Nr. 304
Samstag deu 28. December
1896
Der
<$Uf, cv.fr Anzeiger erscheint täglich,
■ernt Ausnahme de- MonlagS.
Die Gießener A.mikienßtLller werden dem Anzeiger »-chentlich dreimal beigclegt.
Gießener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
SierteljShrtger A-o«ncmen1»Pret» r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
Viedaction, @fpcbittok und Druckerei:
Schutstraße -Jlc.7.
Fernsprecher 51.
Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren.
»nuahm« von Anzeigen zu der Nachmittag- für be* TtPltfifrtftf>T Ätti ^nnoncen-Bureaux de- In« und Su-lande- nehme»
folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr. ^TUHIUKHVlUUtl. Anzeigen für den „Gießener Anzeiger^ entgegen.
Amtlicher Theil.
Nr. 43 des Reichs-Gesetzblatt, auSgegeben den 20. d. M., enthält:
(Nr. 2280.) Bekanntmachung über die Ausdehnung der am 15. April 1893 zu Dresden abgeschlossenen internationalen Hebereinkunft, betreffend Maßregeln gegen die Cholera, auf die britischen Colonien Natal, Ceylon, Lagos, St. Helena enb Canada. Vom 14. December 1895.
(Nr. 2281.) Bekanntmachung, betreffend die dem internationalen Uebereinkommen über den Eisenbahnfrachtverkehr beigefügte Liste. Vom 14. December 1895.
Gießen, den 24. December 1895. GroßherzogltcheS Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Gießen, den 27. December 1895. Betr.: TabakS-Berufsgenoffenschaft.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen au die Groffh. Bürgermeistereien der Land- gemeindeu des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche mit der Erledigung unserer Verfügung vom 4. d. MtS. (Anzeiger Nr. 288) noch im Rückstände ffnd, werden hieran mit Frist von drei Togen erinnert.
v. Gagern.
Deutsche» Reich.
Berlin, 24. December. Gegen den Assessor Wehlau ist, wie die „Voss. Ztg." hört, vor der kaiserlichen Strafkammer in Potsdam ein neuer Verhandlungstermin auf den 7. Januar n. I. anberaumt wo den.
Anstand.
Rom, 24. December. Die Nachrichten aus Afrika laffen ein stetiges Dorrück-n des Feindes erkennen. Das Gros deS Heeres nähert sich unter Menelik, RaS Makonen steht dicht vor Makalle.
Rom, 24. December. Die „Riforma" veröffentlicht eine Mittheilung des polnischen Comitvs, wonach aus Rußland nicht nur Waffen und Munition, sondern auch 120 Offiziere nach Abesshnien abgegangen sind.
Rom, 24. December. Aus Massauah wird gemeldet, daß Boten, die aus dem feindlichen Lager gekommen fiad, mittbeilen, daß der Feind von einer großen Anzahl Frauen vnd Sclaven begleitet sei.
Paris, 24. December. Der türkische Botschafter in London wurde von einem Redacteur des „Gaulois" interwievt- derselbe erklärte, daß die Lage im Orient sich gebeffert hab. und der Sultan mit Hilfe der Mächte Lte Ruhe wieder Herstellen und alle Reformen durchführen werde.
Paris, 24. December. Aus Port Vencires wird mitgetheilt, daß dortseldst 113 Soldaten aus Madagaskar eingetroffen sind. Dieselben mußten sofort nach dem HoSpital gebracht werden.
Paris, 24. December. Die parlamentarische Commission für die Ausstellung von 1900 sprach sich mit allen gegen eine Stimme im Principe für die Ausstellung aus.
Paris, 23. December. Der Ministerpräsident Bourgeois hielt auf einem Banket des Verbandes für Unterrichtswesen eine Rede, in welcher er die Solidarität der Volktklaffen hervorhob und ihre gegenseitige Annäherung rühmend anerkannte. Der Minister erklärte, daß er in das nächste Budget den leitenden G-undsatz der Beihilfe und Vorsorge einzeichnen werde, denn es sei durchaus unzulässig, daß in einem demokratischen Staatswesen ein Menschenleben der nothwendigen Exlstenzmittkl beraubt sei.
Loudon, 24. December. Ein New Yorker Kabel Tele gramm meldet: Cleveland ordnete die unverzügliche Ausgabe von Gold > Obligationen an, um daö Vertrauen der Finanzwelt wieder herzustellen. D,e Golo Reserven sollen um 100 Millionen Dollar erhöht werden.
Loudon, 24. December. Aus Newyork wird von ben schiedenen Bankhäusern gemeldet, daß das Vertrauen nach und nach zurückkehrt. Die Ansicht ist vorherrschend, daß der auglo-amerikanische Conflict gütlich beigelegt werden wird.
London, 24, December. Die russische Regierung hat hier vertraul,ch angefragt, ob England eS gern sehen werde, wenn Rußland, deffen Beziehungen zu Washington andauernd vortreffliche seien, zur Herstellung deS Einver-
nebmenS seine Dienste anbiete. England soll erwidert haben, eS hege die Zuversicht eine directe Verständigung mit Venezuela zu erzielen. Käme dies tndeß nicht zu Stande, dann möge Rußland in Washington Vorstellungen machen
London, 24. December. Allem Anscheine nach hat sich die Gefahr des Ausdrucks eines Krieges mit den Vereinigten Staaten erheblich vermindert.
Dublin, 24. December. Ein Rettungsboot, welches ausgelaufen war, um die in bedrängter Lage befindliche Bemannung eines Schiffes in der Bucht von Kingstown zu retten, schlug um; 16 Personen ertranken. — Auf der Höhe von Dungarvan strandete gestern das Sckiff „Moresby"; von der Bemannung ertranken 17.
Belgrad, 24. December. Hier herrscht eine ungemeine Aufregung wegen eines Etnbruchsdiebstahls in der serbischen diplomatischen Agentur in Sofia, welcher während der Abwesenheit des diplomatischen Agenten ausgeführt wurde. Die Diebe erbrachen sämmtliche Kisten und Schreibtische, worin die gesammte diplomatische Corre spondenz, wichtige Briefe u. L w., sich befand. Alle wich' tigen Papiere wurden von den Dieben mitgenommen. Man glaubt, daß eine kundige Hand dabei im Spiele war und daß der Diebstahl den Zweck hatte, das Actenmaterial zu erlangen.
Koustantiuopel, 24. December. Die Reserven in Thyra, Aidin, Karad-Jasu und Jeni-Bazar sind einberufen worden.
Konstantinopel, 24. December. Man nimmt an, daß die türkischen Truppen zunächst versuchen werden, die Aufständischen ohne Kampf zu zwingen, sich zu ergeben. Demnach ist also das Gerücht, daß bet Zeitun bereits die EntscheidungS- schlacht geschlagen worden sei, noch verfrüht bezw. falsch. Wenn es wahr ist, daß die gefangene türkische Garnison von den Aufständischen niedergemacht worden ist, dann dürfte auch das Schicksal der armenischen Insurgenten ein sehr trauriges sein.
Newyork, 25. December. Aus H av annah wird gemeldet: Die Aufständischen unter Gomez in einer Stärke von 12,000 Mann mit sechs Kanonen erreichten Jovellanos, westlich von Colon Auf ihrem Marsche verbrannten die Aufständische'' zahlreiche Pflanzungen und zerstörten die Eisenbahnen. M^schall Martinez Campos befahl den Generalen Valdez, Aldccoa und Navarro, unter allen Umständen die Aufsiändtschen anzugretfen. Die Aufständischen griffen die Spanier an und tödteten 70 spanische Soldaten bei Jacan. ES geht vas Gerücht, daß eine große Schlacht in der Nähe von Matanzas stattgefunden hat. Die Aufständischen sind nur noch 50 Meilen von der Stadt Havavnah entfernt.
Neueste Nucheschteu.
ÄolffL telegraphisches Correfpondenz-Bure«u.
Langendreer, 26 December. Aus dem hiesigen Bahn- Hofe entgleiste bet der Ausfahrt der mit zwei LocomoUven bespannte Pcrsonenzug nach Bochum. Die erste Maschine fiel um und begrub den Locomotivführer, sowie den Heizer unter sich. Der Heizer war sofort tobt, bet Locomotivführer wurde erst nach sechs Stunden unter den Trümmern der Maschine hervorgezogen; derselbe ist heute früh gestorben. Daß Hauptgeleise wurde für längere Z-it gesperrt, die Maschine ist völlig zertrümmert. Von den Paffagleren ist keiner verletzt.
Rom, 26. December. Die „Agencta Stefani" meldet aus Massauah von heute: Die im Lager von Adigrat versammelten Italiener feierten gestern das We'hnachttfest. Trotz der Kälte in den Nächten ist der moralische Zustand und die Gesundheit der Truppen sehr gut. In der Landschaft ringsumher herrscht überall Ruhe.
Yokohama, 26, December. Meldung des Reuter'schen Bureaus. Der Kreuzer „Kw anping", welchen die Japaner den Chinesen im japanisch chinefiscken Kriege weggenommen hatten, ist bet den PeScadores-Jnseln am 21. December gescheitert; mehrere Offiziere und etwa 60Mann werden vermißt.
Df-orsÄ« bet Shireos «Herold*
Wien, 26. December. In hiesigen, der russischen Bot« schast naheftehenden Kreisen wird die Meldung italienischer Blätter, daß Rußland gegen eventuelle neue Eroberungen in Abeffynien Einspruch erhoben hätte, für vollständig unbegründet bezeichnet.
Budapest, 26.D cembcr. In ESzzebetfalva wurden die Tischlermeister Julius Borgt und Ignaz Popovics bet der Verausgabung falscher Kronenstücke verhaftet. Beide sind Mitglieder einer weitverzweigten Falschmünzerbande.
Newyork, 26. December. Gegenüber mehreren Congreß- Mitgliedern sprach Präsident Cleveland sein Bedauern darüber aus, daß seine Botschaftz über Venezuela zu falschen Schlüffen Veranlassung gegeben hat. Er perhorteS- z're jedes Kriegsgeschrei und wünsche nur Gerechtigkeit im Streite mit England. Sollte sich England im Recht befinden, so würde die zur Untersuchung der Grenzstreuigkeit ernannte Commission dies sicher feststellen. In diesem Falle werde er die ganze Angelegenheit fallen lassen.
WB. Washington, 27. December. DaS Reprä- sentantenhaus nahm gestern den CommissionSantrag auf Mittel und Wege zur Erhebung eines Zolles von 6,6 Cents per Pfund ungewaschener Wolle, 32 pCt. von Wollgeweben, 15 pCt. von Bauholz an. Morgen beschließt das HauS über die Ausgabe von Bonds und Schatzcerti» ftcaten.
Der Krieg von 1870|71, geschildert durch Ausschnitte aus Zeitung« Nummern jener Zett (Nachdruck verboten.) 27. Decemder.
Diesmal werden wohl wenige Kindertromweln und Säbel und Kanonen den Kindern geschenkt worden sein; denn das kriegerische Spiel ist zu furchtbar, um eS auf den Weihnachtstisch zu übertragen. Die Phantasie von halb Europa ist erfüllt van den Schrecken deS Bombardements von Paris, an welches die letzte Hand gelegt wird. Vorher freilich find Laufgräben ausznwersen und mehrere Forts zu nehmen, aber dann werden den Parisern furchtbare Stunden bevorstehen. Der GeschÜtzeLdonner des Mont Valerien wird nur ein Kindeslallen sein gegen die Sprache der deutschen Riesenmörser und Kanonen. De deutschen Schanzen werden einem Vulkan gleichen, der centnerschwere Gefchoffe in die Stadt schleudert. Neue Heereswogen rücken auS Deutschland heran, neue CadreS aller Waffengattungen werden gebildet. Der Widerstand facht auch in Deutschland die Kräfte zu den höchsten Leistungen an und eS sieht aus, als ob der Deutsche seine stets feindlich gesinnten gallischen Brüder auf Jahrzehnte hilflos machen werde.
Die Franzosen am Rhein hatten eine schöne WeihnachtSbeschecrung vor. Die 60000 Kriegsgefangenen in den Festungen Mainz, Coblenz und Köln hatten sich verschworen, in derselben nächtlichen Stunde die Wachtmann- schaften zu Überfallen, zu entwaffnen und zu ermorden und dann unter Mord und Brand die französische Grenze zu erreichen und im Elsaß Zuzug zu erwarten. Die Nacht zwischen dem heiligen Abend und dem ersten Christtage war zum Loßscklagen verabredet. Die Behörden waren aufmerksam geworden und ließen in Köln am Spätabend plötzlich Jnsanterie und Artillerie nach den Barackenlagern in Kalk und Wahn abrücken. In den Kasernen lagen 10000 Mann bereit, um bet dem ersten Schlage des Generalmarsches auSzurücken. Aehnlich in Coblenz und Mainz. Wochenlang vorher waren deu französischen Gefangenen Briefe und Aufrufe zugesteckt und Waffensendungen verheißen worden. Gefangene Offiziere hatten angefragt, ob sie sich Weihnachtsgeschenke aus der Heimath schicken laffen dürsten. So viel Ihr wollt! war die Antwort. Als aber die Stiften kamen, waren Waffen, Dolche, Degenklingen, Revolver darin und wurden weggenommen. Die strengsten Maßregeln haben seitdem den Verschwörungen und AuSbrüchcn einen Riegel vorgeschoben. — St. Quentin, in das die Nordarmee eingerücki war, ist wieder von den Preußen besetzt worden. Am ersten Weihnachtsfeierlag hat die Beschießung des Fort Avron begonnen.
29. December.
Nach neueren Nachrichten treffen im südlichen Frankreich frische afrikanische Truppen ein, welche der Lyoner Armee als eine Art Freicorps betgegeben werden sollen, denn der Augenblick ist gekommen, die Anordnungen deS Generals Faidherbe auSzuführen und die arabischen Gums marschieren zu laffen. Diese GumS kämpfen als Plänkler unb Übernehmen den AufklälungSbienst, da wir ^unsere leichte Caoallerie nun einmal nicht zu gebrauchen verstehen. Ihr nächster Zweck ist: die Ulanen zu vernichten oder toentpftenß durch einiges Kopsabschneiden einzuschüchtern. In zwei ober drei Gruppen, denen man einige deutsch redende Offiziere unb Unteroffiziere beigtbt, werden sie sich in das H'-rzogthum Baden werfen, wo sie zur Aufgabe hoben, den Deutschen das Hebet, daS sie ur.S anthun, zurückzugeben, d. h. alle Dörfer zu verbrennen und alle Wälder anzn» zünden — eine Kleinigkeit jetzt, wo daS trockene Laub den Boden bedeckt. Der Schwarzwald wird in Brand gefegt


