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Donnerstag den 28. Februar
Nr. 50
1S95
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Aints- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.
Die Gießener y«mtrt<n6r&ttet werden dem Anzeiger »tchenilich dreimal drigelrgt.
Der chießener Anzeiger erscheint täglich, mit Au-nahme deS Montag».
.vierteljähriger , >6'ontumrnbprtiM
2 Mark 20 Pjg. mit
Bringerloha.
Durch die Potz bezog«
2 Mark 50 Pfg.
Rrdoction, Expeditto» und Druckerei:
KchutftraßeAr.V.
Kerafprecher 51.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den solgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Sonn. 10 Uhr.
Hratisöeikage: Hießener Kamitienökätter.
-Ule Anrroneen-Burraux de» In« und Auslände» nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen
Anrtlicheu Theil.
Bekanntmachung.
Montag den 4. März, Nachmittags 3 Uhr wird auf Lony'S Felsenkeller (Westanlage) zu Gießen eine General-Versammlung des landwirthschaftlichen Bezirksoereins Gießen abgehalten werden. Alle Mitglieder des landwinhschaftlichm Bezirks- und der Ortsvereine, sowie alle Freunde der Landwirthschaft werden zu dieser Versammlung hierdurch freundlichst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister werden ergebenst ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben, und auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Tagesordnung.
1) Vortrag des Hrn. Landwirthschaftslehrers Leithiger zu Alsfeld über Viehzucht.
2) Mittheilungen über den Anbau der Futterpflanze, Lathyrus eilvestris (Waldplatterbse) und Polygorum sachalinenae (Sachalin-Knöterich).
3) Mithellungen der Resultate über die auf den Versuchsstationen neu angebauten Kartoffelsorten Juli, Kleopatra, Nothhaut, Helios, Germania, Bruce.
4) Beschlußfassung
a) über die Verwendung der zur Hebung der Rindviehzucht von dem Provinzialverein zur Disposttion gestellten Mittel (Rest 450 Mk., 550 Mk. sind bereits bei der im verflossenen Jahr zu Hungen abgehaltenen Viehpreisoertheilung zur Verwendung gelangt;) .
b) über die dem Provinzialverein zu unterbreitenden Vorschläge über die Verwendung der zur Hebung der Ziegenzucht bewilligten Mittel in dem Betrage von 140 Mk.
5) Bestimmung der Kartoffelsorten, welche durch Vermittelung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins unter den bekannten Bedingungen aus fremden Gegenden in diesem Frühjahr bezogen werden sollen. Bildung der Commission zum Empfang und Vertheilung der Kartoffeln in Gießen, Hungen und Grünberg. Rach Vorschlag des Ausschusses sollen angekaust werden: Magnum bonum, frühe Rose und Bruce. Diese Kartoffelsorten sind zu 2 Mk. 50 Pf. pro 50 Kilo (1 Centner) aus Sachsen angeboten worden. Anmeldungen können in der Generalversammlung und auch schon früher schrift-
Feuilleton.
Aus der hessischen FraiyoscnM.
1806—1814.
Von Dr. Otto Buchner.
(Fortsetzung.)
Auch in Hessen empfand man den preußisch-russischen Wind. Es erschien ein in deutscher und russischer Sprache veröffentlichter Armeebefehl vom 18. November 1813, unterzeichnet von dem Grafen Barklay de Tolly, in welchem bei folgende bekannt gemacht wurde :
„Da S. K. Hoheit der Großherzog von Hessen der Allianz der hohen verbündeten Mächte gegen Frankreich beigetreten sind, so haben sämmtliche Truppen der mir anvertrauten Armee das Großherzogthum Hessen und dessen Bewohner als befreundet, und die Großh. Truppen als zur alliirten Armee gehörig anzusehen und zu behandeln. Das Staats- und Privateigenthum soll geschützt und die strengste Mannszucht beobachtet werden."
Durch Ausschreiben vom 7. Januar 1814 wurde nach dem Beispiel der hohen verbündeten Mächte und der übrigen deutschen Staaten auch in dem Großherzogthum eine allgemeine Landesbewaffnung eingeführt, wodurch alle bisher der Conscription unterworfenen Stände und Klassen die Linientruppen wie seither bilden, alle übrigen Unterthanen aber die allgemeine Bewaffnungsmasse. Letztere werden in drei Klassen der Landwehr eingelheilt: I. Kl. von 17—30 Jahren und den Bürgersöhnen von Darmstadt und Gießen, deren Famillen nicht wenigstens einen Freiwilligen gestellt haben. II. Kl. von 36—45 Jahren und die bisher von der Conscnptron befreit gewesenen Patrimonialgerichtsherrlichen Adeligen, Hos- und Staatsdiener und die übrigen schriftsäßigen Familien vo 20—35 Jahren. HL Kl. die ganze Masse der männlichen Bevölkerung vom 46. bis zum zurückgelegten 60. Jahre. Zugleich wurde die Dienstaufgabe und die Verwendung der einzelnen Klassen der Landwehr genauer ausgeführt.
lich bei dem Unterzeichneten eingereicht werden. Nähere Bekanntmachung wird noch erlassen werden.
6) Versicherung der Landwirthe bei der land- und forst- wirthschaftlichen Unfall-Berufsgenossenschaft.
Gießen, den 19. Februar 1895.
Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen. Carl Jost, Regierungsrath i. P., Rechtsanwalt.
Deutscher Reichstag.
46. Sitzung. Dienstag, den 26. Februar 1896.
Ftnanzreformgefetz.
Abg. EnnecceruS (ntl.) macht den Abgeordneten Richter darauf aufmerksam, daß dieses G'setz ja gerade den Schwankungen abhelfen soll, unter denen die Etnzelstaaten bisher gelitten haben. Diese Vorlage stärke die ReichSfinanzoerwaltung gegenüber den Einzelttaalen. Redner empfiehlt die Besteuerung erst von der Sechsp^ennig-Cigarre an, da diese von Leuten geraucht werde, welche man zu den ärmsten nicht zu zählen brauche. Allerdings würden dann statt 32 Millionen nur 20 Millionen Mark etnkommen, dieser Ausfall ließe sich jedoch durch Ei Höhung des Zolles ausgleichen.
Sächsischer Finanzminister v. Watzdorfs: Mit so schwankenden Matricularbeiträgcn könne kein Ftnanzmtntster wtrthschaften, zumal in den nächsten Jahren die Einzelstaaten voraussichlltch mehr als \ jetzt an das Reich zu zahlen haben werden.
Abg. Bebel (Soc.). Der gegenwärtige Zustand habe doch wenigstens den Erfolg gehabt, den Etnzelstaaten die Reform ihres j directen Steuerwesens nahe zu legen, lieber den Zweck, der mit ! dieser Vorlage eigentlich verfolgt werde, ließen alle die gestern ge- fallenen Anspielungen keinen Zweifel mehr. Man wolle den Weg I für neue indtrecte (Steuern ebnen. Redner warnt sodann vor dem Vorschläge desAbg. Lieber und den daraus entstehenden Consequenzen, s
Bayerischer Bevollmächtigter o. Steng el erklärt,daß in Bayern ! Erwägungen über eine Reform des directen Steuersystems stattsänden. ‘ Der Minister erwartet jedoch vom Zustandekommen dieser Reform < wenig Vortheile. , s
Weimartscher Bevollmächtigter vr. Heerwart führt aus, durch j die Ablehnung tiefer sowie der Tabaksteueroorlage würden die Deficite noch größer werden. , ,
Abg. v. Kardorss (Rp.) bezeichnet die Dorlageais eine Roth- j Wendigkeit. >
Schatzsecretär Graf Posadowsky tritt den Ausführungen der , Abgg. Richter und Bebel entgegen.
Abg. Rickert tfrs.Vg) zweifelt die Wichtigkeit der Vorlage nicht an, bemerkt jedoch, daß er schon 1879 gesagt habe, daß das Reich alles, j was es an Ueberweisungen den Etnzelstaaten gebe, an Matricular- beiträgen wieder nehmen werde.
Abg. Hug (Centc.) spricht sich für die Vorlage aus.
Abg Richter (frs. Vv.): Wenn man von den üblen Folgen ' der Schwankungen in den Beziehungen der Einzelstaaten zum Reich rede, so meine er (Richter), daß sie vick weniger unter den Schwankungen zu leiden hätten, als durch die Schwankungen ihrer Staatsbahn- Einnahmen. Don der Franckenstein'ichen Clausel bleibe, wenn dieses Gesetz angenommen werde, mehr oder weniger nichts übrig. Auch dürften neue indirecte Steuern die Folge kein.
Nach einer kurzen Debatte geht die Vorlage an die Tabaksteuer- Commission.
Die Wahlen der Abag v. Gustedt - Lablocken, v. Elm, Lüders, Hilgendorfs, Werner und Frank werden für gültig, daS Mandat deS Abg. König für ungültig erklärt.
Nächste Sitzung: Morgen 1 Uhr. SchwerinStag. (Dictatur- Paragraph, CentrumSantrag, betr. Gewerbearbeiterinnen, Antrag Hammerstein, betr. Jud-neinwande'una )
Deutscher Reich.
Berlin, 25. Februar. Der RetchstagSabgeorduete für Dresden-Land, Haeuichen (anttsem.), hat, wie bereits gemeldet, wegen andauernder Krankheit sein Mandat niedergelegt. Haenichen siegte bei den Wahlen deS Jahres 1893 in der Stichwahl nur mit 94 Stimmen Mehrheit über feinen socialistischen Gegner. Es ist darum sehr wabrscheinl'ch, daß dieser industriereiche sächsische ReichStagSwahlkreiS bei der Nachwahl der Soctaldemokratie zufällt.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 26. Februar. Der Antrag Paasche auf Reform der Zuckersteuer ist im Reichstage eingebracht und hat die Unterschriften vieler Mitglieder der conservativea Fraction, des CentrumS, der Reichspartei, 40 Nationalliberaler und mehrerer Mitglieder der polnischen Fraction und der Antisemiten erhalten.
Berlin, 26. Februar. Die von dem „Bunde der Land- wirthe" eingesetzte Zuckersteuer-Commtssiou ist heute zusammengetreten. Es sind Vertreter auS allen Gegenden anwesend. Auf der Tagesordnung stand der Antrag Paasche auf Reform der Zuckersteuer. Nach lebhafter Debatte wurden mehrere Resolutionen zu Gunsten des Antrags angenommen.
Köln, 26. Februar. Seitens der Rheinstromverwaltung wurde nunmehr ein Hochwasser-Nachrichtendienst bis zur Grenze eingerichtet. Vom Oberpräsidenten wurde zur Ueberwachung deS Eisganges der Wasserbauinspector Luyken nach Emmerich commandirt.
Bremen, 26. Februar. Der Llohddampfer „Karlsruhe" rettete die ganze Besatzung der untergegangenen Bark „Nasgaard".
London, 26. Februar. DaS Reuter'sche Bureau er- fährt, daß der Zar den Posten deS Ministers deS Auswärtigen dem russischen Botschafter in London, Baron St aal, avbot. Angesichts der Form, in der die Einladung erfolgte, glaube man nicht, daß Staal die angebotene Ehre ablehnen werde.
, In außerordentlicher Eile wurden nun alle diese Neugestaltungen angegriffen, auch die alten Regimenter ergänzt und neugeordnet, sodaß schon am 10. Februar 1814 das Garde- und Gardesüsilier-Regiment, 3400 Mann stark, das Leibregiment mit 1700 Mann und die Artillerie mit acht Geschützen und 280 Mann unter Anführung des Prinzen । Emil den verbündeten Heeren über den Rhein nachfolgen I konnten. Dieselben bildeten einen Theil des 228 600 Mann starken Hauptheeres, das noch durch das sechste Bundescorps mit den beififdjen Truppen auf 261600 Mann mit 736 bespannten Geschützen verstärkt wurde. Da der ungehinderte Marsch durch die Schweiz gesichert war, so bewegte sich dieses mächtige Heer theilS auf diesem Weg, theils durch das Elsaß gegen Lyon.
Die hessischen Regimenter rückten am 28. Februar unter der Führung des Prinzen Emil über die Brücke bei Basel in der Schweiz ein und nahmen ebenfalls ihren Weg auf Lyon zu. Es fielen wenige Gefechte vor- einmal (bei St. George) verlor daS Leibregiment 186 Mann. Auch bei Lyon kam es ins Feuer, wobei 2 Mann fielen und 29 verwundet wurden.
Die Bildung eines neuen hessischen Regiments „Prmz Emil" mit 1660 Mann und d e Organisation der hessischen freiwilligen Jäger erforderte etwas längere Zeit.
In Preußen bis 1806 und in anderen Staaten noch länger rekrutirten sich die Truppen aus der Hefe des Volkes. Mittellose Leute und Leibeigene adeliger Gutsherren waren zu Rekruten ausersehen. Ganze Landstriche und die nur einigermaßen besitzenden Stände waren vom Militärdienst befreit. Die Soldaten wurden grob behandelt und waren allezeit entehrenden Strafen ausgesetzt. Kein Wunder, daß der Soldatendienst nicht beliebt und geachtet war. Vielmehr suchte sich Jeder der Einstellung in denselben nach Kräften zu entziehen. Nach dem herrschenden Werbesystem bestand ein großer Theil der Regimenter aus Ausländern und der Soldat diente so lange, bis er vollkommen untauglich war. . Aber dadurch drückte die Rekrutirung auch nicht schwer auf
l das Land. Die Umgestaltung der preußischen Armee fand ! nur langsam in den übrigen deutschen Heeren Nachahmung. Aber immer noch fehlte gerade der gebildete Theil der Bevölkerung.
Eine Aufforderung, in die Linie zu treten, wäre bei der Erinnerung an den seitherigen Zustand des Heeres ganz nutz- und erfolglos gewesen. Doch ging es wohl an, daß man besondere Heeresabtheilungen für den gebildeten Theil der jungen Männer errichtete, denen zugleich auch die Selbft- bekleidung, Ausrüstung und Bewaffnung zugemuthet werden konnte.
So entstanden im Februar 1813 in Preußen die freiwilligen Jäger zu Fuß und Roß, die während bei ganzen Jahres und auch im Krieg in Frankreich 1814 so vorzügliche Dienste leisteten.
Nun nachdem Hessen vom Rheinbund abgefallen und den Verbündeten beigetreten war, hatten die jungen gebildeten Männer des Landes die Hoffnung, ebenfalls als freiwillige Jäger am Kampfe gegen Napoleon theilnehmen zu können. Schon am 27. November richteten die Gießener Studenten einen Brief
„An des Großherzogs Königl. Hoheit!
Wir bitten unterthäwgst um eine baldige Aufforderung zum Kampfe für Vaterland und Freiheit, indem ei unser höchster Wunsch ist, als Hessisches Freicorps für die gerechte Sache, für Gottes Sache im heiligen Krieg mit hinauszuziehen gegen den Unterdrücker der Deutschheit, zu beweisen, daß deutsche Tugend noch in den Herzen bet Deutschen wohnt.
Die Studenten der Universität Gießen."
Doch ging diese Bitte nicht unmittelbar an den Groß- Herzog, sondern zum Abdruck an die Großh. Hess. Zeitung in Darmstadt, die ihn aber nicht abdruckte, wohl aber weiter gabr denn er ist jetzt noch im Hessischen Staatsarchiv auf- dewahrt. (Fortsetzung folgt.)


