicht unmöglich, daß die amerikanische Regierung zur Sicherung ihrer Forderung durch den Admiral Frcemantle in den türkischen Gewässern einen Druck ausüben und ein Pfand zu erlangen suchen werde.
Washington, 28. December. Die Regierung soll fest entschlösset fein, eine Anleihe von 100 Millionen Dollar- aufzunkhmen. Dafür sollen Bonds ausgegeben werden.
Newyork, 28. December. Nach einem Telegramm"auS Havanna fand 30 Meilen von Havanna ein Gefecht zwischen Insurgenten, unter der Führung Gomez, und 4000 Spaniern statt.
Newyork, 28. December. Der venezuelanische Minister des Innern, Castilbo, erklärte, D.nezuela würde keinen Zoll breit Landes abtreten, es müßte denn gerade durch Waffengewalt dazu gezwungen werden.
Nieste Nachrichten.
Wolffs telegr«p-ischeö Co'.respondenz-Bureaw
Odessa, 29. December. Einem hiesigen Speditionsgeschäfte wurden von einem gewissen Nadretschnh 84 Colli Haare übergeben, welche er mit 23 000 Rubel versicherte und mit einer Nachnahme von 16000 Rubel belegte. Da die Waarensenduvg verdächtig erschien, wurden die Ballen geöffnet. Bei der Untersuchung sand man nur werthlose Wollabfälle und ein mit Brennstoff gefülltes Gepäckstück, welches durch eine daran befindliche Zündschnur nach 24 Stunden in Brand gesteckt werden sollte.
Konstantinopel, 29. December. Meldung des Bureau Reuter. Zahlreiche Verhaftungen von Türken sind gestern in der Hauptstadt erfolgt. Unter den Verhafteten befinden sich zwei Civilbeamte des KrtegsmmistcriumS, ein Beamter des Ministeriums deS Innern und ein Adjutant. Die Maßregel soll in Zusammenhang steten mit der geplanten türkischen Demonstration gegen das jetzige Regime, welche gestern während des SelamlikS statrfinden sollte. Ein Zwischenfall hat sich nicht ereignet. DaS Gerücht, daß die Armenier für die nächste Ze<r eine Demonstration in der Hauptstadt beabsiHtigen, erhält sich hartnäckig. — Die vom Sultan dem Kaiser von Rußland gesandten Geschenke bestehen in einem Paar prächtiger Pferde und türkischem Tabak.
Barem» „HrroLd*
Berlin, 29. December. Der Kaiser hat, wie wir erfahren, daS von dem Osfiziercorps der Rathenower Husaren
Feuilleton.
Sylveflergesprschc.
Eine Plauderei an der Jahreswende.
(Nachdruck verboten.)
M. Weihnachten und Neujahr, das sind die Feste, die Unbedingt zur Geselligkeit auffordern. Es ist etwas Trostloses, wenn Jemand dazu verurtheilt scheint, allein in seiner Klanse zu fitzen, wenn zum letzten Mal die Lichter am Wcih- nachtSbaum entzündet werden oder die Glocken das neue Jahr einläuten. Gehört der Weihnachtsabend dem engeren Familienkreise, so tritt die Sylvefternacht bereits in daS Bild einer größeren geselligen Vereinigung und erinnert uns daran, daß wir Glieder eines socialen Gemeinwesens find. Au Sylvester bittet man Gäste, gibt Bälle und möchte, wo irgend die materiellen Mittel vorhanden find, mit dem Becher der Freude an den Lippen ins neue Jahr hinübergleiten. Etwas recht Lautes und Fröhliches noch zum Schluß. Das ist die Loosung! Aber die Shlvesterfreude hat ihre Grade und Abstufungen. Bei den rohen Gemüthern erschöpft sie sich im Pulverschießen und Straßenrandalen, letztere find übrigen- gerade in den großen Städten eher in Ab- als in Zunahmen begriffen. Bei der feineren Gesellschaft gipfelt sie häufig in einem solennen Ball, der immer besonders gute Chancen fürs Verlieben und Verloben bieten soll. Aber in beiden Fällen ist das Sylveftergespräch auf ein Minimum eingeschränkt. Aeußert eß sich hier in rohen Witzen, so dort in faden Gemeinplätzen und einem stürmischen Angratulieren, bei welchem eigentlich Keiner etwas Vernünftiges denkt und eigentlich nur die gut daran sind, die statt der Worte Blicke auStauschen können.
DaS Sylvestergespräch kann sich nur da entwickeln, wo schon ein gewisser Leben-ernst vorhanden. Für die Jugend, die sich noch bei Spiel und Tanz vergnügen möchte, taugt es m Allgemeinen nicht, und das späte Alter findet gewöhnlich auch kein Vergnügen daran und zieht einen kräftigen Schlummerpunsch dem gediegensten Gespräch vor. Sylvesterconversation paßt also nur für baß mittlere Alter, bas noch mit den Hoffnungen nicht abgeschloffen hat und auch bereits genügend Vergangenheit hinter sich sieht, um zu einer gewissen Lebensweisheit berechtigt zu sein.
Welchen Inhalt soll sich das Sylveftergespräch geben? In abstracto läßt sich das natürlich nicht bestimmen. Die Betrachtungen in der letzten Stunde des Jahres richten sich natürlich nach den Erfahrungen und Erlebnissen, die unS die abgelaufenen zwölf Monate gebracht haben, und im übrigen, in ihrer Form, find sie bestimmt durch den Character und das Temperament der verschiedenen Menschen. Wenn dem so ist, haben wir vielleicht gar keinen triftigen Grund, von „Sylvestergesprächen" als einer besonderen Unterhaltungs- specteS zu reden?! Oh doch! Es ist ja am Ende eine selbstgeschaffene Grenze, die wir uns mit diesem bürgerlichen Neujahr errichtet haben. Im großen WeltorganiSmuS ober auch nur auf unserem Planeten vollzieht sich nicht die geringste Aenderung, wenn die Uhr zum Mitternachtsschlage aushebt, aber doch ist es unS zu Muthe, als sei abermals eine Station des Lebenswegs zurückgelegt, als befänden wir uns auf der Schwelle zu neuen Ereignissen, und wir empfind'» daS Bedürfuiß, unseren Gefühlen, Abnungen und Wünschen entsprechenden Ausdruck zu geben. In allgemeinster, aber auch oft in der farblosesten Weise geschieht dies in Form deS Neujahrs t o a st c S. Er ist immer für einen größeren Kreis berechnet und da er alles Persönliche und Individuelle
ausscheiden muß, fällt es ihm sehr schwer, die Phrase zu vermeiden. Am sichersten wird diese Klippe dann umschifft, wenn der Redner wenigstens das Talent besitzt, die nach den verschiedensten Richtungen laufenden Interessen der Anwesenden auf einen allen gemeinsamen Punkt zu concentriren und von hier aus das Licht auf Vergangenes und Zukünftiges zu werfen. Ist solches dem Neujahrstoaft möglich, so leistet er immerhin daß, waS ein guter Leitartikel sich zur Aufgabe gesetzt hat. Wie dieser mit den thatsächlichen Verhältnissen rechnet und von dem neuen Jahr keine Wunder und Zeichen erwartet, sondern nur die Ernte der Aussaat, so gefällt sich auch ein geistvoller Toast in keinen schönrednerischen Verheißungen, sondern sucht eine solide Grundlage für feine Wünsche und Betrachtungen.
Wohl stehen wir ohnmächtig dem gegenüber, was unS die Vorsehung an Krankheit oder Tod aufgespart hat, aber im Großen und Ganzen gibt uns jedes neue Jahr doch nur immer zurück, was es von unS empfangen hat. Der einsiedlerische Philosoph von Frankfurt, Arthur Schopenhauer, schrieb einmal die goldenen Worte nieder: „Es ist sehr schwer, in sich daS Glück zu finden, aber es ist ganz unmöglich, es anderswo zu finden!" Dieser AuSspruch könnte jedem ernsten Sylveftergespräch als Leitmotiv dienen.
Wenn wir sagen: Möge Euch das neue Jahr recht viel Gutes und Schönes bringen! so können wir damit eigentlich nichts anders meinen alS: Mög' Euch Gelegenheit werden, Sure Kräfte zu entwickeln, Eure Energie zu stählen und auf diese Weise zum Allgemeinwohl wie zum eigenen Nutzen beizutragen. Und somit denn ein fröhliches „Glückauf!" zum neuen Jahr!!
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