Nr 150 Erstes Blatt. Samstag den 29. Zmi
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1898
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Deutsches Reich.
Darmstadt, 27. Juni. Aus London wird der „Darmst. Ztg." telegraphisch berichtet: Ihre Königlichen Hoheiten der Grobherzog und die Großherzogin besuchten am Montag Abend das Theater und begaben sich am DienStag zur Feier der Vermählung Sr. Köntgl. Hoheit deS Herzogs von Aosta, nachdem vorher das dejeuner dinatoire in Orleans House in Twincktngham eingenommen worden war. "Nach der Vermählung fand Tafel bei Ihrer Königl. Hoheit der Herzogin von Orleans im Savoy Hotel statt. Am Mittwoch den 26. ds. wohnten die Allerhöchsten Herrschaften einer Garden Party bei der Counteß Jlchester in Holland House bet, Abends 6 Uhr 20 Mtn. sand die Abreise nach Windsor Castle statt.
Umfic Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 27. Juni. Der Bundesrath stimmte in seiner heurigen Sitzung dem Entwürfe einer Verordnung wegen Abänderung der Verordnung vom 25. Mai 1894 über die Erhebung eines ZollzuschlagS für Maaren aus Spanien und den spanischen Colonien zu, ebenso der Vorlage, betr. die Einrichtung einer Seequarantäne für ausländisches Vieh. Den Ausschußanträgen über die Vorlagen vom 15. und 24. Juni, b-tr. den Entwurf der Bestimmungen zur Ausführung des Gesetzes vom 16. Juni 1895 wegen Abänderung des Branntweinsteuergesetzes wurde zugestimmt, das Gesetz, betr. die Bestrafung des Sclavenraubes und Sclavenhandels, wurde in der vom Reichstage beschlossenen Fassung angenommen und die dazu gehörige Resolution dem Reichskanzler überwiesen. Dem Entwürfe eines Gesetzes, betr. die Abänderung des Gesetzes über die Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung, wurde die Zustimmung ertheilt.
Kiel, 27. Juni. Au dem gestrigen Diner an Bord der „Newyork" bei dem commandtrenden Admiral des amerikanischen Geschwaders, Kirk land, nahm außer dem Kaiser und dem Prinzen Heinrich auch der commandirende Admiral Knorr, die Vtceadmirale Köster und Valois, der Contre- admtral Plüddemano, die Capitäne der amerikanischen Schiffe, der Flügeladjutant des Kaisers und der Chef des Marine- rabinetS Contreadmiral Freiherr v. Senden-Btbran Theil. Der Commandant des amerikanischen Flaggschiffes „Newyork", Capitän Even, hatte den Kaiser gebeten, daß daS schnellste Raceboot seines Kriegsschiffes nach seiner Tochter „Victoria" benannt werden dürfe, waS der Kaiser gestattet hatte. Diese kaiserliche Genehmigung hatte Capitän Even vor der Ankunft des Kaisers den Mannschaften seines Schiffes mit- getheilt, die tnfolgedeffen beim Eintreffen deS Kaisers an Bord der „Newyork" in stürmische Hochrufe auf die Prin- zeffin Victoria und den Kaiser ausbrachen. Der Kaiser be- fichtigte zunächst das Schiff und mit besonders eingehendem Interesse die Maschinenräume. Bei der Tafel brachte Admtral Kirkland in längerer Rede ein Hoch auf den Kaiser aus, in dem er für die gastliche Aufnahme in Kiel dankte. Der Kaiser erwiderte, indem er den Admtral Kirkland ersuchte, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten seinen Dank dafür zu übermitteln, daß die amerikanischen Schiffe zur Canalfeter erschienen seien. Er freue sich, daß eS den Amerikanern hier gefallen habe. Der Kaiser schloß mit einem Hoch auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die Tafel verlief in angeregtester Stimmung. Als der Kaiser die „Newyork" verließ, intonirte die SchtffScapelle die Nationalhymne und die Besatzung brachte ein dreifaches Hurrah auS.
Hamburg, 27. Juni. Nach einer Meldung der „Hamb. Börsenhalle" gedenkt „De Torenede DampfktasselSkab" in Kopenhagen demnächst eine regelmäßige Dampfer-Verbindung zwischen Odense und Hamburg durch den Kaiser-Wilhelm Canal etnzurichten - ebenso wird die hiesige WiSmar-Linien-Acriengesellschaft eine regelmäßige wöchentliche Dampfe:Verbindung zwischen Hamburg und den mecklenburgischen Häfen Wismar und Rostock durch den genannten Canal aufnehmen.
Kopenhagen, 27. Juni. Carl PeterS wurde mit mehreren Vertretern der Presse vom König in Audienz empfangen. Die fremden Journalisten haben vor ihrer Ab- reise den Bürgern Kopenhagens für die großartige Gastfreundschaft gedankt.
Depeschen deS Bure»u .Herold".
Berlin, 27. Juni. DaS Befinden der Kaiserin ist nach den heutigen Meldungen aus Kiel ein fortdauernd SuteS.
Berlin, 27. Juni. Im preußischen Landtage wurde heute der Gesetzentwurf über die Verpflegungsstationen
in zweiter Lesung, unter Annahme verschiedener Anträge zu । dessen einzelnen Paragraphen, erledigt. Morgen kleine Vorlagen.
Berlin, 27. Juni. Nach dem „RetchSanzeiger" hat der Kaiser dem Oberbaurath Baensch den Character als Wirkt. Geheimer Rath mit dem Prädicat „Excellenz" verliehen und ferner den Regierungsrath Loewe in Kiel zum Präsidenten des Canals und Canalrath mit dem Range der Räthe 2. Klaffe ernannt.
Berlin, 27. Juni. Dem „Localanzeiger" wird aus Kiel gemeldet: Als der deutsche Postdampser „Prinz Wilhelm" in Korpö eintraf, wurde ihm ein vom Kaiser Wilhelm abgesandteS Telegramm zur Besorgung nach dem zwei Meilen von Korpö festsitzenden italienischen Thurmschiff Sardenga übergeben. Der Postdampfer lief sofort nach der Strandungsstelle aus und brachte ein Antwortschreiben zurück, das Mit- theilungen über die näheren Umstände, unter denen sich der Unfall ereignet, enthielt. DaS Schiff sitzt 5 Fuß tief im Sande und wird voraussichtlich durch Taucher auSgegraben und dann abgeschleppt werden.
Berlin, 27. Juni. Zur S t t ch w a h l für den Reichstags- Wahlkreis Colberg-Cösltn proclamirt der Vorstand der antisemitischen BolkSpartei vollständige Stimmenthaltung.
Berlin, 27. Juni. Heute Vormittag hat gegen Herrn v. Kotze und gegen den Freiherrn v. Schrader die Verhandlung wegen Zweikampfes stattgefunden. Jeder der Angeklagten wurde zu drei Monaten Festungshaft bet* urtheilt.
Berlin, 27. Juni. Die Untersuchung gegen die am 1. d. Mts. wegen MajestätSbeleidigung verhafteten zwei bulgarischen Studenten Reinow und Iwanow ist in vollem Gange. ES verlautet, die Behörde wolle gegen verdächtige ausländische Studenten vorgehen. 18 russische und bulgarische Studenten seien der Behörde als verdächtig be* zeichnet worden.
Berlin, 27. Juni. Von zuständiger Seite wird uns mitgetheilt, daß die preußische Regierung durchaus nicht beabsichtigt, die 4pCt. Consols zu convertiren. Die Frage einer Convertirung würde überhaupt erst dann in den Gesichtskreis der Regierung gezogen werden, wenn die gegenwärtigen anormalen ZinSverhältniffe sich stabiltfiren sollten, was aber nicht zu erwarten sein dürfte.
Berlin, 27. Juni. Entgegen anderweitigen Meldungen können wir constatiren, daß die feierliche Grundsteinlegung zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal erst am 18. August stattfinden wird.
Berlin, 27.Juni. Gestern Abend sind wiederum zwei Pockenkranke nach der Charit« überführt worden, nämlich ein Student der Medicin, Bruno Rosenberg und deffen Mutter. Der Student soll sich bei den klinischen Studien an den neulich erkrankten Personen inficirt haben.
Berlin, 27. Juni. Der „Voff. Ztg." wird aus Athen telegraphirt: Briefe aus Creta bestätigen die drahtlichen Nachrichten über zwei sehr blutige Zusammenstöße zwischen türkischen Truppen, und Christen bei Vamos und Kalamitsi. Genaue Angaben über Todte und Verwundete fehlen, doch scheint die Sache trotz der unbedeutenden Ursache (ein im Hinterhalt liegender Christ schoß auf Gendarmen) sehr ernst geworden zu fein. Die Gemüther find auf der ganzen Insel sehr aufgeregt, hauptsächlich wegen der plötzlichen und vorzeitigen Schließung des Parlament- durch den Gouverneur, was als ein Streich der Pforte zur Beseitigung der letzten Reste der cretensifchen Autonomie betrachtet wird.
Rom, 27. Juni. Mehrere Blätter veröffentlichen die Notiz, die Königin sei bet ihrer gestrigen Spazierfahrt von der Volksmenge mit den Rufen: „Hoch die Königin, hoch Margherita! Nieder mit dem König, nieder mit Crispi!" begrüßt worden.
Brussel, 27. Juni. In der Kammer wendeten sich gestern die Socialisteu bei der Cougodebatte wieder in der heftigsten Weise gegen den König. Defuisseaux bezeichnete das Congounternehmen als eine völlig verfehlte Speculation, welche der König jetzt Belgien „anhävgen" wolle. Auf der Rechten wurde energisch gegen diese Behauptung protestirt. Der Radicale Lorand schloß sich Defuiffeaux an- die Kammer dürfe belgisches Geld nicht den Abenteuern des Königs opfern. Die Annahme der Vorlagen ist trotzdem zweifellos. Die Abstimmung wird heute stattfinden.
Paris, 27. Juni. Bon Berlin aus wird die Meldung des „GauloiS", wonach die deutsche Flotte den an den Kieler Festen theilgenommenen Mächten Gegenbesuche machen werde, dementirt.
Warschau, 27. Juni. Hier wurden neuerdings zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Die Verhafteten, unter denen fich ein 80jahriger Buchhändler befindet, gehören
allen GesellschaftSklaffen an. Die Polizei glaubt einer geheime« Verbindung auf der Spur zu sein.
. V. Friedberg, 26. Juni.
Der 33* Berbarrdstag der hessischen land- wirthschaftlichen Genoffenschaften fand heute bei entsprechend starker Betheiligung unter dem Vorsitz deS VerbandsdtrectorS, Herrn Kreisrath HaaS- Offenbach a. M., im Saale des Hotel Trapp statt. — Nach dem Jahresbericht umfaßt der Verband jetzt 1 Land- wirthschastliche Genossenschaftsbank, 1 Centraleinkaufsgenofseu- schaft, 248 Spar- und Darlehenskaffen, 101 landw. Bezug-- genoffenschaften, 20 Molkereigenossenschaften, 1 Zuckerfabrik, 1 Sauerkrautfabrik, 3 ObstverwerthungSgenoffenschaften,
1 Maschinengenoffenschaft, 2 Abfuhranstalteo, 1 Immobilien- An- und Verkaufsgenossenschaft, zusammen 380 Genoffenschaften mit rund 34,000 Mitgliedern.
Die gedruckt vorliegende Statistik der Genoffenschaften ergibt, daß im Geschäftsjahre 1893 der Gesammt- Kassen-Umsatz der Spar- und Darlehenskassen 50,9 Millionen Mark, der Waarenbezug der Rohstoffvereine 2,1 Millionen Mark, die Milcheinlieferung bei den Molkereigenossenschaften 8,9 Mill. Kilogramm im Werthe von etwa 1,1 Mill. Mk. betrug, die gesammten geschäftlichen Leistungen der Einzel- genoffenschaften des Verbandes sich also auf rund 54,1 Mill. Mark beziffern. Dazu der Gesammtumsatz der Centralgenossenschaft mit 1,01 Millionen Mark und der der land- wirthschaftlichen GenoffenschaftSbank mit 44,9 Millionen Mark, gibt insgesammt einen Betrag von über 100 Millionen Mark, welcher den Werth des Geschäftsumsatzes der im Verband vereinigten landw. Credit-, Rohstoff- und Molkerei-Genoffen- schaften und deren Centralstellen repräsentirt.
Die bis jetzt vorliegenden statistischen Zahlen — ein Theil derselben ist immer noch nicht eingelaufen — ergeben für daS abgelaufene Geschäftsjahr 1894 eine Steigerung dieser Umsatzziffern bei den Spar- und Darlehenskassen um etwa 3 Millionen Mark, bei den Molkereigenoffenschasten um rund 2 Millionen Kilogr. Milch und bei der Genoffen* schaftsbank um 1,4 Million Mk., dagegen hat der Waarenbezug der Rohstoffvereine in Anbetracht der wirthschaft- lichen Verhältnisse wenn auch nicht sehr erheblich, so doch um einige Hunderttausende abgenommen.
AuS der umfangreichen Statistik der Darlehenskassen ist noch besonders hervorzuheben: der Umsatz in lausender Rechnung mit den Mitgliedern hatte 15,1 Millionen Mark betragen, an Spareinlagen wurden 6,4 Mill. Mk. eingelegt. Dagegen beliefen fich die Ausleihungen an die Mitglieder auf Darlehen gegen Schuldschein 1,4 Mill. Mk., in laufender Rechnung auf 8,1 Millionen Mark, in Kaufschillingen auf 2,7 Millionen Mark, in Hypotheken auf 0,9 Million Mark, die Gesammtausleihungen betrugen mithin 13,1 Millionen Mark, wogegen 10,1 Millionen Mark heimgezahlt wurden, mithin wurden im Geschäftsjahre insgesammt 3 Millionen Mark mehr ausgeliehen.
Die GesammtauSstände Ende 1893 hatten in laufender Rechnung 7,8 Millionen Mark, auf Darlehen gegen Schuldschein 4,7 Millionen Mark, in Kqufschillingen 7,7 Mill. Mark, in Hypotheken 4,5 Millionen Mark, zusammen also 24,7 Millionen Mark betragen.
DaSaufgenommene fremdeCapital hatte Ende 1893 eine Höhe erreicht von 19,4 Millionen Mark Guthaben in laufender Rechnung, 4,7 Millionen Mark Spareinlagen, 1,8 Million Mark Guthaben der GenoffenschaftSbank, zusammen 25,9 Millionen Mark, während daS eigene Vermögen sich auf 1,13 Million Mark Geschäftsguthaben der Genoffen, 0,53 Million Mark Reserven, zusammen 1,66 Million Mark bezifferte. Nach Deckung der 130000 Mk. belaufenden Verwaltungskosten (einschließlich Gehalte der Rendanten — im Uebrigen ist die Verwaltung eine ehrenamtliche) und eines Verlustes von 8000 Mk. bei sämmt- lichen Spar- und Darlehnskaffen blieb ein Reingewinn von 165 000 Mk., welcher zur Vertheilung einer Dividende von durchschnittlich 4 bis zu 5 pCt. auf die Geschäftsguthaben der Genoffen benutzt und der Rest zu dem unthetlbaren Reservefonds, bezw. zu der nach Beschluß der Generalversammlung verwendbaren Betriebsrücklage geschrieben wurde.
Besonders hervorgehoben zu werden verdient die Mittheilung, daß die so beliebte und segensreich wirkende Sparkarten- Eivrichtung fich immer mehr verbreitet und durch dieselbe 568000 Mk. oder 6/10 Million Mark bei 103 dieser Spar- und Darlehenskaffen im abgelaufenen Jahre wiederum eingezahlt wurden. Es wird allen Kaffen dringend empfohlen, dieser Einrichtung die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden, da durch


