Ausgabe 
27.10.1895 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

fs

Äon.

>ih.

* 8 Uhr

cert

e

»ard htK.

S

' bieueavr-, unk

____8959

Montag findet 11 der Stadt-

8952

r.

Geburt 3e|u stattfinden soll,

1 allen Stimmen am b Pfungen aus dm die fich nicht eilt werben unb , Herrn Lehrer

itamh

UL_____

Bin, ends 8l/2 Uhr izW

»stand.

)s 8 Uhr:

nng

ind Tanz 9G ibt, W «teoto

Vorstand.

Mw.

.W 8*/, Mr nd t Saal). Vorstand.__.

ll.

P-Äis '/-s »

erseiie

» «'S chchbck,

jSrtN68,

386'1!

*

86.10

102.8J 21.16 SZF *3,60 * ° 102 20

102«

Nr. 253 Erstes Blatt. Sonntag den 27. October 189#

Der

chieheaer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag».

Dir Gießener

M««ilte»vläi1er werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal deigelrgt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Htnzeiger.

vierteljähriger Zvonae mentiP reis l 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Rebaction, Txpcditio» und Druckerei:

-ch.tstraßeAr.?. Fernsprecher 51.

Amts- »nd Anzeigcblatt für den "KvcU Gieren.

Hratisöeitage: Gießener Kamitienötätter.

Alle Rnnoncen-Bureaux de- In« und Auslände- nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgeg«.

«anahm, von Anzeigen zu der Nachmittag- für d« tokgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.

Amtlicher Theil.

Gefunden: 1 Kette, 1 Regenschirm, 1 Taschenmeffer, - Manschettenknöpfe, 1 Visitenkartentäschchen, 1 Ofenrost, 1 Laterne, 1 Militärmütze, 1 Deckel von einer Milchkanne, 1 Packet Stearinlichter und 2 Schürzen.

Gießen, den 26. October 1895.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen, g. 93.: v. Bechtold, Regierungs-Assessor.

Uetufte Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Beilin, 25. October. Durch CabinetSordre vom 21. d. M. ist der Contreadwiral z. D. Ascheuborn zum Marine- commiffar für den Kaiser Wilhelm Canal ernannt worden.

Hannover, 25. October. Der Redacteur Rauch der foc'altfttschenDolkSstimme" ist wegen MajestätSbeleidigung, begangen durch einen Artikel:Ein Kaiserwort", zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt worden.

Dortmund, 25. October. DaS Ergebniß der Reichs­tags-Ersatzwahl ist bis jetzt folgendes: Möller 17,165, Leufing 14,568, Lütgenau 17,237 Stimmen. Stichwahl zwischen Möller und Lütgenau gilt als sicher.

Leipzig, 25. Oclober. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist in Begleitung des Wirkt. Geheimen Ober- regierungsrathS v. Wilmowskt hier eingetroffen, um der Einweihung deS ReichSgcrichtögebäudeS beizuwohnen. Der sächsische Staatsminister v. Metzsch war auf dem Bahnhofe zum Empfang.

Leipzig, 25. October. Eine Deputation des RathS und der Stadlverordneten unter Führung deS Oberbürgermeisters Dr. Georgi überreichte heute dem RetchSgerichtSpräsidenten v. Oelfchläger und dem Oberreichsanwalt v. Dessen- dorff den Ehrenbürgerbrief der Stadt Leipzig.

München, 25. October. Heute Nachmittag gegen 5 Uhr stürzte der Neubau eines Hintergebäudes in der Amalien« straße ein. ES sollen drei Arbeiter und eine Frau ver­schüttet sein. Die freiwilligen Feuerwehren und eine Sani« tätScolonne erschienen sofort am Platze. Die Rettungsarbeiten werden eifrig fortgesetzt, waren jedoch biS jetzt ohne Erfolg.

Paris, 25. October. Der Ackerbauminister Gadaud em­pfing heute Dormittag mehrere landwirthschaftliche Abord­nungen des NorddepartementS, welche ihm die Bitte vor­

trugen, die Regierung möchte die deutsche Melasse mit einem Prohibitiv-Zoll von 10 FrcS. belegen.

Fermo, 25. October. Heute früh wurden zwei starke Erderschütterun gen verspürt.

Depefchcn bei Bureau »Herold*.

Berlin, 25. October. Wie dieVolkszeitung" erfährt, ist auf morgen Nachmittag eine Sitzung des geschäftS« führenden Ausschusses der Berliner Gewerbe« Ausstellung 1896 anberaumt mit der Tagesordnung: Electrische Beleuchtung. Mehrere Stadtverordnete sind ein« geladen worden, der Sitzung beizuwohnen. ES darf ange« nommen werden, daß der am Mittwoch Abend gefaßte Be« schluß unter dem Drucke der öffentlichen Meinung aufgehoben werden wird.

Berlin, 25. October. Nachdem die Commission für das bürgerliche Gesetzbuch die zweite Lesung des Entwurfes beendet hat, sind sämmtliche Mitglieder derselben vom Reichskanzler für nächsten Dienstag zur Tafel geladen worden.

Berlin, 25. October. Wie hiesige Blätter wiffen wollen, soll der König von Portugal oificiell empfangen werden. Demselben zu Ehren soll eine Truppenrevue veranstaltet und ihm bei dieier Gelegenheit ein Regiment verliehen werden.

Berlin, 25. October. Die Anarchisten werden An­fang nächsten Jahres in Elberfeld einen Congreß für Süddeutschland, Rheinland und Westfalen abhalten, auf welrem die Einigung der verschiedenen Gruppen von In­dividualisten, Communisten rc. vollzogen werden soll.

Berlin, 25. October. In sechs öffentlichen social« demokratischen Versammlungen wurde gestern über den Breslauer Parteitag, sowie über die Frauen-Agitations- frage au» Anlaß der Wahl von BertrauenSpersonen als Ersatz für die aufgelöste Frauen-AgitationS-Commisfion Be richt erstattet. Wegen ihres Verhaltens auf dem letzten Parteitage wurden die Abgeordneten Fischer, Schippel, Schön« lank, Singer, sowie Privatdocent Dr. AronS heftig an­gegriffen. Seitens deö letzteren wurde die unentschiedene Haltung desVorwärts" gegenüber den bayerischen Genoffen gemißbilligt. Fischer verglich das Verhalten der Berliner Socialdemokraten mit demjenigen einer Alt-Weiber-Gesell« schäft, ebenso äußerte sich Stadthagen. DaS Verhalten einiger Parteiführer aus der Provinz auf dem Breslauer

Parteitage gegenüber den Berliner Genoffcn wurde in einer Resolution als spießbürgerlich und reactionär gegeißelt.

Frankfurt a. M., 25. October. DieFranks. Ztg." berichtet auS München: Nach Provinzialblattern hält der Bund der Landwirthe demnächst In allen Theilen Bayerns Versammlungen ab, um die bayerische Bauern­vereinigung an den Bund der Landwirthe anzugliedern. Ber­lin soll der Centralpunkt sein.

Brüffel, 25. October. Der in MonS auSgebrocheue Ausstand der Kohlengruben-Arbeiter ist beigelegt und die Arbeit infolge einer Entscheidung deS Generalrath» der Arbeiterpartei wieder ausgenommen worden.

Paris, 25. October. Der König von Portugal verläßt am 28. dS. MtS. Paris, um sich nach Berlin zu begeben.

Loudon, 25. October. Wie auS Rio de Janeiro ge- meldet wird, tritt in Brasilien eine monarchische Be- wegung hervor, die beabsichtigt, Dom Pedro von Sachsen- Coburg auf den Thron zu erheben.

H. Weißenfels, 26. October. Gestern Nachmittag brannte die Marteugrube bei Deuben ab. Die Ursache deS Brandes ist Keffelexplofion. Große Vorräthe sind ver- nichtet. Eine Anzahl Arbeiter find erheblich verletzt, hundert Bergleute brotlos.

an*

Gießen, den 26. October 1896.

Erweiterung der Kompetenz der Amtsgerichte. In der nächsten Tagung des Reichstages wird, wie ein Berliner Berichterstatter auS informtrten Kreisen vernimmt, eine Vor- läge eingebracht werden, wonach die Competenz der Amts­gerichte erweitert werden soll, inoem dieselben nämlich fortan über Strettobjccte bis zur Höhe von 500 oder 600 Mk. entscheiden sollen.

** Das Jahresfest des Oberhesfischen Verein» für innere Mission wird, wie schon angezeigr, auch in diesem Jahre wieder an zwei Tagen, Montag den 28. und Dienstag den 29. October dahier gehalten. Der erste Tag bringt außer einer geschloffenen Mitgliederversammlung in der Herberge den Festgottesdienst, Abends ß1/^ Uhr in der Stadtkirche, der in gewohnter Weise unter Mitwirkung deS Ktrchengesangveretns und des KnabenchorS festlich geschmückt

Fe«illeton.

Schicksale.

Skizze von OrmanoS Sandor.

(Nachdruck verboten.)

Leuchtender Frühlingshimmel blaute über die Unendlich­keit des WafferS. Majestätisch, eine Königin des OceanS, zogAugusta Victoria" durch die silbern phoSphoreScirenden Wogen ihrer deutschen Heimath zu.

Frau Rahel Baruch stand am Promenadendeck an die Brüstung gelehnt und starrte mit ihren schwarzen, träumenden Augen in die Himmel- und wogenverschwommene Ferne. Der Wind, der vom Meere her strich, spielte mit dem kostbaren Sp'tzenschleier, der aus ihrem reichen, dunklen Haare lag und ihr wunderschönes, gelblich-bleiches Gesicht in duftigem Ge­fältel malerisch umrahmte, und die Sonne schmiegte fich filberflüsfig in die Fallen ihres grauseidenen Mantels und funkelte in den Edelsteinen an ihren feinen Handgelenken.

Die Welt ist rund. Tag und Nacht wechseln auf ihr. DaS Schicksal ist veränderlich.

Als sie vor Jahren als Zwischendeckspaffagierin diesen Weg gekommen, hatte sie nicht geahnt, daß fie einst zurück- kehreu werde als die reiche einsame Frau Rahel Baruch auS BuenoS-AyreS.

DaS weichselumschlungene Krakau war ihre Heimath. In der engsten Gaffe deffelben stand daS HauS ihres Vaters, des DödlerS Samuel Lesy, und in diesem Hause war fie als die sechste von zwölf Geschwistern herangewachsen. Ihre Kindheit starrte von Armuth, Entbehrung, Unsauberkeit . . . vonNacht"

Aber einmal wurde eS dochMorgen". Das war, als Hermann Oldenberg, der reiche BankierSsohn, mit seinen blauen Augen und blonden Locken über die Schwelle ihres sechzehnjährigen LebenS trat. Ihre Herzen fanden fich . . . die Herzen deS blonden Christensohnes und deS wunderschönen Judenkiudes. Ein süßer Traum umspann fie . . .

DaS währte, bis man eines TageS Rahel ein Briefchen

brachte, in dem Hermann ihr mittheilte, daß er auf Befehl seines VaterS die Reise nach Newyork angetreten, wo er in dem Comptoir eines Freundes deffelben sich geschäftlich ver­vollkommnen sollte ...

Der Trennungsschmerz weckte eine ungewohnte Energie in RahelS jungem Herzen.

In Newyork wohnte ja ein Bruder ihres VaterS, Jakob Levy, ebenfalls Trödler, und der hatte diesen schon lange gebeten, ihm gegen Erstattung der Reisekosten eine seiner Töchter zu senden. Rahel bat und bat und eS wurde ihr gewährt. Au einem stürmischen Herbsttage trat sie, ihr arm­seliges Bündelchen am Arm den Frühling im Herzen, die lange, beschwerliche Reise an.

Was fragte fie nach Sturm, Kälte, Unbequemlichkeit, Gefahren! Sie wandelte in ihrem Liebesglück und seliger Hoffnung wie im Paradiese.

Im Hause ihre- Onkels fand sie ähnliche Verhältniffe wie in ihrem elterlichen Hause in Krakau. Aber das verdroß fie nicht, denn sie hatte doch täglich ein paar Stunden Zeit, um in den Straßen der großen Stadt umherzulaufen und nach Hermann zu suchen.

Der Zufall begünstigte fie. Eines TageS begegnete fie ihm, der fich in Gesellschaft mehrerer junger Stutzer befand, am Broadway. Mit einem Jubelruf eilte sie auf ihn zu, er aber wich betreten zurück und führte fie von seinen lächelnden Freunden hinweg in einen wenig belebten Theil der Straße.

Wo kommst Du her, Rahel?" fragte er erregt und ehe fie antwortete, fuhr er fort:Begreifst Du denn nicht, daß Du mich durch solche exaltirte Scenen auf öffentlicher Straße blamirst?"

Ich suchte Dich, weil ich Dich liebe", sagte Rahel leise,mein Glück, Dich wtederzusehen, war es . . . vergieb ..." ,

Es wäre besser für Dich und mich gewesen, Du wärest drüben geblieben," sagte Hermann finster, was soll daS werden? Meine Frau kannst Du nicht werden. Ein Christ heirathet keine Jüdin. Dazu bist Du nicht so erzogen, um

in meine Kreise zu paffen. Ich muß eine Frcm haben, die repräsentiren kann. Es sei denn, daß Du Dir an meiner Liebe genügen ließest . . ."

Da hatte Rahel sich stumm von ihm abgewandt und war gegangen, um ihn nie wiederzusehen. Kein Seufzer entfloh ihren Lippen, keine Thräne entfloß ihren Augen, aber in ihr war es seitdem still und kalt und hoffnungslos ge­worden.

Nach einem Jahre starb Jakob Levy und Rahel kam durch Vermittelung eines Agenten nach BuenoS-AyreS als Verkäuferin in das große LvxuSwaarengeschäft von Nathaniel Baruch.

Still und gewiffenhaft erfüllte sie dort die ihr über­tragenen Pflichten. Zuweilen, - später österS ging der Chef deS Hauses, Nathaniel Baruch, ein stattlicher Vierziger, an ihrem Platz vorüber und sah fie mit seinen ernsten, dunklen Augen finnend an.

Eines Abends rief er fie in sein Comptoir. Da schloß er den gewaltigen Kaffenschrank auf und breitete vor RahelS erstaunten Augen Papiere und Banknoten in unendlichen Auflagen aus.

Das ist Alles mein," sagte er,sechShunderttauseud spanische Thaler in Gold an Werth. DaS sagt freilich nichts, denn Retchthum ist heutzutage kein fichereS Capital. Aber ich habe mir daS Alles selbst erworben. Da» sagt auch freilich nicht viel, denn erwerben kann Jeder, der will. Aber ich habe es ehrlich erworben, ich habe Niemand um daS Seine betrogen oder übervortheilt, ich habe es mir in ehr­licher Arbeit errungen und ich kann die Augen zu dem Gott unserer Väter aufschlagen und sprechen: Ich bin ein ehrlicher Mann. Deshalb frage ich Sie, Rahel: Wollen Sie diesen Reichthum und falls fie kommen sollten auch schlechtere Tage mit mir theilen, als meine Frau?"

Sie hatte sich einige Augenblicke besonnen, dann hatte sie ja gesagt.

(Schluß folgt.)