Ausgabe 
28.5.1895 Erstes Blatt
 
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Rr. 123 Erstes Blatt. Dienstag dm 28. Mai

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.

Die Gießener

DckmitieaSrälier werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

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Amtliche». Theil.

Lekauntmachuug,

betreffend Feldbereiutguug tu der Gemarkung Bellersheim.

Nachdem von dem OrtSvorstand zu Bellersheim der Antrag auf Feldbereinigung der Gemarkung Bellersheim und die Anlage von Zufuhrwegen in den Obstbaumftücken gestellt worden ist, solches von der Großh. Oberen landwirthschaft- lichen Behörde für zulässig erachtet und der Unterzeichnete zum Commiffär zur Leitung der Abstimmung ernannt worden ist, so wird hiermit Tagfahrt zur Abstimmung der betheiltgten Grundeigenthümer Über den erwähnten Antrag auf Samstag de« LS. Juni 1895, Vormittags 10 Uhr, in das Gemeindehaus zu Bellersheim bestimmt.

Diejenigen betheiltgten Grundbesitzer, welche in der anberaumten Abstimmungstagfahrt weder persönlich noch durch gehörig Bevollmächtigte abftimmen, werden alS für das Ver­fahren stimmend angesehen.

Gleichzeitig fordere ich hiermit die außerhalb des Be- retntgungsbeztrks wohnenden AuSmarker auf, zur Wahrung ihrer Jntereffen einen im Bereinigungsbezirk wohnenden Be­vollmächtigten zu bestellen, da eine wettere besondere Zuschrift tm Laufe deS Verfahrens nicht mehr erfolgt.

Friedberg, den 25. Mat 1895.

Der Commiffär zur Leitung der Abstimmung: Dr. Götte lmann,

4774 Großh. KreiSamtmann.

Bekmmtmachmig,

betreffend Feldberetntgung in der Gemarkung Obbornhofen.

Nachdem von dem OrtSvorstand zu Obbornhofen der Antrag auf Feldberetnigung der Gemarkung Obbornhofen und die Anlage von Zufuhrwegeu in den Obstbaumftücken gestellt worden ist, solches von der Großh. oberen landwirth- schaftlichen Behörde für zulässig erachtet und der Unter- zeichnete zum Commiffär zur Leitung der Abstimmung ernannt worden ist, so wird hiermit Tagfahrt zur Abstimmung der betheiligten Grundeigenthümer über den erwähnten Antrag auf Donnerstag den 13. Juni l. I., Vormittags IO Uhr, in daS Gemeindehaus zu Obbornhofen bestimmt. Diejenigen betheiltgten Grundbesitzer, welche in der an­beraumten AbstimmungStagfahrt weder persönlich noch durch gehörig Bevollmächtigte abstimmen, werden als für daS Ver­fahren stimmend angesehen. Gleichzeitig fordere ich hiermit bie außerhalb des BereiniguogSbezirkS wohnenden AuSmärker auf, zur Wahrung ihrer Jntereffen einen im Bereinigung--

Kttilleton.

ein Roman aus der dritten Gießener ZranrosenM. 1797.

Von Dr. Otto Buchner.

_ (Fortsetzung.)

Infolge einer 1777 vom Ministerium in Darmstadt ge­führten Untersuchung über Studentenunruhen in Gießen ertheilte die oberste Behörde jedem Einzelnen des Lehrkörpers, auch dem Rector und dem Kanzler derbe Wischer. Bei letzterem, dem damaligen Prokanzler Koch wird bemerkt, daß er bei den meisten füreiligen und ohne Jnstruirung der Sache aus­geschnellten Erkenntnissen" mit seinem Vota vorausgegangen, dabei mehrfach ebenfalls als Richter und Zeuge aufgetreten sei und seine Stimmein einem so hohen und bedrohlichen Ton" abgegeben habe,daß die anderen Votanten, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, einzustimmen sich bewegen ließen."

Um den Kanzler Koch genauer kennen zu lernen, ge­nügen die seither durchforschten Quellen nicht. Was sagt Karl Friedrich Bahrdt von ihm? Waren doch beide zu gleicher Zeit Lehrer an der Hochschule. Bahrdt behandelt nun auch im 2. Band seiner Lebensbeschreibung sehr ausführlich die Zeit seines Aufenthaltes in Gießen und gedenkt dabei (S. 159) auch seines Freundes Koch.

Mein eigentlicher Busenfreund war der Kanzler Koch, ein Mann von dem besten Herzen, von recht guter Laune und von ausgebreiteten, besonders literarischen Kenntnissen. Er war ganz für die Freundschaft gemacht. Er war munter, scherzhaft, gefällig und von festem Character. Mir war er

bezirk wohnenden Bevollmächtigten zu bestellen, da eine weitere besondere Zuschrift tm Laufe des Verfahrens nicht mehr erfolgt. Friedberg, den 25. Mai 1895.

Der Commiffär zur Leitung der Abstimmung: Dr. Göttelmann, 4775 Großh. Kreisamtmann.

Monat April 56,353,101 Mark, gegen April 1894 -f- 5,916,555 Mark. Die Zölle erbrachten 30,202,253 Mark (+ 5,193,694 Mark), die Tabaksteuer ergab 643,496 Mark ( 113,066), Zuckersteuer 8,436,414 Mark (+ 982,121), Salzsteuer 3,701,935 Mk. ( 104,650), Maischbottich- und Branntweinsteuer 1,115,281 Mark, ( 430,837), Ber-

Deutscher Reich.

Berlin, 25. Mai. Der Bund der Landwirthe beabsichtigt, in nächster Zett eine rege Agitation in der Umgebung von Berlin zu entfalten. Viele Eigentümer und Gaftwirthe in den nahegelegenen Ortschaften erhielten dieser Tage Zuschriften, in denen sie zu vertraulichen Besprechungen mit den Mitgliedern des Bundes eingeladen werden.

Berlin, 25. Mai. In der Klageschrift des Ber­liner Magistrats gegen den Oberbürgermeister Zelle wegen Beanstandung der vom Magistrat beschlossenen Petition gegen die Umsturzvorlage hat Bürgermeister Kirschner als Mandatar des Klägers auf den analogen VerwaltungSstreit zwischen Magistrat und Oberbürgermeister von Stettin ver­wiesen. Dort hatte letzterer ebenfalls auf Anweisung der Aufsichtsbehörde eine Petition des Magistrats und der Stadt­verordneten gegen die Erhöhung der Getreidezölle beanstandet, war aber vom Gerichtshof verurtheilt worden. Der Ber­liner Magistrat hat jetzt seine Klage in ähnlicher Weise wie der Stettiner Magistrat begründet. Oberbürgermeister Zelle hat in seiner Kiagebeantwortung lediglich auf die betreffende Verfügung des Oberpräsidenten verwiesen.

DaS preußisch e Abgeordnetenhaus ist am Sonnabend nach Erledigung verschiedener Vorlagen in die Pftngstferien gegangen. Der nachpfingstliche Sessions- abschuttt des Hauses wird der Hauptsache der Durchberathuug des umfangreichen StemvelsteuergefetzeS gewidmet sein, da die Regierung auf dessen Zustandekommen großen Werth legt. Auch die Session desBundesratheS wird sich noch einige Zeit htnziehen, die genannte Körperschaft muß noch zu einer ganzen Anzahl der gefaßten Retchstagsbeschlüffe Stellung nehmen und wird sie sich wahrscheinlich auch noch mit ver­schiedenen neuen Entwürfen zu befassen haben, w. z. B. mit der Vorlage über die Errichtung von Handwerkerkammern.

Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe wird am 4. und 5. Juni den Nordoftsee-Canal anläßlich der bevorstehenden LinweihungSfeter inspiziren.

Major v. Wiß mann wird bereits in den nächsten Tagen nach Deutsch-Ostafrtka abreisen, um seinen GouverneurSposten anzutreten. Mit der Ankunft des neuen Gouverneurs sollen noch verschiedene andere Veränderungen in den höheren Posten der ostafrikauischen Colonie vor sich gehen.

Reichseinnahmen. Die zur RetchSkaffe gelangte Jsteinnahme an Zöllen und Verbrauchssteuern betrug tm

brauchSabgabe von Branntwein und Zuschlag zu derselben 9,856,651 Mark (-ft 472,161), Brausteuer und Heber- gangsabgabe von Bier 2,397,071 Mark ( 82,868 Mark.)

Hannover, 25 Mai. Der hier versammelte Verein deutscher Banken bekennt sich in der Währungs­frage zu folgenden Anschauungen: Die Versammlung ist einstimmig der Ansicht, daß an dem gegenwärtig tm deutschen Reiche geltenden Währungsgesetze eine Aenderung nicht vor­genommen werden darf. Sie hält alle Bestrebungen, die auf eine Aenderung dieses Gesetzes zu Gunsten deS Silbers hinzielen, für in höchstem Grade schädlich und beunruhigend für Handel und Gewerbe und gegen daS Interesse der ge- sammten Bevölkerung Deutschlands verstoßend, ist auch der Ueberzeugung, daß die landwirthschaftlichen Kreise die von einer Aenderung der Währung erhofften Vortheile nicht finden werden- sie sieht deshalb mit tiefem Bedauern, daß eine Anregung zu einer internationalen 'Münzconferenz von Deutschland auSgehen solle, sie stellt als zweifellos fest, daß durch eine Verschlechterung der heimischen Valuta die Zer­störung eines großen Theiles des nationalen Vermögens und eine Verschlechterung der socialen Lage der Arbeiterbevölke- rung herbeigesührt würden. Sie erklärt eS aus diesem Grunde für die Pflicht eines jeden patriotischen Deutsche»-, mit ganzer Kraft für die Aufrechterhaltung der bestehenden Währung zu wirken. Sie tritt aufS entschiedenste der weit­verbreiteten Anschauung entgegen, als ob grade Bank-Institute ein besonderes großes Jntereffe an der Goldwährung hätten. Wenn in dieser Beziehung der eigene Vortheil maßgebend sein sollte, so könnten Banken doch nur für die denkbar schlechteste Valuta eintreten- denn die mit einer solchen ver­knüpften Schwankungen geben, wie überall ersichtlich, den meisten Anlaß, die geschäftliche Vermittlung von Banken tu Anspruch zu nehmen. Im Uebrigen ist daS Jntereffe der Banken au der Goldwährung nicht größer als daS jedes andern Besitzers von deutschen Werthpapieren, d. h. alle würden durch eine Herabminderung des Werthes der heimischen Valuta aufS empfindlichste geschädigt werden.

Kiel, 25. Mai. Der Kaiser hat wegen Zeitmangels die Theilnahme am Provtnzialfeft abgelehut. Alle Mitglieder des schleswig-holsteinischen ProvinziallandtageS wurden zum Einweihungsfeste eingeladen.

Oppeln, 25. Mai. Eine von der hiesigen Handels- kammer nach Leobschütz berufene Versammlung von Zucker- Interessenten beschloß: Zuckerprämie möglichst hoch, möglichst fünf Mark den Doppelcentner, bis zur Abschaffung

alles, meine fast einzige L'Hombrepartie mein im Geschmack mit mir sympathisirender Gesellschafter mein redlichster Freund mein weisester und treuester Rathgeber. Er liebte mich so herzlich, wie ich ihn. Und selten verging ein Tag, wo wir uns nicht am Gartengeländer sprachen, selten ein Abend, wo wir nicht von 810 Uhr beisammen waren, er bei mir, ich bei ihm, und scherzten oder über die Narrheiten der Welt unsere Glossen machten. Ein gut Glas Wein und guter Shmfter war seine Sache, wie die meine." Wer Bahrdt, sein Leben und seinen Character auch nur annähernd kennt, wird dieses übersprudelnde Lob Kochs zu würdigen wissen. Es muß jede Bedeutung verlieren oder gerade in das Gegentheil umschlagen. Bahrdts sittenlose Natur, die in Erfurt noch vollends verdorben worden war, mußte sich ganz besonders zu K o ch hingezogen fühlen. So ist es denn auch kein Wunder, daß Laukhardt in seinen Beiträgen und Berichtigungen zu BahrdtS Lebensbeschreibung 1791" recht bösartige Bemerkungen über das Freundschafts- verhältniß zwischen Koch und Bahrdt einfließen läßt.

H ö p f n e r, nachdem er Gießen verlassen und nach Darmstadt übergezogen war, blieb in brieflichem Verkehr mit Koch, der freundschaftlicher klang, als vorher der per­sönliche Verkehr gewesen war. Und doch finden sich in den von W a g n e r herausgegebenenBriefen aus dem Freundes­kreise von Goethe, Herder, Höpfner und Merck" (1847) nicht wenige Belegstellen dafür, daß der seiner Wahrheits­liebe wegen so mißtrauisch angesehene, übelbeleumundete Laukhardt über den eingebildeten, eitlen und streitsüchttgen Kanzler Koch genau nach der Natur berichtet und keines­wegs böswillig übertrieben hat.

Wenige Belege können dafür genügen. So schreibt Koch an Höpfner 1782 (S. 193):Herr Geh. R.

Goethe hat mir zum 2ten Male geschrieben und glaubt, es könne nicht anders sein, als daß ich den Wunsch der Höfe und des gesammtenPublici in Jena befriedigen müßte." Und am 7. August gelegentlich der Veröffentlichung einer juristischen Schmähschrift, die längst vergessen ist:Ich gönne es dem Krieger (seinem Gießener Verleger), obgleich auswärtige Buchhändler darum gebuhlt haben."

Mit Karl Renatus von Senkenberg, dem Wohl- thäter der Hochschule, stand Koch auf dauerndem Kriegs­fuß , nicht weniger mit seinen Amtsgenossen C r o m e, Christian Heinr. Schmid, Jaup, dem Prof, und nachmaligen Minister G a tz e r t, dem Geschichtschreiber Teuthorn und vielen anderen, deren Namen nur noch der Geschichte angehören.

Das bis dahin gesagte genügt, um den Kanzler Koch, seinen Character, seine vielseitige juristisch-schriftstellerische Thätigkeit, sein Leben im Collegium und im Bekanntenkreise, sowie in der Familie zu schildern und weiter auszumalen. Dazu die finstere, schmutzige, von hohem Festungswall um­gürtete kleine Stadt, die engen winkeligen Gassen, in denen namentlich Nachts das Geschrei, das Gebrüll der verwilderten Studentenschaft widerhallt und nicht selten gefährliche Raufe­reien Schrecken bis in die innersten Gemächer der Philister- Häuser verbreiten.

Dazu kommen nun nach und nach die drei Besetzungen der Stadt und Festung Gießen durch die Franzosen, über die inGießen vor 100 Jahren" S. 106 u. ff. daS nöthige gesagt ist. Mit der dritten derselben tritt die zweite Haupt­person in unserem Roman auf. Es ist der französische Geniecapitän Etienne Louis Malus, der 1797 während 11 Monaten Commandant der Festung Gießen war.

Malus war am 23. Juli 1775 zu Paris geboren