Ausgabe 
31.8.1895
 
Einzelbild herunterladen

Rr. 204

Der iKießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener A««irienvlät1er werden dem Anzeiger »dchmtlich dreimal beigelegt.

Samstag den 31. August

Gießener Anzeig er

Keneral-Anzeiger.

18f>£

Dierltljähnger Adouucmcutspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringrrlohn. Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.

Rcdaction, Qrptbitio» und Druckerei: Schvkaraße Ar.r.

Fernsprecher 51.

Zlints- und Anzeigeblatt füv den TLveis Gieszen.

Fettilleton.

Z\ ErmnklWgkn mks freiwilligen SauMsumuues an« den Angnst- null Septembertagen des Jahres 1870.

(7. Fortsetzung.)

Am 29. August brachen wir nach Jouaville auf, wo die Schwerverwundeten der preußischen Garderegimenter in großer Zahl untergebracht waren. Auch einige hessische Verwundeten lagen dort, denn die preußische Garde, hessische Jäger und Artillerie kämpften hier nebeneinander. Abends vorher ver­nahmen wir mit großer Befriedigung, daß es den beiden in der Mairie liegenden Offizieren: Hauptmann W. von der 2. leichten Fußbatterie und Lieutenant K. vom 2. Jager« -ataillon, obgleich schwer verwundet, verhältnißmäßig gut ginge. Letzterer hatte eine Schußwunde in den Kopf er­halten, war als gefallen gemeldet worden, hatte sich aber wieder erholt und lebte noch zehn Tage bis zum Abend des 28. August. In der Frühe des folgenden Tages trafen wir zu Jouaville ein, tief bedauernd, daß wir den kaum zwanzigjährigen Jüngling nicht mehr am Leben trafen. Die Leiche war bereits in dem großen Grabe rechts vom Ein­gänge des Dorfes beigesetzt worden/ ein einfaches Holzkreuz bezeichnete die Stelle, daß hier ein Offizier ruhe. Mr ließen einen hölzernen Sarg anfertigen, legten die Leiche hinein, schnitten dem Gefallenen eine Haarlocke ab und senkten die Leiche an der Dorfmauer, deren Stelle genau bezeichnet wurde, in die Erde. Acht Tage später holten wir die Leiche ab und verbrachten fie nach Darmstadt, wo sie mit allen kriegerischen Ehren beigesetzt wurde. Unter dem Gepäck des Jünglings fand sich KörnersLeher und Schwert'. Die Stelle:Sollt ich einst im Siegerheimzug fehlen war angestrichen und das Blatt eingekniffen. Biele Krieger hatten Todesahnungen, die sich bestätigten. Andere sagten mit großer Bestimmtheit voraus: mir thut alles nichts! Sie bestanden Gefahren der schlimmsten Art, kamen glücklich durch

Deutsches Reich.

Berlin, 29. August. Das Kaiserpaar ist von seinem gemeinsamen Aufenthalte auf Schloß WilhelmShöhe bei Cassel wieder im Neuen Palais bet Potsdam eingetroffen, woselbst nunmehr die gesammte kaiserliche Familie bis auf Weiteres wiederum vereinigt ist. Am Freitag hatte das vorpommersche Städtchen Demmin die Ehre eines Besuches des Kaisers. Der hohe Herr wohnte der Besichtigung der dort zusammen- gezogenen Cavallerie - Division durch General v. Krosigk, sowie einer sich anschließenden Gefechtsübung bei, nahm spätem daS Frühstück im OffizierScasino des 2. pommerschen Ulanen-Regiments Nr. 9 ein und reifte dann nach Potsdam zurück.

Die von der öffentlichen Meinung Deutschlands langst mit Ungeduld erwartete authentische Veröffentlichung Ler Grundzüge der geplanten Organisation des Handwerks, wie solche der in Berlin versammelt gewesenen JnnungSconferenz unterbreitet und von ihr erörtert worden find, ist jetzt endlich erfolgt. Danach hatte das preußische Handelsministerium der genannten Conserenz die Grundzüge für eine Zwangsorganisarion deS Handwerkes und für eine Regelung des LehrlingSwesens, außerdem einen die Erricht tung von Handwerkerkammern betreffenden Gesetzentwurf vorgelegt. Den Kernpunkt der vorgeschlagenen Zwangs­organisation deS Handwerks stellt die Bildung von Innungen nur für gleiche oder höchstens verwandte Gewerbe mit be­stimmt abgegrenzten Bezirken dar. Eigentliche Mitglieder der Innungen sollen die selbstständigen Handwerker, welche Gesellen oder Lehrlinge beschäftigen, sein, doch können auch Handwerksmeister ohne Hilfskräfte und die Werkmeister in Großbetrieben die Berechtigung zum Eintritt erlangen. Der- saffung, innere Verwaltung und Geschäftsordnung jeder Innung werden durch die höhere Verwaltungsbehörde statutarisch geregelt. Bei jeder Innung wird ein Gesellen- AuSschuß errichtet, JnnungSausschüffe werden in den Be­zirken der zu bildenden Handwerkerkammern errichtet. Die Grundzüge über die Regelung des Lehrlingswesens weichen von den schon früher hierüber veröffentlichten Bestimmungen nur wenig ab, sie lausen im Allgemeinen auf eine Bkschrän­kung der Befugnisse zum Halten und zur Anleitung von Lehrlingen hinaus. Was das Project der Handwerker- ckammern anbelangt, so denkt sich der Entwurf diese Organi­sation nur alS eine provisorische. Die Aufgabe der Hand« werkerkammern soll hauptsächlich in Beaufsichtigung der Innungen, JnnungsauSschüffe und des Lehrlingswesens, in

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

Hratisbeitage: Hießener Ilamikienötätter.

Erstattung von Berichten und Abgabe von Gutachten über | gewerbliche Fragen bestehen. Die Veröffentlichung der Be- schlüffe der Berliner JnnungSconferenz über die ihr unter­breiteten Vorschläge soll baldigst Nachfolgen. Offenbar ist aber der ganze Reformplan noch lange nicht genügend aus­gereift, um nun baldigst ins Praktische übertragen zu werden.

K. Augsburg, 29. August. Der allgemeine Verband deutscher Erwerbs- und Wirthschafts-Genoffenschaften hält hier gegen­wärtig seinen 36. Verbandstag ab. Es nahmen daran Theil nach der gestrigen Präsenzliste etwa 300 Personen, die zum größten Theil als Vertreter von Creditgenoffen- schäften, zum kleineren Theil von Consumvereinen, Bau-, Rohstoff- oder Magazingenoffenschaften (sämmtlich nach dem auf Selbsthülfe beruhenden System von Schulze-Delitzsch) erschienen find. Die Vorversammlung sand am 27., die erste Hauptversammlung gestern statt. Dagegen hat der engere Ausschuß schon seit dem 24. täglich Sitzungen abgehalten. In der gestrigen Hauptversammlung waren Vertreter der bayerischen Regierung, deS schwäbischen Kreises und der Stadt Augsburg erschienen, welche, durch den Vorsitzenden Prö bst «München der Versammlung vorgestellt, diese herzlich begrüßten und den Wunsch aussprachen, daß ihre Berathungen besten Erfolg haben möchten. Auch von Seiten der dänischen Regierung war ein Herr erschienen, der als Gast den ernsten Verhandlungen folgte. Nach dem Geschäftsbericht des An­walts F. Schenck«Berlin hielt zu dem Antrag IV. Pro­fessor Huber- Stuttgart einen von der Versammlung mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über die WährungS- frage, dem eine ebenfalls beifällig aufgenommene Ergänzung durch Th orw art-Frankfurt folgte._________________

Nachekhten»

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 29. August. Die Vorbereitungen für die öffent­liche Feier des Sedantages nehmen hier einen großen Umfang an. ES wird zu einer ziemlich umfaffenden Ein­stellung der Arbeit an diesem Tage kommen. Morgen er- scheint ein Aufruf angesehener Firmen, der die Ladenlnhaber Berlins bittet, an diesem Gedenktage ihre Geschäfte zu schließen.

Berlin, 29. August. DerReichsanzeiger" schreibt: Auf den Vorschlag des Ministers der öffentlichen Arbeiten beschloß das Staatsministerium, daß, soweit es Natur und Bedürfniffe deS einzelnen Betriebes gestatten, denjenigen Bediensteten, die am Feldzuge von 1870 theil- genommen haben, am diesjährigen ganzen Sedantage, den

übrigen Nachmittags frcigegeben und in beiden Fällen der Lohn unverkürzt bezahlt werde.

Berlin, 29. August. Heute sind hier die Directoren der zoologischen Gärten von Berlin, Hamburg, Köln, Breslau, Düffeldorf, Leipzig und Hannover zu einer Wander­versammlung zusammengetreten. Die Verhandlungen werden am SamStag geschloffen.

München, 29. August. Die Gcmeindebevollmächtigten beschlossen, den Mitkämpfern des Krieges von 1870/71, wo­fern sie hier seit zehn Jahren ihren Wohnsitz haben, das unentgeltliche Bürger- und HeimathSrecht zu ver­leihen.

Würzburg, 29. August. Versammlung deutscher Forstmänner. In der heutigen zweiten Hauptversamm­lung refertrten Profeffor Lorei - Tübingen und Forstrath Engelhard-München über Waldeintheilung. Ministerialrath Ritter von Ganghoffer sprach über Noth infolge Auftretens des Kieferspinners. Mit Worten des Dankes an die Ber- sammlung, die Staatsregierung, die Stadt und an den Ge­schäftsführer, Forstrath Kleespries, schloß der Präsident, Ober- sorstmeifter Dankelmann-Eberswalde, die Versammlung. Nach­mittags fand ein Festmahl statt, morgen wird ein AuSfiug nach dem Speflart gemacht.

Petersburg, 29. August. Moskauer Blättern zufolge ist die gegen 4000 Einwohner zählende Stadr Juchnow im Gouvernement Smolensk zur Hälfte abgebrannt.

Depeschen deS Bureau .Herold'.

Berlin, 29. August Das Befinden der Kaiserin läßt zur Zeit nichts zu wünschen übrig. Die Kaiserin ist beim besten Wohlsein auS Wilhelmshöhe zurückgekehrt. Die Schwäche, von welcher die Kaiserin als eine Folge ihrer Krankheit in Kiel befallen war, ist vollständig geschwunden.

Berlin, 29. August. Wie die Blätter melden, soll heute ein bei dem Eigenthümer deS Hotels Germania in Bad Gastein eingetroffenes Schreiben des Fürsten Bismarck deffen Ankunft zum Kurgebrauch am 17. September anzetgen. Die Nachricht bedarf noch der Bestätigung, da es hieß, daß Fürst Bismarck in diesem Sommer Friedrichsruh nicht ver­laßen werde.

Berlin, 29. August. In süddeutschen Regterungskreisen begegnen, wie dieMil. Pol. Corresp." schreibt, die auf Zwangs o rganisation des Handwerks gerichteten Pläne mehrfach Bedenken. Man glaubt befürchten zu müssen, daß insbesondere die Organisation der dort bestehenden

Feuer, Wasser, Hunger und ansteckende Krankheiten hindurch und langten wohlbehalten wieder bei den ihrigen an.

Nachdem wir unsere Pflicht dem Gefallenen gegenüber erfüllt hatten, begaben wir uns in daS Lazareth zu Haupt­mann W. zurück.Verfügen Sie über uns, wir stehen voll­ständig zu Ihren Diensten," sagten wir dem Tapferen, dessen eine Oberarm, von einer Granate zerrissen, im Gypsverbande lag.Ich brauche gar nichts," war die Antwort.Es ist in unübertrefflicher Weise gesorgt, oder können Sie mir vielleicht den verd.......Gypsverband abnehmen und den

zerfetzten Arm wieder flicken, daß ich dem verruchten Fran- zosengesindel seine Schaudthaten helfen kann heimzuzahlen." Nach diesen kräftigen Worten folgte eine kleine Serie noch kräftigerer Donnerworte, so daß man einen rauhen, bär­beißigen Krieger vor sich zu haben glaubte. Aber W. er ist auch seit einigen Jahren zur großen Armee abgegangen harte ein weiches, kindliches Herz, das sich oft in rührender Weise zeigte, die Rauhheit war nur äußerlich. Inzwischen hatte ich den Rucksack geöffnet und ein Fläschchen Kölnisches Wasser herausgenommen, daS ich vorsichtig öffnete.Schnaps wird nicht getrunken, Mann!" rief W.,aber Wein und sogar Champagner, nota bene! nur dann, wenn wir ihn haben."Das ist nicht zum Trinken, sondern zum Riechen, bitte, die Nase etwas herüberzudrehen," war die Antwort. Mann Gottes, Ihr seid ein ausgezeichneter Mensch!" rief W., nachdem er einen tiefen Athemzug gethan, daS Fläschchen dürft Ihr mir schenken, so etwas haben wir nicht. Wenn man zehn Tage lang nur Pulver, Blut, Brand und Verwesung gerochen, ist solch ein Fläschchen eine Himmels­gabe." Meine Freude, etwas geben zu können, war min­destens ebenso groß als diejenige des Empfangenden.

Am 30. August hatten wir Rasttag in Anoux la Grange. Die Ruhe that uns gut nach achttägigem Arbeiten und Entbehren.

Schon am 22. August waren die Sachsen und die preußischen Garden nach der Maas aufgebrochcn/ unsere Division war weiter nach Norden in die Stellungen von

Marange und Pierevillers eingerückt. Heftige Regengüsse brachen nieder und verwandelten den Boden in Sumpf und Morast. Der CernirungSdienst war hart, die eintreffenden Liebesgaben halfen über vieles Ungemach weg. Am Abend des 30. August brachten einige Leute die Nachricht: man höre schon den ganzen Tag Über dumpfe Donnerschläge von Westen her, eS müffe wieder hart gestritten werden. (An diesem Tage wurde die Schlacht von Beaumont geschlagen, wo die Bayern die leichtfertigen Franzosen mit Artillerie Überfallen konnten.) Der Westwind trug den Donner der Geschütze biS vor Metz.

Wir machten uns am 31. August frühzeitig zum Ab­marsche nach der Heimath bereit, zögerten aber doch wieder, als sich Niemand wußte woher die Nachricht verbreitet: heute geht es auch bei uns loS. Derartige Gerüchte liegen in ober fliegen durch die Luft, man weiß nicht, woher sie kommen oder wohin sie gehen. Wir beschlossen, noch einen Tag zu warten. Um Mittag traf die Nachricht ein: unsere Division wäre alarmirt worden und sei nach Osten ab« marschirt/ Bazaine mache einen ScheinauSfall nach Osten und Süden, würde aber wahrscheinlich den Hauptstoß nach Norden führen, weil er in dieser Richtung mit einer anderen fran­zösischen Armee, welche von Nordwesten her im Anmarsche sei, sich am leichtesten vereinigen könne.

Dies änderte unseren Plan, nach Süden zu marschiren, vielmehr gingen wir von Anoux la Grange nach Batillh, St. Marie aux Chvnes über Roncourt und kamen Nach­mittags 4 Uhr nach PierrevillerS, wo wir zu unserem Leid­wesen erfuhren, daß unsere Division um einen halben Tage­marsch vorwärts sei und unmöglich von uns eingeholt werden könnte. Man könne dieses aber auch durchaus nicht em­pfehlen, weil wir von den umherstreifenden Franctireurs wahrscheinlich niedergemetzelt würden. Keiner von unS besatz Waffen, sie hätten auch den Buschkleppern und Meuchel- Mördern gegenüber keinen Zweck gehabt. Also wieder zurück, hieß eS. (Schluß folgt.)