Nr. 151 Drittes Blatt. Sonntag den 30. Jnni
1898
Der -tttzeoer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Alle Annoncen-Burcaux deS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" rnlgegen.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
betreffend Ausbruch der Maul- und Klauenseuche zu Harimannshain.
Die über Herchenhain, Kreis Schotten, verhängte Gemarkungssperre, sowie die über die verseuchten Gehöfte zu Hartmannshain verhängte Gehöft sperre ist wieder aufgehoben.
Die über die Gemarkung Hartmannshain angeordnete Gemarkungssperre bleibt fortbestehen.
Gießen, den 27. Juni 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gag ern.
Abonnements^Einladung
Zum Bezug des „Gietzener Anzeiger" für das 3. Vierteljahr 1895 laden wir hiermit ergebens! ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben aus dem Lausenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist der „Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück
sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus - = wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gietzener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärüge Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhallen vom Tage der Bestellung bis 1. Juli den Anzeiger kostenfrei zu- ■, gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts poststei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements- ’ betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gietzener Anzeiger" Brühl'sche Univ.-Buch u. Steindruckerei (Pietsch & Scheyda).
Dentscher Reich.
Berlin, 28. Juni. Der Bundesrath erledigte in seiner am Donnerstag abgehaltenen Plenarsitzung eine ziemlich reichhaltige Tagesordnung. Es wurden die Gesetzentwürfe bett, die Bestrafung des Sclavenraubes und Sclavenhandels und betr. die Abänderung des Gesetzes über die Etnsührung einer einheitlichen Zeitbestimmung in der Fassung des Reichs lages angenommen, und ferner die neue Vorlage über die Einrichtung einer Seequarantaine für ausländisches Vieh, sowie der Entwurf einer Verordnung, betr. die Abänderung der bis jetzt bestandenen Verordnung über Erhebung eines
Zollzuschlags für Maaren auS Spanien und den spanischen Colonien, genehmigt. Weiter stimmte die Versammlung den AuSschußanträgen zu, welche sich auf die Bestimmungen über die Ausführung der Novelle zum Branutweinsteuergesetz beziehen.
— DaS preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Donnerstag zunächst einige Wahlprüfungen und ging dann zur Specialberathung des Gesetzentwurfes, betr. die Berpflegungsstationen, über. Eine stundenlange Debatte entspann sich bet § 1, welcher die Errichtung von Ber* pflegungSstationen an geeigneten Orten ausspricht. Die Commission beantragt, der Regierungsvorlage in diesem Punkte den Zusatz „nach Bedürfniß" und die Bestimmung hinzuzusügen, daß von einer Arbeitsleistung in besonderen Fällen abgesehen werden könne. Der sreiconservative Abgeordnete v. Zedlitz erklärte, daß für einen großen Theil des Hauses die Entscheidung über § 1 wesentlich von der Regelung anderer Bestimmungen des Gesetzes, besonders aber von der Frage des Staatszuschusses äbhänge. Hierauf gab Finanzmintfter vr. Miquel die Erklärung ab, daß die Regierung dem § 3 tn der CommisfionSfassung, wonach der Staat den Kreisen die ihnen aus den VerpflegungSftationen erwachsenden Kosten durch einen bestimmten Zuschuß zum Theil wieder ersetzen solle, nicht zuftimmen könne- sollte das Haus trotzdem diese Commissionsvorschläge bei § 3 annehmen, so würde hierdurch daß ganze Gesetz gefährdet werden. In der weiteren Discussion traten thetlweise recht bemerkenswerthe Gegensätze in der Auffaffung des Wesens , der Verpflegungsstationen hervor, sie ließ im Uebrigen erkennen, daß die Regierungsvorlage keine sonderlichen Aussichten bei der Mehrheit deS Hauses besitzt. Schließlich gelangte § 1 mit geringer Mehrheit in der CommisstonSfaffung zur Annahme, § 2 (Einrichtung, Verwaltung usw. der Verpflegungsstationen) wurde nach einem von freiconservativer Seite gestellten Abänderungsantrage gutgeheißen. ES folgte eine längere Debatte über den erwähnten wichtigen § 3 (Kostenvertheilung), die mit Annahme deS den Staatszuschuß befürwortenden CommisfionsvorschlageS endete. DebatteloS gelangten die §§ 4 und 5 zur Annahme, die Discussion über die weiteren Paragraphen war nicht sonderlich belang* ; reich, dieselben fanden meist im Sinne der CommissionS- - beschlüffe Genehmigung, spectell § 9, der Betrunkene, Land- ! stieicher und Urkundenfälscher von der Aufnahme tu die Verpflegungsstationen ausschließen will.
Feuilleton.
Wochrnbriefe ans der Residenz. (Originalbericht des „Gießener Anzeigers").
Z. Darmstadt, 28. Juni.
Versammln»g. — Ein studentisches Sommerfest. — Aus dem Bereiuslebeu. — Allerlei.
Am Freitag letzter Woche fand die Generalversammlung einer der wohlthätigsten Genoffenschaften, die in unserer Stadt bestehen, statt, der „Centralanstalt für Arbeits- und Wohnungsnachweis". Herr RegierungSrath Fey führte den Vorsitz und eröffnete einen intereffanten Einblick in die Thätigkeit des Vereins seit seinem Bestehen. Am 2. Februar 1893 hat die Anstalt nach dem auSgegebenen Geschäftsbericht ihre Thätigkeit begonnen und in diesem Jahre 371 Stellenangebote und 812 Stellengesuche erledigt. Im Jahre 1894 wuchsen diese Zahlen schon ganz bedeutend, sodaß 741 Stellenangebote und 1627 Stellengesuche verzeichnet werden konnten. I« laufenden Jahre liefen vom Januar bis Mat 332 Stellenangebote bei der Anstalt ein. Im Ganzen sind bis jetzt 5240 Stellenangebote erfolgt, von denen 1028 mit den gesuchten Arbeitskräften versehen werden konnten. Nach Er* ledigung mehrerer geschäftlicher Angelegenheiten schloß der Vorsitzende die Versammlung, von deren stillem segensreichen Wirken auch den Gießener Lesern hiermit einmal Mittheilung gemacht sei.
Ein studentisches Sommerfest, wie es in Darmstadt seither noch ganz unbekannt geblieben war, hatte der Akademische Verein an der hiesigen Hochschule am letzten Sonntag arrangirt. Die Veranstaltungen der genannten Corporation find tn Darmstadt altberühmt, gilt doch der Ball des Akademischen Vereins seit Jahren als das schönste Ballfeft der Residenz. So fand auch der Ausflug am Samstag zahlreiche Betheiligung und verlief auf das beste. DaS Ziel der fröhlichen Reisegesellschaft, die am Nachmittag unter der Obhut zahlreicher Profefforen, unter denen auch der Rector, Herr Prof. vr. Lepsiu s, zu bemerken war, bildete Auerbach.
i Dort giugS zum Fürstenlager und dann ins Schloß. Vor i dessen Portale empfing eine „echte" Zigeunerin die An- i kommenden und überreichte den Damen hübsche Erinnerungsfächer. Später vollzog sich mit der romantisch aussehenden Zigeunermaid freilich eine Metamorphose, denn sie entpuppte sich als Studiosus, der reizende vom Akademischen Verein selbst hergestellte Postkarten verkaufte. Vor dem Betreten des Schlosses wurden die Gäste durch den Schloßvogt in altdeutscher Tracht begrüßt und Jeder erhielt einen willkommenen ErsrischungStrunk aus den Tiefen des Schloßkellers. Im Schloßhofe selbst begann nun ein düsteres Schauspiel, ein gleichfalls historisch „echtes Vehmgericht" hielt hier eine öffentliche Sitzung in Sachen des Frau Zlmmervermietherin Wetterhahn gegen einen Studiosus der Darmstädter Alma mater. Glücklicherweise endete die Sache für den Akademiker günstig, denn die durch herabgelassene Stalllaternen „erleuchteten" fünf Richter wiesen die Klägerin ab und verurtheilten sie wegen Verleumdung noch in die gewaltigen Kosten von 2 Mark 95 Pfg. Als die Klägerin gar zu behaupten wagte, auch die Herren Professoren würden zuweilen von dem Schreck- gespenst des Katers heimgesucht, mußte sich das Gericht freilich für incompetent erklären. Plötzlich erschienen nach Beendigung der Gerichtsverhandlung die Ritter deS Ordenscapitels und belohnten die schmählich beschuldigten Studenten mit allerhand unerhörten Ordensauszeichnungen, die mit gebührender Demuth hingenommen wurden.
Der lustige Schwank verfehlte seine erheiternde Wirkung auf die Zuschauer nicht und dadurch war zugleich für den weiteren Verlauf des Festes die fröhlichste Stimmung ge- schaffen. Gegen Abend verließ man die Ruine und dann begann unten in der „Krone" in Auerbach eine gesellige Vereinigung mit allerlei humoristischen und ernsten Ansprachen, von denen hier nur die Dankesworte des Herrn Rectors an den veranstaltenden Verein erwähnt seien. Natürlich fehlte zum Schluffe nicht der Tanz und dann gabs nach dem Abend- effen gar noch einmal eine theatralische Aufführung in Gestalt einer Parodie auf Schillers „Taucher". Sehr „früh" wurde die Rückkehr nach Darmstadt per Extrazug angetreten und
damit hatte ein Fest sein Ende erreicht, das nach den Berichten der Teilnehmer, auf die wir uns diesmal verlaffen mußten, in Darmstadt wohl nur selten seines Gleichen gehabt hat.
Im Sommertheater wurden auch in der vergangenen Wocke schöne Erfolge erzielt. Die Operette „Don Cäsar" machte volle Häuser und der Schwank „Die Dragoner" erzielte einen riesigen Lacherfolg. Am Dienstag kam Offen- bachS „Schöne Helena" zur Aufführung und errang einen außerordentlichen Erfolg, da die übermüthige Parodie einem großen Theile des Publikums noch neu war. Die Operetten finden stets sehr zahlreichen Besuch, da in diesem Genre daS hiesige Publikum auf unserer Hofbühne natürlich nur sehr wenig zu sehen bekommt und daS Sommertheater über ein wirklich gutes Personal verfügt.
Von großen Vereinsveranstaltungen, die für die nächste Zett geplant sind, erwähnen wir daS Sommerfest, das die „HumanitaS" am nächsten Sonntag in den Räumen des Saalbaues veranstalten will. Die Einzelheiten des Programms find noch nicht bekannt gemacht. Dann wird der Bicycleclub am nächsten Sonntag sein großes Sommerwettrennen abhalten. Das Programm dafür weist die üblichen Nummern auf. Zahlreiche Meldungen von auswärts, darunter solche von berühmten SportSgrößen, sichern einen 1 intereffanten Verlauf. Zum ersten Male werden übrigens bei diesem Rennen neben den seither üblichen Ehrenpreisen auch Baargeldpreise auSgegeben werden.
Die Kriegervereine arbeiten an ihren Festrüstungen eifrig fort. An den Schlachtentagen im Juli und August sollen die Gräber der Gefallenen in Lothringen von den lebenden Kameraden mit prächtigen Blumen- und Kranzspenden geschmückt werden. Eine eigene Deputation wird sich an Ort und Stelle begeben, um ihres Ehrenamtes zu walten. Das Zustandekommen des historischen FestzugeS darf als gesichert angesehen werden, doch ist das (Somite für weitere leihweise Ueberlassung von Waffen und Costümen sehr dankbar.


