Ausgabe 
30.8.1895
 
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Nr. 203

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Freitag den 30. August

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Amtlicher Theil.

Gießen, den 29. August 1895.

Bekanntmachung, betreffend: Schweinerothlauf auf dem Markte zu Langsdorf. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnitz, daß unter einem von dem Händler Martin Kl öS zu Vilbel her- stammenden Transport von Schweinen des Händlers Louis Diefenbach zu Echzell auf dem Markte zu Langsdorf, Kreis Gießen, die Rothlauffeuche constatirt wurde.

v. Gagern.

Neueste Nachelchteu.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 28. August. Die Morgenblätter veröffentlichen die Grundzüge für die Organisation deS Hand» Werks, wie sie der kürzlich hier stattgehabten Handwerker- couferenz von der Regierungscommission vorgelegt und von ihr berathen wurden. Die Grundzüge sind: ZwangSorgani- sation des Handwerks, Regelung des LehrlingSwesenS, Er- richtung von Handwerkerkammern; Innungen sollen nur für gleiche oder verwandte Gewerbe gebildet werden- Jnnungs- mitglieder werden Krast des Gesetzes die selbstständigen Hand' Werker sein- die Verfaffung der Innung ist durch ein Statut geregelt, welches die höhere Verwaltungsbehörde erläßt- in den einzelnen Bezirken der Haudwerkerkammern werden JnnungsauSschüffe errichtet.

Kastel, 28. August. Der Kaiser und die Kaiserin reisten heute Nachmittag von Wtlhelmshöhe ab. Die Be­völkerung brachte dem Kaiserpaare zum Abschiede begeisterte Huldigungen dar. Kurz vor der Abreise wurde der Ober­präsident Magdeburg und der commandirende General v. Wittich empfangen. Der Kaiser hatte zuvor noch die Stadt besucht.

Schloß AdolfSeck bei Fulda, 28. August. Die Erb- großherzogin von Oldenburg, Prinzessin Elisabeth von Preußen, ist hier plötzlich an Unterleibsentzündung schwer erkrankt. Der Erbgroßherzog ist bereits am Krankenbett etngetroffen, desgleichen Sanitätsrath Dr. Neuber aus Kiel, der mit SanitätSrath Dr. Schneider aus Fulda die Be­handlung übernommen hat.

Adolfseck bei Fulda, 28. August. Die zum Besuche hier weitende Erbgroßherzogtn von Oldenburg, geborene Prinzessin Elisabeih von Preußen, ist gestorben.

Feuilleton.

A SrmmniuM eines freiwilligen Sanitätsmannes au den August- und Kkpkmbertngen der Jahres 1870.

(6. Fortsetzung.)

Für den Nachmittag deS 26. August wurde ein Streifzug durch daS Bois des Ognons bestimmt, wo unsere Heffen, besonders auch das Gietzener Regiment, am Abend des 16. August in den Kampf eingriffen. DaS Bois des Ognons haue dichtes Unterholz, in welchem noch verwundete Sol- baten, die sich nicht fortbewegen könnten, angeblich liegen sollten. DaS Gerücht erwieS sich als unrichtig. Zerbrochene Waffen und Ausrüstungsgegenstände jeder Art fanden sich noch zahlreich vor. Unter einem kleinen Strauche ragte eine abgeschoffene menschliche Hand heraus. Dieser Anblick ver­ursachte mir eine heftigere seelische Erschütterung, als em gefallener oder verwundeter Krieger.

Es fing bereits an zu dunkeln, als wir in unser Scheuer- quartier zurückkamen. Eine hessische Ordonanz hielt vor dem Hause, welcher ich die Reymann'scheu Specialkarten für die Division anvertraute - sie wurden pünktlich abgeliefert. Don der Ordonnanz hörten wir, daß die Franzosen einen Ausfall gemacht und unsere hessische Division von PterrevillierS und Marange nach Maizier an der Mosel marschtrt sei. Das bewog uns, am folgenden Morgen, 27. August, in aller Frühe aufzubrechen. Zuerst wurde noch die Stelle besucht, wo König Wilhelm I. auf einer provisorisch hergerichteten Bank, deren Ende durch den Leib eines tobten Pferdes ge- stützt wurde, am Abend des 18. August die Siegesbotschaft durch Moltke empfing. Don Gravelotte zieht die große Straße nordwestlich bis Malmaison, wendet sich dann nahezu westlich über Doncourt nach Eiain, während eine kleinere

Hamburg. 28. August. Heute Nachmittag 41/« Uhr trafen etwa 50 deutsch-amerikanische Veteranen von Bremen hier ein und wurden am Bahnhofe vom Vor­stande des Kriegerverbandes und verschiedenen Abordnungen mit 12 Fahnen freundlichst begrüßt. Die Musik spielte Deutschland, Deutschland über Alles". Während der per­sönlichen Begrüßung stimmte die Musik die amerikanische Nationalhymne an. Die am Bahnhof angesammelte Menschen­menge empfing die Amerikaner mit brausendem Hurrah. Sodann begaben fich die Amerikaner per Wagen in ihre Hotels. Für morgen Vormittag ist ein Besuch beim Fürsten Bismarck, für morgen Abend ein CommerS im Concerthaus Ludwig in Aussicht genommen.

Augsburg, 28. August. Der Genossenschafts tag faßte nach sehr beifällig aufgenommenen Reden des Prof. Dr. Huber - Stuttgart und des BankdirectorS Thorwart- Frankfurt a. M. auf Antrag des schlesischen Verbandes ein­stimmig einen Beschluß zu Gunsten der Goldwährung.

Paris, 28. August.Echo" meldet, der Herzog von Orleans habe vor seiner Abreise nach Marienbad allen von ihm subventionirten Blättern mitgetheilt, daß am 1. October jede Subvention aufhöre, da es verlorene Mühe fei, gegen die Republik auzukämpfen.

Paris, 28. August. Der dramatische Schriftsteller Hippolyte Raymond hat fich in der vergangenen Nacht in Saint-Mande erschossen.

Constantine, 28. August. Eine Wasserhose ver­wüstete gestern Abend daS Gebiet von Stdi Aich. In einem arabischen Dorfe wurden 14 Personen getödtet, ebenso viele verwundet.

Depefchen deS Suteeu .Herold".

Berlin, 28. August. DemReichsanzeiger" zufolge ist das Schriftstück, welches die in Magdeburg erscheinende socialistischeVolksstimme" aus dem Buche von Biedermann: Deutschland im 18. Jahrhundert" abdruckte und welches eine angeblich im Jahre 1798 erlassene Cabinets- ordre betreffend das Verhalten besonders der jungen Offiziere dem Civilstande gegenüber enthält, eine Fälschung.

Berlin, 28. August. Polizeilich verboten wurde die Abhaltung einer von socialtftischer Sette nach Schönhausen einberufenen Volksversammlung, in der der Krieg 1870/71 besprochen werden sollte. Die Beschwerde gegen das Verbot des Amtsvorstehers ist von dem Landrath des Kreises Nieder-Barnim als unbegründet verworfen worden.

Berlin, 28. August. Der bei der Botschaft in Berlin beglaubigte franz ösi sche Militär-Attachö, Major E. L. de Foucauld vom Generalftab wird den Kaiser- manövern in Pommern nicht beiwohnen. Die französische

Armee bleibt in diesem Jahre unvertreten. DiePost" fügt hinzu, die Gründe seien bekannt und begreiflich.

Posen, 28. August. In Karezewo haben Kinder ein schweres Brandunglück verschuldet. Dieselben zündeten Stroh an, wodurch ein ArbeiterhauS in Brand gesteckt wurde. Daffelbe wurde total eingeäschert. Sechs Personen find dabei umgekommen.

Posen, 28. August. Das Mörderpaar Mathilde Heintze und OScar Heilmann, welche im vorigen Jahre den Ehemann der Heintze mit Arsenik vergifteten und nach Amerika geflohen waren, von wo sie auSgeliefert wurden, find nun im Gefängniß zu Llffa untergebracht worden.

München, 28. Auguist. Katholikentag. DaS Wort erhält Dr. Bachem zu dem Thema:Die Weltanschauung deS Sozialismus." Derselbe führt aus: Vom Liberalismus übernahm der Sozialismus die Lehre von der absoluten Souveränität des Volkes. Nicht selbstlose Männer würden aber in diesem Falle Führer des Volkes sein, sondern nur solche, welche demselben am meisten zu schmeicheln vermöchten. Redner glaubt, daß der sozialistische Staat erst recht der Autorität, die er zu untergraben gewillt ist, bedürfe, eine Autorität, die so stark sein müßte, wie sie wohl kaum ge­schaffen werden könne. Wohl noch keine Theorie sei so ziel­bewußt auf die Mafien zugespitzt worden, wie die sozialistische, denn sie ist darauf berechnet, einerseits die Wahrheit zu ver- düstern und andererseits die Leidenschaften aufzurütteln, der Sozialist, welcher weiß, daß der heutige Mensch für einen Zukunftsstaat absolut untauglich ist, construirt sich einfach einen Menschen, der in den Zukunftsstaat hineinpaßt, einen Menschen, der gehorcht ohne Autorität, der arbeitet ohne Aufsicht. Auf der ganzen Linie würde daS Centrum an­gegriffen, aus der ganzen Linie müßte es kämpfen. ES müßten die Arbeiter wieder organisirt werden, und in den katholischen Arbeiter-Vereinen würden auch die einzelnen Arbeiter sich wiederfinden. Redner schließt: Wir wollen bis in den letzten Ort und in die letzte Fabrik bringen, um die Arbeiter wieder zu einigen, die christlichen Arbeiter. (Brau­sender Beifall). Inzwischen ist ein Telegramm seiner König­lichen Hoheit, des Prinzregenten eingelaufen, in welchem er der Versammlung für die dargebrachte Huldigung in kurzen Worten seinen Dank ausspricht. Hierauf spricht LandtagS- .abgeordneter, Lehrer Woerle aus Pfersee über:Unsere Forderungen für die Volksschule". Redner beleuchtet die Wichtigkeit der Volksschule, welche die Zukunft des Vater­landes und der Gesellschaft entscheide. Die Loosung im Kampfe muffe heißen: Hie Christenthum, hie Atheismus. Der Simultan-Unterricht mit gesonderten Religionen sei ein Zwei Seelen-System, ein Unding. Die Sinmltan-Schule bilde nur den Uebergang zum gemeinsamen religiösen Unter»

Bicinalftraße fast genau nördlich von Malmaison nach Verne- ville, darauf das Bois de la Gusse durchschneidend über Haboeville nach St. Marie aux CheneS führt. Malmaison liegt also in dem Straßenwinkel, der durch die Straßen GravelotteDoncourt und Gravelotte Verneville ge­bildet wird.

Wir befanden unS hier auf den Feldern, wo am 18. August die grauenhaften Kämpfe ftattfanden. Man be­greift nicht, daß nur ein einziger deutscher Soldat mit dem Leben davonkommen konnte, wenn man diese furchtbaren Positionen sieht und erwägt, daß die Franzosen in vorzüg­licher Deckung die ganze Gegend in einen Kugelmantel hüllten. Sie müssen entsetzlich schlecht geschossen Haden, anders läßt sich die Sache nicht erklären.

Wären die Stellungen umgekehrt gewesen, d. h. hätten unsere deutschen Truppen so gute Stellungen und Gewehre gehabt wie die Franzosen, von den letzteren wäre kein einziger lebendig in die deutschen Positionen eingedrungen. Unsere zahlreicheren Truppen wurden stets durch die besseren fran­zösischen Stellungen reichlich ausgeglichen. Nur spartanisch deutscher Muth, Todesverachtung und glühende Vaterlands­liebe konnten so herrliche Thaten verrichten.

In Verneville erfuhren wir, daß der gestrige Ausfall der Franzosen nur ein Scheinangriff gewesen, weßhalb fich unsere Hessen wieder in ihre Positionen zurückgezogen hatten. Wir wandten und deßhalb nach Anoux la Grange, wo Herr Stabsarzt Dr. F., ein uns befreundeter trefflicher Mediciner und Soldat er ist jetzt auch bereits zur großen Armee abgegangen das Sanitätswefen leitete. Es war bewunderungswürdig, was in der kurzen Zeit vom 18. bis 27. August hier, wie überall, gethan worden war. Unsere Soldaten und Offiziere waren Helden auf dem Kampfplatze, nufere Aerzle, Krankenträger, Diakonissinnen und barmherzigen Schwestern waren nicht minder auf dem Felde der Barm­

herzigkeit und Menschenliebe. Bis in die vordersten Reihen sah man die Krankenträger mit ihren Wassereimern dringen, um den brennenden Durst der Verwundeten zu stillen. Nagender Hunger thut nicht so wehe, wie glühendbrennender Durst. Geradezu erstaunlich war es, wie diese Kranken­träger, mit der Pfeife im Munde und den Waffereimern in den Händen so seelenruhig in diesem Weltbrande herum- gingen, als befänden sie sich auf dem Kasernenhofe. Es war eine große Zeit anno 1870 und große Zeiten erzeugen große Menschen.

Von Anoux la Grange aus hatten wir Gelegenheit, die Stellungen unserer Hessen, ihre Kämpfe und Leistungen am Eisenbahndamm, ihr heroisches Aushalten im Bois de la Gusse, wie überhaupt als Centrum der ganzen Armee, welches den Anprall des Feindes abweisen mußte, zu bewundern. Die Thaten der Hessen am 18. August können sich jeder anderen Kriegsthat des Jahres 1870/71 an die Seite setzen. DaS spricht sich auch in den Verlusten aus. Die hessische Division, welche etwa halb so stark war alS das sächsische Armeecorps, hatte die gleichen Verluste wie letzteres, d. h. sie waren doppelt so groß. Für den Krieger ist es das Schrecklichste, wenn er weder vor- noch rückwärts kann, auf der Stelle aushalten und fich von einem fast ganz unsichtbaren Feinde niederschmettern lassen muß. Diese Aufgabe haben unsere Hessen glänzend gelöst. Wie am 6. August bei Wörth Preußen, Bayern und Württem­berger Schulter an Schulter kämpften und fich in Tapfer­keit und Todesverachtung zu übertreffen suchten, so standen am 18. August Preußen, Sachsen und Heffen in treuer Waffenbrüderschaft zusammen und schlugen den Erbfeind zu Boden.

(Fortsetzung folgt).