Kur-rvirthschastliche Winke un- Kathschläye.
A «»s Vberhesse«, Ende Mai. LnndwirthschosUiche Umschau «vd Urühfotzr-detrachinnge« eine» oberhesfische« Landwirth».
Wenn wir im 1895er Wonnemonat Mat durch Wiesen, Flur und Wald schreiten, lacht einem daS Herz und die in den letzten Jahren so oft getäuschte Hoffnung wagt sich, zwar immer noch bescheiden und schüchtern, hervor: eS wird befier werden. Ein langer, kalter Winter liegt hinter uns, der Menschen und Thiere hart drückte. Der Monat April förderte die landwirthschaftltchen Arbeiten nicht in der Weise wie frühere Jahre; erst der Mai half die Schwierigkeiten überwinden. Langsam, man kann fast sagen vorsichtig, aber stetig, rückte die Vegetation voran, den Satz beweisend, daß die sogmanntm fpätm Frühjahre für unsere Breitegrade die besten sind.
Sämmtliche Halmfrüchte, sowohl Sommer- wie Wintergetreide, sehen schön auS und versprechen gute Erträge. Die Kleefelder, Luzerne und deutscher Klee, stehen ungemein befriedigend. Die Wiesen hatten sehr bedeutende Wtnterseuchtigkeit und eine schützende Schneedecke während der strengen Kälte. DaS kommt dem Graswuchse zu gute; wir werdm in Menge und Güte auf eine schöne Heuernte rechnen können. Selbst Obst gibt eS, wenn auch in nicht großen Quantitäten; daS ist sehr begreiflich nach den großen Obsternten der Jahre 1893 und 1894. ES ist auch gut, daß es nicht soviel gibt, damit sich die Bäume nicht erschöpfen. Der umsichtige Landwirth darf nicht vergessen, grade dieses Jahr seine Bäume mit verdünnter Jauche rechtzeitig zu düngen, besonders da wo die Bäume wieder reich beladen sind.
Das Setzen der Kartoffeln, insonderheit der Spätsortm, war durch warmes sonniges Wetter begünstigt; die Frühsorten sind aufgegangen und schreiten hübsch voran. Die Zuckerrüben liefen recht gut auf und werden bereits behackt.
Hinsichtlich der Viehzucht muß hervorgehoben werden, daß überall ein reger Eifer herrscht, auf diesem ungemein wichtigen Gebiete der Landwtrthschaft Vorzügliches zu leisten. Verwaltungs
behörden, Vereine, Genoffenschaften und Private wetteifern miteinander in der Beschaffung vorzüglicher Viehraffen, in der Erhaltung und Veredlung des einheimischen trefflichen Materials. Zuchtgmoffm- schasten, Herdbuchgrsellschaften, Körcommisfionen, DiehauSstellungen, Prämittungm rütteln auch den trägen Langschläfer auf; eS ist eine Freude, die Bestrebungen und ihre guten Wirkungen zu verfolgen, besonders für den älteren Landwirth, der sich um vierzig und mehr Jahre in der Praxis zurückerinnert und daher weiß, waS einstmals in den fünfziger und was jetzt in den neunziger Jahren geschah oder geschieht. Gleicher Eifer herrscht in der Beschaffung trefflicher Saatfrüchte, ausgezeichneter Obstsorten und rationeller Dungmittel. Die Zusammenlegung der Grundstücke, die Drainirung nasser Fluren, die Anlegung zweckmäßiger Kreisstraßen, die Erbauung von Nebenbahnen schreiten unaufhaltsam vorwärts. Die Errichtung von land- wirthschaftlichen, gewerblichen und höheren Bürgerschulen findet unausgesetzte Förderung; das Wiffen und Könnm der Bürger- und Bauerntschter wird in geeigneten Anstalten zu fördern gesucht. Frauenvereine sorgen für Unterweisung der Mädchen im Kochen, Flicken und Stricken. Der Staat stellt bedeutende Mittel für Hoch- und Mittelschulen, für Kunst-, Eisenbahn- und Brückmbauten parat. Die vielgeschmähte Arbeiterschutzgesetzgebung hat schon unendlich viel Gutes gewirkt und kann durch weiteren Ausbau noch vervollkommnet werden. Ein solches Wirken, Walten, Werden und Streben, wie eS in den neunziger Jahren des zu Ende gehenden SSculums in die Erscheinung tritt, war noch niemals dagewesen und müßte eine ein- müthige, freudige, hoffnungsreiche Stimmung erzeugen.
Statt dessen zeigt das zu Ende gehende Jahrhundert ein greifen« hafteS, vergrämtes, todtmüdes Antlitz!
Woher mag das kommen? Zunächst daher, daß .feit einigen Jahren und »war feit dem Tode Kaiser Wilhelms I. ein deutlicher Rückgang bet der deutschen Nation zu erkennen ist. Wir stehen nicht mehr auf der Höhe im Rathe der Völker wie damals. Die HuldtgungSzüge nach Friedrichsruh seit Anfang April zeigen in eigentümlicher Weise diesen Gedanken, obgleich er nicht ausgesprochen wurde.
Ein anderer Grund ist die Unstätigkeit und das Hin- und
Herschwankm in der hohen Politik, womit die Zerklüftung und Zer- 'ahrenheil in dm Parteim Hand in Hand zu gehen scheint. Andere große Nationm habm in der Regel zwei große Parteim. Wir Deutsche müssm gleich ein Dutzend haben und wenn eS so fortgeht, wie e8 im letzten Decennium der Fall gewesm, ist es nicht unmöglich, daß wir nach einer Reihe von Jahrm ebmso viele Parteim und Parteichm habm, als Deutschland zur Zeit des Reichsdcputations« Hauptschluffes Staaten und Stätchm besaß, Gott sei's geklagt!
Ein dritter Grund, daß e» in unserer Zeit so saft- und kraftlos, vergrämt und greisenhaft auSschaut, ist die frühreife, blasirte Jogmd. Für Lehrm und Lernm sind die trefflichstm Anstaltm geschaffm; schon in der Volksschule werdm Physik, Chemie und Stereometrie gelehrt und der Dolksschullehrer muß ein Polyhistor fein, well er in einer Maffe von DiSciplinm unterrichten soll. DaS maffmartiga Wiffen steigt dm jungen Lmtm in die Köpfe, aber in Herz und Gemüth sieht eS öde und traurig auS. Es ist etwas gar schönes um unsere humane Gesetzgebung, aber daß Subordination und Dis- ctplin darunter schwer leiden, kann doch kein vernünftiger Mensch leugnen. Unsere Heranwachsende Jugmd versteht daher die Segnung« der humanen Gesetzgebung falsch und die meistm EUern wiffm ebenfalls noch keinm richtigen Gebrauch davon zu machen.
Man lächelt zuweilen über die Altm, wenn sie behauptm: nur in ihrer Jugendzeit fei es schön gewesm und schreibt derartige In» fichten der Unfähigkeit zu, sich tat Alter in die Zeit der jetzig« Jugend versetzen zu könnm. Daran ist manches Wahre, sticht geleugnet aber kann werden, daß unsere heranwachsmde Jugmd vielfach kraft- und saftlos, frühreif und genußsüchtig, blafirt und geckenhaft ist. Die vielgerühmte Schneidigkeit unserer Jugmd tftte den meisten Fällen nichts als .'affmmäßige Geziertheit und Gigerl» thum. So war es vor einem Menschenalter bet Weitem nicht und wir sind der festen Ueberzeugung, daß es auch nicht so bleib« wird. Jeder brave deutsche Mann wirke an seinem Theile dahin, daß diese Auswüchse beseitigt werdm.
(Schluß folgt.)
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