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Nr. 99 Drittes Blatt. Sonntag den 28. April
1895
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Aus den Verhandlungen der Zweiten \ Kammer der hessischen Stände.
nn. Darmstadt, 26. April 1895.
Die Sitzung wird um */, 10 Uhr eröffnet. Nach Verkündigung eines Antrages des Abg. Köhler, betr. den Bau der Oberhessischen Station Ober-Widdersheim, insbesondere den im Budget dafür vorgesehenen Betrag, wird in die Weiterberathung deö Gesetz-Entwurfs, die Organisation des Forftschutzes betr., eingetreten.
Abg. HaaS-Offenbach kann sich nicht mit dem neuen Entwurf einverstanden erklären, da derselbe ebensowenig wie der im Januar d. I. abgelehnte seinen Beifall finde. Der von der Regierung eingeschlagene Umweg über den Finanzausschuß Erster Ständekämmer, auf dem die Vorlage jetzt wieder eingebracht worden, sei kein glücklicher und etn ungewöhnlicher. Den gestern von Herrn Oberforstrath Wtlbrand thm gemachten Vorwurf, als habe er kein Herz für die Forstwarte, müffe er zurückwelsen. Er set der Erste, der eine dringende Regelung und eine Fürsorge für die Gemeindeforstwarre wünsche. Durch Gewährung ausreichender Gehalte, Pension-- und Relicten-Versorgung, nicht aber durch Uebcrnahme der Forstwarte in den Staatsdienst set dies zu erreichen. Den Städten würde durch diese lieber» nähme ein Geschenk gemacht, nicht aber den Forstwarten.
Abg. Schroeder empfiehlt Namens der Ausschuß- Minderheit wiederholt die Annahme des Entwurfs. Bei der Abstimmung wurde der grundlegende Art. 1 des Gesetzes mit 24 gegen 22 Stimmen angenommen, worauf sofort in die Einzelberathung eingetreten wurde. Die neue Gesetzesvorlage ist nicht blos redactionell, sondern auch materiell mehrfach abweichend von den früheren Vorlagen. Die hauptsächlichsten Aenderungrn finden sich in den Art. 6 und 7 des von der Regierung vorgelegten Gesetz-Entwurfs. Nach Art. 6 sollen die Besoldungen der mit Bestätigung der oberen StaatSforst- behörde angestellten Forstwane in Communal- und Privat- Waldungen zweiter Klaffe auf die Staatskaffe übernommen werden, und als Beitrag hierzu von den Betheiligten die gegenwärtig von ihnen für Forstwartgehalt bezahlt werdenden Beträge jährlich spätestens im Monat September an das Rentamt entrichtet werden. Art. 7 bestimmt, daß wo Feld- und Forstschutz seither vereinigt war, dieses Verhältniß thun- ltchst beibehalten werden soll. Es sollen sämmtliche Mehrkosten für bie neue Organisation der Forstwarte in Communal- und Privatwaldungen von der Staatskasse getragen und von den betheiligten Gemeinden und Privaten nur die . gegenwärtig von ihnen für Forstwartgehalte bezahlt werdenden Beträge weiterhin entrichtet worden. Die seitherige Organisation kostet 448 701 Mk., wovon der Staat
233 000 Mk. zugesichert. Die neue Organisation soll jährlich 473 073 Mk. kosten. Hierdurch käme ein Mehr von 24 000 Mk. weiter zu Lasten des Staates. Das Vorschlagsrecht der Gemeinden bei Anstellung von Forstwarten soll bleiben und soll ferner noch ausgedehnt werden auf alle Forftwarteien, in denen der Domantalbesitz weniger wie 25 Hectar beträgt.
Seitens des Ausschuffes werden zu den einzelnen GesetzeS- Paragraphen VerbefferungS-Vorschläge gemacht. Nach einer den ganzen Morgen dauernden Debatte werden die einzelnen Artikel berathen und angenommen. Als über die Annahme der Gesetzes-Vorlage im Ganzen abgestimmt wird, ergibt sich, daß das ganze Gesetz wiederholt mit 24 gegen 23 Stimmen abgelehnt ist.
Anschließend hieran wird ein Antrag des Abgeordneten HaaS, der Regierung zur Aufbefferung der Gehalte der Gemeinde-Forstwarte " 6000 Mark sofort zur Verfügung zu stellen, nach früherem Beschluß einstimmig angenommen.
Damit wird die Sitzung um * 1122 Uhr geschloffen.
Deutsches Reich.
Halle, 24. April. Der 8. deutsche Handwerkertag nahm nach einem Vortrage des Abgeordneten Euler folgende Resolution über die politische Vertretung des Handwerks an: „1. Bei allen Wahlen ist thunlichst dahin zu wirken, daß mit Hülfe handwerkfreundlicher Parteien Candidaten auS dem Handwerk aufgestellt und gewählt werden; wo dies nicht möglich ist, da hat der Handwerker in allen Fällen und mit allen erlaubten Mitteln denjenigen Candidaten zu unterstützen, der voll und ganz für das Programm der deutschen Handwerker, insbesondere obligatorische Innung und Befähigungsnachweis, eintritt. 2. Der Handwerkertag hält nach wie vor die Gründung einer sogenannten Mittelstandspartei für überflüssig, ja schädlich, weil bereits Parteien mehr als genug bestehen und weil für die Forderungen deS deutschen Handwerks und Mittelstandes im Reichstag bereits eine große Mehrheit vorhanden ist. 3. Der Handwerkertag spricht den Wunsch aus, eS möchten diejenigen handwerkerfreundlichen Parteien, die eine größere Vertretung des Handwerks in Reichs und Landtag als eine unbedingte Nothwendigkeit seit langen Jahren erkannt haben, dem Handwerk bei den Wahlen Mandate mehr als bisher überlassen."
Sitzung öcr Stadtverordneten
am 25. April 1895.
(Schluß )
Nachdem vor einiger Zeit beschlossen worden, der Frage wegenErrichtung kleinererWohnungen näherzutreten,
auch dem zunächst sich practisch mit Errichtung solcher Wohnungen befaffenden Evang. Arbeiterverein geeignetes Gelände zum Preise von 2 Mk. per Meter überlasten worden, wurde Veranlassung genommen, die Sache zu begünstigen durch möglichste Ausnützung des Geländes, wofür auch geboten erschien die Anlage von Straßen unter Normalbreite. Hierbei wurde auS mancherlei Erwägungen es für zweckmäßig erachtet, diese Art Straßen auf die ganze Stadt zu ver- theilen, um das Entstehen von sog. Arbeitervierteln zu vermeiden. Als solche Straßen wurden zunächst ins Auge gefaßt
1) eine in einen größeren Baublock zwischen Goethe- und Bleichstraße einer- und Ludwigstraße und Stefanstraße andererseits zu legende, parallel zu letztgenannten beiden Straßen lausende Straße, 2) der in südöstlicher Richtung entlang der Oberhessischen Eisenbahnen, jenseits der lieber» führung führende Theil des Riegelpfades und 3) die Parallelstraße der Wolfstraße, zwischen Grünberger- und Licherstraße. Gegen die zu Jedermanns Einsicht aufgelegten Pläne wurde mancherlei Einspruch erhoben. Die unter 1) bezeichnete Straße sollte zwischen den Häusern des Herrn Architecten Huhn in der Goethestraße auslaufen, wogegen Herr Huhn deshalb Einspruch erhoben, weil er das hierbei in Betracht kommende Gelände zur Benutzung als Gärten für die Miether beider Häuser nicht entbehren könne. Die Versammlung beschloß auf Antrag der Baudeputation, dem Huhn'schen Einsprüche Folge zu geben und die von der Bieichstraße ans projectirte Straße etwa in der Mitte zu brechen und senkrecht nach der Stefanstraße hin auslaufen zu lasten. — Die bezüglich des Riegelpfades erhobenen Reclamationen betreffen lediglich Geländeentschädigungsansprüche seitens der Anlieger- hier wurde beschlossen, den Reciamationen feint Folge zu geben. — Gegen die Errichtung kleinerer Wohnungen an der projectirten Straße zwischen Grünberger- straße und Licherstraße (die Straße enthält 7 Baustellen auf jeder Seite) richten sich mehrere Eingaben, angesichts deren Herr Oberbürgermeister Gnauth ertön, er habe eS nicht für möglich gehalten, daß Einspruch gegen Errichtung von Arbeiterwohnungen überhaupt erhoben würden- in einer mit den Unterschriften der Mehrzahl an der Grünberger- und Licher- straße wohnenden Hausbesitzer versehenen Eingabe geben dieselben der Befürchtung Ausdruck, daß die seit Erbauung der Kaserne ohnehin geschädigte Umgebung noch mehr geschädigt und die Wohnhäuser an Werth verlieren müßten, wenn Atbeiterwohnungen in der Nähe errichtet würden. In einer zweiten Eingabe erklärt ein Theil der Unterzeichner, daß sie ihre Unterschriften zur ersten Eingabe gegeben hätten, ohne daß eine Berathung darüber stattgefunden- sie stünden nunmehr dem Vorhaben des evangelischen Arbeitervereins sympathisch gegenüber und wünschten der Sache guten Fortgang- die Frage, inwieweit die Hausbesitzer geschädigt würden,
Feuilleton.
Frankfurter Thealerdries.
(Qr-.stnalbertcht des „Gießener Anzeiger".)
Der Moli^re-CycluS. — Die Reueiustudirung der „Afrikanerin". Opern • Novitäten.
Dr. M. Mit dem Moliöre-CycluS, der in dieser Saison zwei Mal an uns vorüberzog, hat die Frankfurter Bühnenleitung sich wiederum als em Institut gezeigt, das mit geschichtlichen Ueberlieferungen weisen Contact unterhält und das Gegenwärtige mit dem Vergangenen in Beziehung zu fetzen weiß, denn für das Lustspiel der Weltlitteratur bedeuten die Comödien Moliöres eine Vergangenheit, die eigentlich nur in formaler Hinsicht veraltet ist, in Vielem aber noch heute als Muster und Vorbild dastehen kann. — Die dis an die Garricatur streifende Uebertteibung, welcher der Dichter des „Tartüffe" sich so oft ergibt, läßt ihn von der modernen Technik überholt erscheinen, aber dafür steht er in der kühnen, unerschrockenen Zeichnung der Zeiiverhält- aiffe, im drastischen, pointirten Herausgreifen eines Sittenbildes noch immer ziemlich einzig in feiner Art da. Die Frankfurter Jnscemrung sorgte dafür, daß Stücke wie „Der eingebildete Kranke" und „Die gelehrten Frauen" auch t-uf ein modernes Publikum ihre Wirkung außüben konnten.
Die Neueinstudirung der Meyerbeer scheu „Afrikanerin" gab Gelegenheit zu einer Reibe interessanter Vergleichspunkte zwischen der alten opera seria und der Nach > Wagner'schen Opernmusik. Was m der letzteren so auffällt, ist der Mangel an unmittelbarer Empfindung, das ängstliche Haushalten mit einem kleinen Schatz origineller Gedanken. Meyerbeer klagte schon zu vertrauten Freunden darüber, daß es ihm versagt
. sei, eine Melodie lange fortzuspinnen. Aber gegen die kurz- athmigen Einfälle unserer Gegenwartscomponisten steht Meyerbeer als reicher Mann da. Das kann gerade die „Afrikanerin" lehren. Die Phantasie des Componisten hält durch 5 Acte vor und vermag jeden derselben mit einem besonderen musikalischen Treffer auszustatten. Die Zeiten, da sich unter dem zweiten Empire in Paris die ganze elegante Welt zum Genuß Meyerbeer'scher Opern drängte und die Plätze für gewöhnliche Menschenkinder kaum zu erschwingen waren, find freilich vorüber. Man reift jetzt diesen Werken, welche vor der Wagner'schen Aera als nicht mehr zu übertreffende Geniethaten angestaunt wurden, nicht mehr entgegen, man läßt sie ruhig an sich herankommen, und die Stimmung im Hause steigt über mittlere Temperatur selten hinaus. Aber eins fühlt man sofort: Gleich in den ersten ©eenen bringt unß der Componist den Kern der Sache nach. Trotz des vielen Beiwerks und des pompösen AusstattungFkramS, von welchem Meyerbeer einen so ausgedehnten Gebrauch in allen seinen Opern macht, gehen wir doch einem festen Ziele auf einer breit und sicher angelegten Bahn entgegen. Die „Afrikanerin" steht, was den melodischen Gehalt betrifft, den „Hugenotten" am nächsten. Der historische Vasco de Gama, welchen Herr Pichler als eine echt ritterliche Erscheinung auffaßt und vor allem gesanglich zur vollen Geltung bringt, kommt freilich nur im 1. Set von Seiten seiner Bedeutung als Weltumsegler, im Uebrigen nur in seinen Beziehungen zu zwei Frauen: Selica und JneS, in Betracht. Die Selica hat tn ihrem ganzen Fühlen und Gebühren zwar so gut wie garnichts von einer afrikanischen Prinzessin an sich, aber sie entfaltet alle die Eigenschaften einer glänzenden Opernheldin, und ohnehin sorgt eine Künstlerin wie Frau Schröder-Hanfstängl dafür, daß die Partie in allen i Acten die ihr zukommende Dordergrundsstellung behauptet.
Alle Requisiten, welche die Ausstattung der „Afrikanerin" : erfordert, find in Frankfurt vorhanden, sowohl das große Seeschiff, das im 3. Act auf die Klippen getrieben wird, wie der die ganze Bühne einnehmende Manzanillobaum, unter dessen Giftblüthen Selica im 5. Act ihr Leben auShaucht.
In der Erwerbung von Novitäten ist die Opern- leitung nicht saumselig gewesen. Aus letzter Zeit wären da zu erwähnen: Der Einacter „Enoch Arden" von Robert Erben, zweiten Capellmeister am Frankfurter Stadttheater, welcher das sinnige Idyll Tennysons in geschickter Bühnen- bearbeitung und in dem schlichten Ton des englischen Originals entsprechenden musikalischen Farben vorführt, ferner der „Barbier von Bagdad" des Peter Cornelius, jenes Meisterwerk, für welches schon Franz LiSzt während seiner Weimarer Dirigententhätigkeit so wann eingetreten ist, daß aber erst lange nach dem Tode des Componisten zu den verdienten Ehren gelangen sollte.
Wir haben so wenig humorvolle Opernpartituren, und deshalb ist das Erscheinen eines musikalischen Lustspiels wie dieser „Barbier von Bagdad", dessen Stoff den Erzäh- lungen aus „Tausend und eine Nacht" entnommen ist und die Abenteuer eines geschwätzigen Barbiers betrifft, doppelt freudig zu begrüßen. D-e für eine Baßstimme geschriebene Partie des Barbiers hatte an Herrn Greef einen vorzüglichen Vertreter. Die übrigen Rollen erfreuten sich ebenfalls tüchtiger Kräfte.
In Frankfurt gibt man die Oper in 2 Acten, wie sie auch ursprünglich vom Componisten angelegt worden ist, wogegen in Karlsruhe und Mannheim die Zusammenziehung in einem einzigen Act üblich ist.


